Wie schwer ist Transparenz dennoch, wenn es um Fehler geht? Gerade in einer Branche, die stark auf Erfolg und Außenwirkung getrimmt ist?
Eggert: Das ist sicherlich typabhängig, und es gibt kein richtig oder falsch. Wir waren immer sehr offen, egal ob etwas gut oder schlecht lief. Diese Offenheit hat uns viele Jahre großen Erfolg ermöglicht. Warum sollten wir es jetzt nicht so handhaben? Nur weil es mal ein Misserfolg ist? Das wäre zum einen nicht authentisch, und zum anderen kann man Lösungen nur bauen, indem man mit anderen darüber spricht. Daher empfand ich die Offenheit als alternativlos. Aber natürlich gab es auch die Sorge um die Wahrnehmung, denn, wie du richtig sagst, ist unsere Branche durchaus ein Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Wie waren die Reaktionen?
Eggert: Viel besser als erwartet. Man hat natürlich Horrorszenarien im Kopf: Alle Kund:innen springen ab, das Team kündigt, die Stimmung ist schlecht. Bei uns ist das Gegenteil der Fall, und ich glaube, dass gerade die radikale Offenheit dafür gesorgt hat. Aber dafür haben wir auch sehr viel kommuniziert, in großen Runden und Einzelgesprächen. Das war harte Arbeit und ist nicht mit einer Pressemeldung oder E-Mail getan. Und das führt dazu, dass wir, abgesehen von einer erhöhten Administration, einen ganz normalen Agenturalltag haben, Kampagnen entwickeln und normal weitermachen. Eine Insolvenz wird oft mit einem Ende gleichgesetzt, ist aber vor allem das Instrument einer Neuordnung.
Tatsächlich gehören Niederlagen und Fehler zum Leben. Trotzdem können viele Menschen nicht mal zugeben, wenn sie die falsche Mail verschickt haben.
Eggert: Wenn ich mir meinen Werdegang anschaue, waren da nicht nur Erfolge, sondern vor allem viele Niederlagen. Ich habe immer viel darüber gesprochen, um rauszuzoomen und mir Kontext zu verschaffen, um nachvollziehen zu können, wie ich beim nächsten Mal Dinge anders machen kann. Über die Jahre haben sich dadurch viele sehr offene und brutal ehrliche Beziehungen mit Menschen entwickelt, die mich seit Jahren begleiten. Sowas zwingt zu Reflexion. Und irgendwann merkt man: Darüber zu sprechen ist einfacher, als alles mit sich selbst auszumachen.
Warum tun wir uns in Deutschland trotzdem häufig so schwer, übers Scheitern zu sprechen?
Eggert: In Deutschland wird der Begriff Scheitern häufig als etwas Finales, das Ende, gesehen. Im Amerikanischen steht das Wort Failure eher für einen temporären Snapshot und wird daher als Lernerfahrung, die Teil des Weges und der Story ist, betrachtet. Dadurch ist das Mindset offener und etwas lockerer. Dieses Mindset ist für mich inspirierend. Ich habe aus den letzten Monaten sehr viel gelernt und freue mich auf die Chance, das in Zukunft einzubringen. Ich schaue zwar mit Demut, aber vor allem optimistisch in die Zukunft. Denn man darf ja nicht vergessen und das steht im Mittelpunkt: Der Betrieb bei uns geht weiter.