Soziale Herkunft: Die unsichtbare Dimension von Diversity

Kolumne | In den Vielfältigkeits-Strategien vieler Unternehmen spielt die soziale Herkunft noch immer kaum eine Rolle. Es wird Zeit, dass sich das ändert, findet STRIVE-Kolumnistin Annahita Esmailzadeh: Sie appelliert dafür, noch mehr Diversität zu wagen.


Annahita Esmailzadeh

Während meines Studiums gab ich Nachhilfekurse im Münchner Norden. An einem Tag mühte ich mich, zum wiederholten Male an einer besonders „anspruchsvollen“ Gruppe von Drittklässlern ab, die sich redlich Mühe gaben, meinen Unterricht zu sabotieren. Der größte Störenfried war ein etwa neunjähriger Junge namens Cem. Immer wenn ich es geschafft hatte, die Klasse einigermaßen zu beruhigen, ließ sich Cem einen neuen kreativen Streich einfallen: Und das Chaos nahm erneut seinen Lauf. Irgendwann wurde mir das Ganze zu bunt und ich forderte Cem auf, mit mir in den Nebenraum zu gehen. Widerwillig – und nun auch etwas kleinlaut – folgte er mir. Unser Gespräch lief so ab:


„Wieso verhältst du dich so?“, fragte ich ihn, als wir in dem Raum angekommen waren.


Er blickte genervt an mir vorbei und antwortete nicht.


„Wenn du so weitermachst, sehe ich schwarz für dieses Schuljahr.“


Immer noch Schweigen.


„Das macht doch keinen Unterschied“, murmelte er schließlich und sah mich immer noch nicht an.


Ich war irritiert.


„Wie meinst du das?“


Dann sagte Cem etwas, das mich wahnsinnig wütend und zugleich sehr traurig machte.


„Meine Eltern sagen mir immer, dass ich sowieso zu dumm zum Lernen bin. Außerdem kommen Ausländerkinder sowieso nicht aufs Gymnasium oder auf die Realschule. Aus mir wird doch eh nix."


Ich war kurz sprachlos.


„Wieso sagen deine Eltern das?“


Wieder langes Schweigen.


Ich musste mich kurz sammeln und sagte dann zu ihm:


„Weißt du was, Cem? Wir zeigen es deinen Eltern. Ich weiß, dass du schlau bist – und sie haben Unrecht.“


Ich redete noch einige Minuten mit ihm, bevor wir zurück zu den anderen Kindern gingen. Ich berichtete ihm von meinen eigenen Erfahrungen und erklärte ihm auch wieso ich überzeugt davon war, dass großes Potenzial in ihm schlummerte. Ziemlich genau ein Jahr nach diesem Gespräch hielt Cem schließlich sein Übertrittszeugnis in der Hand. Dieses Zeugnis bescheinigte ihm die Gymnasialempfehlung. Ich fand es schon damals bewegend und erschreckend zugleich, welche Auswirkungen meine Worte auf diesen Jungen hatten. Ich hatte mir nicht mal zehn Minuten Zeit genommen, doch diese wenigen Sätze genügten offenbar. Sie reichten aus, um diesem Jungen den Glauben an sich zurückzugeben. Dieses Erlebnis prägt mein Handeln und Denken bis heute. Es machte mir auf erschreckende Weise deutlich, welchen Einfluss jede:r Einzelne von uns auf das Leben von anderen Menschen haben kann. Und vor allem auch wie wichtig die Glaubenssätze und das Umfeld sind, in dem wir aufwachsen.


Meine Eltern konnten sich mit den Lehrer:innen verständigen


Doch lassen Sie uns gerne eine weitere kurze Zeitreise machen – diesmal in meine Kindheit: Ich selbst wuchs im Münchner Westend der frühen 90er-Jahre auf. Heute eine hippe Szenegegend – damals bekannt als „Glasscherbenviertel“ und sozialer Brennpunkt. In meiner Jahrgangsstufe war ich damals das einzige Kind mit nicht-deutschen Wurzeln, das den Übertritt aufs Gymnasium schaffte. Wenn Sie mich fragen, war dies weniger meiner vermeintlichen Intelligenz zu verdanken, sondern eher auf den trivialen Umstand zurückzuführen, dass sich meine Eltern mit den Lehrkräften überhaupt verständigen konnten. Nach der vierten Klasse wurde ich damit, von einem Tag auf den anderen, in eine neue Welt hinein katapultiert. Weg vom Westend – denn da gab es kein Gymnasium. Hinein in eine Welt, mit Kindern voller Privilegien. Derer sie sich selbst wohl gar nicht bewusst waren.


