Wie wir Alltagsseximus vermeiden können

Gastbeitrag | Frauen sind oft mit Sexismus und Stereotypen konfrontiert. Verhaltensweisen wie "Mansplaining" oder unangemessene Witze zu ignorieren, trägt nur dazu bei, toxisches Verhalten zu normalisieren. Wie sich Frauen dagegen wehren können, erklärt Dr. Bettina Palazzo, Unternehmensethik-Beraterin.

Viele Frauen verschweigen oder ignorieren toxisches Verhalten (Symbolbild)



Am Anfang meiner Karriere saß ich eines Tages in einem Meeting und ein älterer Kollege überschüttete mich mit schlüpfrigen Bemerkungen. Ich fühlte mich schrecklich, hatte keine Ahnung, wie ich darauf reagieren sollte und ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, das bei der Personalabteilung zu melden. Ich dachte, ich hätte wohl irgendetwas falsch gemacht und hielt das Ganze für einen unglücklichen Einzelfall.


Erst sehr viel später und vor allem seit #metoo wissen wir, dass derartige Übergriffe gegen Frauen in der Arbeitswelt keine Einzelfälle, sonder systemisch sind. Sie passieren immer und überall. Und so wie mir, damals in den 90ern, geht es vielen Frauen heute noch. Wir wissen, dass über die Hälfte der Frauen in derartigen Situationen sich nicht wehren und ihre Peiniger auch nicht melden.


Warum sagen sie nichts?

Das liegt daran, dass sexuelle Belästigung auch deshalb ein so kompliziertes Thema ist, weil es oft klein anfängt. Ein sexistischer Witz da, eine herabwürdigende Bemerkung dort. «Ist doch nicht so schlimm? Hat er das wirklich so gemeint?» «Wegen so eine Kleinigkeit mache ich doch kein Fass auf!», denkt sich die moderne Frau.


Denn sie spürt auch ganz genau, dass, wenn sie es täte, sie einige schwer kalkulierbare Risiken einginge:


«Ich bin doch kein Opfer!»


«Das glaubt mir doch keiner!», ja, die Beweislage ist oft dürftig.


«Er ist doch mein Chef! Wenn ich den melde, kann ich meine Karriere vergessen!»


Der Rechtsweg ist oft ausgeschlossen oder zumindest sehr beschwerlich und riskant.


Deshalb habe ich das «Kommunikations-Aikido für furchtlose Frauen» entwickelt. Das ist ein Werkzeugkasten an smarten Verteidigungsstrategien, die helfen, sexistische Übergriffe unmittelbar mit einem kalten Lächeln und ohne Eskalation im Keim zu ersticken. Eben wie bei der gewaltfreien Kampfsportart Aikido.


Statt den Gegner zu vernichten, nimmt man seine Energie auf, wendet sie gegen ihn, um ihm die Lust am Angriff zu nehmen. Idealerweise wird Ihr Widersacher, der nicht unbedingt bösartig sein muss, erkennen, dass er mit seinen Machtspielchen (und darum geht es letztendlich bei sexueller Belästigung) zu weit gegangen ist und sie und andere Frauen in Zukunft unbehelligt lassen. Denken Sie immer daran «What you permit, you promote!» Wenn Sie sich nicht wehren, wird respektloses Verhalten immer weitergehen und normalisiert.


Was ist also zu tun?


1. Always prepared!

Der erste Schritt zur furchtlosen Kommunikations-Aikidoka ist gute Vorbereitung. Vor allem junge Frauen werden von sexistischen Angriffen kalt erwischt, weil sie einfach nicht damit rechnen. Hier ist es extrem hilfreich, wenn man ein paar smarte Sätze (Ich nenne das "Feminist Power Skripting") drauf hat, um Parade zu bieten.


Wenn also der Kollege mitten im Team-Meeting sagt: "Du siehst ja sexy aus in dem Kleid!" Dann schauen Sie ihm streng in die Augen und sagen: "Können wir uns bitte auf die Arbeit konzentrieren!" und dann schweigen Sie, ein letzter eisiger Blick und Sie gehen zur nächsten Aufgabe über. Fertig! Sie haben ein Machtwort gesprochen, Sie lösen die Spannung wieder auf, vermeiden eine Eskalation und gehen direkt wieder zu Ihrem normalen, erfolgreichen Leben über.

