Kathi Preppner

Auszeit ohne Karriere-Knick

Wer für längere Zeit aus dem Job aussteigt, hat oft die Befürchtung, dass nach der Rückkehr die Karriere ins Stocken gerät. Doch das muss nicht sein, manchmal geht es dann erst richtig bergauf. Wie stellt man es an, dass die Pause nicht Killer, sondern Booster wird?

Auszeit ohne Karriere-Knick
Ein Sabbatical kann bedeuten: sich den Wind um den Kopf wehen lassen, auf neue Gedanken kommen, mal Zeit zum Reflektieren haben | Foto: Spenser Sembrat

Regina Brockmann ging während ihrer zwei Elternzeiten viel mit dem Kinderwagen spazieren, telefonierte währenddessen mit Kolleg:innen. Die vier Jahre Auszeit waren karrierefördernd: Kurz nach ihrem Wiedereinstieg wurde Brockmann befördert | Foto: Privat

Als Regina Brockmann (43) schwanger wurde, ging es karrieretechnisch für sie gerade nur nach oben: Seit 16 Jahren arbeitete sie beim IT-Unternehmen Hewlett Packard Enterprise, war nach ihrem dualen Studium bis zur Managerin für technisches Consulting aufgestiegen.

So wäre es wahrscheinlich auch weitergegangen, doch Brockmann ging früh in der Schwangerschaft zu ihrem Chef, um ihm zu sagen, dass sie zwei Jahre aussetzen will. Ihre Jobpause sollte dann sogar vier Jahre dauern; am Ende der ersten Elternzeit kam ihr zweites Kind. „Viele Berufstätige haben Sorge, dass sie mit einer so langen Auszeit ihrer Karriere schaden“, sagt die Leadership- und Vertrauensexpertin Karin Lausch (41). „Sie befürchten, dass ihre Führungskräfte und Kolleginnen denken, sie würden sie hängen lassen.“

Studien zufolge können sich weit über die Hälfte der Berufstätigen vorstellen, mal ein Sabbatical zu machen, doch nur ein Bruchteil von ihnen wagt es dann auch. Und das Thema Babypause ist immer noch Frauensache: 11,6 Monate lang beziehen Frauen hierzulande im Schnitt Elterngeld. Väter setzen pro Kind im Schnitt nur knapp drei Monate aus.

Aus Sicht von Karin Lausch ein Indiz dafür, dass Elternzeit als karriereschädliches Übel angesehen wird, für das sich dann meist die Mütter „opfern“. Manche Menschen verzichten auch auf längere Pausen, weil sie ihren Selbstwert zum großen Teil aus der Arbeit ziehen. Lausch: „Viele haben Selbstzweifel oder Versagensängste, wenn sie aus dem System rausgehen.“ Und natürlich könne eine Auszeit der Karriere schaden, räumt die Expertin ein. „Aber die gute Nachricht ist: Wir haben es selbst in der Hand.“

ZUNÄCHST IST ES ENTSCHEIDEND, dass Arbeitnehmende, die eine Auszeit planen, dies bei ihren Führungskräften gut begründen. Hier könne man sich auf das eigene Gespür verlassen. Nicht jeder will alle Karten auf den Tisch legen, erst recht nicht, wenn der Grund für eine Auszeit vielleicht Erschöpfung ist. „Wenn ich Zweifel habe, ob ich so etwas offen ansprechen sollte, ist das meist begründet“, meint Karin Lausch.

Sie rät dann dazu, die Dramatik rauszunehmen. Statt zu sagen „Ich kann nicht mehr“, solle man es etwas weniger drastisch formulieren, etwa: „Ich möchte eine Pause einlegen, um mit frischer Energie zurückzukommen.“ Überhaupt sei es wichtig, wie man in so ein Gespräch reingehe. „Da sollte ich mich nicht entschuldigen, sondern einfach begründen, warum ich eine Auszeit brauche, und erklären, wie der Plan dafür aussieht“, rät Karin Lausch. „Eine Pause bringt schließlich auch Verhandlungsmacht mit sich.“

Wer die eigene Karriere strategisch planen und gleichzeitig eine Auszeit machen möchte, solle die Bedingungen am besten vorverhandeln: Mit wie vielen Stunden komme ich zurück? Welche Verantwortung will ich übernehmen? Welches Gehalt möchte ich bekommen, wenn ich wieder da bin? In der Pause könne man dann zum Beispiel drei Dinge für sich definieren, die man nie wieder mitmachen möchte. „Wer während der Pause klarzieht, welche Spielchen, Überstunden-Normalität oder Machtmuster künftig nicht mehr akzeptiert werden, kommt stärker zurück“, sagt Karin Lausch.

