Kristina Kreisel

„Der Survivorship Bias ist brutal“

Als 400-Meterläuferin war Sherin Maruhn Teil des Nationalkaders. Mit Anfang 30 hat sie nun ein Startup gegründet. Warum sie sich dafür zunächst zu alt fühlte, welchen Einfluss Plattformen wie LinkedIn auf diese Wahrnehmung haben und wann Erfahrung zum entscheidenden Vorteil wird, darüber haben wir mit der Gründerin gesprochen.

„Der Survivorship Bias ist brutal“
Foto: Ruben Elstner

Sherin, Du bist 33 und hast gerade eine Recovery-Brand gegründet. Auf LinkedIn schreibst Du, Du hättest Dich dafür lange zu alt gefühlt. Warum?

Die LinkedIn-Blase ist gnadenlos: Überall „30 under 30"-Listen, 24-Jährige, die Millionen raisen, und das Narrativ, dass man mit Mitte 20 entweder schon was aufgebaut hat oder irgendwie den Zug verpasst hat. Das ist auch an mir nicht vorbeigegangen. Ich war 32, als die Idee für LOOSH wirklich konkret wurde und mein erster Gedanke war tatsächlich: Eigentlich hätte ich das schon längst gemacht haben müssen. Das ist natürlich totaler Unsinn, aber solche Glaubenssätze sitzen tief, gerade wenn man jahrelang in Umgebungen war, in denen Schnelligkeit und frühzeitiger Erfolg glorifiziert werden.

Beides trifft auch auf die Startup-Szene zu. Woher kommt es Deiner Meinung nach, dass viele glauben, Erfolg müsse möglichst früh passieren?

Es ist eine Mischung aus Social-Media-Verzerrung und dem, was wir gesellschaftlich als „Erfolg" definieren. Wir sehen immer nur die Ausreißer: die 25-Jährigen mit Exit oder dem Unicorn-Startup. Aber wir sehen nicht die hundert anderen, die mit 35 oder 40 gegründet haben, vorher mehrere Unternehmen gestartet haben, aber nicht erfolgreich und dann großartige Unternehmen aufgebaut haben. Der Survivorship Bias ist brutal. Dazu kommt, dass gerade LinkedIn eine Plattform ist, auf der Meilensteine gefeiert werden und die schwierigen, ehrlichen Momente eher selten geteilt werden. Das ist ein Wahrnehmungsproblem.

„Die LinkedIn-Blase ist gnadenlos: Überall „30 under 30"-Listen, 24-Jährige, die Millionen raisen, und das Narrativ, dass man mit Mitte 20 entweder schon was aufgebaut hat oder irgendwie den Zug verpasst hat.”

Sherin Maruhn

Gab es einen bestimmten Moment, in dem Du das verstanden hast oder war das ein schleichender Prozess?

Den einen Moment gab es nicht. Ein Stück weit hat mir meine Sportkarriere dabei geholfen. Ich habe als 400-Meter-Läuferin gelernt, dass Timing, Vorbereitung und Reife entscheidender sind als Schnelligkeit. Man kann nicht einfach ohne Training loslaufen und gewinnen. Man muss zur richtigen Zeit in der richtigen Form sein. Wenn man sich das durchschnittliche Alter von Unicorn-Gründern anschaut, sieht man, dass diese Mitte bis Ende 30 bei ihrer Gründung waren. Die Jahre bei PwC, die Einblicke in Investorenlogiken, das Netzwerk, das war kein Umweg. Das war meine Startbahn für die Gründung.

In welcher Hinsicht ist es sogar von Vorteil, nicht direkt nach der Uni zu gründen?

