STRIVE Redaktion

“Viele akzeptieren die kleinen Unannehmlichkeiten des Alltags einfach. Ich hinterfrage sie."

Vom Leistungssport zur internationalen Luxusmarke: Anne Dickhardt, Gründerin von ANY DI Munich, hat früh gelernt, dass Brüche oft der Anfang von etwas Neuem sind. Nach dem Ende ihrer Karriere als professionelle Tennisspielerin und Stationen im internationalen Brand Management entschied sie sich, nicht Teil bestehender Systeme zu bleiben, sondern selbst eine Kategorie zu schaffen. Aus einer konkreten Alltagssituation heraus entwickelte sie mit ANY DI ein Designkonzept, das Funktionalität und Ästhetik verbindet. Was mit einem Produkt begann, wurde schnell zu einem System mit klarer Vision. Im Interview spricht Anne darüber, warum Innovation im Alltag entsteht, weshalb Klarheit wichtiger ist als Geschwindigkeit und wieso Gründen keine Perfektion braucht, sondern den Mut, ins Handeln zu kommen.

“Viele akzeptieren die kleinen Unannehmlichkeiten des Alltags einfach. Ich hinterfrage sie."
Foto: ANY DI Munich

Anne, stell Dich doch einmal kurz vor: Wie sah Dein Weg bisher aus und wie bist Du an den Punkt gelangt, an dem Du heute stehst?

Ich bin Anne Dickhardt, Gründerin und Creative Director von ANY DI Munich. Mein Weg war nie linear und genau das hat ihn geprägt. Ich komme ursprünglich aus dem Leistungssport und war professionelle Tennisspielerin. Durch eine Verletzung musste ich jedoch einen neuen Weg einschlagen, da ich auf diesem Level nicht weiterspielen konnte. Das war ein einschneidender Moment, weil ich plötzlich gezwungen war, mich neu zu orientieren und meine Identität neu zu definieren.

Rückblickend war genau das der Anfang von allem. Ich habe gelernt, nicht an einem Plan festzuhalten, sondern neue Wege zuzulassen. Während meines Studiums und meiner ersten Stationen im internationalen Produkt- und Brand Management wurde mir klar, dass ich nicht nur Teil eines Systems sein möchte, sondern etwas Eigenes aufbauen will. ANY DI ist aus diesem Impuls entstanden: Dinge neu zu denken und Produkte zu entwickeln, die nicht nur ästhetisch sind, sondern wirklich funktionieren.

Du warst professionelle Tennisspielerin, bevor Du in die Business-Welt eingestiegen bist. Wie hat Dich diese Zeit geprägt und welchen Einfluss hat sie heute noch auf Deine Arbeit als Unternehmerin?

Der Leistungssport hat mich vor allem mental geprägt. Du bist komplett auf dich allein gestellt, triffst Entscheidungen unter Druck und musst mit Rückschlägen umgehen. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. Unternehmertum fühlt sich oft sehr ähnlich an: Du hast keine Garantie, dass etwas funktioniert, aber du musst trotzdem Entscheidungen treffen und weitergehen.

Die Verletzung hat mir zusätzlich gezeigt, wie wichtig Anpassungsfähigkeit ist. Dass ein Ende nicht das Ende sein muss, sondern auch ein neuer Anfang sein kann. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, ist vor allem Disziplin, Resilienz und der Anspruch, konstant besser zu werden, ohne dabei die eigene Vision aus den Augen zu verlieren.

Nach Deiner Sportkarriere hast Du im internationalen Produkt- und Brand Management gearbeitet. Was waren die wichtigsten Learnings aus dieser Zeit?

Ich habe gelernt, dass ein Produkt allein nicht ausreicht. Es geht immer um das Zusammenspiel aus Produkt, Marke und Kontext. Gerade im internationalen Umfeld wird einem schnell klar, wie wichtig Differenzierung ist. Viele Produkte sind gut, aber nur wenige bleiben wirklich im Kopf.

Ein weiteres wichtiges Learning war, konsequent aus Kundensicht zu denken. Nicht: Was gefällt mir? Sondern: Was wird wirklich gebraucht? Dieses Verständnis war später entscheidend für den Aufbau von ANY DI.

„Ein gutes Produkt erfüllt Erwartungen. Ein Produkt, das eine Kategorie verändert, stellt diese Erwartungen infrage."

Anne Dickhardt

Mit ANY DI Munich hast Du eine Marke aufgebaut, die Funktionalität und Luxus verbindet. Wie kam es zu der ursprünglichen Idee? Und was hat Dich dazu bewegt, zu gründen?

Die Idee kam aus einer ganz konkreten Alltagssituation. Ich war viel unterwegs und habe gemerkt, dass es für etwas so Selbstverständliches wie eine Sonnenbrille keine wirklich gute Lösung gibt. Entweder funktional, aber nicht ästhetisch. Oder schön, aber unpraktisch. Diese Lücke wollte ich schließen.

Die Entscheidung, zu gründen, war dann fast eine Konsequenz daraus. Ich wollte nicht darauf warten, dass jemand anderes diese Idee umsetzt. Ich wollte sie selbst realisieren.
 
Der Startpunkt war ein einziges Produkt, Euer SunCover. Wann hast Du gemerkt, dass daraus mehr als nur ein Einzelprodukt entstehen kann?

Der Startpunkt war eigentlich nicht nur ein Produkt, sondern eine Idee. Ich habe mit einer Kollektion begonnen: Im Zentrum stand die Vision einer wandelbaren Luxus-Handtasche, die sich in einen Rucksack transformieren lässt. Das SunCover ist daraus entstanden als funktionales Accessoire, das dieses System ergänzt. Relativ schnell habe ich gemerkt, dass die Reaktion darauf eine andere ist. Menschen haben nicht nur die einzelnen Produkte verstanden, sondern das Prinzip dahinter.

