Hannah Andresen

vor 15 Tagen

6 Min. Lesedauer

Warum es nie zu spät ist, zu gründen

Interview: "Meine Gründungsstory" | Anna Fleck, Gründerin der Kinder- und Teenie-Deomarke youfreen, verrät uns im Interview, warum sie mit 39 Jahren ihre "klassische" Karriere zurückließ, um selbst zu gründen, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hatte und warum Frauen über 40 in der Start-up-Welt kaum sichtbar sind.

Warum es nie zu spät ist, zu gründen
Warum es nie zu spät ist, zu gründen

Fotos: Valeska Achenbach

Liebe Anna, stell Dich und Dein Team doch einmal vor.

Ich bin die Gründerin von youfreen - natural young deo. Ich lebe mit meiner Familie in Hamburg. youfreen habe ich gegründet, um (Pre-)Teens für mehr Natürlichkeit zu begeistern, auch bei der Körperpflege. Zu meinem Team gehören Grafiker:innen, Marketingsexpert:innen, Texter:innen und Social Media Manager:innen. Ich arbeite gerne mit freien Mitarbeiter:innen, um auf den jeweiligen Bedarf besser eingehen zu können.

Mit 39 Jahren hattest Du nach einer erfolgreichen „klassischen“ Karriere die Erkenntnis: „Das, was ich jetzt mache, möchte ich die nächsten 20 Jahre nicht weitermachen“. Was hat Dich letztendlich zum Gründen bewogen?

So eine Entscheidung trifft man nicht einfach so. Es war ein langer Prozess, in dem ich herausfinden musste, was ich eigentlich machen will. Dafür habe ich zunächst meine Arbeitszeit gekürzt, um überhaupt Zeit zum Nachdenken zu haben. Wenn man sich, wie ich damals, in einer leitenden Position befindet und dazu noch Familie hat, bleibt oft nicht viel Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Ich habe während dieser Zeit viele Weiterbildungen gemacht, sehr viel gelernt und sogar wieder Kurse an einer Hochschule belegt. Zur Gründung hat mich letztendlich die Erkenntnis bewogen, dass es auf dem Naturkosmetikmarkt zwar tolle Marken für Babys und Kleinkinder gibt und dann auch wieder für Erwachsene, aber nicht für alle dazwischen: Die Pre-Teens und Teens.

Welches Problem möchtest Du mit youfreen lösen?

Bisher wurden Kids und Teens nicht von natürlichen Pflegeprodukten abgeholt und wanderten dann automatisch zu den herkömmlichen, oft eher synthetischen Produkten ab. Das will ich ändern. Ich will Kids und Teens zeigen, dass Naturkosmetik weder nach Kräutern riechen, noch langweilig sein muss. Zudem kommen Kinder heute immer früher in die Pubertät und damit setzt das unangenehme Schwitzen auch früher ein. Bisher gab es keine natürlichen Deodorants, die speziell an die Bedürfnisse von junger Haut angepasst waren.

"Wir Frauen sind gerade erst dabei zu erkennen, wie wichtig das Netzwerken ist. Die Männer machen uns das schon lange vor."

Wie hast Du Deine Gründung finanziert? Hast Du Investor:innen?

youfreen ist zu 100 % selbst finanziert. Das macht mich unabhängig und frei in meinen Entscheidungen. Das war übrigens einer der wichtigsten Aspekte für mich bei der Gründung: Unabhängig zu sein und selbstbestimmt zu arbeiten.

Wo siehst Du Dein Unternehmen in fünf Jahren?

Meine Vision ist es, youfreen als DIE Naturkosmetik-Marke für (Pre-)Teens im stationären Einzelhandel und online zu etablieren. Und somit einen wichtigen Beitrag zu mehr Natürlichkeit im Leben der Kids und Teens beizutragen, die heutzutage einem immer größer werdenden Druck auch über Social Media ausgesetzt sind. Außerdem freue ich mich sehr darauf, ein Team aufzubauen, das auf Augenhöhe und Leidenschaft arbeitet.

