Wie wir Frauen aus der Teilzeitfalle holen

Gastbeitrag | Teilzeitbeschäftigung wird meist über Begriffe wie Lohnlücke, Diskriminierung oder das Karriere-Aus thematisiert. Kein Wunder also, dass sich aus dieser Wahrnehmung auch das Denken vieler Frauen speist: wer aufgrund der Familienzeit beruflich kürzertreten muss, landet schnell in der Teilzeitfalle. Das bedeutet für viele nach wie vor, berufliches wie auch finanzielles Abstellgleis. Grund genug, um endlich Positivbeispiele ins Bewusstsein zu rücken, die Teilzeit und Karriere gleichzeitig möglich machen.


Die deutsche Teilzeitfalle konnte sich vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Alleinverdienerehe – der Mann arbeitet, die Frau kümmert sich um Heim und Kind – flächendeckend erst so richtig etablieren. Denn bei der Mehrheit der deutschen Haushalte hieß es lange, dass die Frau doch eigentlich nicht arbeiten gehen müsse. Sie solle ihrem vom Job gestressten Ehemann lieber den Rücken freihalten, und sich um die Ausbildung der Kinder kümmern. Und wenn überhaupt noch Zeit bleibt, könne sie doch einfach ein paar Stunden als Bürokraft aushelfen. Eine erfüllende berufliche Entwicklung, ein ernstzunehmendes Gehalt nebst aller Wertschätzung und Anerkennung vor allem für Mütter – schlicht undenkbar. Denn diese Aspekte erfüllt bis heute fast ausschließlich die Vollzeit-Karriere.


Wer seine Arbeit um ein paar Stunden reduziert, soll gleich komplett auf seine Karriere verzichten?

Wer beruflich pausiert, wird karrieretechnisch abgestraft

Zwar hat sich in den letzten Jahren bereits viel getan, zumal mittlerweile häufig beide Eltern arbeiten. Dennoch hat gerade der Wiedereinstieg in Teilzeit für unzählige hochqualifizierte Frauen immer noch den harten Karriere-Knick zur Folge. Aber wie kann es sein, dass diese Frauen, die Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, beruflich so abgestraft werden? Anders ausgedrückt: wer seine Arbeit um ein paar Stunden reduziert, soll gleich komplett auf seine Karriere verzichten?


Dr. Nina Gillmann, Gründerin von Twise, und ihr Team haben genau für diesen „Systemfehler“ einen „Systemfix“ entwickelt. Dabei ist die Vision von Twise so einleuchtend wie einfach: alle Menschen sollen die gleichen Karrierechancen entlang ihres gesamten Erwerbslebens haben, unabhängig davon ob und wann sie beruflich mal kürzertreten müssen. Ein besonderes Augenmerk legt das female Start-up dabei auf die Mütter und Väter, denn sie fliegen in der Rush-Hour ihres Erwerbslebens – Familiengründung bei gleichzeitiger beruflicher Profilierung – am häufigsten aus der Karriere-Kurve. Das Modell der Frankfurter Unternehmerin adressiert aber nicht nur die Mütter und Väter. Auch dauergestresste Top-Manager:innen, die temporär ihren Workload reduzieren wollen, können davon profitieren.


Im Tandem an die Spitze

Denn das Twise-Modell ist ein Tandem-Modell, das es Frauen ermöglicht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und dennoch einer Vollzeit-Karriere gerecht zu werden. Je nach beruflicher Situation, Position und Motivation haben Frauen die Möglichkeit sich ihre Arbeit mit einer Tandempartnerin zu teilen. Da gibt es beispielsweise die Familiengründerinnen, die im klassischen „Eltern-Tandem“ die Elternzeit überbrücken wollen. Die zweite Gruppe sind Frauen, die nach einer längeren Pause den karrierefördernden Wiedereinstieg ins Berufsleben suchen. Sie möchten nicht in irgendeiner Assistenz-Funktion „geparkt“ werden. Dann gibt es da noch die Umsteigerinnen. Das sind Frauen, die in Vollzeit oder Vollzeit-nahen Positionen tätig sind, aber mehr berufliche Flexibilität brauchen, die sie bei ihrem aktuellen Arbeitgeber nicht finden. Sie suchen dringend Unternehmen, die ihnen flexible Karriere-Optionen bieten, ohne dass sie auf ihre berufliche Selbstverwirklichung verzichten müssen. Auch in der individuellen Arbeitsteilung gibt es viel Varianz. In der Elternzeit sind die gängigen Tandem-Modelle 20/80. In Führungsetagen gibt es auch die Aufteilung 60/60 oder 80/80 Prozent. Diese meist weiblichen Tandems entscheiden sich oft dafür, ihren Arbeitsplatz langfristig zu teilen und im „Doppelpack“ die Karriereleiter zu hoch zu steigen. Damit entstehen auch dem Arbeitgeber enorme Vorteile. Er bindet ambitionierte und qualifizierte Frauen an das Unternehmen, indem er eine langfristige Lösung zur Vereinbarkeit von Jobanforderung und Privatleben schafft und stabilisiert über Tandems auf unterschiedlichen Unternehmensebenen gleichzeitig seine weibliche Talentepipeline bis ins Top-Management. Mit diesem Ansatz wird langfristig nicht nur die Teilzeitfalle abgeschafft, auch der Quote kann man entspannt begegnen.


Dr. Nina Gillmann ist CEO & Founder von Twise, einem Startup, das über ein Tandem-Modell Fulltime-Jobsharing ermöglicht. Zuvor war sie zwölf Jahre als Beraterin bei McKinsey & Company tätig. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt in Frankfurt am Main.