Wie soziales Engagement der Karriere hilft

Gastbeitrag | Warum sollte ich mich ehrenamtlich engagieren? Wie finde ich das passende soziale Engagement für mich? Worauf sollte ich mich vorbereiten? Und: Wo fange ich an? Patrizia Bamberg-Kunz ist beruflich erfolgreich, engagiert sich aber privat ehrenamtlich. Sie erklärt, worauf man achten sollte und wie ein Ehrenamt in der Karriere hilft.


Symbolbild

Ich habe über die Jahre hinweg eine typische Karriere hingelegt: Klassen- und Schulsprecherin, Mitglied im Jugendbeirat unserer Stadt, Beisitzerin im Vorstand einer politischen Jugendorganisation und heute Präsidentin eines Lions Club. Wie es dazu kam? Sicherlich nicht, weil ich meinen CV aufhübschen wollte – von sowas hatte ich zu Schulzeiten nämlich noch keine Ahnung. Ich war schon immer vielseitig interessiert und offen für Neues. Je älter ich geworden bin, desto bewusster habe ich mich für das soziale Engagement entschieden. Zum einen, weil ich weiß, dass es mir grundsätzlich sehr gut geht und ich einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten möchte. Zum anderen, weil ich realisiert habe, dass soziales Engagement eine großartige Möglichkeit bietet, sich im Führen von Gruppen auszuprobieren.


Wir müssen selbst aktiv werden und nicht darauf warten, dass uns irgendwann jemand sieht und fragt, ob wir uns weiterentwickeln wollen.

Mutig sein und Türen öffnen

Ich war normales Mitglied einer politischen Jugendorganisation und habe es (tatsächlich) gewagt, mich bei einer Delegiertenversammlung kurzentschlossen als Beisitzerin zu bewerben. Ich wurde gewählt und freute mich. Allerdings nur kurz, da ich vom Vorstand unmissverständlich darauf hingewiesen wurde, welche (in-) offiziellen Regeln und Prozesse ich dadurch missachtet hätte. In den folgenden Sitzungen ließ mich der Vorstand mit aller Deutlichkeit und noch nicht einmal subtil spüren, dass ich nicht erwünscht war. Natürlich ließ ich mich davon nicht einschüchtern. Und siehe da: Der Vorstand wurde umgänglicher. Ich war in diesem Moment wohl sowas wie der Türöffner für ein neues Miteinander, auch andere mein Ansinnen positiv unterstützen. Die aus dieser Situation entstandenen Verbindungen und Freundschaften halten bis heute.

Mit etwas Abstand rieb ich mir die Augen, welche Machtkonstellationen bereits auf niedrigsten Ebenen vorhanden sind. Hinzu kann man es nicht oft genug sagen: Wir müssen selbst aktiv werden und nicht darauf warten, dass uns irgendwann jemand sieht und fragt, ob wir uns weiterentwickeln wollen. Verbale Schlagfertigkeit üben und ein Gefühl dafür bekommen, auf wen man sich wirklich verlassen kann, sind essentiell.


Planung ist das halbe Leben – und dann...?

Als es darum ging im Rahmen einer Festwoche im Nachbarort eine Bewirtung zu organisieren, waren schnell einige helfende Hände aus meinem Freundeskreis gefunden. Alle nötigen Dinge wurden organisiert, vieles in liebevoller Handarbeit selbst erstellt und selbst Kleinigkeiten bis ins Detail im Vorfeld geklärt. Auch Unvorhergesehenes wurde kreativ gelöst. Ich hielt dabei alle Fäden in der Hand. Quasi das Mastermind hinter diesem spontanen Jugendprojekt. Dann kam der große Abend: Stimmung ausgelassen, gute Musik, die Leute tanzten, die Cocktails liefen in Strömen. Und ich: urplötzlich, von jetzt auf gleich war ich völlig fertig. Leere. Es lief einfach zu gut. Ich wurde nach Wochen des Organisierens und Planens nicht mehr benötigt. Darauf fiel alles von mir ab. Das Vertrauen was ich in meine Freunde gesetzt habe wurde weit übertroffen von dem, was ich mir vorgestellt hatte. Für mich war der Abend gelaufen. Es gelang mir nicht mehr, die Zeit zu genießen und ausgelassen mit den anderen zu feiern.


