DASS SICH VOR ALLEM viele junge Frauen wie Irina Jurado González unter einem hohen Erwartungsdruck sehen, habe auch mit dem Einfluss von Social- Media-Plattformen zu tun. „Wenn ich da jeden Tag die Unternehmerin sehe, die mehrere Kinder hat, zwei Firmen führt und noch dazu eine erfüllte Ehe, dann bewirkt das natürlich, dass ich das mit meinem eigenen Leben vergleiche, das nicht so perfekt ist“, meint Kerstin Fuhrmann. Dabei seien diese Hochglanzbilder selten die Realität, sondern nur ein bewusst gewählter Ausschnitt.
Was hilft, aus dem Erwartungslabyrinth herauszukommen?Schon die Formulierung mache in vielen Fällen einen Unterschied, meint die Coachin. „Sagen Sie statt ‚Ich erwarte‘ lieber ‚Ich wünsche mir‘. Das nimmt Druck raus und verhindert gleichzeitig, dass die andere Seite direkt in eine Abwehrhaltung geht“, sagt Fuhrmann. Manchmal helfe auch ein Realitätscheck und die bloße Frage: Was erwarten mein:e Partner:in, mein:e Chef:in, mein:e Kolleg:in eigentlich wirklich von mir und was denke ich nur, dass sie erwarten? Und: Gibt es Beweise dafür? „Denn häufig existiert der Druck, bestimmte Erwartungen zu erfüllen, nur in unseremKopf“, konstatiert die Expertin. Helfen kann uns bei einem solchen Perspektivwechsel sogar die vermeintlich so emotionslose künstliche Intelligenz, zum Beispiel in Form der Change-my-view-Funktion, sagt Prof. Dr. Yasmin Weiß (46).
Sie forscht ander Technischen Hochschule Nürnberg zu den Themen Future of Work und Future Skills. Damit könnten wir die KI explizit bitten, eine Gegenposition zu unseren Gedanken einzunehmen, und so eigene Sichtweisen kritisch hinterfragen. Eine:n menschliche:n Coach:in ersetzen könne die Maschine jedoch nicht, schränkt Yasmin Weiß ein. „KI analysiert, ist aber nicht empathisch. Sie hat keine eigenen Erfahrungen mit emotionalen beruflichen Belangen gemacht. Sie besitzt auch keine Intuition und hat wenig Gespür für Unlogisches.“
INZWISCHEN HAT Irina Jurado González eine Online-Ausbildung absolviert und macht sich gerade als Vertriebs beraterin selbstständig. Ihre Erwartungen an sich selbst seien immer noch hoch, sagt sie, aber weniger statisch. Sie habe gelernt, dass Erwartungen keine starren Leitplanken sein müssen, sondern sich mit dem Leben verändern dürfen. „Früher wollte ich allen beweisen, dass ich alles kann. Heute will ich vor allem, dass es mir gut geht und dass ich die Menschen um mich herum wirklich sehen kann. Bedürfnisse sind keine Verhandlungssache, sondern die Wurzel von Selbstachtung“, sagt González lächelnd, als wir am Ende des Interviews angelangt sind. Und diesmal ist es ein echtes Lächeln.