Gab es einen bestimmten Moment, in dem Du das verstanden hast oder war das ein schleichender Prozess?
Den einen Moment gab es nicht. Ein Stück weit hat mir meine Sportkarriere dabei geholfen. Ich habe als 400-Meter-Läuferin gelernt, dass Timing, Vorbereitung und Reife entscheidender sind als Schnelligkeit. Man kann nicht einfach ohne Training loslaufen und gewinnen. Man muss zur richtigen Zeit in der richtigen Form sein. Wenn man sich das durchschnittliche Alter von Unicorn-Gründern anschaut, sieht man, dass diese Mitte bis Ende 30 bei ihrer Gründung waren. Die Jahre bei PwC, die Einblicke in Investorenlogiken, das Netzwerk, das war kein Umweg. Das war meine Startbahn für die Gründung.
In welcher Hinsicht ist es sogar von Vorteil, nicht direkt nach der Uni zu gründen?
Ich weiß genau, wie Investor:innen denken, weil ich jahrelang selbst auf deren Seite des Tisches saß. Ich weiß, wie Due Diligence aussieht, welche Fehler Gründer:innen in Pitches machen, worauf es bei der Finanzierungsstruktur ankommt. Das ist Gold wert. Dazu kommt das Netzwerk: Gute Mitarbeitende, die richtigen Partner:innen, Introductions – das entsteht nicht über Nacht. Und emotional: Ich bin heute belastbarer als mit 25. Ich weiß, dass Rückschläge keine Endpunkte sind. Das habe ich im Sport gelernt und im Beruf nochmal vertieft.
Trotzdem kennen gerade viele Frauen das Gefühl, für etwas vermeintlich zu alt zu sein. Was rätst Du ihnen?
Schreib einmal auf, was Du in den letzten Jahren gelernt hast: beruflich, persönlich, durch Umwege. Ich wette, die Liste ist länger als Du denkst. Deine Erfahrung ist kein Rucksack, der Dich bremst. Sie ist Dein Vorsprung. Und dann: Fang an. Nicht perfekt, nicht wenn alles passt, nicht wenn Du Dich bereit fühlst, sondern jetzt. Bereit zu sein ist ein Gefühl, das oft erst entsteht, wenn man schon mittendrin ist.