Leadership-Interview mit Iphoria-Gründerin Milena Zimmermann
STRIVE+ | Milena Zimmermann hat mit knalligen Handyhüllen die internationale Lifestyle-Brand Iphoria kreiert. Was als One-Woman-Show begann, wurde irgendwann von Gigi Hadid getragen und machte siebenstellige Umsätze – bis die Gründerin einfach umkippte. Diagnose: Burnout. Für Zimmermann begann die herausforderndste Zeit ihres Lebens. Wie sie diese intern und extern kommuniziert hat, wie das Business ohne sie weiterlaufen konnte und inwiefern sich ihr Führungsstil durch die Erkrankung verändert hat.
Woran hast Du gemerkt, dass es nicht mehr „nur“ Stress war?
Als ich von einer meiner Asienreisen zurückkam, hatte ich einen Hörsturz. Zudem war ich ständig müde. Ich hatte das Gefühl, ein riesiges Bleigewicht auf meinem Rücken zu tragen. Außerdem spürte ich deutlich, dass es mir nicht gut geht, nahm die Symptome aber nicht ernst. Ich dachte: Ein bisschen geht es schon noch. Aber im Dezember, mitten im Weihnachtsgeschäft, bin ich im Büro einfach umgekippt. Da war es dann offensichtlich, dass es nicht mehr weiterging.
Wie bist Du damit umgegangen? Du warst damals CEO und Chefin von 30 Mitarbeitenden.
Ich habe mich von heute auf morgen zurückgezogen, um mich erst mal zu sortieren, die Situation zu verstehen und mir Luft zu verschaffen. Meinem Team habe ich gesagt, dass ich eine dreimonatige Pause mache. Das war meine erste Auszeit nach acht Jahren. Die Devise war: So lange läuft alles wie bisher, nur eben ohne mich – und danach sehen wir weiter.
Du hast Deine Symptome also nicht als Burnout benannt.
Nein. Ich wusste damals aber auch nicht, was mit mir los ist, und hätte es gar nicht benennen können. Dafür habe ich Zeit, Coaching und viel Austausch mit meinem Umfeld gebraucht. Nach den drei Monaten hatte ich dann Worte für meine Situation. Von da an habe ich im Team sehr selbstbewusst und transparent geteilt, wie es mir geht. Das hat mich total erleichtert, auch wenn ich noch nicht bereit war, wieder zurückzukommen.

Wie haben Deine Mitarbeitenden auf Deinen Rückzug reagiert?
Ganz toll. In den ersten Monaten haben sie mir wirklich Zeit gegeben, um wieder gesund zu werden. Als ich langsam wieder angefangen habe zu arbeiten, haben sie sich an fixe Termine gehalten, die wir vereinbarten. Vorher war es so, dass mein Handy permanent geklingelt hat. Ständig gab es Rückfragen, ich war immer erreichbar. Das war unsere Kultur in der Firma, die ich als Gründerin zugegebenermaßen maßgeblich beeinflusst und nicht hinterfragt habe. Nach dem Burnout mussten sich alle erst einmal umgewöhnen und umschalten.
Bei Startups wackelt mit dem/der Gründer:in oft das Team – und potenziell die komplette Firma.
Absolut. Daher habe ich damals auch eine meiner leitenden Mitarbeiterinnen zur CEO gemacht und operativ extrem viel Verantwortung abgegeben. Niemand sollte Angst bekommen, dass die Firma instabil wird oder jemand seinen Job verlieren könnte.
Warst Du nach außen auch so transparent?
Nein. Gegenüber Geschäftspartner:innen wollte ich meine Gesundheit nicht zum Thema machen. Wir waren eine Lifestyle-Marke – auf dieses Image hätte mein Burnout nicht eingezahlt. Noch dazu fand ich es nicht notwendig, weil ich als Gründerin keine Personal Brand war, die extern eng mit der Firma verflochten gewesen wäre. Dadurch konnten Kolleg:innen meine Aufgaben übernehmen.
Ihr habt also ohne eine weitere Begründung neue Ansprechpartner:innen benannt?
Genau. Wir haben nach außen klar kommuniziert, dass es eine neue CEO gibt und neue Verantwortliche für Sales, Marketing, PR – und dass ich mich auf das Kreative und das interne Management der Firma fokussiere. Das war’s. Weil wir gebootstrappt waren, gab es auch keine Investor:innen, denen man Details hätte erklären müssen.
Heute sprichst Du auch öffentlich über Deinen Burnout. Warum?
Ein Burnout wäre vermeidbar, wenn wir mehr über die Symptome reden würden. So könnten wir viel schneller erkennen, was los ist, und die Notbremse ziehen. Zu dieser Sichtbarkeit will ich beitragen, nachdem ich die Geschichte für mich verarbeitet habe. Das war die größte Herausforderung meines Lebens – wenngleich ich daraus am Ende gestärkt herausgekommen bin.
Was würdest Du in Deinem „Gesundheits-Krisenmanagement“ heute anders machen?
