Weiblich, erfolgreich, alkoholkrank

Seit Jahren nimmt der durchschnittliche Alkoholkonsum in Deutschland ab – nur bei Frauen bleibt er gleich oder steigt sogar. Was die Ursachen für das übermäßige Trinken sind und welche Anzeichen auf ungesunde Trinkgewohnheiten hindeuten?

Besonders in Führungspositionen gibt es mehr „Risikotrinker:innen“ (Symbolbild)



Zum Geburtstag und an Silvester Sekt, zum Abendessen bei Freund:innen ein guter Wein und nach getaner Arbeit ein Bier oder ein Cocktail mit Kolleg:innen – Alkohol ist für viele ein fester Bestandteil des Alltags geworden.


Während es oft fast schon komisch wirkt, einen Drink in Gesellschaft abzulehnen, wird übermäßiges Trinken in den vergangenen Jahren vor allem für erfolgreiche Frauen zum Problem: Einer Studie zufolge gilt jede fünfte Frau mit hohem sozialen Status als sogenannte „Risikotrinker:in“. Das bedeutet: Sie trinkt mehr als das sogenannte Standardglas pro Tag, Suchtmedizinern zufolge entspricht das einem kleinen Bier von 0,25 Litern oder einem Achtelliter Wein.


Statistisch nähert sich der Alkoholkonsum von Frauen dabei immer mehr dem ihrer männlichen Kollegen an. Gerade in Führungspositionen sei das zu beobachten, zeigt die Statistik.





Falsche Stereotype


Gründe für das Trinken gibt es viele: Es dient, um zu entspannen, gegen den Frust oder um in der Freizeit noch mal voll aufzudrehen. Einmal angefangen, bringt der Alkohol dann den Stoffwechsel so durcheinander, dass der Körper glaubt, ohne nicht mehr weitermachen zu können, weiß Gaby Guzek, Wissenschaftsjournalistin und Autorin des Ratgebers „Alkohol adé“. „Dahinter steckt reine Biochemie, genauer: Die Hirnchemie hat Schlagseite“, schreibt sie in ihrem Gastbeitrag für STRIVE. „Alkoholismus steht damit in einer Reihe mit Depressionen oder sogar Diabetes.“


Sich die Sucht nach Alkohol einzugestehen, ist für viele Frauen mit Schuldgefühlen und Scham verbunden. Dass sich viele trotz regelmäßigem Rausch keine Hilfe suchen, liegt außerdem am gesellschaftlich Stereotyp von Alkoholiker:innen: Übermäßiges Trinken wird mit den Betrunkenen am Bahnhof in Verbindung gebracht, mit einem schwachen Willen und Versagen.


Die Realität ist eine andere: Viele Betroffene sind hochpräsent, engagiert und gelten als besonders leistungsfähig. Umgekehrt erschwert es genau das, das eigene Alkoholproblem zu erkennen: Solange das Trinken den Job nicht beeinträchtigt, können sie ja gar kein Problem haben, argumentieren deshalb viele.



Sobald der Alkohol aber zum ständigen Begleiter bei Stress, Trauer oder Anspannung wird, kann das auf lange Sicht zu einer Abhängigkeit führen.


Ungesunder Alkoholkonsum – Vier Warnsignale


Zwar hat jeder Mensch ein anderes Verhältnis zu Alkohol, wenn die eigenen Trinkgewohnheiten das sogenannte Standardglas aber regelmäßig überschreiten, kann die eigene Gesundheit schweren Schaden nehmen. Einige Warnzeichen können schon früh auf ein Alkoholproblem hindeuten:


1. Mehr trinken als gewollt

Natürlich kann es mal vorkommen: Die Party ist besser als gedacht, die Stimmung ist ausgelassen – und am Ende ist mehr als nur der eine Drink intus. Bleibt das ein Einzelfall, ist das unbedenklich. Passiert das aber häufiger, ist es ratsam für sich zu klären: Warum trinke ich immer mehr als gut für mich wäre? Liegt es wirklich an der guten Gesellschaft? Oder kann ich ohne den richtigen Pegel einfach keinen Spaß haben? Um nicht zu sehr aus dem Rahmen zu fallen, kann es helfen, über den Abend Pausen zu machen und auf alkoholfreie Getränke umzusteigen.


2. Mittel zum Zweck

Ob zur Entspannung, bei Frust oder gegen die Nervosität vor wichtigen Anlässen – immer wieder bietet sich im Alltag der Anlass für einen Drink. Das ist grundsätzlich noch kein Problem. Sobald der Alkohol aber zum ständigen Begleiter bei Stress, Trauer oder Anspannung wird, kann das auf lange Sicht zu einer Abhängigkeit führen. Schritt für Schritt nehmen Bier, Wein und Schnaps dann nämlich feste Rollen im Alltag ein. Stattdessen lieber andere Wege finden, mit dem Druck umzugehen.





3. Gewohnheitstrinken

Wer regelmäßig trinkt, ertappt sich womöglich selbst bei der Frage: Wann kriege ich endlich etwas zu trinken? Stellt sich dieser Gedanke häufiger, gehört der Alkohol vielleicht sogar schon fest zu bestimmten Tagesabläufen dazu. Ist das der Fall, hilft es, sich abzulenken und dem Drang nach dem nächsten Schluck nicht gleich nachzugeben. Gelingt es und die Lust auf Alkohol verfliegt, umso besser. Fällt das aber schwer, hat das Trinken im Leben womöglich schon eine zu große Priorität. Die eigenen Gewohnheiten wieder abzulegen, ist dann oftmals nur mit Hilfe möglich.


4. Andere sprechen das Trinken an

Wenn Freund:innen und der Familie das eigene Trinkverhalten auffällt, macht sich der Alkohol meist schon längst negativ im Alltag bemerkbar. Auch wenn es schwerfällt, ist das ein wichtiges Signal von Menschen, die sich ehrlich Sorgen machen. Betroffene sollten das daher nicht einfach abtun, sondern sich die Frage stellen: Wäre ich bereit weniger zu trinken oder ganz auf Alkohol zu verzichten? Lautet die Antwort „Nein“, ist es womöglich an der Zeit, sich im Umgang mit Alkohol Unterstützung zu suchen.