Die Revolution der Sexindustrie?

Interview I Pornografie ist nach wie vor ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Dabei ist Deutschland ist seit ein paar Jahren das Land, in dem am meisten Pornos konsumiert werden. Während es für männliche Nutzer ein breites Angebot gibt, wird Frauen wenig geboten. Das will Denise Kratzenberg, Co-Founder von der Sexual Wellness Plattform CHEEX ändern.

Denise Kratzenberg, Co-Founder von CHEEX



Warum hast Du CHEEX gegründet?

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Sexindustrie zu revolutionieren! Es hat mich geärgert, dass Frauen, die ihre Sexualität genießen wollen, keinen Raum haben, um dies ohne Scham zu tun. Um das zu können, benötigt man einen offenen Austausch, Sexual Education, Diversität in den Arten der Sexualität und eben auch Pornos. Die Pornoindustrie und der Pornokonsum ist nach wie vor eine Männerdomäne und krass tabuisiert. Im 21. Jahrhundert! Das negative Image der Industrie hat mich aber nicht gestört; es hat mich eher ermutigt, etwas zu ändern.


Meine Motivation war, einen digitalen Ort zu kreieren, wo sich alle Menschen sicher fühlen. Bisherige Sehgewohnheiten aufbrechen und Pornos zeigen, in denen Sex authentisch, einvernehmlich und lustvoll dargestellt wird – das ist die Idee von CHEEX. Unterhaltung und Bildung gehen für uns Hand in Hand. Wir wollen aufklären und uns somit für die sexuelle Befreiung aller einsetzen.


Deutschland ist seit ein paar Jahren das Land, in dem am meisten Pornos konsumiert werden. Wir sehen an unseren Nutzer:innendaten, dass alle Altersgruppen bereit sind, für ihre Pornos zu zahlen.

Wie groß ist der Online Porno-Markt in Deutschland und wie viel Umsatz macht ihr davon? Was erwartet ihr in Zukunft an Umsatz bzw. Marktwachstum?

Generell schauen 80 % der Menschen Pornos und entdecken dabei sich und andere. Deutschland ist seit ein paar Jahren das Land, in dem am meisten Pornos konsumiert werden (vgl. https://www.netzsieger.de/ratgeber/internet-pornografie-statistiken). Laut eines Artikels des ‘Spiegel’ schauen 63 % Frauen mehrmals die Woche Pornos, 18 % täglich und 9 % mehrmals am Tag. Eine Studie der Universität von Antwerpen hat auch gezeigt, dass Männer im Schnitt ca. 70 Minuten pro Woche Pornos gucken (N-TV). Dadurch, dass sich Menschen mehr mit Nachhaltigkeit in anderen Bereichen wie bspw. Essen und Kleidung auseinandersetzen, haben auch wir ein Umdenken im Pornokonsum gemerkt. Wir sehen an unseren Nutzer:innendaten, dass alle Altersgruppen bereit sind, für ihre Pornos zu zahlen. Der Markt für fair produzierte Pornografie wird weiter wachsen. User:innen im sechsstelligen Bereich hat CHEEX bereits, sie kommen aus über 200 Ländern. Menschen sind bereit für Qualität zu zahlen.





Die Sexbranche ist absolut Männerdominiert. Die User Experience ist dementsprechend absolut nicht auf Frauen ausgelegt. Ist CHEEX ein doppelter Befreiungsschlag für Frauen? Für die Akteurinnen und für die weiblichen User?

Absolut, aber nicht nur für Frauen, sondern für alle, die authentischen Sex lieben! Die wirkliche Vielfalt und Intimität/Sexualität in den verschiedensten Formen suchen. Also inklusiv für alle, die mehr wollen. Aber du liegst schon richtig, wir haben 70 % weibliche Nutzerinnen. Darunter auch viele, die sich davor nie getraut haben, sich mit ihrer eigenen Lust oder Pornografie auseinanderzusetzen. Die User Experience (UX) von Mainstream-Pornoplattformen ist generell eher dunkel und wirkt so, als würde man etwas Verbotenes tun. Wir erschaffen hingegen mit unserer UX einen Safe Space, wo man sich wohlfühlt, gerne Zeit verbringt und sich mit der eigenen Sexualität, ohne Scham, auseinander setzt. Sex ist so divers wie unsere Gesellschaft und dafür muss es sichere Räume geben, wichtig ist eben der Konsens.


