Katharina Wolff

"Altern ist etwas sehr Individuelles. Es kommt ganz darauf an, wie man aufs Leben blickt."

Die Schauspielerin Iris Berben hat schon mit der 68er-Bewegung für die sexuelle Freiheit der Frau demonstriert, sie hat sich als Präsidentin der Deutschen Filmakademie in der MeToo-Debatte für Anlaufstellen eingesetzt – und sie hat bis heute kein bisschen von ihrem Kampfgeist verloren. Im STRIVE-Interview spricht die große Berben darüber, wie es ist, als Prominente älter zu werden, weshalb weibliche Rollen jenseits der 40 sehr limitiert sind und warum sie in diesem Leben keinen Fuß mehr in die sozialen Medien setzt.

"Altern ist etwas sehr Individuelles. Es kommt ganz darauf an, wie man aufs Leben blickt."
Spaß beim Fotoshooting im Hotel Luc, Autograph Collection in Berlin: Iris Berben faszinierte mit ihrer Ausstrahlung das gesamte STRIVE-Team | Fotos: Jonas Holthaus

Können Sie dem Alter viel Gutes abgewinnen?

Vicco von Bülow hat mal gesagt, das Alter sei eine Zumutung. Ich empfinde das genauso und würde noch hinzufügen: Das Alter ist sogar eine Frechheit. Auf der anderen Seite: Was wäre die Alternative? Jung sterben? Also, nein! Ich habe noch viel Energie, spüre aber gleichzeitig, dass das Alter etwas mit mir macht – auch an mir geht es nicht spurlos vorüber. Letztlich merke ich auch am Verlust der vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich älter werde.

 

Schauen Sie gerne zurück auf Ihr volles Leben?

Ich habe versucht, alles mitzunehmen, habe wenig ausgelassen und auch viel ausgehalten. Manchmal bin ich auch wehmütig, weil vieles so großartig war. Als ich jung war, dachte ich wirklich, ich sei unsterblich – jetzt steht da diese biologische Wahrheit im Raum.

 

Wie wurde im Laufe Ihrer Karriere mit Ihrem Alter umgegangen?
Wahrscheinlich habe ich erlebt, was allen anderen Frauen auch widerfährt: Erst sind sie zu jung, um Verantwortung zu übernehmen. Und dann zu alt, um etwas Neues zu erlernen. Ich kann mit meiner Erfahrung sagen, dass Frauen noch immer eingeordnet werden. Aber von wem eigentlich? Ich denke, das kann man sich im Jahr 2024 zu Recht fragen. Meiner Meinung nach sind das Strukturen, die sich über die Jahrhunderte festgesetzt haben. Zwischen 45 bis 54 Jahren ist die Diskriminierung der Frauen dann überproportional hoch. Wirtschaft und Politik müssen unter Druck gesetzt werden – das wissen wir alle.

 

|Seit 1968 dreht sie Filme: Iris Berben ist eine der meistbeschäftigten deutschen SchauspielerinnenSie haben mit der 68er-Bewegung für Frauenrechte demonstriert. Wenn Sie solche Forderungen formulieren, klingt das für Sie nicht wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“?

Das sagen Sie was! (lacht) Manchmal frage ich mich, ob ich gerade einen Satz gesagt habe, den ich genau so schon vor 40 Jahren formulierte. Ja, das habe ich!

 

Haben Sie den Eindruck, dass die Gesellschaft bei Prominenten mehr darauf achtet, wie und ob sie altern?
Als ich die Krimi-Miniserie „Die Protokollantin“ gedreht habe, wurde ich ständig – auch in der Presse – darauf angesprochen, wie mutig es sei, mich so unscheinbar zu zeigen. Meine Reaktion war immer die, auf einen kapitalen Denkfehler hinzuweisen. Denn genau so, wie ich mich in „Die Protokollantin“ zeigte, sehe ich aus, wenn ich nicht ausgeleuchtet und geschminkt bin. Das ist also gar nicht mutig, sich so zu zeigen – sondern das echte Leben.