Allein zu wissen, dass Sie eine Liste an smarten Verteidigungssätzen parat haben, wird ihnen helfen, souverän zu bleiben. Denn wer die Nerven bewahrt, hat immer die Nase vorn.





Feminist Power Skripting:

"Sie scheinen einen schlechten Tag zu haben. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?"


"Du legst doch sicher auch Wert auf einen professionellen Umgangston!"


"Auf welche Informationen stützt du dich dabei?"


"Was meinen Sie damit?"


"Ich habe nicht verstanden... Würden Sie das bitte wiederholen?"


"Ich bin neugierig, lass es mich verstehen..."


"Das ist ziemlich unhöflich."


"Bitte sagen Sie so etwas nicht in meiner Gegenwart."


"Ich fühle mich dadurch beleidigt."


"Solche Sprüche werden bei uns nicht geduldet."


Ein wichtiger Grund, warum sexuelle Belästigung sich immer noch so hartnäckig hält, ist, dass sie oft ungestraft bleibt.

2. Stay in Control

Leider lösen sexistische Angriffe aber unsere irrationalsten Instinkte aus. Mit erhöhtem Adrenalinspiegel souverän zu reagieren ist schwer, weil unser Hirn unter Stress mit einem Flucht- oder Kampfreflex reagiert. Entweder man schlägt zurück und die Situation eskaliert oder man erstarrt wie ein Reh im Scheinwerferlicht und macht sich zum hilflosen Opfer.


Eine Erste-Hilfe-Maßnahme für Ihr Nervenkostüm ist das Reframing der Motive Ihres Angreifers. Statt anzunehmen, dass der Kollege Sie aus bösen Motiven heraus destabilisieren will, stellen Sie sich vor, dass er nicht gut geschlafen hat oder sehr hungrig ist. Es spielt keine Rolle, welche Interpretation richtig ist, diese Technik wird Ihnen helfen, sich zu beruhigen.


Mit einer selbstbewussten Körpersprache und fester Stimme sagen Sie dann langsam Ihren Power-Satz und falls Ihnen doch keine passende Antwort einfällt, dass schweigen Sie eisig. Das geht immer!




3. Be an Ally!

Ein wichtiger Grund, warum sexuelle Belästigung sich immer noch so hartnäckig hält, ist, dass sie oft ungestraft bleibt. Die Angreifer erfahren keinen Widerstand. Alle erstarren und warten darauf, dass jemand anderes einschreitet, meist traut sich niemand. Diesen "Bystander-Effekt" kennen wir aus der sozialpsychologischen Forschung. Aber furchtlose Frauen kümmern sich nicht darum, sondern grätschen souverän dazwischen. Das hilft nicht nur dem Opfer, sondern sendet auch ein klares Signal, dass Sie eine ernsthafte Gegnerin sind und verhindert, dass sich respektloses Verhalten wie ein Virus verbreitet.


Mir ist klar, dass all diese Techniken nur ein Erst-Hilfe-Kasten sind. Was wir wirklich wollen ist, dass die Männer und die Organisationen sich ändern. Das wird bei dem derzeitigen Tempo leider noch dauern. Und bis dahin, ist mir es ein Herzensanliegen, dass Frauen wissen, wie sich wirksam wehren und verbünden können.


Alone you have power. Together we have force.


Foto: Dr. Bettina Palazzo

Über die Autorin:

Als Tochter einer Mutter, die ihrer Zeit voraus war, hat Dr. Bettina Palazzo das Thema Gender und Diversity schon immer begleitet. In ihrem beruflichen Leben musste sie früh lernen, sich in der harten Realität von nicht gerade frauenfreundlichen Organisationen durchzusetzen. Nach der Promotion half sie Ende der 90er dabei, Unternehmensethik bei KPMG als Beratungsleistung aufzubauen. Damals eine echte Pionierarbeit! Heute begleitet sie als Beraterin Unternehmen dabei, ihre Integritätskultur zu verbessern und das «ethical leadership» ihrer Führungskräfte zu fördern. 2000 schrieb sie zudem eine Studie über weibliche Karrierehindernisse für das deutsche Bildungsministerium. www.bettinapalazzo.com, https://www.linkedin.com/in/bettina-palazzo/