Ich weiß genau, wie Investor:innen denken, weil ich jahrelang selbst auf deren Seite des Tisches saß. Ich weiß, wie Due Diligence aussieht, welche Fehler Gründer:innen in Pitches machen, worauf es bei der Finanzierungsstruktur ankommt. Das ist Gold wert. Dazu kommt das Netzwerk: Gute Mitarbeitende, die richtigen Partner:innen, Introductions – das entsteht nicht über Nacht. Und emotional: Ich bin heute belastbarer als mit 25. Ich weiß, dass Rückschläge keine Endpunkte sind. Das habe ich im Sport gelernt und im Beruf nochmal vertieft.

Trotzdem kennen gerade viele Frauen das Gefühl, für etwas vermeintlich zu alt zu sein. Was rätst Du ihnen?

Schreib einmal auf, was Du in den letzten Jahren gelernt hast: beruflich, persönlich, durch Umwege. Ich wette, die Liste ist länger als Du denkst. Deine Erfahrung ist kein Rucksack, der Dich bremst. Sie ist Dein Vorsprung. Und dann: Fang an. Nicht perfekt, nicht wenn alles passt, nicht wenn Du Dich bereit fühlst, sondern jetzt. Bereit zu sein ist ein Gefühl, das oft erst entsteht, wenn man schon mittendrin ist.

Vor Deiner Gründung warst Du Leichtathletin, hast zu den besten 400-Meter-Läuferinnen Deutschlands gehört. Was hast Du im Sport gelernt, was Dich in Deinem Job heute erfolgreicher macht?

Drei Dinge vor allem. Erstens: Disziplin schlägt Talent. Ich habe Mitläuferinnen erlebt, die mehr natürliches Talent hatten als ich, aber nicht konsequent trainiert haben. Im Startup ist es genauso: Konsistenz über Monate und Jahre gewinnt. Zweitens: Umgang mit Druck. Ein Finale bei den Deutschen Meisterschaften, da gibt es keine zweite Chance, kein „nochmal von vorne". Du musst unter Druck klar bleiben und Leistung abrufen können. Dieses Trainieren und Performen unter Druck hilft mir heute in Investor:innengesprächen, bei schwierigen Entscheidungen, in Krisen.

Was ist der dritte Faktor?

Drittens, und das ist fast das Wichtigste: Recovery ist keine Schwäche, sondern ein Teil der Leistung. Wer nicht regeneriert, bricht irgendwann ein. Das gilt für Athlet:innen genauso wie für Gründer:innen.

Warum ist Dir das Thema Recovery so wichtig, dass Du darum jetzt sogar eine Firma aufbaust?

Ich kenne Elektrolyte seit meiner Sportkarriere, sie waren für mich insbesondere wichtig, weil ich schon immer Schwierigkeiten hatte ausreichend zu trinken und eine gute Hydration ein Werkzeug ist, das jede:r Leistungssportler:in für Regeneration kennt. Als ich dann in der Beratung und der Startup-Welt ankam, habe ich gemerkt: Die Leute verbrennen sich genauso wie überlastete Athlet:innen, aber niemand spricht über Recovery. Kein Schlaf, kein Ausgleich, Koffein als Ersatz für echte Energie und das wird sogar glorifiziert. Gleichzeitig gab es kein Produkt auf dem Markt, das Recovery für den Alltag wirklich attraktiv und einfach macht. Charlotte, meine Mitgründerin, war als leidenschaftliche Cycling-Instructorin genauso überzeugt davon wie ich. Wir wollten etwas aufbauen, das nicht nur ein Supplement ist, sondern eine Haltung: dass Du Dir erlaubst, Pause zu machen, damit Du danach umso stärker zurückkommst. Und das reißt Menschen mit, die sich unserer Recovery Community angeschlossen haben.

Portrait

Sherin Maruhn

Co-Gründerin und CEO

Sherin Maruhn ist Co-Gründerin und CEO der Recovery-Brand LOOSH. Sie hat BWL mit Schwerpunkt Finance an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und arbeitete u.a. als Senior Venture Deals Advisor bei pwc, ehe sie 2025 gemeinsam mit Charlotte Küppers gründete. Maruhn lebt in Berlin.

Foto: Ruben Elstner