Ich würde es noch mal so machen. Wenn man nichts sagt, gibt es meistens Gerüchte. Ich bin grundsätzlich aber auch eine sehr offene Person. Gerade in einer Welt, in der Privat- und Berufsleben immer stärker miteinander verschwimmen, darf es meiner Meinung nach aber auch Grenzen geben.
„Ein Burnout wäre vermeidbar, wenn wir mehr über die Symptome reden würden. Zu dieser Sichtbarkeit will ich beitragen."
Wie meinst Du das?
Als Führungskraft ist man verpflichtet, sein Team oder seine Firma nach bestem Wissen und Gewissen zu führen und dementsprechend zu handeln. Dazu gehört nicht, dass man persönliche Informationen zwingend nach außen tragen muss. Es ist super, wenn Entscheider:innen über gesundheitliche Herausforderungen sprechen und so die Enttabuisierung insbesondere von mentaler Gesundheit vorantreiben. Aber es sollte sich niemand gezwungen fühlen, über seine Gesundheit zu sprechen. Dann ist es nur eine zusätzliche Belastung.
Wie hat sich Dein Führungsstil durch Deinen Burnout verändert?
Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, Verantwortung abzugeben, und dass ich nicht für alles selbst die Expertin sein muss. Überhaupt habe ich meinen Leadership-Stil zum ersten Mal systematisch reflektiert. Das habe ich früher nicht gemacht. Es war immer Learning by Doing – ich bin davon ausgegangen, dass jede:r so tickt wie ich.

Kannst Du das an einem Beispiel erklären?
Ich habe beispielsweise sehr wenige Vorgaben gemacht, weil ich mich selbst in Strukturen schnell unproduktiv fühle. Viele meiner Mitarbeitenden hätten sich jedoch viel mehr Feedback, Prozesse und Meilensteine gewünscht. Das war ein großes Versäumnis, das sicher auch zu meiner Überlastung beigetragen hat. Mein Führungsstil und die Bedürfnisse meines Teams haben rückblickend in großen Teilen nicht übereingestimmt.
Was sind für Dich die drei wichtigsten Dinge, um nachhaltig gesund zu führen?
Ich halte erstens eine:n Mentor:in als Sparringspartner:in inzwischen für essenziell. Das gilt gerade in einem so schnellen Umfeld wie der Startup-Welt. Zweitens brauche ich einen Ausgleich zum Job – und damit meine ich nicht einmal die Woche eine Dreiviertelstunde Spinning in der Mittagspause. So habe ich das in der Vergangenheit gemacht und dachte, das würde reichen. Ich meine echte Hobbys, bei denen man wirklich abschaltet und worauf man sich freut. Ich habe mir in meiner Auszeit eine zwei mal zwei Meter große Leinwand und Pinsel bestellt und seitdem das Malen für mich wiederentdeckt, nachdem ich es davor bestimmt 15 Jahre nicht mehr gemacht hatte.
Um einfach mal etwas zu machen, bei dem es nicht um Verantwortung und Leistung geht?
Richtig. Drittens mache ich regelmäßige Check-ins mit mir selbst. Dafür gibt es mittlerweile ja fünftausend verschiedene Tools. Da muss jede:r für sich herausfinden, was für einen funktioniert und wie häufig man das machen will. Journaling zum Beispiel klingt für mich cool, bringt mir aber nichts.
Was machst Du stattdessen?
Ich nutze einen Fragebogen und gucke anhand dessen einmal im Monat für eine Stunde, wo ich stehe in den verschiedenen Bereichen meines Lebens und wie es mir damit geht. Ich checke: Habe ich meine Ziele erreicht? Verschwende ich gerade Zeit, weil ich sie in Dinge investiere, die mich meinen Zielen nicht näherbringen? Generell wäge und sage ich viel mehr ab. Manche Dinge muss man machen. Wenn mir etwas aber nicht wichtig ist, mir keinen Spaß macht und nur anderen Menschen Vorteile bringt, mache ich es heute nicht mehr. Ich bin fürsorglicher mit mir selbst geworden.
3 Dinge, die Milena Zimmermann inspirieren
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The One Thing: Ein echter Klassiker, der mir immer wieder hilft, mich nicht im Klein-Klein zu verlieren, sondern mich auf meine großen Ziele zu konzentrieren.
- Female Angel Club (FAC): Das Netzwerk baue ich mit Frederike Rohr auf. Damit investieren wir in Gründer:innen und bieten das Mentoring, das ich früher selbst gebraucht hätte.
- "WGSN": Dem Instagram-Account folge ich, um bei Fashion und Lifestyle up to date zu bleiben und die Hintergründe von Trends zu verstehen.
Milena Zimmermann (34)
Bevor sie Iphoria gründete, studierte Zimmermann an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel internationale Ökonomie. Das Unternehmen wuchs gebootstrappt, also eigenfinanziert, und expandierte in mehr als 50 Länder. Ende 2023 verließ die Gründerin ihr Unternehmen. Heute lebt Zimmermann in Hamburg und berät junge Unternehmen bei der Marken- und Produktentwicklung.