Katharina Hingsammer

Multitasking ist eine Lüge, die Frauen mehr Leistung abverlangt

Frauen können Multitasking, Männer eher nicht. Soweit das Klischee. Doch wer behauptet das eigentlich? Gründerin und Content Creatorin Katharina Hingsammer findet: Kein Gehirn ist dafür gemacht, ständig zwischen verschiedenen Baustellen hin und her zu springen. 

Multitasking ist eine Lüge, die Frauen mehr Leistung abverlangt
Foto: Sonja Petrkowski

Multitasking ist eine Lüge. Ein weichzeichnender Begriff für etwas, das wir als Menschen eigentlich gar nicht sollten: uns zwischen hundert Aufgaben zerreißen. Unser Gehirn ist dafür schlicht nicht gemacht, egal welchem Geschlecht wir angehören.

Trotzdem hält sich hartnäckig der Mythos, Frauen seien von Natur aus bessere Multitasker, während Männer biologisch dazu unfähig wären. Wie praktisch, ein wissenschaftlich verpackter Vorwand, um Frauen mehr Leistung abzuverlangen und Männer aus der Verantwortung zu entlassen. Weaponized incompetence in hübsch.

Wir wachsen damit auf, dass Frauen alles gleichzeitig stemmen sollen: Haushalt, Kinder, Job, mentale Last. Und Männer? Fokus, klare Linie, bloß nicht zu viel parallel. 

Das Ergebnis: Männer glänzen, weil sie dürfen, was wir uns erst mühsam erlauben müssen: sich auf eine Sache konzentrieren. 

Ich sehe das wie eine Autobahn: Frauen wechseln permanent Spuren, achten auf alle anderen, während Männer auf der Überholspur bleiben und schneller ans Ziel kommen. Mit mehr Kollateralschäden, aber eben früher.

Das Bittere daran habe ich erst gemerkt, als mein Sohn klein war. Ich stillte, führte Kündigungsgespräche, jonglierte Business, Meetings und Privatleben gleichzeitig und war stolz darauf. Ich war diese Supermom, die alles schafft!

Währenddessen fuhr mein Gehirn langsam gegen die Wand. Ich vergaß Schlüssel, Termine, ganze Gespräche, konnte in der Nacht nicht schlafen, funktionierte nur noch im Notfallmodus. Ich war wie ein alter LKW, dem der Sprit ausging. Aber statt Hilfe anzunehmen oder „Stopp" zu sagen, hielt ich krampfhaft am Image fest.

 Jeder Kommentar à la „Wahnsinn, was du alles schaffst" pushte mein Ego weiter. Multitasking wurde zu meiner Identität. Doch niemand profitierte davon. Nicht ich, nicht mein Kind, nicht mein Unternehmen.

Die Situation änderte sich erst, als das Leben es für mich tat: Das Kind wurde größer, wir verkauften das Unternehmen, plötzlich wurde es ruhiger. Und ich verstand endlich, in welcher Spirale ich gesteckt hatte.

„Trotzdem hält sich hartnäckig der Mythos, Frauen seien von Natur aus bessere Multitasker, während Männer biologisch dazu unfähig wären. Wie praktisch, ein wissenschaftlich verpackter Vorwand, um Frauen mehr Leistung abzuverlangen und Männer aus der Verantwortung zu entlassen.“

Katharina Hingsammer

Heute imponieren mir nicht mehr die Frauen, die alles gleichzeitig machen, sondern jene, die bewusst wählen und fokussieren. Die wissen, wohin ihre Energie fließt. Die Aufgaben abgeben, Kinderbetreuung organisieren, echte Prioritäten setzen. Das hat nichts mit Unfähigkeit zu tun, sondern mit Realismus und Selbstschutz.

Und ja, Mutter sein und Karriere machen geht. Aber die Frauen, die das nachhaltig schaffen, sind nicht die, die sich komplett zerreißen. Sie bleiben auf ihrer Überholspur, ohne ständig nach links und rechts zu schauen, und akzeptieren, dass man nicht alles haben kann. Verwerflich ist nicht die Entscheidung, etwas liegen zu lassen, sondern der Druck, diese Lüge weiterzutragen: dass wir alles schaffen müssen, dass jeder Rückschlag mangelnde Leistung bedeutet. Ich gehe diese Lüge nicht mehr mit.

Multitasking ist keine Fähigkeit, sondern ein Zustand, den man aushalten kann. Manchmal. Ich nenne es lieber Resilienz: die Fähigkeit, Belastung zu tragen, nicht die Pflicht, sie zu suchen. Nehmen wir den Druck raus. Blick nach vorne, nicht ständig zur Seite. Das Leben ist anstrengend genug, ohne dass wir uns selbst noch mehr aufladen. Das, was direkt vor uns liegt, ist mehr als genug. 

Portrait

Katharina Hingsammer

Unternehmerin und Mutter

Katharina Hingsammer ist Content Creatorin, Gründerin des Beauty-Concept-Stores Babetown sowie Mitgründerin des Online-Magazins The Daily Dose. Als eine der ersten hauptberuflichen Influencerinnen Österreichs schreibt sie seit 2011 auf ihrem Blog “The Ketchem” und bezeichnet sich darum selbst oft mit einem Augenzwinkern als “Blog-Oma”. Sie ist Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Gerade ist ihr Buch „Realtalk“ im Becker Joest Volk-Verlag erschienen.

Foto: Sonja Petrkowski