Kristina Kreisel
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Gerechte Erwartungen

Sie haben einen verdammt schlechten Ruf. Wer sie hat, macht sich unglücklich. Und sie können sogar krank machen, wenn sie dazu führen, dass wir eigene Grenzen missachten: Erwartungen. Auf der anderen Seite können sie aber auch motivierend, sogar inspirierend sein. Was ist also wirklich dran an den (zu hohen) Ansprüchen uns selbst und anderen gegenüber?

Gerechte Erwartungen

Eigentlich hatte Irina Jurado Gonzáles (34) ein gutes Geühl, als sie nach acht Monaten Elternzeit in ihren Job zurückkehrte. Sie freute sich darauf, wieder zu arbeiten, ihre Rolle als Produktmanagerin in einer däni-schen Modefirma wieder auszufüllen. In Vollzeit. Ihr Mann blieb zu Hause, übernahm den Großteil der Care-Arbeit mit Baby. Nur weniger reisen wollte sie. So hatte sie es mit ihrer Chefin schon vor der Geburt besprochen. „Ich dachte, das wird schon. Wir hatten ja einen Deal“, erinnert sich die studierte Textil-Betriebswirtin.

Irina Jurado González hatte einen hohen Anspruch an sich und ihre Arbeit. Bis sie eine Erschöp- fungsdepression zur Vollbremsung zwang | FOTO: PRIVAT

DOCH SCHON AN ihrem zweiten Arbeitstag kommt alles anders: Ihrer Chefin wird gekündigt, alles Be-sprochene ist plötzlich hinfällig; so jedenfalls sieht das ihre neue Vorgesetzte, die nach einigen Wochen diffusen Schwebezustands übernimmt. „Sie hatte wenig Verständnis für meinen Wunsch, weniger zu reisen, und meinte, das gehöre zum Job nun mal dazu“, erinnert sich Irina Jurado González. Sie selbst wechselt schnell in den Modus der funktionierenden Macherin. „Ich hatte bisher immer alles geschafft. Auch das hier wird funktionieren, irgendwie halt.“ So formuliert sie die Erwartungshaltung an sich selbst. Und wenn die Führungskraft eine bestimmte Vorstellung hat, dann wird eben auch die noch erfüllt. Irgendwie. Bald arbeitet Irina Jurado González fast jeden Tag bis nach 22 Uhr. Kein Tag vergeht mehr ohne Tränen. Alles, was sie vermeintlich weniger produktiv machen könnte, streicht sie aus ihrem Leben. „Irgendwann habe ich sogar angefangen, weniger zu trinken, damit ich nicht so oft auf die Toilette gehen muss“, erzählt die junge Mutter mit einem kühlen Schmunzeln. „So verzweifelt war ich.“

Die Belastung zehrt an ihrem Körper, ihr Organismus rebelliert nach mehr als einem Jahr im permanenten Ausnahmezustand: Ein Infekt reiht sich an den nächsten, eine Bindehautentzündung eskaliert. Ihr Arzt warnt, dass sie ihr Augenlicht riskiere, wenn sie nicht kürzer tritt. Wie gravierend angeschlagen ihr Gesundheitszustand schon ist, kann González dennoch erst sehen, als sie ihre Nachbarin zum Arzt schickt. Für sechs Wochen wird sie krankgeschrieben. Diagnose: Erschöpfungsdepression, Burnout.

„Häufig existiert der Druck, bestimmte Erwartungen zu erfüllen, nur in unserem Kopf.“

Kerstin Fuhrmann

Kerstin Fuhrmann kennt als Coachin für beruflichen Wandel viele Frauen mit hohen Erwartungen an sich selbst | FOTO: JANINA GRUPE

KERSTIN FUHRMANN (36) kennt solche Geschichten nur zu gut. Sie ist Karriere-­Coach für berufliche Neuorientierung, arbeitet häufig mit Frauen wie Irina Jurado González zusammen. „Viele meiner Klient:innen kommen zu mir, weil Erwartungen nicht erfüllt werden. Weil versprochene Beförderungen oder Gehaltserhöhungen ausbleiben oder die Vereinbarkeit von

Beruf und Privatleben nicht so klappt wie erhofft.“ Dabei, so betont Fuhrmann, seien Erwartungen an sich erst einmal nichts Negatives, wie es viele pathetische Zitatkacheln in den sozialen Medien suggerieren. „Erwartungen sind in die Zukunft gerichtete Hoffnungen, Annahmen oder Vermutungen. Dass wir sie haben, ist etwas völlig Menschliches und Normales. Sie geben Orientierung und Sicherheit“, erklärt Fuhrmann. „Nur wenn ich beispielsweise weiß, was mein:e Vorgesetzte:r von mir erwartet, kann ich zielgerichtet arbeiten.