Weiter ging es dann mit einem individuellen Strap Set System, das die Produkte miteinander verbindet und noch mehr Flexibilität in den Alltag bringt. Es ging plötzlich nicht mehr nur um einzelne Pieces, sondern um ein durchdachtes Zusammenspiel. Eine neue Art, wie man Accessoires nutzt und kombiniert. In diesem Moment wurde mir klar, dass daraus mehr entstehen kann als einzelne Produkte. Nämlich eine Marke mit einem klaren Systemgedanken und das Potenzial für eine eigene Kategorie.

Du hast mit ANY DI gleich zwei designpatentierte Innovationen auf den Markt gebracht: die wandelbare Tasche und das SunCover. Wie entsteht bei Dir Innovation?

Innovation entsteht für mich im Alltag. Ich beobachte, wie Menschen sich bewegen, reisen und Dinge nutzen. Und wo es Reibung gibt. Viele akzeptieren diese kleinen Unannehmlichkeiten einfach. Ich hinterfrage sie. Es geht nicht darum, etwas komplett Neues zu erfinden, sondern Bestehendes so zu verbessern, dass es wirklich sinnvoller wird.

Was unterscheidet für Dich ein „gutes Produkt“ von einem Produkt, das wirklich eine Kategorie verändert?

Ein gutes Produkt erfüllt Erwartungen. Ein Produkt, das eine Kategorie verändert, stellt diese Erwartungen infrage. Es löst ein Problem so klar und intuitiv, dass man sich fragt, warum es vorher niemand so gemacht hat. Und genau das ist der Unterschied: Es schafft etwas, das bleibt. Nicht nur etwas, das kurzfristig funktioniert.

Du sprichst davon, nicht nur Accessoires zu designen, sondern zu designen, wie Menschen sich durch die Welt bewegen. Was bedeutet das konkret in Deiner täglichen Arbeit?

Für mich beginnt Design nicht beim Produkt, sondern beim Verhalten. Ich denke immer in Situationen: unterwegs sein, reisen, wenig Zeit haben, schnell reagieren müssen. Unsere Produkte sollen sich genau in diese Momente einfügen: intuitiv, funktional und gleichzeitig ästhetisch. Das bedeutet, dass Funktionalität und Design nie getrennt gedacht werden, sondern immer zusammen.

ANY DI wächst international, besonders im Travel Retail. Was sind die größten Herausforderungen, wenn man eine Marke global denkt und skaliert?

Die größte Herausforderung ist, die Balance zu halten. Internationales Wachstum bringt viele Chancen, aber auch die Gefahr, die eigene Markenidentität zu verwässern. Es geht darum, die richtigen Partner zu wählen, konsequent zu bleiben und nicht jeder kurzfristigen Möglichkeit hinterherzulaufen. Wachstum allein ist nicht das Ziel, sondern nachhaltiges, bewusstes Wachstum.

Viele Gründer:innen orientieren sich stark an Trends. Wie schafft man es, diesen Fokus zu behalten?

Indem man sich immer wieder auf das eigene Warum zurückbesinnt. Trends sind kurzfristig. Eine Kategorie aufzubauen bedeutet, langfristig zu denken. Für mich ist Klarheit wichtiger als Geschwindigkeit. Wenn man weiß, wofür man steht, wird es einfacher, sich nicht ablenken zu lassen.

Gab es auf Deinem Weg einen Moment, in dem Du gezweifelt hast?

Ja, natürlich. Diese Momente gehören dazu. Unternehmertum ist kein gerader Weg. Es gibt immer wieder Phasen, in denen Dinge nicht so laufen, wie man es sich vorstellt. Was mir in diesen Momenten hilft, ist der Fokus auf die Vision. Wenn das Warum stark genug ist, findet man auch einen Weg durch schwierige Phasen.

Was bedeutet Erfolg für Dich heute?

Meine Definition von Erfolg hat sich verändert. Früher war Erfolg sehr stark mit Leistung und Ergebnissen verbunden. Heute ist es für mich die Kombination aus Wachstum, Relevanz und dem Gefühl, etwas Nachhaltiges aufzubauen. Etwas, das bleibt und einen echten Mehrwert schafft.

Welchen Rat würdest Du Menschen geben, die selbst gründen möchten?

Nicht zu lange warten. Man wird nie komplett bereit sein und das ist auch nicht notwendig. Wenn eine Vision da ist, sollte man anfangen. Der Rest entwickelt sich im Prozess. Perfektion ist nicht der Anfang, sondern das Ergebnis von Bewegung.

Portrait

Anne Dickhardt

Gründerin & CEO

Anne Dickhardt ist Gründerin, CEO und Creative Director von ANY DI Munich. Ihre Karriere begann im Leistungssport mit dem klaren Ziel, die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste zu werden. Eine Verletzung zwang sie früh zum Umdenken und wurde zum Ausgangspunkt für einen neuen Weg. Mit der gleichen Disziplin und Konsequenz wechselte sie in die Mode und Designwelt und studierte Mode und Designmanagement in München. Nach Stationen im internationalen Produkt und Brand Management gründete sie ANY DI. Was mit dem patentierten SunCover begann, ist heute eine international wachsende Marke im Travel Retail. Anne versteht Design nicht als Produktentwicklung, sondern als System. Ihr Anspruch ist es, neu zu denken, wie Menschen sich durch die Welt bewegen.

Foto: ANY DI Munich