STRIVE: Quiet Quitting war gestern, der neue Trend der Arbeitswelt heißt „Quiet Cracking“. Was versteht man darunter?
Sabine Votteler: Bei Quiet Cracking überschreiten Menschen innerlich ihre Belastungsgrenze, während sie nach außen weiter funktionieren. Die Betroffenen spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie schieben die Symptome aber weg und machen einfach weiter. Sie „brechen“ sozusagen „leise“, während sie nach außen noch ansprechbar und leistungsbereit wirken.
Merken Sie dieses Phänomen in Ihrer Arbeit als Coach oder ist das eher ein Buzzword, das auf Social Media stattfindet?
Sabine Votteler: Der Begriff ist mir in der Praxis noch nie begegnet. Das liegt aber natürlich auch daran, dass meinen Klient:innen das Phänomen gar nicht bewusst ist. Und das ist genau das Problem. Was ich sehr wohl regelmäßig sehe, sind Menschen, die an ihrem Job festhalten, obwohl der Druck zu hoch geworden ist. Das ist kein neuer Trend, sondern ein Zustand, der seit vielen Jahren existiert, und den man schon differenziert betrachten kann. Denn es lohnt sich, das Phänomen rechtzeitig benennen und einordnen zu können, um Schlimmeres wie einen Burnout zu verhindern.
Welche Veränderungen in der Arbeitswelt befördern Phänomene wie Quiet Cracking?
Sabine Votteler: Die Arbeitswelt ist komplexer geworden. Die Geschwindigkeit hat sich erhöht, Kostendruck, Unsicherheiten und Restrukturierungen gehören inzwischen zum Alltag. Führungskräfte müssen gleichzeitig motivieren, restrukturieren, sparen, transformieren und Ergebnisse liefern. Viele sind überlastet. In solchen Situationen fehlt oft eine klare Orientierung, Prioritäten wechseln ständig, Erwartungen werden nicht ausgesprochen. Mitarbeitende versuchen dann, die Lücken selbst zu füllen und arbeiten mehr, als gut wäre. Hinzu kommt aus meiner Sicht ein kulturelles Muster.
Was für ein Muster meinen Sie?
Sabine Votteler: In vielen Unternehmen wird Belastung nicht offen besprochen. Führungskräfte scheuen sich häufig, Grenzen vorzuleben oder anzusprechen. Sie sind selbst am Limit. Das schafft ein Umfeld, in dem Überforderung normaler Alltag wird. Da entsteht Quiet Cracking besonders leicht. Ich arbeite ja überwiegend mit Manager:innen in der Lebensmitte. Bei ihnen kommt noch ein anderer Faktor dazu.
Welcher denn?
Sabine Votteler: Sie tragen viel Verantwortung. Sie haben Teams, Projekte, Budgetthemen, familiäre Verpflichtungen. Gleichzeitig haben sie oft erlebt und gelernt, wie man Krisen meistert und dass es manchmal einfach Durchhalten braucht. Sie haben auch gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Das Selbstbild „Ich schaffe das schon“ stärkt einerseits, macht es andererseits aber auch schwerer, zu erkennen, wann man Stopp sagen sollte. Erschwerend kommt hinzu, dass sich bei vielen in den mittleren Jahren die innere Haltung verändert.
Inwiefern?
Sabine Votteler: Themen wie Sinn, Gesundheit, Autonomie und Balance werden wichtiger. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Modus, wie man bisher funktioniert hat und den neuen inneren Signalen. Dieser Widerspruch erschöpft Menschen enorm und begünstigt Quiet Cracking.
Woran merke ich, dass ich von „Quiet Cracking“ betroffen sein könnte? Was sind typische Verhaltensweisen oder Warnsignale?
Sabine Votteler: Es beginnt ganz unscheinbar. Der innere Monolog verändert sich. Man denkt häufiger Dinge wie: „Diese Woche muss ich einfach durchhalten.“ Oder „Andere haben ja auch viel um die Ohren.“ Oder „Jetzt ist ja bald Urlaub, bis dahin schaffe ich das.“ Für sich allein betrachtet ist das harmlos.
Ab wann wird es zum Problem?
Sabine Votteler: Auf Dauer verschieben solche Gedanken die persönliche Grenze jedes Mal ein kleines Stück nach hinten. Man beobachtet sich selbst, wie man Pausen verkürzt, abends immer länger macht oder am Wochenende doch noch schnell was erledigt. Gleichzeitig merkt man, wie man dünnhäutiger wird. Die Geduld ist schneller am Limit und man braucht länger, um sich zu erholen. Man registriert also die eigenen Warnsignale oft, aber nimmt sie nicht ernst. Was eine Ausnahme war, wird zur Regel. Genau dann entsteht Quiet Cracking: Man bricht nicht sichtbar und plötzlich ein, man schiebt den „richtigen“ Einbruch nur nach hinten.
Klingt nach Anzeichen, die auch einen Burnout charakterisieren.
Sabine Votteler: Wenn dieser Zustand zu lange anhält, sinkt die Leistungsfähigkeit. Man wird unkonzentriert, manche werden zynisch oder emotional instabil. Langfristig steigt das Risiko für Burnout oder körperliche Symptome, die zu echten Ausfallzeiten führen.