Warum wir mehr Sinn und weniger Purpose brauchen

Was ist Purpose? Und was steckt hinter dem Begriff Sinn? Auf jeden Fall nicht das Gleiche! Gerade jetzt, in Zeiten größter Krisen, ist es wichtig, dass wir keine Zeit mit trendigen Purpose-Workshops verlieren, sondern uns Sinn in seiner eigentlichen Bedeutung widmen: Denn nur mit Sinn können wir wichtige Veränderungen bewirken. Doch wie kann uns das gelingen – als Unternehmen und Privatpersonen.

Sinnorientiertes Handeln ist wichtig, um eine Veränderung zu bewirken (Symbolbild)



Purpose als hippes Kommunikationstool darf nicht mit Sinn in seiner ursprünglichen Bedeutung verwechselt werden!

Wir müssen hier nicht der gleichen Meinung sein, aber mindestens sollten wir klären, worüber genau wir diskutieren. Allein die direkte Übersetzung des englischen Wortes purpose ins Deutsche – nämlich Zweck – im Gegensatz zur Übersetzung von meaning – nämlich Sinn – impliziert eine klare Abgrenzung der beiden Begriffe. Lediglich den Zweck einer Sache zu sehen, ohne dabei relevante Werte im Blick zu haben, wird den Herausforderungen unserer Zeit nicht gerecht. Nach Sinn zu streben, ist dagegen eine zutiefst menschliche Eigenschaft. So beschreibt es Viktor Frankl, österreichischer Psychiater und Begründer der Logotherapie & Existenzanalyse, in seiner dritten Wiener Schule.


Jetzt angesagt: auf Sinn besinnen

Mehr denn je, halte ich es für wichtig, uns auf das zu besinnen, was Frankl so scheinbar simpel auf den Punkt bringt: „Mensch-Sein heißt Bewusst-Sein und Verantwortlich-Sein“. Denn als freie Menschen können wir heute entscheiden, wer wir einmal gewesen sein werden. Und das bedeutet auch, im einzelnen Moment Möglichkeiten zur Sinnverwirklichung zu erkennen und zu nutzen – beruflich wie auch privat.


Mit Purpose als „Bullshit-Begriff“, wie Jennifer Rosenberg es in ihrem Artikel nennt, hat das allerdings reichlich wenig zu tun. Mit Sinn als Antrieb menschlichen Daseins und der Verwirklichung von Werten schon viel mehr. Die bewusste Haltung im Kleinen wird sich dabei auf konkrete Änderungen im Großen auswirken und – was Frankl als „sinnorientiertes Handeln“ beschreibt – wird somit zum Motor von Veränderung.





Ob weltpolitisch oder im Boardroom – die Frage „Wozu fordert uns diese Situation jetzt heraus?“ öffnet uns jene Gestaltungsräume, die wir für die Zukunft benötigen.


Das Gleiche gilt für Unternehmen: „Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten“

Dieser Leitsatz ist nicht nur der Titel eines sehr lesenswerten Buches von Walter Böckmann, sondern wird hoffentlich zum Prinzip auf allen Führungsebenen. Unternehmen können keinen Sinn geben, wohl aber können sie für Mitarbeiter:innen Möglichkeiten bieten, um Sinn persönlich zu entdecken und im Unternehmen zu verwirklichen.


Sinn ist etwas Individuelles und Einzigartiges, das entdeckt werden will. Sinn kann demnach nicht gegeben, sondern nur von einem einzelnen Menschen in einer spezifischen Situation gefunden werden.


Was wir brauchen, ist der Perspektivwechsel von „warum?“ hin zum „wozu?“

Dass die Frage nach dem Warum hier nur (noch) bedingt weiterhilft, liegt für mich klar auf der Hand. „Warum?“ sollte längst beantwortet sein! Es ist Zeit für das „Wozu“. Ob weltpolitisch oder im Boardroom – die Frage „Wozu fordert uns diese Situation jetzt heraus?“ öffnet uns jene Gestaltungsräume, die wir für die Zukunft benötigen.





Die Erfahrung aus meiner Arbeit mit Klient:innen und Organisationen zeigt auch immer wieder, dass die Frage „wozu?“ viel mehr Potenziale bietet. Sie wechselt die Perspektive auf heute. Was kann ich jetzt tun und welche Schritte kann ich gehen? So macht sie uns zu Gestalter:innen der Zukunft.


Jede Zeit hat ihre Herausforderungen und braucht eigene Lösungen

Das Ergebnis wochenlanger Purpose-Workshops kann ein „quick fix“ für die nächste Employer-Branding-Kampagne sein, wirkt aber immer nur temporär. Sinn ist anders. Sinn geht tiefer: Er umfasst Werte, die verwirklicht werden, und zwar im Vollzug und in einer konkreten Situation. Hier liegt der Unterschied – und zugleich eine Lösung: durch Sinn und Werte zu jeder Zeit ins Tun kommen und in keiner Weise an vorherrschende Trends gebunden sein. Es liegt jetzt an uns, unserer Verantwortung nachzukommen, denn es geht um nichts Geringeres als um unseren Umgang mit den größten Krisen unserer Zeit!


Über die Autorin

Dr. Nina Bürklin hat eine große Leidenschaft dafür, Ungewöhnliches zu verbinden. Als Geschäftsführerin einer Stiftung fördert sie Achtsamkeit und Empathie im Bildungssektor. Mit ihrem eigenen Institut Wert & Sinn unterstützt sie Einzelpersonen und Unternehmen auf dem Weg zu mehr Sinnorientierung.