Wie viel Wachstum ist noch gut?

Kolumne Neues Unternehmertum | Im Post-Wachstum-Zeitalter offen darüber zu reden und vor allem offen dazu zu stehen, dass Wachstum etwas Gutes ist, ist eine mutigere Angelegenheit, als man spontan denkt. Und doch führt kein Weg daran vorbei.

Wachstum muss anders, besser und weniger werden (Symbolbild)


Ich habe es Anfang des Jahres getan: Mich offiziell, grundsätzlich und nachlesbar zu Wachstum bekannt. Wirtschaftswachstum. Ich habe es sogar in meinem persönlich formulierten Antrieb auf meinem LinkedIn-Profil dauerhaft getan. Seitdem ereilen mich regelmäßig überraschte bis irritierte Kommentare: Wie ich einerseits nachhaltiges Unternehmertum gestalten, aber andererseits noch über „corporate success“ reden kann? Dass darinnen doch der „böse“ Wachstumsgedanke schlummert, der inzwischen etwas nachweislich Schlechtes ist! Und bin ich, wenn ich Unternehmenswachstum explizit formuliere, nicht sowieso komplett aus der Zeit gefallen?

Diese Gedanken begegnen mir auch, wenn ich in persönlichen Gesprächen mit Nachwuchstalenten in Seminaren oder Mentees in meiner Firma rede. Unternehmenserfolg? Unternehmenswachstum? Unternehmensprofit? Es ist verdammt uncool geworden, darüber zu reden – geschweige denn dazu zu stehen!

Umso mehr müssen wir vielleicht genau jetzt im Post-Wachstums-Zeitalter eine Prä-Wachstumsdebatte führen: Denn natürlich brauchen wir Wachstum! Und wir dürfen Profit nicht schlecht reden! Denn beides bedeutet Entwicklung, Innovationsfähigkeit und Wohlstand. Und alles drei brauchen wir in diesem Jahrzehnt. Die wachsende Wirtschaft ist neben Politik und Gesellschaft einer der Schlüssel für die nötige Systemveränderung. So weit so beieinander sind wir hoffentlich noch, liebe:r Leser:in.


Aber schauen wir weiter genauer hin, denn natürlich muss sich in einem neuen Wirtschaftssystem auch Wachstum selbst verändern: Es muss aus meiner Sicht anders, besser und weniger werden. Alles drei zugleich.

Anders: Wachstum darf nicht mehr auf Kosten anderer gehen. Besser: Weil wir Wachstum im Multi-Stakeholder-Modell vielfältiger verstehen und messen. Weniger: Weil Wachstum in den entwickelten Industriegesellschaften trotzdem weniger Konsum bedeutet. Auch wenn wir bis heute nur ungern in aller Deutlichkeit darüber reden.

Alles drei bedeutet nichts anderes, als dass wir in den kommenden Jahren dieses neue Wachstum in ein regeneratives Wirtschaftssystem einbetten müssen: Kreislaufwirtschaft und Ausrichtung an Löhnen, die auf der ganzen Welt ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, sichern das „andere“ Wachstum.

Parallel macht es keinen Sinn, weiter einseitige Wachstumsraten auszurufen: Denn Wachstum definiert sich als das „bessere“ Wachstum, wenn wir es als ganzheitlichen Erfolg begreifen: Wenn die Profitfähigkeit eines Unternehmens sichergestellt ist, wird es stärkere und weniger starke Jahre in den betriebswirtschaftlichen Kennzahlen geben. Dies schwankt auch mit äußeren Marktentwicklungen, die wir dringend lernen sollten anzuerkennen. Parallel können wir darinnen wachsen, nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv zu werden. Das Zugehörigkeitsgefühl der Mitarbeitenden zu erhöhen. Oder die Innovationskraft nachweislich zu stärken. All das ist Wachstum und sichert zukünftigen Erfolg.

Zuletzt bedeutet neues Wachstum auch „weniger“: Vor allem für uns, die wir im Überschuss leben. Bei allen Gewinngeschichten, die ein neues Wirtschaftssystem an Lebensqualität mit sich bringt und die ich überzeugt erzähle, müssen wir auch den Verzicht akzeptieren. Und vor allem beginnen ihn zu moderieren! Denn zum einen rutschen wir gerade in ein neues Zeitalter der Knappheit, das wir aktuell bereits spüren. Und zum anderen brauchen wir in unserem Land weniger Konsum: Nicht genauso viele Klamotten, jetzt nur in gerecht und nachhaltig, sondern weniger dieser „guten Klamotten“. Nicht genauso viele Autos, sondern weniger „gute Autos“. Nicht genauso viel Tourismus, sondern weniger „guter Tourismus“. Sie wissen, was ich meine. Wir werden mehr teilen, mehr selbst produzieren, mehr re- und upcyclen müssen. Und damit auch wieder selbst aktiver zum Erstellen eines Teils unseres Konsums beitragen müssen. Die Zeit dazu werden wir in einer automatisierten Welt haben. Das ist eine riesige Verwandlung in den industriellen Gesellschaften, die wir uns nicht mal ansatzweise bewusst gemacht haben. Und die natürlich ein wichtiger Teil der weiteren Wachstumsgeschichten, die wir erzählen, sind. Wenn wir das gut machen, bedeutet es bei uns auf der Konsumentenseite weniger passiv einkaufen, konsumieren und besitzen – und stattdessen wieder aktiv mehr selbst machen. Und gerade auch dadurch ein anderes, neues Leben und Miteinander gewinnen.


Und wenn wir es noch besser machen, bedeutet es trotzdem noch neue Wachstumschancen für unsere exportierende Wirtschaft und damit gesicherten Wohlstand für uns alle: Denn wer weniger Autos verkauft, verkauft dafür andere, neue Mobilitätsfelder- und Innovationen. Und wer kein Öl mehr verbrennt, dafür neue Energie- und CO2-Bindungstechnologien beherrscht, verkauft diese in die Welt. Unsere neue Welt braucht so viel neues Wachstum in neuen Bereichen!

Lasst uns also bitte Wachstum nicht weiter generell verdammen. Sondern ihn genauer betrachten und ganzheitlicher definieren. Und mit diesem differenzierten Blick aus dem Post- das Prae-Wachstums-Zeitalter machen: Lasst uns darüber reden, dass Wachstum weiter etwas Gutes ist. Zumindest, wenn es gutes Wachstum ist.

Ich freue mich schon jetzt auf unseren Austausch, der hier beginnt. Und jederzeit online weitergehen kann: stefanie@killingopposites.com.


Über die Autorin

Stefanie Kuhnhen verantwortet als geschäftsführende Partnerin das strategische Produkt von Grabarz & Partner, einer der führenden inhabergeführten, kreativen Markenagenturen Deutschlands und der Welt. Nicht nur ihre Arbeiten für Unternehmen wie IKEA, Volkswagen, EDEKA oder Burger King wurden mehrfach mit nationalen und internationalen Strategiepreisen ausgezeichnet, sondern auch sie selbst. Stefanie Kuhnhen ist zweifache Mutter und hat im Frühjahr 2018 das Trendbuch „Das Ende der unvereinbaren Gegensätze" publiziert. Seit 2019 ist sie Co-Founderin des Startups „Kokoro“. Eine App, die die zentralen Faktoren gesunder Unternehmenskulturen misst und Teams aktiv dabei unterstützt, ihren emotionalen Zustand zielgerichtet zu verbessern.