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Wir erleben gerade den Peak der Unfreundlichkeit

Der Ton in unserer Gesellschaft ist rauer geworden. Nicht nur online scheinen sich immer mehr Frust und Aggression zu entladen. Nora Blum will das ändern und fordert radikale Freundlichkeit. Warum uns ein wohlwollenderer Umgang miteinander nicht nur persönlich zufriedener macht, sondern auch Körper und ­ Karriere profitieren, erklärt die Psychologin und Selfapy-Gründerin im STRIVE-­ Cover-Interview. Außerdem verrät sie, warum freundliche Führung kein Freifahrtschein für das Vermeiden schwieriger Gespräche ist,  sondern eine Aufforderung, sie erst recht zu führen.

Wir erleben gerade den Peak der Unfreundlichkeit
Nora Blum (33) ist Psychologin und Gründerin der Online-Therapie­plattform Selfapy. Seit ihrem Exit 2023 setzt sie sich mit den Themen Freundlichkeit und Stressbewältigung auseinander. Im März erschien ihr „Spiegel“-Bestseller „Radikale Freundlichkeit“ im Kailash-Verlag. Daneben unterstützt sie Einzelpersonen und Unternehmen mit Coachings, Vorträgen und Workshops bei einem stressfreieren und freundlicheren Leben. Nora Blum lebt in Berlin und ist kurz nach dem STRIVE-Cover­ shooting Mutter einer Tochter geworden. FOTOS: IMMO FUCHS

Nora, die allgemeine Stimmung Freundlichkeit?
Die Zahl der einsamen Menschen wächst, sowohl bei den jüngeren Generationen als auch bei den älteren. Gleichzeitig zeigen Studien, dass wir aggressiver und respektloser geworden sind. Es gibt mehr Ignoranz und weniger Fürsorge. Dazu kommt die wachsende gesellschaftliche Spaltung. Dabei wünschen sich viele, dass wir diesen Trend wieder umkehren.

Woran machst Du das fest? Wenn ich mir die öffentliche Debatte ansehe oder durch Social Media scrolle, beobachte ich wenig Versöhnliches.
Mir schreiben als Reaktion auf mein Buch viele Menschen, dass sie sich mehr Freundlichkeit wünschen. Dass wir wieder wohlwollender miteinander umgehen und aufhören sollten, immer das Schlechteste voneinander anzunehmen. Ich spüre bei vielen eine zunehmende Sehnsucht nach mehr Freundlichkeit. Dass sie uns guttun würde, zeigen auch viele Studien.

Gibt es wirklich Studien, die positive Effekte von freundlichem Verhalten nachweisen?
Ja, das ist wissenschaftlich gut belegt. Freundlichkeit macht uns nachweislich zufriedener, körperlich gesünder und erfolgreicher. Es gibt zum Beispiel eine Untersuchung, bei der Menschen über vier Wochen dreimal die Woche etwas Nettes für Fremde machen sollten. Danach waren sie signifikant zufriedener als die Kontrollgruppe.

Welche Vorteile stellt die Wissenschaft noch fest?
Freundliche Menschen haben außerdem ein niedrigeres Stresslevel und ein stärkeres Immunsystem. Denn Freundlichkeit signalisiert dem Körper, dass wir uns in einer Gemeinschaft und damit in Sicherheit befinden. Dadurch schüttet er weniger Stresshormone aus und kann besser entspannen.


Was meinst Du damit genau?
Ich kann sehr klar meine Interessen vertreten, Kritikgespräche führen und hart verhandeln, dabei aber respektvoll und freundlich zum Menschen bleiben.

Sonst hättest Du wahrscheinlich auch kein Unternehmen mit über 100 Mitarbeiter:innen aufgebaut und 20 Millionen Euro Kapital eingesammelt.
Dennoch ist auch mir die Mischung aus Freundlichkeit und Klarheit insbesondere in den ersten Jahren nicht immer geglückt. Ich verurteile daher niemanden, der sich in gewissen Kontexten verstellt. Und zum Beispiel weniger lächelt oder sich härter gibt, wenn das Gegenüber der alten Schule angehört und Freundlichkeit als Schwäche missversteht. Das habe ich früher selbst manchmal gemacht. Gerade einige Alpha-Männer akzeptieren als Zeichen von Professionalität nur Härte. Früher fand ich auch, dass man solche Spiele teilweise mitspielen muss.

Warum siehst Du das heute anders?
Weil ich denke: Wie können wir ein System verändern, wenn wir das „Alte“ immer wieder mitspielen und damit reproduzieren? Ich glaube, es ist Zeit für neue Vorbilder und dafür, zu zeigen, dass Führung klar und trotzdem freundlich sein kann.

Selbst wenn man es sich vornimmt, kann permanente Freundlichkeit manchmal auch anstrengend
sein. Deswegen mal ehrlich: Schaffst Du es immer?
Natürlich nicht (lacht). Wenn ich schlecht geschlafen habe und zudem noch gestresst bin, reicht es, dass mir jemand in der Straßenbahn ein wenig zu nah kommt,und schon werde ich innerlich aggressiv. Das ist menschlich und vollkommen in Ordnung, solange ich meine Aggressivität nicht sofort an der Person auslasse, sondern meine Grenzen respektvoll kommuniziere. Vor allem als Führungskraft.