Noch heute, im Jahre 2022, hat das Elternhaus einen erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern:

  • Nur 27 Prozent der Grundschülerinnen und -schüler aus einem Nichtakademikerhaushalt beginnen später ein Studium, bilanzierte der Stifterverband in einem Diskussionspapier im Oktober 2021. Bei Akademikerkindern seien es 79 Prozent.

  • Die Folge: Der Anteil der Kinder aus Nichtakademikerhaushalten an allen Studierenden liege bei nur 47 Prozent. An Schulen machten Nichtakademikerkinder aber 72 Prozent der Kinder aus.

  • Größte Hürden auf dem Bildungsweg seien der Übergang zu einer hochschulberechtigenden Schule und der darauffolgende Wechsel an eine Hochschule.

In Deutschland wird der berufliche Erfolg eines Menschen nach wie vor leider oft noch von seiner akademischen Qualifikation bestimmt. An dieser Hürde scheitern sehr viele aus nicht privilegierten Elternhäusern folglich schon. Schaffen es Personen trotzdem, erfolgreich im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sehen sie sich plötzlich mit einer Reihe weiterer – oftmals unsichtbarer – Herausforderungen konfrontiert. Menschen aus „einfachen Verhältnissen“ fehlt nicht nur auf dem Weg zum oder im Studium die familiäre Unterstützung. Sie können sich zudem genauso wenig auf das karrierefördernde Netzwerk oder finanzielle Polster ihrer Eltern verlassen, auf die Erfahrungen kostspieliger Auslandsaufenthalte zurückgreifen oder mit dem erlernten Verhaltenskodex und Habitus ihres Elternhauses bei Geschäftsessen oder Netzwerkveranstaltungen glänzen. Spontane Gespräche übers Skifahren, Theatervorstellungen, klassische Musik oder Golfen, die für andere Menschen Selbstverständlichkeiten darstellen, werden zur schieren Herausforderung. Der Traum, vom Kind eines Tellerwäschers zum Millionär zu werden, hat sich hierzulande leider sehr schnell ausgeträumt. Wir verfallen oftmals der Illusion einer Meritokratie und gehen davon aus, dass alle Menschen ihre berufliche Position ausschließlich über ihren eigenen Verdienst, Talent und Fleiß erarbeiten. Dieser Leistungsmythos ist leider von der Realität sehr weit entfernt. Fakt ist: Beruflicher Erfolg wird uns nach wie vor oftmals schon in die Wiege gelegt.


In den Diversity-Strategien der Unternehmen, spielt die Dimension der sozialen Herkunft heutzutage dennoch kaum eine Rolle. Das besonders Erschreckende hierbei? Jedes 5. Kind in Deutschland wächst in Armut auf. Hierbei hat die Pandemie die prekäre Situation der betroffenen Familien nicht nur sichtbar gemacht, sondern noch erheblich verschlimmert. Durch die Vernachlässigung der oft unsichtbaren Diversitätsdimension der sozialen Herkunft ignorieren Unternehmen nicht nur ihre gesellschaftliche Verantwortung, sondern verschenken auch großes Potenzial.


Über die Autorin

Seit 2021 leitet Annahita Esmailzadeh den Bereich Customer Success Account Management für die Branchen Travel, Transport, Power und Utilities bei Microsoft. Vor ihrer aktuellen Funktion verantwortete sie als Head of Innovation den Innovationsbereich für das SAP Labs in München. Als bekannte Business Influencerin im DACH-Raum setzt sie ihre Reichweite auf Social Media und in den Medien ein, um für mehr Diversität in der Wirtschaft zu plädieren sowie gegen soziale Ungleichheit und jegliche Form von Diskriminierung einzutreten. Sie absolvierte ihr Masterstudium der Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt Big Data an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München.