Wie kann ich mit Neid umgehen und ihn für mich nutzen?

STRIVE+ | Er gilt als Charakterschwäche, im religiösen Sinne sogar als Todsünde. Dabei hat der gute, alte Neid vor allem eins: ein Image-Problem. Denn wer es schafft, der hitzigen Emotion gegenüber cool zu bleiben, kann sie als Motor nutzen. Wie geht das?


Viele von uns empfinden regelmäßig Neid – wenige von uns können allerdings damit umgehen (Symbolbild)

Hand aufs Herz, waren Sie schon einmal so richtig neidisch? Und haben, etwa bei einer Beförderungsfeier in der Büroküche, zwar mit den Kolleg:innen angestoßen, aber klammheimlich in der Hosentasche die Faust zusammengeballt? Neid gilt in unserer Gesellschaft als Charakterschwäche. Friedrich Nietzsche bezeichnete das Gefühl als „Schamteil der menschlichen Seele“, Seneca warnte vor knapp 2.000 Jahren: „Nie wird einer glücklich sein, den das größere Glück eines anderen wurmt.“ Noch härter als die beiden Philosophen geht die katholische Kirche mit dem Gefühl ins Gericht und führt es gar unter ihren sieben Todsünden – also jenen „Hauptsünden“, die als besonders verwerflich eingeschätzt werden und durch die der Mensch die Gemeinschaft mit Gott mit vollem Willen verlässt. Oha!


Was aber geschieht aus psychologischer Sicht in der Büroküche? Die Sozialpsychologin Katja Corcoran (49) von der Karl-Franzens-Universität in Graz beschäftigt sich in ihrer Forschung mit den Konsequenzen von sozialen Vergleichen. Sie erklärt: „Der typische Auslöser für Neid ist ein Auswärtsvergleich. Ich sehe eine andere Person, die etwas hat oder kann, was ich auch haben oder können will – das geht mit einem gewissen Schmerz einher.“ Ob und wie stark eine Person diesen Schmerz empfindet, ist individuell unterschiedlich und hängt davon ab, wie leistungs- und statusorientiert oder auch gierig sie ist. Als Reaktion auf Neid gibt es dann zwei Möglichkeiten: Wenn es gut läuft, nutzt man ihn als Motivation, dasselbe zu erreichen und mit den Beneideten aufzuschließen. Läuft es schlecht, entsteht Missgunst. Diese bösartige Form des Neides geht dann oft mit dem Versuch einher, andere zu sich herunterzuziehen – etwa in Form von Mobbing, Intrigen oder übler Nachrede.


Man muss auch gönnen können

Neid als positiven Motor nutzen zu können, hat etwas mit einer Geisteshaltung zu tun. Mit dem Gedanken „Das will ich auch erreichen!“ geht es los. Sinnvoll ist es, sich auch immer wieder das Ziel vor Augen zu halten und für den Weg grundlegende Fragestellungen zu klären. Etwa: Wo genau will ich hin? Warum will ich da hin? Welche Schritte muss ich einleiten? „Das ist dann eine Frage der Handlungsregulation. Sprich: Wie kann ich mein Handeln ausrichten, damit ich dahin komme, wo die andere Person bereits ist?“, sagt die Psychologin.


Wenn es gut läuft, nutzt man Neid als Motivation. Läuft es schlecht entsteht Missgunst

Dabei gibt es nur ein Problem: Um ins Handeln zu kommen, muss das schmerzhafte Gefühl von Neid zunächst einmal überwunden werden. Untersuchungen deuten darauf hin, dass es hilft, sich beim Erreichen seiner Ziele in einer positiven Gedankenwelt zu beenden. Ein gut funktionierendes Werkzeug, um sich in Stimmung zu bringen, ist Vorfreude. Wer es schafft, gedanklich an seine Stärken zum Überwinden von Barrieren anzuknüpfen und sich aufs Ziel zu freuen, hat die beste Startposition. Ob und welche Art von Neid entsteht, wird auch durch das Gerechtigkeitsempfinden gesteuert. Haben andere sich die Belohnung selbst erarbeitet, einiges an Energie in die Sache gesteckt und viel Einsatz für den neuen Posten gezeigt? Dann fällt es mit dem Gönnen weniger schwer. Ebenso, wenn die Antwort auf die Frage „Könnte ich aus eigener Kraft Ähnliches erreichen?“ klar „Ja“ lautet. Das Gefühl der Kontrollierbarkeit ist dabei zentral. Wenn ich glaube, überhaupt nicht hinkommen zu können, wo andere sind – dann bleibt mir nichts anderes übrig, als sie zu mir runterzuziehen.