Diese Klarheit sei in der Karriereplanung ein echter Vorteil. Um sich auf den Aus- und Wiedereinstieg vorzubereiten, findet sie es zudem hilfreich, sich mit jemandem auszutauschen, die oder der bereits eine lange Auszeit hinter sich hat.

„Wer während der Pause klarzieht, welche Spielchen, Überstunden-Normalität oder Machtmuster künftig nicht mehr akzeptiert werden, kommt stärker zurück.“

Karin Lausch

Christian Eckert war einer der ersten Manager bei Volkswagen, die eine berufliche Auszeit nahmen. Sein fünfmonatiges Sabbatical verbrachte er mit seiner Familie in Australien und Neuseeland. In der Zeit beschäftigte er sich intensiv mit KI. Heute ist Eckert Mentor für Menschen, die sich auch eine Pause vom Job wünschen | Foto: Privat

SOLCHE GESPRÄCHE HAT Christian Eckert (50) schon viele geführt, seit er in seinem Sabbatical fünf Monate mit Frau und Kind in Australien und Neuseeland verbracht hat. Er ist heute Mentor für Menschen, die Ähnliches vorhaben. Viele haben seine Fotos vom Sternenhimmel über der westaustralischen Wüste oder vom Schicksalsberg in Neuseeland gesehen, die er während seiner beruflichen Abwesenheit 2022 und 2023 gepostet hat.

Für Eckert war es eine Bauchentscheidung, sich länger rauszuziehen. Bis dahin hatte er als Abteilungsleiter beim Autobauer Volkswagen den Bereich Ressourcenmanagement und Services sowie mehrere Teams mit insgesamt mehr als 60 Mitarbeitenden geleitet. Beim Friseur hatte er in der Zeitung gelesen, dass bei seinem Arbeitgeber neuerdings auch Sabbaticals möglich sind. Das war kurz nach dem ersten Lockdown in der Corona-Pandemie. „Da habe ich sofort den Assistenten des damaligen HRVorstands angerufen“, erinnert sich Eckert, „und ihn gefragt: Gilt das auch für Abteilungsleiter?“ Eckert war damals einer der ersten Manager, die bei Volkswagen eine solche Auszeit nahmen.

Seitdem haben es ihm viele nachgemacht. Doch er beobachtet, dass gerade Männer jenseits der 50 mit der Entscheidung hadern. „Vor allem aus anderen Firmen haben mich viele nach meinem Sabbatical gefragt: Und, bist du jetzt abgesägt worden?“, erzählt er. „Die haben tierische Angst, dass sowas ihrer Karriere schadet. Das finde ich erschreckend“, meint Christian Eckert.

Tatsächlich hat der Trip seiner Karriere überhaupt nicht geschadet, im Gegenteil. Nach dem Sabbatical stieg er nicht nur wieder in seine alte Leitungsfunktion ein, seine operative Rolle hat sich sogar erweitert. Das liegt nicht nur daran, dass seine Vertreter:innen einen super Job gemacht und einen Teil seiner Aufgaben übernommen haben, sondern auch daran, dass Eckert auf seiner Reise das Thema künstliche Intelligenz für sich und seinen Job entdeckt hat.

„Ich habe mir das als Themenfeld selbst ausgesucht“, sagt er. Als er mit seiner Familie Anfang 2023 in Neuseeland ankam, war gerade eine neue Version von ChatGPT auf den Markt gekommen, der KI-Hype begann. Eckert hatte Zeit, an verregneten Abenden in der Hochebene der neuseeländischen Nordinsel mit dem OpenAI-Tool herumzuexperimentieren. „Das war ein Riesenvorteil meiner Auszeit: Ich hatte nicht nur Zeit für solche Spielereien. Ich konnte mir auch überlegen, was ich künftig anders machen will“, erzählt Eckert. So zeigt er heute Sachbearbeiter:innen und Führungsriege, was mit KI alles möglich ist.

