Norman Körner

Was Frauen uns übers Älterwerden lehren

Älterwerden wird oft als Verlust an Möglichkeiten missverstanden. Doch wer den Blick auf weibliche Erfolgsgeschichten lenkt, entdeckt das Gegenteil. Warum gerade Frauen in dieser Lebensphase zu Meisterinnen der Neuerfindung werden und was Männer davon lernen können, erklärt Norman Körner.

Was Frauen uns übers Älterwerden lehren
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Wir sprechen gerne von lebenslangem Lernen, von Wandel, Agilität und Offenheit. Doch sobald es konkret wird, nämlich jenseits der 50, endet diese Offenheit häufig sehr abrupt. Besonders im Angestelltenverhältnis zeigt sich das: Wer mit Mitte oder Ende fünfzig noch einmal neu anfangen möchte, stößt schnell auf unsichtbare Mauern.

Die Vorurteile lauten: zu alt, zu teuer, zu festgelegt. Eine berufliche Neuerfindung ist offiziell zwar ausdrücklich erwünscht, in der Praxis aber kaum möglich. Was bleibt, ist häufig nur ein einziger Weg: der Schritt in die Selbstständigkeit.

Dieser erfolgt oft nicht aus einem romantischen Freiheitsdrang heraus, sondern schlicht aus einem Mangel an Alternativen. Das ist einerseits ernüchternd, zugleich jedoch eine große Chance.

Ein zweites oder drittes berufliches Leben ist kein Scheitern, sondern Ausdruck von Reife.

Norman Körner

Warum gerade Frauen berufliche Brüche meistern

Was mir dabei in den vergangenen Jahren besonders aufgefallen ist: Viele der inspirierendsten Beispiele für berufliche Neuerfindung im Alter sind weiblich. Es sind Frauen, die mit 40, 50 oder 60 noch einmal ganz von vorne anfangen.

Sie wechseln die Branche, lassen alte Rollen hinter sich und richten sich neu aus. Nicht etwa, weil es ihnen leicht gemacht würde, sondern weil sie es im Gegensatz zu vielen Männern gewohnt sind, Brüche in ihre Biografie zu integrieren.

Woran liegt das? Nun, weibliche Biografien verlaufen selten geradlinig. Familienarbeit, Teilzeit, Unterbrechungen: All dies wird nach wie vor zum Großteil durch Frauen gewährleistet. Daraus resultiert die Fähigkeit, die eigene Identität nicht ausschließlich aus dem beruflichen Status oder einer möglichst hohen Position zu beziehen.

Während männliche Karrieren häufig auf Kontinuität, Aufstieg und Titel ausgerichtet sind, haben viele Frauen gelernt, sich immer wieder neu zu definieren. Von diesen weiblichen Role Models habe ich gelernt, dass das Älterwerden nicht als ein bloßes Abstellgleis, als der letzte, nicht mehr gestaltbare Lebensabschnitt zu betrachten ist.

Eine Phase der biografischen Verdichtung

Vielmehr ist das Alter eine Phase der Verdichtung: Erfahrung plus Neugier. Es ist die Klarheit darüber, was nicht mehr passt. Und es ist der Mut, dennoch einmal loszugehen. Ich habe gelernt, dass Routinen sich ändern dürfen. Dass Arbeit nicht bis zum Ende gleich aussehen muss. Und dass Lebensfreude nichts mit Jugend zu tun hat, sondern mit der Beweglichkeit im Kopf.

Ein Beispiel dafür ist Arianna Huffington. Sie gründete die „Huffington Post“ erst im Alter von 55 Jahren. Später erfand sie sich erneut neu als Stimme für Achtsamkeit, Gesundheit und neue Arbeitskulturen. Sie steht für bewusste Kurskorrekturen im Leben und dafür, Erfolg neu zu definieren: weg von reinem Leistungsdenken hin zu Sinn, Balance und Selbstverantwortung.

Männer als Verteidiger des Status quo?

Doch gerade Männer sind darauf trainiert, ein einmal erreichtes Bild von sich selbst zu verteidigen. Und genau das macht uns im Alter unbeweglich, beruflich wie persönlich.

Ich schreibe diesen Text auch, um Männer zu ermutigen, von diesen weiblichen Lebensentwürfen zu lernen. Ein zweites oder drittes berufliches Leben ist kein Scheitern, sondern Ausdruck von Reife.
Wir sind noch lange nicht fertig.

Das ist vielleicht das größte Glück des Älterwerdens: Es konfrontiert uns mit der Endlichkeit, aber auch mit der Freiheit, Erwartungen abzustreifen, die nie wirklich die eigenen waren. Es erlaubt uns, Fragen neu zu stellen: Was will ich beitragen? Wofür lohnt es sich, Energie aufzubringen? Und was darf ich getrost hinter mir lassen?

Älterwerden bedeutet nicht automatisch einen Verlust an Möglichkeiten

Weibliche Role Models zeigen, dass Stärke nicht aus Härte entsteht, sondern aus Anpassungsfähigkeit, aus der Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten und Übergänge nicht als Makel zu begreifen, sondern als Teil einer lebendigen Biografie.

Diese Haltung ist kein weibliches Privileg, sondern ein Angebot gerade an Männer, die oft gelernt haben, Stabilität mit Stillstand zu verwechseln. Wenn wir beginnen, das eigene Leben weniger als Linie und mehr als Landschaft zu sehen, verändert sich der Blick. Dann entsteht innere Souveränität.

Vielleicht ist genau das der Kern dieser Erkenntnis: Älterwerden bedeutet nicht, weniger Möglichkeiten zu haben. Es bedeutet, bessere Fragen zu stellen und den Mut zu entwickeln, ihnen konsequent zu folgen.

Portrait

Norman Körner

Norman Körner, 58, hat die bewusste Entscheidung getroffen, niemals mit dem Arbeiten aufzuhören. Nach über vier Jahrzehnten im öffentlichen Dienst befindet sich der passionierte Yogalehrer in einer Phase der Neuausrichtung als Speaker und Moderator mit dem Schwerpunkt auf gesundem und lebensfrohen Altern.

Sein erklärtes Ziel ist die Etablierung eines TV-Formats, das sich dieser Thematik widmet und Menschen über 50 porträtiert, die einen gänzlich neuen Lebensentwurf realisieren.

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