Außerdem zeigen Erwartungen, welche Ziele mir wichtig sind. Sie können also auch motivierend und inspirierend sein.“ Problematisch würden Erwartungen dann, wenn sie zwischen den Beteiligten auseinandergehen oder nicht klar kommuniziert werden. „Wenn ich als Angestellte:r zum Beispiel denke: ‚Ich habe den Tisch doch schon voll mit Aufgaben. Meine Führungskraft muss doch von sich aus merken, dass ich kein weiteres Projekt stemmen kann‘, dann kann diese implizite Erwartung schnell zu Frustration führen.“

Dass insbesondere divergierende Erwartungen ausgesprochen und auch besprochen werden müssen, um Lösungen zu finden, sei vielen inzwischen bewusster als noch vor zehn Jahren. Das liege auch an der gestiegenen Präsenz psychologischer Themen und der Popularität von Persönlichkeitsentwicklung. Allerdings seien Theorie und Praxis dennoch oft noch zwei unterschiedliche Dinge, stellt Kerstin Fuhrmann fest. „Viele spüren nur diffus, hier passt irgendwas nicht, ohne benennen zu können, was es genau ist.“ In solchen Fällen rät die Karriereberaterin, genauer hinzuschauen: „Woher kommt diese Erwartung? Ist es wirklich meine oder wurde sie mir anerzogen? Was will ich wirklich, bis wann und in welcher Form? Und was kann ich tun, um der Erwartungshaltung gerecht zu werden oder sie in meinem Sinne zu verändern?“

Yasmin Weiß ist BWL-Professorin und mehrfache Aufsichts- und Beirätin. Die KI könne eine gute Sparringspartnerin bei hohen Ansprüchen sein, findet sie | FOTO: CHARLOTTE STARUP

DASS SICH VOR ALLEM viele junge Frauen wie Irina Jurado González unter einem hohen Erwartungsdruck sehen, habe auch mit dem Einfluss von Social-­ Media-Plattformen zu tun. „Wenn ich da jeden Tag die Unternehmerin sehe, die mehrere Kinder hat, zwei Firmen führt und noch dazu eine erfüllte Ehe, dann bewirkt das natürlich, dass ich das mit meinem eigenen Leben vergleiche, das nicht so perfekt ist“, meint Kerstin Fuhrmann. Dabei seien diese Hochglanzbilder selten die Realität, sondern nur ein bewusst gewählter Ausschnitt.

Was hilft, aus dem Erwartungslabyrinth herauszukommen?Schon die Formulierung mache in vielen Fällen einen Unterschied, meint die Coachin. „Sagen Sie statt ‚Ich erwarte‘ lieber ‚Ich wünsche mir‘. Das nimmt Druck raus und verhindert gleichzeitig, dass die andere Seite direkt in eine Abwehrhaltung geht“, sagt Fuhrmann. Manchmal helfe auch ein Realitätscheck und die bloße Frage: Was erwarten mein:e Partner:in, mein:e Chef:in, mein:e Kolleg:in eigentlich wirklich von mir und was denke ich nur, dass sie erwarten? Und: Gibt es Beweise dafür? „Denn häufig existiert der Druck, bestimmte Erwartungen zu erfüllen, nur in unseremKopf“, konstatiert die Expertin. Helfen kann uns bei einem solchen Perspektivwechsel sogar die vermeintlich so emotionslose künstliche Intelligenz, zum Beispiel in Form der Change-my-view-Funktion, sagt Prof. Dr. Yasmin Weiß (46).

Sie forscht ander Technischen Hochschule Nürnberg zu den Themen Future of Work und Future Skills. Damit könnten wir die KI explizit bitten, eine Gegenposition zu unseren Gedanken einzunehmen, und so eigene Sichtweisen kritisch hinterfragen. Eine:n menschliche:n Coach:in ersetzen könne die Maschine jedoch nicht, schränkt Yasmin Weiß ein. „KI analysiert, ist aber nicht empathisch. Sie hat keine eigenen Erfahrungen mit emotionalen beruflichen Belangen gemacht. Sie besitzt auch keine Intuition und hat wenig Gespür für Unlogisches.“

INZWISCHEN HAT Irina Jurado González eine Online-Ausbildung absolviert und macht sich gerade als Vertriebs­ beraterin selbstständig. Ihre Erwartungen an sich selbst seien immer noch hoch, sagt sie, aber weniger statisch. Sie habe gelernt, dass Erwartungen keine starren Leitplanken sein müssen, sondern sich mit dem Leben verändern dürfen. „Früher wollte ich allen beweisen, dass ich alles kann. Heute will ich vor allem, dass es mir gut geht und dass ich die Menschen um mich herum wirklich sehen kann. Bedürfnisse sind keine Verhandlungssache, sondern die Wurzel von Selbstachtung“, sagt González lächelnd, als wir am Ende des Interviews angelangt sind. Und diesmal ist es ein echtes Lächeln.