Frischer Wind für den Mittelstand

What's your Story? | Im Jahr 2013 hat Kerstin Hochmüller das Familienunternehmen Marantec übernommen. Nun legt sie alles daran, mit einem Konzept des Mittelstandes zu brechen – denn: sie hält nichts von Hidden-Champions. Marantec soll nach innen und nach außen offen sein, und andere Unternehmen mitziehen.


Kerstin Hochmüller. Foto: Felix Niekamp – more.than.u.C.

Was genau ist Ihr Job, wie und mit was beeinflussen Sie die Ausrichtung Ihres Unternehmens?

Offiziell bin ich CEO der Marantec Company Group. Aber mein Job ist es, unsere Unternehmensgruppe so zu transformieren, dass wir zukunftsfähig sind. Für diese Transformation haben wir eine neue Vision und Strategie entwickelt: Wir wollen 2025 der coolste Antriebshersteller sein.


Mit der Open-Champion-Methode verfolgen wir diese Vision. Gleichzeitig ist sie unsere Antwort auf die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen – so wie viele andere Mittelständler:innen auch. Denkt man allein an die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Unsere Ausrichtung beeinflussen wir, indem wir uns in so ziemlich allem hinterfragen und hinterfragen lassen. Wir stellen unseren Status quo konsequent auf den Prüfstand. Gleichzeitig schauen wir mit weitem Blick in die Zukunft. Auf dieser Basis entstehen andere Perspektiven und damit auch andere Handlungsfelder.


Hierarchien im klassischen Sinne sind in dem Open-Champion Ansatz nicht vorgesehen, auch das bestimmt unsere Ausrichtung. Wir geben Verantwortung ab, fordern von unseren Mitarbeiter:innen aber gleichzeitig auch eigenverantwortliches Handeln ein. So kommen wir zu neuen Modellen der Zusammenarbeit.


Wie gehen Sie mit Dingen um, die Sie nicht gut können?

Ich konzentriere mich auf meine Stärken! Dinge, die andere besser können als ich, überlasse ich auch sehr gerne anderen. Wie schon erwähnt, haben wir bei Marantec praktisch keine Hierarchien mehr. Statt Positionen übernehmen wir Rollen und Aufgaben, entschieden wird in Teams. Bei uns kann jede:r entscheiden, der oder die die entsprechenden Expertise hat und das auch will. Die Zusammenhänge werden immer komplexer. Eine:r allein kann gar nicht alles wissen. Daher müssen Entscheidungen, die von mehreren gefällt werden, einfach die besseren Entscheidungen sein. Ich kann mich auf eine sehr gute Arbeitsteilung mit meinem Co-Geschäftsführer Andreas Schiemannn und mit meinem gesamten Team verlassen.


Außerdem lerne ich gerne von anderen. Auch wenn ich in deren Fachgebiet niemals die Expertise erreichen kann, die sie haben, erweitert das meinen Perspektivhorizont für meine eigenen Themen.


„Wir haben mit dem Leitbild des deutschen Mittelstandes gebrochen: dem Hidden Champion. Wir wollen Open Champion sein!“

Was ist Ihre Vision für Ihr Unternehmen?

Wir wollen bis 2025 das coolste Antriebsunternehmen werden. Intern bedeutet das, dass unsere Kolleginnen und Kollegen stolz darauf sind, Teil des Teams zu sein und sich mit unseren Werten und Zielen identifizieren. Und dass sie motiviert sind, die besten Produkte und Leistungen zu entwickeln, die mit der Natur arbeiten, damit wir als Unternehmen unseren Beitrag zu einer wünschenswerten Zukunft leisten. Nach außen bedeutet es, dass Kunden unsere Produkte kaufen, weil sie in dem Sinne die besten sind, aber auch, weil sie unsere Werte des Miteinanders und der Möglichkeiten, die jede:r bei uns hat, schätzen. Und dass potenzielle Partner den Kontakt zu uns suchen, weil sie das Netzwerk mitgestalten wollen. Wir möchten Spaß am Unternehmertum leben und das auch zeigen.


Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir mit dem Leitbild des deutschen Mittelstandes gebrochen: dem Hidden Champion. Wir wollen Open Champion sein! Das ist Teil unserer Wachstumsstrategie. Gleichzeitig wollen wir mit unserer Methode einen Weg aufzeigen, wie die erfolgreiche Transformation eines Mittelständlers gelingen kann - als Blueprint für andere Unternehmen.


Wir sind davon überzeugt, dass die Transformation nur gemeinsam gelingen kann. Die Zeit drängt, wenn wir die notwendige digitale und nachhaltige Transformation rechtzeitig schaffen und gegen die Global Player bestehen wollen. Wir müssen also Tempo aufnehmen, und dazu müssen wir anfangen, miteinander zu arbeiten. Heute ist es einfach nicht mehr sinnvoll, Erfahrungen und Informationen für sich zu behalten und alles selber machen zu wollen. Ein Beispiel: In der Regel sind Wettbewerber mit denselben Entwicklungen beschäftigt, jeder für sich im stillen Kämmerlein. Das kostet viel und dauert lange – zu lange, um schließlich alle zu einem sehr ähnlichen Ergebnis zu kommen. Gemeinsam ließen sich neue Entwicklungen viel schneller und günstiger vorantreiben. Open Champions können so zum einen Nischenmärkte als Marktführer besetzen. Andererseits schaffen sie durch Kooperationen neue Nischenmärkte und können Marktführer in mehreren und immer neuen Nischen sein. Damit sind sie robust aufgestellt, können den Wandel schneller vollziehen und auch schneller wachsen.


Mit unserem Open-Champion-Ansatz und damit, dass wir offen über unsere Reise berichten, möchten wir einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit eines neuen deutschen Mittelstands liefern.


Wie würde Ihr Team Sie beschreiben?

Dass ich einen guten Blick fürs Ganze habe, strategisch und visionär denke, motivierend, humorvoll und ganz “normal” bin.

Was hat Sie fachlich am meisten erstaunt?

Dass Change-Prozesse nach Plan nicht funktionieren. Man muss immer offen bleiben für neue Lösungen, neue Gedanken, neue Wege. Und dass Menschen nicht sofort Hurra rufen, wenn man ihnen sagt, dass sie jetzt entscheiden dürfen.


Was war die größte Herausforderung, die Sie dabei überwinden mussten?

Trotz Bedenkenträgern und Rückschritten an der Vision und der Überzeugung festzuhalten, dass der Wandel gelingen kann, ist schon eine große Herausforderung. Und dann ist es nicht immer leicht, Wege und vor allem die Zeit zu finden, wirklich alle mitzunehmen.


„Nimm dir Zeit, herauszufinden, was dich wirklich antreibt und was du mit dir anfangen möchtest.“

Was hat Sie auf Ihrem Weg bislang immer weitergebracht?

Ein Zukunftsbild zu entwickeln und fest daran zu glauben, dass alles möglich ist. Optimismus also, manche sagen auch, meine rosarote Brille. Dabei geholfen hat mir meine Fähigkeit, Menschen begeistern zu können, aber auch, ihnen zu vertrauen. Ich habe tolle und ehrliche Menschen um mich herum. Auch das hat mich immer weitergebracht.


Was werten Sie als Ihren größten Erfolg?

Die Herausforderung, ein Familienunternehmen zu leiten, angenommen zu haben.

Wenn Sie eine Zeitreise zu Ihrem 20-jährigen ich machen könnten, welchen Karrieretipp würden Sie sich geben?

Nimm dir Zeit, herauszufinden, was dich wirklich antreibt und was du mit dir anfangen möchtest. Traue dich, alles denken zu können. Wenn du es dann weißt, leg los, egal, was andere sagen oder meinen und deine Erziehung dich gelehrt hat. Gestalte, egal was, denn das ist das, was dich am Ende glücklich macht.