 

Sie tragen im Science-Fiction-Thriller „Paradise“ Ihre Haare weiß. Frauen, die ihre grauen Haare nicht färben, müssen sich heute noch immer dafür rechtfertigen, sie gelten als ungepflegt. Bei Männern hingegen ist das cool.

Das war meine Idee mit den weißen Haaren. Ich habe mit dem Regisseur Boris Kunz gesprochen, weil ich fand, dass diese Frau unbedingt eine Lichtgestalt sein muss. Als ich jünger war, habe ich öfter historische Frauenfiguren gespielt, etwa Cosima Wagner. Da wurde ich auf älter geschminkt. Damals habe ich nie gedacht: Ah, so siehst du später mal aus! Da ist vielmehr eine große Lust in mir, einer Figur so nahe wie möglich zu kommen. Ich will sie nicht mit meiner eigenen Eitelkeit vergraben.

 

Nach wie vor müssen Frauen sich ungefragt Kommentare über ihr Aussehen anhören.
Was ich wirklich gar nicht leiden kann, ist dieser Satz: „Für dein Alter siehst du aber noch gut aus.“ Ich bin nun seit acht Jahren bei L’Oréal unter Vertrag und habe darüber so tolle Frauen wie Jane Fonda, Helen Mirren und Julianne Moore kennengelernt, wofür ich sehr dankbar bin. Vor Kurzem haben wir neue Spots gedreht – und uns dieses unverschämten Satzes angenommen. Das Wort „Alter“ haben wir aber durchgestrichen. Mein Satz, den ich in der Werbung sage, lautet: „Ich sehe gut aus. Punkt.“

 

Ist die Filmbranche besonders erbarmungslos, weil es da viel mehr ums Aussehen geht?
Absolut. Es gab bis vor einigen Jahren diese merkwürdige magische Wand hinter der 40. Da wurden nicht mehr die Geschichten der Frauen erzählt. Man spielte eine Mutter, eine Großmutter, die lustig oder liebevoll ist und vielleicht ein bisschen überdreht. Aber die Welt dreht sich weiter, heute gibt es die „Omas gegen rechts“! Das kann doch nicht sein, dass diese Realität in Filmen nicht abgebildet wird. Wenn wir heute darüber nachdenken, welche Filme spezifisch über Frauen wichtig sind, dann haben uns die Streamer eine sehr viel größere Plattform gegeben als die etablierten deutschen Fernsehsender und die hiesige Kinolandschaft.

 

Ist man in Amerika da weiter?

Oh ja, ich denke an Emma Thompson in „Meine Stunden mit Leo“. Eine ältere Frau nackt zu zeigen, in einer sexuellen Beziehung – das ist bei uns immer noch schwer. Wir sehen bei den Sendern sehr viel Sicherheitsdenken und einen denkwürdigen Erfüllungsauftrag. Es wird das gemacht, was das Publikum vermeintlich will. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass das produziert wird, was sich hinterher gut verkauft. Aber ich halte die Zuschauerinnen und Zuschauer für sehr viel intelligenter, für reifer, auch für belastbarer. Die Sender sollten sich mehr trauen, unkonventionell zu erzählen, sie brauchen eine zeitgemäße Haltung zu den Stoffen.

 

 | Iris Berben wurde 1950 in Detmold geboren und begann mit 18 Jahren, Filme zu drehen. Sie hat unzählige Preise gewonnen, unter anderem den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis sowie den Bayerischen Fernsehpreis – und wurde für einen Emmy Award nominiert. Berben engagiert sich seit jeher politisch, etwa für die SPD. Ihr Sohn ist der Filmproduzent Oliver Berben (53). Iris Berben lebt in Berlin und Portugal.Stattdessen herrschen Stereotype vor.

Das sieht man auch immer noch im männlichen Rollenbild. Männer altern nicht, sie reifen. Frauen sind kompliziert, Männer sind außergewöhnlich. Frauen sind schwach und sensibel, Männer sind kompromisslos. Frauen sind hysterisch, Männer sind leistungsstark.

