Das ist spannend. Es ist aus Deiner Sicht also nicht unbedingt freundlicher, wenn ich meine schlechte Laune verberge?
Wenn ich merke, dass ich gerade nicht die mentale Kapazität für ein Gespräch habe, ist es freundlicher, das frühzeitig klar zu kommunizieren, als im Termin plötzlich aus der Haut zu fahren. Außerdem spüren Menschen, wenn Freundlichkeit nur gespielt ist. Das kommt selten gut an.
Wer Teams verantwortet, muss auch Konflikte managen. Wie bleibst Du auch da radikal freundlich
Zunächst einmal, indem ich die Konfliktgespräche überhaupt führe. Es hat nichts mit Freundlichkeit zu tun, schwierigen Gesprächen auszuweichen. Wenn man beispielsweise unzufrieden mit der Performance von Mitarbeitenden ist, ist es kein Zeichen von Freundlichkeit, das unausgesprochen zu lassen und unter den Teppich zu kehren.
Warum nicht?
Weil sich die Mitarbeitenden dann nicht weiterentwickeln können. Sie arbeiten ahnungslos weiter in eine Richtung, die vielleicht nicht passt, bis sie irgendwann gefeuert werden, ohne vorher richtiges Feedback zu bekommen. Nur wenn ich ehrlich und transparent bin, wissen Mitarbeitende, woran sie sind. Im Gespräch ist dann natürlich ein freundlicher Ton entscheidend. Ich kann jemanden nach ein paar Monaten gehen lassen und trotzdem respektvoll gegenüber dem Menschen bleiben.
Du bist jetzt 33 Jahre alt. Hattest Du diese Klarheit als Führungskraft schon immer?
Nein, gerade in den ersten Jahren war ich als Geschäftsführerin noch zu konfliktscheu. Auch weil es für mich irgendwie nicht zur Startup-Kultur passte, Konflikte offen anzusprechen. Seitdem habe ich einen Post-it an meinem Computer: Clear is kind, also: Klarheit ist freundlich.
Tatsächlich wirkt die Startup-Welt auf viele nach außen erst einmal freundlicher als Konzerne. Ist sie es wirklich?
Oberflächlich ja. Die meisten Startup-Leute sind nahbar, tauschen sich aus und die Hierarchien sind flach. Doch man muss aufpassen, dass keine Fake-Harmonie entsteht, in der unterschwellige Konflikte verschwiegen werden. Da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen. Zu Beginn bei Selfapy war ich da selbst kein Vorbild.
Du hast mal gesagt, der Endgegner jeder Freundlichkeit ist das Smartphone. Warum?
Weil wir, wenn wir die ganze Zeit ins Handy starren, unsere Mitmenschen nicht mehr wahrnehmen. Respekt heißt aus dem Lateinischen übersetzt „Ich sehe Dich“. Wie soll ich jemanden wirklich sehen, wenn ich gleichzeitig aufs Handy schaue? Durch das Smartphone geht viel an Zwischenmenschlichkeit verloren. Studien zeigen, dass sich die Gesprächsqualität alleine dadurch reduziert, dass ein Handy auf dem Tisch liegt. Es raubt unsere Aufmerksamkeit und kognitive Energie.
Social Media gilt als besonders unfreundlich. Warum ist das so?
Die Anonymität bringt leider oft die schlechtesten Seiten in uns hervor. Ich selbst bekomme auf Instagram sogar zu Reels über Freundlichkeit vereinzelt Hasskommentare. Das ist erschreckend!
Wie gehst Du damit um?
Ich probiere mir vorzustellen, was das für ein Mensch sein muss und wie unzufrieden er sein muss, dass er nachts vorm Computer sitzt und Hassbotschaften unter freundliche Botschaften schreibt. Oft schaffe ich es dadurch, ein bisschen Empathie für den Menschen zu entwickeln. Gleichzeitig bin ich auch freundlich zu mir selbst, indem ich die Person blockiere oder den Kommentar lösche.