Von dieser Erfahrung zehre ich bis heute bei meinen Projekten: Stets einen Weitblick bei Planungen haben, Abhängigkeiten frühzeitig erkennen und diverse Szenarien durchspielen. Und gerade dann, wenn Unvorhergesehenes geschieht, zügig reagieren und Lösungen finden. Außerdem Ehrlichkeit und Vertrauen gegenüber sich selbst und seinen Vertrauten/Mitstreite:innen. Und warum nicht auch einmal den Erfolg auskosten?


Wohin Neugier und spontane Einlassungen führen können

Der Satz, der mich zum Lions Club geführt hat, lautet folgendermaßen: „Ursprünglich als reiner Herrenclub gegründet, hat der Lions Club Vortaunus im Jahr 2018 entschieden, sich auch weiblichen Mitgliedern zu öffnen und seine Arbeit zukünftig als gemischter Club fortzusetzen“. Ich habe den damaligen Präsidenten kontaktiert und mitgeteilt, dass ich den Club gerne kennenlernen würde. Rund ein Jahr später war ich nicht nur die erste Frau im Club, sondern wurde auch als Präsidentin für das folgende Amtsjahr 2021/2022 gewählt. Eine steilere Karriere ist fast nicht möglich – sozusagen vom Lehrling zum CEO.


Es gibt natürlich auch Aspekte, die eher unsichtbar sind. Inoffizielle Machtstrukturen gehören definitiv dazu.

Unser Club gleicht vielen Unternehmensbereichen: Noch bin ich die einzige Frau. Die restlichen 25 Mitglieder haben eine Altersdurchschnitt von ca. 60 Jahren und verfügen über eine große Bandbreite an Berufen und enorme Erfahrungen. In den vergangen sechs Monaten habe ich vieles gelernt, wovon ich auch im Berufsleben profitiere. Ich leite unsere regelmäßigen Sitzungen (virtuell und in Präsenz) und sorge für Ordnung, wenn es zu chaotisch wird. Ich scheue mich nicht, kritische Themen deutlich anzusprechen und das Engagement aller einzufordern. Soweit zum Offensichtlichen. Es gibt aber natürlich auch Aspekte, die eher unsichtbar bzw. nicht wirklich greifbar sind. Inoffizielle Machtstrukturen gehören definitiv dazu. Diese herauszufinden, frühzeitig mit einzubinden und dadurch einen Mehrwert zu generieren musste ich erst lernen. Dazu kommt, die vielen (Lebens-) Erfahrungen aufzusaugen und einzuordnen.


Wie ich an die Führungsrolle gekommen bin: Aktives Zugehen auf den Club gepaart mit einer gesunden Portion Neugier, deutliche Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zeigen und keine Scheu, auf Erfahrung zurückzugreifen.


Lohnt sich das alles?

Stellt sich abschließend noch die Frage, ob es das wert ist. Zwei Kinder, zurück im Berufsleben, unter der Woche „alleinerziehend“ mit allem was dazu gehört in Haushalt und Wohnung. Und dann noch der ganze ehrenamtliche Freizeitstress. Stress bleibt nun mal Stress. Egal ob erfüllend oder nervenraubend. Es wäre einfach, diese Art von Stress in meinem Leben zu vermeiden. Will ich aber nicht. Weil ich durch mein Engagement sehe, dass Dinge angepackt werden müssen und es viel Gutes, besonders im sozialen Bereich, zu bewerkstelligen gibt. Dabei geht es nicht um die Beruhigung meines Gewissens, sondern viel mehr um die Freude, Dinge in die richtige Richtung zu lenken und koordinieren zu können und im gleichen Augenblick, anderen etwas zurückzugeben. Es ist sehr gut investierte Zeit.


Über die Autorin: Patrizia Bamberg-Kunz ist Sales Strategy Manager bei Vitesco Technologies, einem Automobilzulieferer für Antriebstechnologien. Außerdem ist sie Präsidentin 2020/2021 des Lions Club Vortaunus. Dort engagiert man sich mit Fördermitteln in verschiedenen, teilweise langjährigen sozialen Projekten.