Sexarbeit, die auf Mainstream-Plattformen gezeigt wird, die weibliche Lust nicht anerkennt und Sexarbeiter:innen ausbeutet, ist weder feministisch noch menschlich.

Wie passt Sexarbeit bzw. die Porno-Industrie und Feminismus zusammen?

Interessante Frage. Aus meiner Sicht ist wirklicher Feminismus ausschließlich möglich, wenn diese Themen ganzheitlich betrachtet werden. Sexarbeit, die auf Mainstream-Plattformen gezeigt wird, die weibliche Lust nicht anerkennt und Sexarbeiter:innen ausbeutet, ist weder feministisch noch menschlich. In fairen Pornos werden Darsteller:innen gleich bezahlt, gerecht behandelt und stimmen den Handlungen einvernehmlich zu. In feministischen Pornos sind Frauen zudem kein Objekt, sondern ein Subjekt, das sexuell selbstbestimmt agiert und nicht von anderen sexualisiert wird – aber dennoch nicht dominant sein muss, wenn sie das nicht möchte. Es ist wichtig, dass Frauen oder non-binäre Personen Schlüsselpositionen bei der Produktion spielen. Die Darstellung einer Vielfalt an Körpern und aktiver Konsens ist auch bedeutungsvoll.


Gibt es Tabus für dich und CHEEX?

Absolut: Alles was nicht einvernehmlich ist, ist ein Tabu! Und natürlich alles, was gegen unsere Werte von Inklusion, Fairness und Transparenz geht. Dass wir dabei sämtliche Gesetze befolgen, sollte selbstredend sein, muss in unsere Industrie, leider nach wie vor extra betont werden.


Wie hat dein Umfeld auf die Gründung reagiert?

Puh, da hatte ich mir am Anfang auch Gedanken drüber gemacht. Nur, ist es ja so, dass doch die allermeisten auf der Welt gerne Sex haben und davon profitieren, wenn das offener besprochen wird. Insofern bekam ich bis noch keine negative Reaktion in meinem Umkreis. Selbst meine Eltern finden es bemerkenswert, dass ich die Probleme der Sexindustrie auf nachhaltige Weise lösen will.





Was war die schlimmste Ablehnung, die du durch das außergewöhnliche Thema deines Unternehmens erfahren hast?

Es sind weniger die Menschen, sondern eher die Unternehmen von denen wir Ablehnung erfahren. Durch Regulationen und Statuten dürfen wir häufig keine Serviceleistungen in Anspruch nehmen. Unser Instagram wurde zweimal gelöscht und unser LinkedIn Profil ist bis heute nicht entsperrt worden. Man suggeriert, dass alle Player innerhalb der Erotikbranche ausgeschlossen werden müssen. Dabei bietet CHEEX eine Alternative für sicheren und nachhaltigen Konsum.

Ich bin mir sicher, dass sich das ändern wird. Genau daran arbeiten wir und andere Unternehmen haben es auch geschafft!


Was würdest du deinem 18-jährigen Ich als Tipp mitgeben?

Oh, ich glaube, da gibt es vieles. Ich würde mir raten, mutiger und generell neugieriger sein, ohne Angst, Fehler zu machen und häufiger meine Bedürfnisse zu kommunizieren in Freundschaften, in Arbeitsverhältnissen und auch in der Sexualität.



Über die Autorin

Denise Kratzenberg ist in Köln geboren und Mitgründerin der Sexual Wellness Plattform CHEEX – ein digitaler Safe Space für fair produzierte erotische Video- und Audioinhalte, ein aufklärendes Magazin, ein Podcast und regelmäßige online Workshops.