KRISTINA KREISEL

“Quiet Cracking”: Warum Führungskräfte in der Lebensmitte besonders gefährdet sind

Habt ihr schon mal von “Quiet Cracking” gehört? Auf Social Media wird dieses Phänomen immer häufiger diskutiert. Doch was bedeutet es und welche Warnzeichen sollten wir auf dem Schirm haben? STRIVE hat Coach Sabine Votteler befragt. Sie erklärt, welche Gedanken typisch sind und was dagegen hilft. 

“Quiet Cracking”: Warum Führungskräfte in der Lebensmitte besonders gefährdet sind
Foto: Holger Bulk

STRIVE: Quiet Quitting war gestern, der neue Trend der Arbeitswelt heißt „Quiet Cracking“. Was versteht man darunter?

Sabine Votteler: 
Bei Quiet Cracking überschreiten Menschen innerlich ihre Belastungsgrenze, während sie nach außen weiter funktionieren. Die Betroffenen spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie schieben die Symptome aber weg und machen einfach weiter. Sie „brechen“ sozusagen „leise“, während sie nach außen noch ansprechbar und leistungsbereit wirken.

Merken Sie dieses Phänomen in Ihrer Arbeit als Coach oder ist das eher ein Buzzword, das auf Social Media stattfindet?

Sabine Votteler: 
Der Begriff ist mir in der Praxis noch nie begegnet. Das liegt aber natürlich auch daran, dass meinen Klient:innen das Phänomen gar nicht bewusst ist. Und das ist genau das Problem. Was ich sehr wohl regelmäßig sehe, sind Menschen, die an ihrem Job festhalten, obwohl der Druck zu hoch geworden ist. Das ist kein neuer Trend, sondern ein Zustand, der seit vielen Jahren existiert, und den man schon differenziert betrachten kann. Denn es lohnt sich, das Phänomen rechtzeitig benennen und einordnen zu können, um Schlimmeres wie einen Burnout zu verhindern.

Welche Veränderungen in der Arbeitswelt befördern Phänomene wie Quiet Cracking?

Sabine Votteler: 
Die Arbeitswelt ist komplexer geworden. Die Geschwindigkeit hat sich erhöht, Kostendruck, Unsicherheiten und Restrukturierungen gehören inzwischen zum Alltag. Führungskräfte müssen gleichzeitig motivieren, restrukturieren, sparen, transformieren und Ergebnisse liefern. Viele sind überlastet. In solchen Situationen fehlt oft eine klare Orientierung, Prioritäten wechseln ständig, Erwartungen werden nicht ausgesprochen. Mitarbeitende versuchen dann, die Lücken selbst zu füllen und arbeiten mehr, als gut wäre. Hinzu kommt aus meiner Sicht ein kulturelles Muster.

Was für ein Muster meinen Sie?

Sabine Votteler: 
In vielen Unternehmen wird Belastung nicht offen besprochen. Führungskräfte scheuen sich häufig, Grenzen vorzuleben oder anzusprechen. Sie sind selbst am Limit. Das schafft ein Umfeld, in dem Überforderung normaler Alltag wird. Da entsteht Quiet Cracking besonders leicht. Ich arbeite ja überwiegend mit Manager:innen in der Lebensmitte. Bei ihnen kommt noch ein anderer Faktor dazu.

Welcher denn?

Sabine Votteler: 
Sie tragen viel Verantwortung. Sie haben Teams, Projekte, Budgetthemen, familiäre Verpflichtungen. Gleichzeitig haben sie oft erlebt und gelernt, wie man Krisen meistert und dass es manchmal einfach Durchhalten braucht. Sie haben auch gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Das Selbstbild „Ich schaffe das schon“ stärkt einerseits, macht es andererseits aber auch schwerer, zu erkennen, wann man Stopp sagen sollte. Erschwerend kommt hinzu, dass sich bei vielen in den mittleren Jahren die innere Haltung verändert.

Inwiefern?

Sabine Votteler: 
Themen wie Sinn, Gesundheit, Autonomie und Balance werden wichtiger. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Modus, wie man bisher funktioniert hat und den neuen inneren Signalen. Dieser Widerspruch erschöpft Menschen enorm und begünstigt Quiet Cracking.

Woran merke ich, dass ich von „Quiet Cracking“ betroffen sein könnte? Was sind typische Verhaltensweisen oder Warnsignale?

Sabine Votteler: 
Es beginnt ganz unscheinbar. Der innere Monolog verändert sich. Man denkt häufiger Dinge wie: „Diese Woche muss ich einfach durchhalten.“ Oder „Andere haben ja auch viel um die Ohren.“ Oder „Jetzt ist ja bald Urlaub, bis dahin schaffe ich das.“ Für sich allein betrachtet ist das harmlos.

Ab wann wird es zum Problem?

