Annahita Esmailzadeh

vor 2 Tagen

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Das Wundermittel, um die besten Mitarbeitenden loszuwerden

Gastartikel | Als Führungskraft ist es wichtig, alles genau im Blick zu haben. Doch in manchen Unternehmen wird jeder einzelne Schritt der Mitarbeitenden im Detail kontrolliert. Warum der Führungsstil "Mikromanagement" der größte Treiber für eine toxische Unternehmenskultur ist und was wirklich gute Führung ausmacht, erklärt uns Annahita Esmailzadeh in ihrem Gastartikel.

Das Wundermittel, um die besten Mitarbeitenden loszuwerden

(Symbolbild)

Menschen verlassen keine Unternehmen. Sie verlassen schlechte Führungskräfte.

Okay, ganz so drastisch können wir diese Aussage nicht qualifiziert stehenlassen. Es gibt durchaus auch andere Gründe, wieso Menschen kündigen. Und nicht immer ist der Chef oder die Chefin verantwortlich.

Nicht immer, aber dennoch unverhältnismäßig oft: Einer Gallup-Umfrage zufolge gibt jede:r Zweite an, schon mal aufgrund der Chefin oder des Chefs gekündigt zu haben. [1] Doch was ist eigentlich eine „schlechte“ Führungskraft? Aus meiner Sicht gibt es mannigfaltige Eigenschaften, die ungeeignete Vorgesetzte ausmachen können: Die Choleriker:innen, die Narzisst:innen, die Mobber:innen, die Verpeilten, die Uninteressierten, … Die Liste lässt sich beliebig lange fortführen. Ein bestimmter Führungsstil ist jedoch besonders effektiv, um die Kreativität und die Motivation der besten Mitarbeitenden, im Keim zu vernichten. Falls Sie also noch nach einer wirksamen Methode suchen, um die Motivation Ihres Teams nachhaltig zu zerstören und Ihre besten Mitarbeitenden zu verlieren, habe ich heute eine sehr effektive Strategie für Sie mitgebracht:

Optimieren Sie Ihren Kontrollwahn. Mit anderen Worten – führen Sie getreu dem Motto: „Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser.“ Mischen Sie sich in das Tagesgeschäft Ihrer Mitarbeitenden ein – und zwar immer und überall. Erklären Sie nicht nur jede Aufgabe bis ins kleinste Detail, sondern auch gleich den exakten Lösungsansatz. Selbstverständlich dürfen Sie dann auch keine Abweichung von diesem Ansatz dulden. Eigenständiges Denken? Sollte ab sofort absolut tabu sein. Konsequenterweise sollten Sie Ihren Mitarbeitenden natürlich auch jegliche Verantwortung entziehen. Halten Sie sich diszipliniert an das beschriebene Vorgehen, werden Ihre Bemühungen zeitnah Früchte tragen: Sie werden es schaffen jegliche Motivation, Kreativität und Produktivität Ihrer besten Mitarbeitenden in Windeseile im Keim zu ersticken und zeitgleich Ihre Fluktuation auf beeindruckende Weise zu erhöhen.

Doch jetzt mal im Ernst: Mikromanagement ist so 70er Jahre. Sind Menschen mit einem Mikromanager oder einer Mikromanagerin als Vorgesetzten „gesegnet“, hilft auf lange Sicht auch kein Schmerzensgeld in Form eines Spitzengehalts, ein schickes Büro oder eine kostenlose Kantine mehr. Von kostenlosem Kaffee oder Obstkörben ganz zu schweigen. Ich frage Bewerber:innen selbst in Vorstellungsgesprächen gerne, wieso sie ihren aktuellen Arbeitgeber verlassen wollen.

Nicht selten erhalte ich die Antwort, dass die aktuelle Führungskraft – beziehungsweise das aktuelle Arbeitsumfeld – nur unzureichende Freiräume und damit kaum Gestaltungsspielraum lässt. Dies wiederum hat zur Konsequenz, dass Menschen das Gefühl erhalten, selbst nichts bewegen zu können und irgendwann resignieren und nur noch Dienst nach Vorschrift leisten. Oder eben kündigen.

In den meisten Fällen entsteht Mikromanagement durch Angst.

Das Fatale daran ist, dass Mikromanagement vor allem jene Mitarbeitende zum Gehen bewegt, die das Team und das Unternehmen mit eigenen Ideen und Impulsen proaktiv nach vorne bringen wollen. Stelle ich Personen ein, die vorher von einem klassischen Mikromanager oder einer Mikromanagerin geführt wurde, sind zudem fast immer ähnliche „Symptome“ erkennbar. Die Menschen sind gehemmt und in manchen Fällen gar ängstlich, eigene Perspektiven und Vorschläge vorzubringen. Mikromanagement erhöht damit nicht nur die Fluktuation in Unternehmen und sorgt dafür, dass talentierte Mitarbeitende kündigen – sie kann auch das Selbstvertrauen von Menschen nachhaltig beschädigen.

Kontrolle abzugeben und loszulassen lohnt sich.

Zweifellos: Kontrolle abzugeben erfordert Vertrauen und manchmal auch Mut. In den meisten Fällen entsteht Mikromanagement durch Angst. Mikromanager:innen sind getrieben von ihrem zwanghaften Wunsch nach rigoroser Fehlervermeidung. Die Krux: In der Regel erreichen sie genau den gegenteiligen Effekt. Die Produktivität sowie Arbeitsmoral sinken. Es entsteht eine Kultur des Misstrauens und die Innovationsfähigkeit erodiert. Die Fluktuation hingegen erhöht sich.

Wir sollten nicht vergessen, dass Vertrauen das Fundament für ein positives Teamklima und eine gute Unternehmenskultur ist. Und sie wird top-down von Führungskräften vorgelebt. Kontrolle abzugeben und loszulassen lohnt sich daher. Versprochen.

[1] https://www.gallup.com/services/182216/state-american-manager-report.aspx

Über die Autorin:

Seit 2021 leitet Annahita Esmailzadeh den Bereich Customer Success Account Management für die Reise- und Transportindustrie sowie für den Energie- und Versorgungssektor bei Microsoft. Vor ihrer aktuellen Funktion verantwortete die studierte Wirtschaftsinformatikerin als Head of Innovation den Innovationsbereich für das SAP Labs in München. Als eine der bedeutendsten Business Influencerinnen im DACH-Raum, setzt sie ihre Reichweite auf den sozialen Netzwerken und in den Medien für mehr Diversität in der Wirtschaft sowie moderne Kultur- und Führungsansätze in der Arbeitswelt ein.

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