Neue Perspektiven als Erfolgsrezept

Kolumne | Nur wer seine Kund:innen und Mitarbeiter:innen versteht, kann als Führungskraft richtig handeln, findet Outfittery-CEO Julia Bösch. In ihrem Unternehmen setzt sie deshalb darauf, regelmäßig die Perspektive zu wechseln und dafür in andere Rollen zu schlüpfen – und wird dabei manchmal auch zur Stylistin.


Julia Bösch ist Gründerin und CEO von Outfittery.

Als extrem neugieriger Mensch habe ich Rollenspiele schon immer geliebt – in der Schule sogar Theater gespielt. Auch wenn es viel Kraft, Vorbereitung und Überwindung kosten kann – für mich hat es einen positiven Effekt, mich in andere hineinzuversetzen, die eigene Komfortzone zu verlassen, neue Dinge zu tun und die Perspektive zu wechseln. Besonders im Job bringt es mich und das Team auf vielen Ebenen weiter.



Neues Spiel, neues Glück


Vor einigen Wochen haben wir bei Outfittery das Prinzip der rotierenden Rollen für unser Leadership-Meeting eingeführt. Das heißt, es wird abwechselnd moderiert, kritisiert, protokolliert und so weiter. Es ist erstaunlich, wie sich seitdem die Dynamik verändert hat. Wir alle sind irgendwie wacher als vorher, bereiten uns anders vor, hören einander aufmerksamer zu und kommen schneller zu Ergebnissen.



„Eat your own dog food!“


Seit jeher predige ich meinem Team, dass wir unseren Service regelmäßig selbst testen, also in die Rolle unserer Kund:innen schlüpfen müssen, um besser zu werden: Eat your own dog food! Ich persönlich fand das schon immer sehr erkenntnisbringend – seit wir den Outfittery-Service auch für Frauen anbieten, macht es mir richtig Spaß! Ich merke, wie, unabhängig von den Learnings, die wir daraus ziehen, die Begeisterung für das eigene Produkt steigt. Wie emotional wir alle sind, wenn wir unsere Erlebnisse teilen. Und was das wiederum für die Motivation im Job-Alltag bedeutet. Wer „am eigenen Leib“ testet, versteht nicht nur die Customer-Journey besser, sondern entwickelt eine viel intensivere Bindung zum Produkt, zum Unternehmen. Und davon profitieren alle.


Durch die praktische Erfahrung des Rollenwechsels verstehe ich die Probleme und Herausforderungen des Jobs viel besser als durch bloße Schilderungen.

„Man muss den Schmerz selbst gespürt haben!“


Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und versuche mich regelmäßig selbst als Outfittery-Stylistin – schlüpfe also in die Rolle der Mitarbeiter:innen, die so maßgeblich zum Erfolg unseres Unternehmens beitragen. Und obwohl ich das seit Jahren tue, schwitze ich immer noch jedes Mal Blut und Wasser. Die Teams lieben es – es werden sogar Wetten abgeschlossen, wie hoch (oder eben niedrig) meine Erfolgsquote sein wird. Alle haben ihren Spaß. Und auch ich kann inzwischen herzlich über den ein oder anderen Styling-Fehlgriff lachen. Das Wichtigste ist jedoch, dass ich jedes Mal mit Learnings aus dieser Experience gehe: Durch die praktische Erfahrung des Rollenwechsels verstehe ich die Probleme und Herausforderungen des Jobs viel besser als durch bloße Schilderungen im Mitarbeiter:innengespräch und kann als Führungskraft ganz anders auf Bedürfnisse reagieren. Man muss den Schmerz einfach selbst gespürt haben! Und noch etwas passiert jedes Mal: Ich spüre diesen Wahnsinnsrespekt davor, wie viel Expertise unsere Stylist:innen haben. Dass sie einen Menschen nur kurz ansehen müssen, um zu erkennen, was ihm oder ihr gefällt. Die Wertschätzung ihrer Arbeit steigt dadurch noch weiter.

Rollentausch kann auch bedeuten, dass man mal zum Spice-Girl wird.

Rolle(n) vorwärts


Das In-andere-Rollen schlüpfen kann klein oder groß sein, passiert mal sehr bewusst und mal eher zufällig. Ich lebe von allem etwas. Als CEO nehme ich sowieso schon viele Rollen ein, bin mal die Antreiberin, mal die Kritikerin, mal die Zuhörerin. Und auch als Julia habe ich immer noch große Freude daran. Wenn ich mich für unsere berühmten Outfittery-Kostümpartys verkleide, zum Beispiel. Da kann ich schon mal zum Spice Girl werden. Oder zum Hippie. Und das ist dann das absolute Gegenteil von anstrengend!




Über die Autorin

Julia Bösch ist CEO und Mitgründerin von Outfittery, Europas führender Personal Shopping Service für Frauen und Männer. Ihre berufliche Karriere startete sie 2009 bei Zalando. Begeistert vom E-Commerce und seinen technologischen Möglichkeiten, gründete sie 2012 gemeinsam mit Anna Alex Outfittery. Die 37-jährige zählt zu Deutschlands erfolgreichsten und bekanntesten Gründer:innen und hat eines der innovativsten E- Commerce-Unternehmen in Europa aufgebaut.