Sabine Votteler: 
Auf Dauer verschieben solche Gedanken die persönliche Grenze jedes Mal ein kleines Stück nach hinten. Man beobachtet sich selbst, wie man Pausen verkürzt, abends immer länger macht oder am Wochenende doch noch schnell was erledigt. Gleichzeitig merkt man, wie man dünnhäutiger wird. Die Geduld ist schneller am Limit und man braucht länger, um sich zu erholen. Man registriert also die eigenen Warnsignale oft, aber nimmt sie nicht ernst. Was eine Ausnahme war, wird zur Regel. Genau dann entsteht Quiet Cracking: Man bricht nicht sichtbar und plötzlich ein, man schiebt den „richtigen“ Einbruch nur nach hinten.

Klingt nach Anzeichen, die auch einen Burnout charakterisieren.

Sabine Votteler: 
Wenn dieser Zustand zu lange anhält, sinkt die Leistungsfähigkeit. Man wird unkonzentriert, manche werden zynisch oder emotional instabil. Langfristig steigt das Risiko für Burnout oder körperliche Symptome, die zu echten Ausfallzeiten führen.

"Bei Quiet Cracking überschreiten Menschen innerlich ihre Belastungsgrenze, während sie nach außen weiter funktionieren. Die Betroffenen spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie schieben die Symptome aber weg und machen einfach weiter."

Sabine Votteler

Was kann ich tun, wenn ich mich in den Beschreibungen wieder erkenne? Welche Schritte helfen, aus dem Zustand wieder herauszufinden?

Sabine Votteler: 
Der wichtigste Schritt ist, sich selbst einzugestehen und auch zu erlauben, dass etwas zu viel geworden ist und dass das nicht normal ist. Das ist Voraussetzung dafür, dass man für eine Änderung offen sein kann. Danach sollte man die eigene Belastung nüchtern prüfen. Dabei hilft ein Gespräch mit einer neutralen Person, die das Gedankenkarussell unterbricht. Manchmal reicht dafür auch, dass man sich kurz aus der Dauerschleife rausnimmt, diesen Rhythmus einfach unterbricht, um wieder klar zu denken.

Heißt konkret?

Sabine Votteler: 
Vielleicht ein paar Stunden an einem anderen Ort verbringen – ich bin zum Abschalten immer gern in ein Café gegangen – oder einen ausgedehnten Spaziergang machen. Oder auch einfach mal eine Aufgabe, die Druck macht, ganz bewusst liegen lassen, statt wie sonst, schnell noch irgendwo dazwischen zu quetschen. Es geht im Prinzip nur darum, dass man einen Moment schafft, in dem sich der Druck kurz löst. Danach sieht man die Situation klarer und kann besser entscheiden, welcher Schritt als Nächstes nötig ist. Wichtig ist auch, kleine Schritte zu wählen, statt sofort das gesamte Leben umkrempeln zu wollen.

Welche Rolle spielen Führungskräfte und Kultur? Gibt es typische Situationen, in denen „Quiet Cracking" besonders häufig entsteht?

Sabine Votteler: 
Quiet Cracking entsteht häufig in unsicheren oder unklaren Übergangsphasen: nach Restrukturierungen, in Teams mit starker Fluktuation, bei unklaren Rollen oder wenn die Erwartungen nicht ausgesprochen werden. Eine Unternehmenskultur, die Leistung über alles stellt oder in der Schwäche keinen Raum hat, verstärkt den Effekt zusätzlich.

Wann raten Sie, sogar über einen Jobwechsel nachzudenken?

Sabine Votteler: 
Ich rate zu Veränderung, wenn jemand dauerhaft über seine Grenzen geht und keine Aussicht hat, dass sich die Rahmenbedingungen bessern. Also keine Chance, zum Beispiel Aufgaben neu zu verhandeln, Prioritäten zu klären oder sich Unterstützung zu holen. Über einen Jobwechsel spreche ich erst, wenn entweder das Vertrauen ins System, die Strukturen, die Arbeitsweise, die Führung schon komplett verloren ist oder die eigene Gesundheit beeinträchtigt ist. Ansonsten braucht es erst einmal Abstand, um wieder neutral denken zu können. Wichtig ist, dass Entscheidungen nicht aus Erschöpfung entstehen. Ich begleite Menschen dabei, erst wieder Klarheit zu gewinnen und anschließend zu prüfen, welcher Schritt ihnen langfristig entspricht. 

Portrait

Sabine Votteler

Coach und Gründerin von NextLevelConsulting

Sabine Votteler ist Karriere- und Business-Coach und Gründerin von NextLevelConsulting. Sie berät Führungskräfte in der Lebensmitte, die spüren, dass ihre bisherige Karriere sie nicht mehr zufriedenstellt, obwohl sie objektiv erfolgreich waren. Außerdem ist sie Host des Podcasts „Managers in Transition“. Vor ihrer Karriere als Beraterin war sie selbst in Führungspositionen unterschiedlicher Unternehmen tätig. Votteler lebt in Pfullingen bei Stuttgart.

Foto: Manuela Engelking