STRIVE Magazine

„Die Gen Z wirkt häufig unbeeindruckt, weil wir Arbeit anders wahrnehmen“

Wer durch LinkedIn oder andere Social-Media-Netzwerke scrollt, findet derzeit viele Posts von Menschen, die sich um ihre Jobsicherheit sorgen. Die Gen Z gibt sich deutlich entspannter, zumindest gefühlt. Was steckt dahinter und wie nimmt das eine Gen-Z-Expertin wahr? STRIVE hat Anastasia Barner befragt. 

Anastasia Barner
Foto: Lennartius

STRIVE: Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung EY machen sich so viele Menschen wie seit 2019 nicht mehr Gedanken um ihre Jobsicherheit. Wie nimmst Du das bei der Gen Z wahr, Anastasia?

Anastasia Barner: 
Die Gen Z wirkt häufig unbeeindruckt, weil wir Arbeit anders wahrnehmen. Gerade bei Menschen in meinem Alter sehe ich eine größere innere Unabhängigkeit vom klassischen Job. Wir definieren unseren Wert weniger über eine:n Arbeitgeber:in, sind offener für Portfolio-Karrieren, Selbstständigkeit oder Neuanfänge. Das kann nach außen als Gleichgültigkeit interpretiert werden, ist in vielen Fällen aber Ausdruck einer hohen Anpassungsfähigkeit. Hinzu kommt das Bewusstsein, dass viele Berufe zwar langfristig aussterben werden, aber auch neue Tätigkeiten entstehen werden, für die es heute noch keine klaren Ausbildungs- oder Studienmöglichkeiten gibt.

Kannst Du uns erklären, woher dieser entspanntere Umgang mit Risiken kommt?
Anastasia Barner: 
Viele von uns sind mit Krisen sozialisiert worden: Erst war da die Finanzkrise, die wir bei unseren Eltern 2008/2009 miterlebt haben, dann die Corona-Pandemie als erste prägende Erfahrung im Studium, während der Ausbildung oder während des Berufseintritts, Kriege, Klimakrise und Inflation. Unsicherheit ist für uns kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Aber auch Social Media spielt eine Rolle.

Inwiefern?
Anastasia Barner: Wenn Dir bei TikTok und Instagram ständig jemand erzählt, dass du schnell mit einem Online-Side-Business sechsstellig im Monat verdienen kannst, dann glauben Teile der Generation das. Fun Fact: Die Generation Z fällt häufiger auf Internetbetrug herein als andere Generationen im Vergleich.

“Wenn Dir bei TikTok und Instagram ständig jemand erzählt, dass du schnell mit einem Online-Side-Business sechsstellig im Monat verdienen kannst, dann glauben Teile der Generation Z das.”

Anastasia Barner

Ist die Gen Z zu naiv?
Anastasia Barner: 
Wer ist in seinen jungen Jahren nicht naiv? Um hier aber auch eine Lanze für meine Generation zu brechen: Wir sind uns vieler wirtschaftlicher sowie politischer Problematiken sehr bewusst.

Welche Strategien könnten sich ältere Generationen von der Gen Z abschauen, wenn es um Unsicherheit im Job geht? Denn mal ehrlich: Selbst wenn es wirtschaftlich wieder bergauf geht, bleiben viele Unsicherheiten, etwa in Bezug auf KI… 
Anastasia Barner: Ich beschreibe die Generation Z gerne als eine, die konstant auf gepackten Koffern sitzt. Wir sind immer bereit, uns schnell an Neuheiten anzupassen, sei es eine neue App, ein KI-Tool oder ein neuer Job. Wir leben nach dem Motto: Wenn ich es nicht kann, dann lerne ich es durch Learning by Doing oder frage ChatGPT. Wenn ich an meinen Lieblingsspruch als Teenagerin denke, dann ist er heute noch aktuell: „Chill mal.“ Das heißt nicht, dass man sich keine Mühe geben soll, aber, dass man mit der Situation so umgeht, wie sie kommt. Zu verkopft an eine Sache heranzugehen, ändert sie auch nicht. Und in Gen Z-Manier manifestieren wir uns einfach unseren Traumjob!

Dennoch steigen die Arbeitslosenzahlen, jede dritte Firma will 2026 Stellen streichen. Inwiefern ist die Gen Z in mancher Hinsicht auch blauäugig?
Anastasia Barner: 
Es gibt Punkte, bei denen wir vielleicht noch zu optimistisch sind. Aber das hat weniger mit Ignoranz zu tun als mit unserer Lebensrealität. Viele befinden sich noch im Studium oder am Anfang ihrer Karriere, oft in akademischen oder wissensbasierten Feldern, die bislang vergleichsweise stabil erscheinen. Was sich langfristig rächen könnte, sind nicht nur die Ansprüche, sondern die Unterschätzung struktureller Risiken.

Was meinst Du genau?
Anastasia Barner: 
Dass auch akademische Jobs nicht garantiert sind, dass Karrieren nicht linear verlaufen und dass Sicherheit nicht allein durch einen Abschluss entsteht. Nach dem Studium bekommt fast niemand den Spitzenjob mit Topgehalt. Hier sind wir oft noch zu zuversichtlich. Gleichzeitig zeigen Studien, dass wir als Generation besonders mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, und ich frage mich, wie sich berufliche Ablehnung bei einigen auswirken wird. 

Portrait

Anastasia Barner

Gründerin

Anastasia Barner (27) ist Gründerin der Mentoring-Plattform FeMentor und eine der sichtbarsten Stimmen der Gen Z, wozu die Jahrgänge 1997 bis 2010 zählen. Sie berät Unternehmen und hält Keynotes, u.a. zum Umgang der jungen Generation mit Social Media und Themen wie Arbeitgeberattraktivität für junge Talente. 2023 erschien ihr Buch „(Ge)Gründet - Start-Up-Szene uncovered“ im Haufe Verlag.

Foto: Lennartius