Als Du aktiv angefangen hast, in der Start-up-Welt zu netzwerken, hast Du schnell festgestellt, dass Gründerinnen über 40 kaum sichtbar sind. Was sind Deines Erachtens die Gründe dafür?

Zum einen gründen Frauen grundsätzlich weniger als Männer. Dass nur 20 % aller Startups-Gründungen von Frauen ausgehen, ist bekannt. Und unter diesen 20 % ist eben nur ein kleiner Teil der Frauen über 40. Das mag sehr unterschiedliche Gründe haben. Ich habe jedoch den Eindruck, dass es dafür zwei Hauptaspekte gibt: Zum einen müssen wir "Älteren" das Netzwerken erst lernen. Also aktiv Verbänden und Netzwerken beitreten, Veranstaltungen besuchen und auf Events Menschen einfach ansprechen. Wir Frauen sind gerade erst dabei zu erkennen, wie wichtig das Netzwerken ist. Die Männer machen uns das schon lange vor. Zum anderen sind wir keine Digital Natives und es fällt uns entsprechend schwerer, in die (Online-)Sichtbarkeit zu gehen. Die jüngeren Generationen gehen damit viel intuitiver um, sie sind damit aufgewachsen. Wir müssen das erst lernen. Es gibt durchaus Gründerinnen, die erst später ein Start-up auf die Beine stellen, aber sie bleiben als Person lieber im Hintergrund.

"Hätte ich viel früher gegründet, wäre ich in vielen Situationen sicherlich nicht so gelassen wie heute."

Was war für Dich persönlich die größte Herausforderung in Deiner Zeit als Gründerin?

Wir sind mit unseren Produkten während der Hochphase der Corona-Pandemie gestartet und haben den Vertrieb zunächst ausschließlich digital betrieben. Das ist als junges Start-up in einer sich schnell wandelnden Onlinewelt nicht immer einfach gewesen. Wir mussten zunächst Erfahrungen sammeln, um die für uns passende Strategie zu finden. Mittlerweile sind wir auch stationär immer besser aufgestellt: U.a. sind wir in allen Filialen der Drogerie Müller gelistet.

Was ist Dein Ratschlag an Frauen über 40, die selbst überlegen, zu gründen?

Mir persönlich hat folgende Erkenntnis geholfen: Die Welt wird nicht untergehen, wenn es nicht funktioniert. Dann gehe ich eben wieder in eine Festanstellung. So what? Dafür werde ich es nie bereuen, es versucht zu haben. Mein Vater hat mit 60 Jahren seinen Job gekündigt und sich selbständig gemacht. Das einzige, was er bereut, ist, es so spät gemacht zu haben. Es ist nie zu spät und die vielen Jahre der Berufserfahrung können dabei helfen, so manche vermeintliche Krise besser einschätzen zu können und gelassener zu sein. Viele Skills, wie etwa Multitasking, auch in stressigen Situationen nicht die Ruhe zu verlieren, und die Erkenntnis, dass es für jedes Problem am Ende eine Lösung gibt, habe ich bereits mitgebracht. Hätte ich viel früher gegründet, wäre ich in vielen Situationen sicherlich nicht so gelassen wie heute. Also meine Damen: Macht einfach und traut Euch! Ihr habt die besten Voraussetzungen.

Zur Person:

Anna Fleck ist im sonnigen Bingen am Rhein aufgewachsen. Sie ist Gründerin, Mutter, Geschäftsfrau und Netzwerkerin und lebt in ihrer Wahlheimat Hamburg. Fast 20 Jahre lang verfolgte sie eine „klassische“ Karriere in Unternehmen, war u.a. Head of Operations in der Buch-Verlagsbranche. 2021 hat sie das Naturkosmetikunternehmen youfreen gelauncht, das natürliche Deodorants für Kinder und Teens herstellt.

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