Emma-Isadora Hagen
2 Min. Lesedauer

Der Arbeitsplatz als "Pseudo-Familie"? Warum die Metapher überholt ist

Wir sind hier wie eine große Familie. Das schreiben sich immer noch viele Unternehmen stolz auf ihre Firmenbrust. Business Creatorin und Leadership-Expertin Emma-Isadora Hagen findet das hochproblematisch. In ihrem STRIVE-Gastbeitrag erklärt sie, warum.

Der Arbeitsplatz als "Pseudo-Familie"? Warum die Metapher überholt ist
„Wenn der Arbeitsplatz zur Familie wird, geht es häufig auch um Manipulation und das Überschreiten von Grenzen", sagt Emma-Isadora Hagen

Es ist ein Satz, den viele Führungskräfte gerne in den Raum werfen: „Wir sind eine Familie.“ Doch hinter dieser wohlklingenden Phrase verbirgt sich mehr, als wir vielleicht auf den ersten Blick wahrnehmen. Denn wenn der Arbeitsplatz plötzlich zur „Familie“ wird, geht es nicht nur um Zugehörigkeit, sondern häufig auch um Manipulation und das Überschreiten von Grenzen.

In einer echten Familie gibt es keine Kündigungen, keine Leistungsbewertungen und keine Arbeitsverträge. Der familiäre Zusammenhalt basiert auf bedingungsloser Unterstützung und Sicherheit. Doch im Arbeitsumfeld sind diese Begriffe nicht zutreffend. Hier gelten klare Regeln, Verträge und das Prinzip der Leistung. Ein Team, das auf die Familie reduziert wird, tut sich oft schwer, diese professionellen Grenzen zu wahren. 



„Überstunden? Das ist doch Teamarbeit!“  


Die Gefahr der „Pseudo-Familie“ am Arbeitsplatz ist, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen und Führungskräfte immer mehr von den Mitarbeitenden verlangen. Die Folge: Die emotionale Bindung wird instrumentalisiert, und Mitarbeitende fühlen sich verpflichtet, über das beruflich Erwartete hinaus zu leisten, oft auf eigene Kosten.

 

Eine gesunde Führungskultur basiert jedoch nicht auf leeren Floskeln. Sie setzt auf klare Erwartungen, Respekt und echte Wertschätzung.

Lieber echte Verbindungen statt Pseudo-Familie 


Viel wichtiger ist es, dass wir den beruflichen Raum so gestalten, dass keine Metaphern wie „Familie“ notwendig sind, um Verbindung zu schaffen. Stattdessen sollte es um echte, transparente und authentische Beziehungen gehen, sowohl zwischen Kolleg:innen als auch zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften. Ein Arbeitsumfeld, das auf Zusammenarbeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen basiert, schafft eine tiefere Bindung als jede noch so gut gemeinte familiäre Metapher.  



Die Familienmetapher ist überholt 


Der Satz „Hier sind wir wie eine große Familie“ wird nach wie vor in Bewerbungsgesprächen, auf Team-Events und in Leitbildern von Unternehmen verwendet. Doch wie positiv ist dieses Bild eigentlich? 

Was wir häufig vergessen: Für viele Menschen hat die Familie keinen positiven Kontext. Sie wachsen in schwierigen Familienverhältnissen auf oder haben gar keine Familie. Wie müssen sich diese Menschen fühlen, wenn sie ständig hören, dass der Arbeitsplatz ihre „Familie“ ist?

Die Vorstellung von der „Familie“ als Idealbild für den Arbeitsplatz ist überholt. Sie ist subjektiv, veraltet und oft wenig inklusiv. Was Führungskräfte stattdessen brauchen, ist die Vision einer gesunden Teamkultur.  



Nein! Wir sind keine große Familie. Wir sind ein Team!


Der Begriff „Familie“ hat in der Arbeitswelt seinen Platz längst verloren. Wir sind keine Familie, sondern ein Team und Teamarbeit ist die wahre Königsdisziplin. Und das bedeutet nicht, dass Zusammenarbeit nicht menschlich sein darf – im Gegenteil.

Es bedeutet vielmehr, dass wir an einem Ort arbeiten, an dem Professionalität und Menschlichkeit miteinander vereinbar sind. Ein Team, das gemeinsam wächst, auf Augenhöhe und ohne den Druck einer familiären Bindung. Denn gute Zusammenarbeit basiert auf klaren Strukturen, nicht auf emotionaler Manipulation.  

Zur Person

Emma-Isadora Hagen wurde mit nur 22 Jahren zum ersten Mal Führungskraft und führte als General Sales Managerin bei Peek & Cloppenburg bis 2023 ein Team von rund 200 Mitarbeitenden. Heute setzt sie sich für gesundes Leadership und New Work ein und erreicht mit ihren Inhalten aufLinkedineigenen Angaben zufolge jährlich mehr als acht Millionen Menschen.