Sozialpsychologin Katja Corcoran (49)

Neid ist auch Chef:innen-Sache

In einem kompetitiven Klima, also zum Beispiel bei der Arbeit, trifft Neid auf besonders fruchtbaren Boden. Dazu kommt: Nicht immer geht dort alles nachvollziehbar und gerecht zu. Wird im Berufsleben zum Beispiel wiederholt wahrgenommen, dass andere schneller vorankommen und in höhere Positionen besetzt werden, kann Motivation schnell in negative Emotionen umschlagen. Zwar lassen sich in unserer Leistungsgesellschaft potenziell Neid auslösende Situationen im Job kaum vermeiden – am Ende des Tages kann eben meist nur eine Person befördert werden. Unternehmen können gegen die Entstehung destruktiver Gefühle ansteuern. Bei Rahmenbedingungen haben Vorgesetzte zum Beispiel durchaus Gestaltungsmöglichkeiten, etwa bei der Verteilungsgerechtigkeit. Die Forschung hat gezeigt, dass es dabei weniger darum geht, wer einen Posten letztendlich bekommt. Sondern vielmehr um die transparente Darstellung der Prozesse. Sie ist ausschlaggebend dafür, dass Mitarbeiter:innen Entscheidungen akzeptieren. Außerdem können Chef:innen ihre Mitarbeiter:innen in puncto Kontrollierbarkeit unterstützen. Werden die Mechanismen einer Beförderung offen kommuniziert, bleibt für negativen Neid wenig Spielraum. „Wenn ich weiß, warum andere etwas bekommen haben und wenn klar ist, was ich tun müsste, um dasselbe zu bekommen, entsteht eher keine Missgunst“, so Corcoran.


Positives Denken gegen negative Gefühle

Agieren eigene Chef:innen weniger transparent und spürt man eben doch einmal Neid aufkommen, lohnt es sich, das Gefühl offen zuzugeben. Vielleicht nicht unbedingt den Kolleg:innen gegenüber. Aber Corcoran zählt als Sozialpsychologin auf die Kraft der Gemeinschaft. Denn obwohl Neid im Sozialen entsteht, liegen genau dort auch die Möglichkeiten für positives Denken und Verarbeitung. „Gegenüber Freund:innen oder wohlwollenden Menschen kann es durchaus helfen, negative Emotionen zu zeigen und mit ihnen darüber zu sprechen. Negative Gefühle haben eine bestimmte Funktionalität. Neid hat etwas mit dem sozialen Gefüge zu tun. Wir erkennen durch ihn, wer wo steht und wohin ich selbst will.“ Grund, sich für die unpopuläre Emotion zu schämen, gibt es also nicht. Zumal man sich durch das wahrgenommene Defizit meist ohnehin schon schlecht fühlt. Um sich aus einer destruktiven Gedankenspirale herauszuwinden, sollten Gefühle lieber zugelassen als verdrängt und als eine normale Reaktion akzeptiert werden. Wer von negativen Emotionen überwältigt wird, kann beispielsweise mithilfe von Achtsamkeitstraining lernen, sie nicht gleich zu bewerten, sondern erst einmal neutral anzuschauen. Und sich dann in Ruhe überlegen, was man mit ihnen machen möchte. Sie wieder gehen lassen – oder sie als Motor einsetzen?


Hilfe, ich bin neidisch! Was tun? 10 Tipps für den Umgang mit Neid

1. Erkennen

Den Neid erkennen und neutral als funktionale Emotion betrachten.


2. Durchatmen

Durchatmen und das Werten abstellen.


3. Aussprechen

Mit Freund:innen über die Neidgefühle sprechen.


4. Gehen lassen

Missgünstige Gedanken bewusst wegschicken.


5. Positiv denken

„Das will ich auch erreichen!“


6. Visualisieren

Das Ziel klar formulieren und sich vorstellen.


7. Schritt für Schritt

Schritte zum Erreichen des Ziels durchspielen.


8. Kommunikation

Mit dem Umfeld (z.B. Chef:innen) die Absichten besprechen.


9. Vorfreude

Durch Vorfreude auf das Ziel für eine positive Stimmung sorgen.


10. Danke!

Dankbarkeit üben. Wer positiv auf sich und das Leben schaut, kommt leichter ins Handeln.