STRIVE: Viele Menschen starten mit dem Vorsatz ins neue Jahr, den Job zu wechseln oder zumindest endlich anzusprechen, was sie schon lange stört. Merken Sie das bei Ihren Klient:innen?
Dr. Bernd Slaghuis: Ich spüre es in den 15 Jahren meiner Arbeit als Karrierecoach jedes Jahr. Der Januar ist der Monat mit der höchsten Nachfrage. Die meisten meiner Klient:innen machen den Wechselimpuls nicht am Tag des Jahreswechsels fest, sondern tragen die Unzufriedenheit schon lange mit sich herum. Dennoch lädt der Jahreswechsel dazu ein, das eigene Leben zu reflektieren und sich neue Ziele zu setzen.
Wie erkenne ich dabei, ob mein Veränderungswunsch wirklich Substanz hat oder nur das Ergebnis einer kurzfristigen Neujahrseuphorie ist?
Viele Veränderungswünsche haben zu Beginn wenig Substanz und es ist wichtig, sich zu erlauben, auch verrückte oder unrealistisch erscheinende Gedanken zuzulassen sowie weiterzudenken. Jede Veränderung bedeutet Unsicherheit. Die Klarheit über den Weg zu einem Ziel darf wachsen. Dass dieser Wunsch mehr ist als nur eine Silvesterlaune, spüren viele an der Realität am ersten Tag im neuen Jahr zurück im alten Job.
Wenn mit diesem ersten Arbeitstag Frust einhergeht, ich unzufrieden bin, aber nicht weiß, was ich stattdessen will. Was raten Sie?
Das ist normal, also keine Panik. Viele kommen mit einem eindeutigen „Ich muss da raus“ zu mir, sehen das „Hin-zu“ jedoch noch nicht. Entscheidend ist, das Gedankenkarussell des Alten zu verlassen und mit echter Neugierde nach vorne zu blicken. Dieser Perspektivwechsel darf dauern, auch wenn die meisten am liebsten sofort Bewerbungen rausschicken würden.
Dabei ist eine Kündigung nicht immer die Lösung. Wie finde ich heraus, was der richtige nächste Schritt ist? Welche konkreten Fragen helfen hier?
Ich starte häufig mit meinem Werte-Tool. Hier geht es darum, was uns im Beruf wirklich wichtig ist und bei einem Arbeitgeber erfüllt sein sollte. Im Anschluss besprechen wir, was eine ideale neue Jobspielwiese ausmachen würde: Ist es konzeptionelle Arbeit, Kreativität oder strategisches Denken oder lieber die Umsetzung im Tagesgeschäft? Wieviel Routine tut gut, wieviel Abwechslung sollte es sein? Auch ein Blick auf die eigenen Stärken hilft, das Profil zu schärfen. Das schafft nicht nur Orientierung für die Suche, sondern wortwörtlich mehr Selbst-Bewusstsein.