 

Haben Sie das Gefühl, da geht etwas voran in den tradierten Geschlechterbildern?
Wir sind auf einem guten Weg. Da ist eine neue Generation am Hebel, die mit den Männern gemeinsam arbeitet. Das war auch bei der Emanzipation in den 60ern mein Credo: Nicht gegen die Männer! Nimm dir so viele Komplizen, wie du haben kannst. Wir haben heute ja auch die klugen, sensiblen Männer. Was aber schwer aufzuknacken ist, sind die Strukturen, die zum größten Teil eben von Männern gemacht sind.

 

Kommt der neue Zeitgeist im Film überhaupt an?

Es gibt so etwas wie eine Aufbruchstimmung. Gerade habe ich einen Film mit Heiner Lauterbach abgedreht, „Very Best Ager“. Er spielt einen mürrischen Witwer, der sich allem Neuen verweigert. Dann trifft er eine Professorin für Kunstgeschichte, die ihm zeigt, wo eslanggeht. Sicher bedient das Drehbuch das eine oder andere Klischee, aber es ist klug geschrieben. Im Vorgespräch zum Film sagte ich, dass ich nicht das Anhängsel spielen werde. Die männliche Hauptrolle emanzipiert sich – und ich bin lediglich die, die ihm dabei auf die Sprünge hilft? Dazu war ich nicht bereit.

 

46 Prozent der deutschen Frauen sind über 50, aber sie finden im Kino fast nicht statt. Was sind die Hebel, damit es mehr Rollen für Frauen jenseits der 50 gibt?

Frauen müssen paritätisch die wichtigen Positionen besetzen. Also Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen, Redakteurinnen. Vor allem Produzentinnen, denn sie verteilen als Schaltstelle das Geld. Am Ende hat es ganz viel damit zu tun, wer diese Gatekeeper-Stellen innehat. Hier wird entschieden, welcher Stoff „durchgelassen“ wird.

 

Es ist überall das Gleiche. In männerdominierten Branchen wie der Medizin wird mehr Geld für die Erforschung von Männerkrankheiten ausgegeben.
Das stimmt, obwohl ich sagen muss, dass ich Männer-Bashing nicht mag. Das hat keinen Platz in meinem Leben. Und auch das Bild des alten weißen Mannes hat meiner Meinung nach bald ausgedient. Diese Männer kennen wir natürlich alle, aber ich will Menschen nicht in Schubladen stecken, sondern sie mitziehen, ihnen klarmachen, dass wir bei gesundem Menschenverstand gar nicht drum herumkommen, dass es gleichberechtigt sein muss. Oft sind das Forderungen, dass die Sicht, die Frauen auf das Leben haben, einbezogen wird. Es muss aber zu einer Selbstverständlichkeit werden.

 

Auch Reese Witherspoon hat geärgert, dass die Geschichten von Frauen nicht erzählt werden. Sie beschloss: Dann mache ich die Filme, die wir Frauen sehen wollen, eben selbst ...

... und nahm das Geld in die Hand. Genau da müsste man ansetzen, also wo das Geld verteilt wird.

 

Da sind wir beim Thema Geld. Wie steht es aus Ihrer Sicht um den Gender Pay Gap beim Film?

Wir wissen, dass sich da nicht viel geändert hat. Schauspielerinnen kriegen weniger als Schauspieler.

 

Haben Sie bei Ihrem letzten Filmprojekt gefragt, was Heiner Lauterbach verdient?

Nein, aber die Positionen, die dafür verantwortlich sind, wissen sehr genau, dass das ein Thema ist. Es sind noch immer hauptsächlich Männer, die das Geld verwalten. Und dann läuft es so: Jeder Schauspieler wird durch seinen Agenten versuchen, die beste Gage rauszuholen. Keiner von denen wird so weit gehen, die Gage offenzulegen. Ich fordere jetzt Verlässlichkeit! Also dass diejenigen, die die Gelder verteilen, nicht nur an dem Thema dran sind, sondern es endlich umsetzen. Ich spreche das auch offen an.

 

Waren Sie schon immer so mutig?

Man muss im Leben schon eine Haltung haben – und sie auch leben. Das ist manchmal ein bisschen anstrengender, als sie nur vorzugeben.