Auch für Hewlett-Packard-Enterprise-Managerin Regina Brockmann brachte die lange Pause keinen KarriereKnick, sondern sogar eine Beförderung. Kurz nach ihrem Wiedereinstieg wurde sie Leiterin des Account-Managements. „Diese vier Jahre Auszeit waren karrierefördernd für mich“, sagt sie. Als die Kinder
klein waren, sei sie viel mit dem Kinderwagen spazieren gegangen und habe dabei telefoniert. Auch zu Kolleg:innen aus entfernteren Abteilungen hielt sie auf diese Weise Kontakt.

Bei einem Gespräch mit ihrem damaligen Chef habe sie schließlich aus dem Bauch heraus gesagt, an wen sie nach ihrer Rückkehr berichten wolle. Diese Person war damals Infrastrukturmanager für den deutschsprachigen Raum und ist heute Deutschland-Geschäftsführer von Hewlett Packard Enterprise. „Das war schon sehr bold von mir“, meint Regina Brockmann rückblickend. Aber es kam ihr zugute. „Wenn man das Hamsterrad mal für eine Weile verlässt, hat man die Chance, sich strategisch mit seinem Job und den Strukturen im Unternehmen zu beschäftigen.“

Karin Lausch berät als Leadership- und Vertrauensexpertin. Viele Menschen hätten die Befürchtung, dass sich Kolleg:innen oder Führungskräfte hängen gelassen fühlen, wenn man für eine berufliche Auszeit länger abwesend ist | Foto: Ilka Hindrichs

WÄHREND DER PAUSE KONTAKT zu Führungskräften und Kolleg:innen zu halten, zahlt sich also aus, das sagt auch Vertrauensexpertin Lausch. Für Regina Brockmann ging es seit ihrer Elternzeit noch weiter nach oben, sie wurde gerade wieder befördert.

Heute leitet sie eine europaweite Geschäftseinheit. „Damit habe ich nicht gerechnet, man hat mich einfach gefragt“, sagt Brockmann. Während der Elternzeit hat sie sich eben gut vernetzt, hat zu allen Kontakt gehalten. Regina Brockmann und ihr Mann arbeiten in Vollzeit: „Mit Schule, Kindergarten, der Unterstützung von mehreren Kindermädchen und Oma klappt es richtig gut“, sagt die Managerin.

Sie habe in ihrer Auszeit gelernt, vorausschauender zu planen, auch mit Blick auf ihre Karriere: „Im Alltag mit den Kindern muss ich oft drei Schritte weiterdenken“, sagt Regina Brockmann. Das habe sie auf ihren Berufsalltag übertragen und sich Gedanken gemacht, wo es für sie hingehen soll und was sie dafür tun muss. Abschließend resümiert sie: „Diesen strategischen Blick konnte ich mir bewahren.“

5 TIPPS FÜR EINE AUSZEIT OHNE KARRIEREKNICK

01 DIE AUSZEIT KLUG BEGRÜNDEN
Statt dramatischer Formulierungen wie „Ich kann nicht mehr“ sind positive Botschaften geschickter,
etwa: „Ich möchte mit frischer Energie zurückkommen.“

02 GEZIELT KONTAKT ZUM TEAM HALTEN
Ein monatlicher Austausch per E-Mail oder Telefon hält über wichtige Entwicklungen auf dem Laufenden und signalisiert Interesse am Unternehmen.

03 ZEIT FÜR WEITERBILDUNG NUTZEN
Im Sabbatical ist Gelegenheit, neue Fähigkeiten zu entwickeln oder sich Zukunftsthemen wie KI draufzuschaffen. Das kann die Karriere danach sogar fördern.

04 WIEDEREINSTIEG FRÜHZEITIG PLANEN
Spätestens drei Monate vor Ende der Auszeit sollte man mit der aktiven Vorbereitung auf die Rückkehr beginnen und dabei klare berufliche Ziele definieren.

05 STRATEGISCHE PERSPEKTIVE ENTWICKELN
Die Distanz zum „Hamsterrad“ kann helfen, über Karriere und Unternehmensstrukturen nachzudenken. Dieser Weitblick ist womöglich bei späteren Beförderungen nützlich.