Meine wichtigsten Lehren aus 15 Jahren Social Business

Micha Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua, einer internationalen Organisation, die sich weltweit für den Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt. Er ist aber vor allem Konzeptionsaktivist und Freies Radikal, er lebt soziales Engagement, zeigt Haltung und ist der Meinung, dass es in der heutigen Zeit überhaupt keinen Sinn mehr ergibt, etwas zu gründen, das keinen Impact oder gesellschaftlichen Mehrwert hat. Welche Lehren er aus der Gründung von Viva con Agua vor 15 Jahren gezogen hat und wie er es heute angehen würde, das erzählt er jeden Monat in dieser Kolumne.


Es gibt dieses berühmte Zitat aus einem Theaterstück von Samuel Beckett: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Ich übersetze das mal frei mit: egal wie oft du hinfällst, steh ein bisschen schlauer wieder auf. In den ersten 15 Jahren seit der Gründung von Viva con Agua sind wir einige Male hingefallen (okay, unzählige Male). Aber wir sind genauso oft wieder aufgestanden – und immer ein bisschen schlauer. Aus Rückschlägen, durchgemachten Nächten und mit einer gewissen Portion Naivität ausgestattet, lernt man einfach am besten. Daraus habe ich für mich ein paar Grundsätze entwickelt, die ich gerne weitergeben möchte. Sie sollen dich unterstützen auf deinem Weg in ein gut funktionierendes Social Business, ein Projekt, eine Initiative, ein Engagement, einen Verein, was auch immer du planst.  

Wie bei allen Regeln gilt auch hier: Vollständig sind sie nur in ihrer Unvollständigkeit. Ich habe ein bisschen gebraucht, um diese Dinge für mich herauszufinden. Vielleicht läuft es bei Dir anders. Vielleicht streichst du die Hälfte für dich durch, kein Problem. Es hört sich nach einem Kalenderspruch an, aber: Geh deinen eigenen Weg. Vertrau auf deine Intuition. Das haben wir bei Viva con Agua auch gemacht. Heißt nicht, dass deine Intuition immer richtig ist. Aber sie schlägt sensibler aus, je öfter man auf sie hört.   Also los.


Micha Fritz Mitgründer von Viva con Agua
Hab Spaß – und gib anderen die Möglichkeit zu profitieren  

Erstmal: Cool, dass du etwas verändern willst. Dass du deine Energie und Zeit nutzen willst, um an dieser Stelle weiterzulesen und etwas besser zu machen. Denn – und das ist schon Grundsatz Nummer eins: es macht aus meiner Sicht in der heutigen Zeit mit all den Herausforderungen, vor denen die Weltgemeinschaft steht, keinen Sinn mehr, ein Unternehmen oder eine Initiative zu gründen oder auch nur ein Projekt zu starten, ohne dass ein Impact oder irgendein gesellschaftlicher Mehrwert dahintersteckt.

Bei Viva con Agua habe ich gelernt, dass Arbeit für den guten Zweck Arbeit ist, die mir selbst gut tut. Natürlich unterstützen wir Menschen, die keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Natürlich verbessern wir deren Lebensbedingungen durch unseren Aktivismus und natürlich fühlt sich das gut an. Aber: Wir haben auch sehr viel Freude dabei, die Welt ein bisschen schöner zu machen. Denn wir machen es eben ein bisschen anders: mit Musik, mit Kunst, inspiriert von der HipHop-Kultur, mit Sportevents, eben so, wie es sich für uns richtig anfühlt. Und so, dass alle, die mitmachen, sich auch gut fühlen. All Profit nennen wir das! Dahinter steckt die Idee, dass wir mehr Menschen für unsere Vision begeistern und gewinnen können, wenn sie davon profitieren am Start zu sein. Und zwar über öffentlich zur Schau gestelltes Engagement hinaus: Jemand, der Spaß hat, der etwas erlebt, das er sonst vielleicht nicht erleben würde, den wir aus der Komfortzone locken, kann mit viel mehr Überzeugung darüber sprechen, als wenn wir ihm einen Text zum Auswendiglernen vorlegen würden.


Mach es nicht für den Applaus

Es steckt aber noch etwas anderes dahinter: Löse dich von dem Gedanken, dass du dich als engagierte Person für die Sache aufopfern müsstest. Das ist Quatsch! Lass uns ehrlich bleiben: Ich bin nicht selbstlos. Ich tue das auch für mich. Weil es Spaß bringt und weil Viva con Agua mir die Möglichkeit gegeben hat, meine Arbeit so zu gestalten, dass sie aufregend ist. Mach also nur Dinge, die dir Spaß machen. Sonst wird es nichts. Am Ende geht einem die Puste aus, wenn man nur so halb dahintersteht und es ein Ringen mit sich selbst ist. Das führt mich zu der alten Regel aus dem Flugzeug: Hilf zuerst dir selbst, dann den anderen. Wenn du nicht gesund und munter bist, kannst du niemanden gesünder oder munterer machen. Also: achte auf dich und deine Leute. Tu es für dich und das große Ziel, nicht für Dankbarkeit oder Applaus.


Über Micha Fritz

Micha Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua, einer internationalen Organisation, die sich weltweit für den Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt. Er ist aber vor allem Konzeptionsaktivist und Freies Radikal, er lebt soziales Engagement, zeigt Haltung und ist der Meinung, dass es in der heutigen Zeit überhaupt keinen Sinn mehr macht, etwas zu gründen, das keinen Impact oder gesellschaftlichen Mehrwert hat. Welche Lehren er aus der Gründung von Viva con Agua vor 15 Jahren gezogen hat und wie er es heute angehen würde, das erzählt er jeden Monat in dieser Kolumne.


Über Viva con Agua:

Viva con Agua ist eine gemeinnützige Organisation, die weltweit Wasserprojekte finanziert und sich für den Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle Menschen einsetzt. Darüber hinaus fördert Viva con Agua soziales Engagement und motiviert Menschen sich an einem Prozess positiver und nachhaltiger Veränderungen zu beteiligen. Du möchtest VcA unterstützen? Mehr unter www.vivaconagua.org


Über das Buch:

Diese Kolumne ist inspiriert von dem Buch „Water is Life – 15 Jahre Viva con Agua“. Darin geht es um die Grundlage allen Lebens: Wasser. Um gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, Aktivismus und: um ein paar unkonventionelle Tipps für den Start eines eigenen Projekts, die Micha Fritz an dieser Stelle in erweiterter Form vorstellt.

In dem Buch erzählen außerdem prominente Unterstützer wie Bela B, Clueso, Carolin Kebekus, Max Herre und Joy Denalane, Bosse oder Fynn Kliemann in Gastbeiträgen, was sie mit Viva con Agua verbindet. Aufgeschrieben hat das Ganze der Journalist und Romanautor Friedemann Karig. Das Buch gibt es u.a. im Shop der Millerntor Gallery.