 

|Color-Blocking: beim Covershooting mit STRIVE-Herausgeberin Katharina WolffAls MeToo aufkam, wurde auf einmal allen klar, wie schwer es für Schauspielerinnen sein musste, eine Haltung zu haben. Wie haben Sie das erlebt?

Es gibt wohl fast keine Frau, der das Thema nicht begegnet ist. In den 60er-Jahren herrschte ein ganz anderer Geist. Wir haben damals versucht, uns unsere sexuelle Freiheit zu erkämpfen! Heute wissen wir um so vieles mehr – und teilweise haben sich die Dinge gar nicht verändert. Vor der MeToo-Debatte haben Männer versucht, ihren Status auszunutzen. Dazu war ich aber zu ausgeschlafen, um mich einschüchtern zu lassen. Von mir gab es da bittere Sprüche!

 

Die Schlagfertigkeit muss man erst mal haben.

Deshalb will ich für die sprechen, die nicht so schlagfertig sind. Als MeToo groß wurde, war ich gerade Präsidentin der Deutschen Filmakademie. Wir haben sofort Anlaufstellen für Betroffene geschaffen. Seither haben sich die Grenzen verschoben: Früher war die Besetzungscouch nicht nur eine Metapher. Heute wäre sie undenkbar.

 

Wie viel steckt heute noch von der Iris Berben in ihren Zwanzigern in Ihnen?
Ein Teil der 20-Jährigen hat mich nie verlassen. Ich habe noch immer sehr viel Neugierde, Spontanität, Ungeduld, aber auch ein gewisses Maß an Unsicherheit. Da bin ich dieser jungen Iris noch sehr nahe. Was tatsächlich weg ist, ist die Naivität. Die hätte ich mir gerne teilweise erhalten.

 

„Männer altern nicht, sie reifen. Frauen sind kompliziert, Männer sind außergewöhnlich.“

 

Hat sich auch Ihre Beziehung zu Geld verändert?

Früher wollte ich es mit den Menschen, die mir wichtig waren, auf den Kopf hauen. Da bin ich vorsichtiger geworden, aber ich gebe es immer noch gerne aus. Wenn ich runde Geburtstage feiere: Attacke!

 

Waren Sie im Leben auf Misserfolge vorbereitet?

Das muss man sein. Dann fällst du eben mal. Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich am Boden lag. Das gehört dazu. Wenn man das auslassen will, ist man eine ziemlich glatt polierte Fläche.

 

Für was muss man sich noch wappnen?

Wirkliche Einsamkeit. Und dass du immer wieder im Leben an deinem Selbstwertgefühl arbeiten musst. Das ist nicht auf einmal da und bleibt für immer. Es ist fragil. Ich denke, am Ende geht es vor allem darum, sich die eigenen Maßstäbe zu erhalten. Und meinen letzten Tipp kann ich wahrscheinlich nur aufgrund meines Alters kennen. Denn früher war es tatsächlich so, dass man gesagt hat: Mach dich rar!

 

Setzen Sie das selbst um?

Ich bin nirgendwo in den sozialen Medien. Ich bin der Meinung, dass es gerade für meinen Beruf wichtig ist, ein Geheimnis zu bewahren. Aber natürlich sagt mir mein Verstand, dass meine Karriere heute ohne die sozialen Medien undenkbar wäre. Ich glaube trotzdem, dass man das nur mit sehr viel Bedacht machen sollte.

 

Man muss sich fragen, wer man in den sozialen Medien sein will.
Aber auch, ob man für alle Welt sichtbar sein will. Gerade Frauen sollen natürlich sichtbarer sein, vor allem im Alter. Aber es darf nicht um eine beliebige Sichtbarkeit gehen. Verweigerung ist eine ganz große Stärke. Ich habe eine diebische Freude daran, mich den sozialen Medien zu verweigern. Und ich habe mein Privatleben immer geschützt. Du darfst nicht durchschaubar sein. Wir Schauspielenden verschwinden hinter unseren Rollen. Aber das wird unterschiedlich gesehen. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die nicht verschwinden wollen. Ich frage sie dann: Willst du schauspielern – oder in Wahrheit nur berühmt sein?

 

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