Wie machst Du das?
Ich sage dann zum Beispiel: „Hey Leute, ich bin heute richtig schlecht drauf. Es tut mir leid, wenn ich kurz angebunden wirke oder weniger zugänglich. Nehmt das bitte nicht persönlich.“ Dann beziehen die Kolleg:innen mein Verhalten nicht auf sich und fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben, sondern können es einordnen. Bei radikaler Freundlichkeit geht es ohne­ hin nicht nur darum, ständig gut drauf zu sein oder immer zu lächeln, sondern authentisch und transparent seine Gefühlswelt zu kommunizieren.

Freundlich sein hat doch nur gute Seiten, oder? Nora Blum hat in der „alten Wirtschaft“ auch schon Rückschläge verkraften müssen, weil sie Investoren als zu freundlich eingestuft haben

Und wie sieht es im Job aus? Liefert die Forschung auch da Argumente, freundlicher zu sein, weil es zum Beispiel die Leistungsfähigkeit verbessert?
Unbedingt. Vor Kurzem wurde eine Studie der amerikanischen Princeton University veröffentlicht, die zeigt, dass für Erfolg im Arbeitsleben vor allem zwei Faktoren entscheidend sind: Durchsetzungsfähigkeit und Sozialkompetenz. Das heißt, wir müssen uns nicht entscheiden, ob wir erfolgreich sein wollen oder freundlich. Um den maximalen Karrierevorteil zu bekommen, braucht es beides: Wir müssen durchsetzungsstark unsere Interessen vertreten und zugleich freundlich zu den Menschen um uns herum sein.

Das widerspricht dem klassischen Bild von Führung. Etliche weibliche Führungskräfte wollen bis heute nicht zu freundlich wirken, um ernst genommen zu werden. Kannst Du das nachvollziehen?
Total. Auch ich bin mit dem traditionellen Bild von Führung groß geworden, das mit Rücksichtslosigkeit und Härte verbunden ist. Mein erster Arbeitgeber, eine Startup-Schmiede, verstärkte diese Vorstellung noch: Mein Chef bezeichnete sich selbst als „aggressivster Mann des Internets“. Als ich wenige Jahre später selbst Führungskraft wurde, kollidierte dieses Bild des „harten, erfolgreichen Chefs“ allerdings mit meinem eher sanftmütigen Charakter und dem Wunsch, es anders zu machen. Trotzdem vertreten das alte Bild von Führung viele Menschen bis heute. Ich habe deshalb schon einmal einen Investoren-Pitch verloren.

Weil Du zu freundlich warst
Ja. Der Pitch lief eigentlich gut, doch drei Tage später sagte der Investor ab und meinte: „Nora, Du warst zu freundlich. Wir haben nicht das Gefühl, dass Du die Ellenbogenmentalität mitbringst, die es in der Wirt-schaft braucht.“ Das war für mich ein ganz schöner Schock. Gleichzeitig zeigt es das große Missverständnis in Bezug auf Freundlichkeit.

Was meinst Du genau?
Viele verwechseln Freundlichkeit mit Konfliktscheu oder Naivität. Dabei bedeutet Freundlichkeit nicht, einen Kuschelkurs zu fahren. Schon gar nicht als Führungskraft.

Was verstehst Du dann unter freundlicher Führung?
Freundliche Führung heißt, empathisch und wohlwollend mit Mitarbeitenden und sich selbst umzugehen. Die Vorteile einer solchen Arbeitskultur sind wissenschaftlichF OTO S : P R IVAT nachgewiesen: Wer im Job respektvoll behandelt wird und sich psychologisch sicher fühlt, arbeitet besser, ist kreativer und weniger wechselbereit. Umgekehrt zeigen Studien, dass selbst kleine Unfreundlichkeiten unsere Produktivität negativ beeinflussen. Schon wenn wir mitbekommen, dass jemand anderes schlecht behandelt wird, schneiden wir in Leistungstests schlechter ab. Wichtig ist aber: Diese Freundlichkeit schließt Klarheit nicht aus.

„In den ersten Jahren war ich als Geschäftsführerin noch zu konflikt­ scheu. Auch weil es für mich nicht zur Startup- Welt passte, Konflikte offen anzusprechen.“

Nora Blum

Das ist spannend. Es ist aus Deiner Sicht also nicht unbedingt freundlicher, wenn ich meine schlechte Laune verberge?
Wenn ich merke, dass ich gerade nicht die mentale Kapazität für ein Gespräch habe, ist es freundlicher, das frühzeitig klar zu kommunizieren, als im Termin plötzlich aus der Haut zu fahren. Außerdem spüren Menschen, wenn Freundlichkeit nur gespielt ist. Das kommt selten gut an.

Wer Teams verantwortet, muss auch Konflikte managen. Wie bleibst Du auch da radikal freundlich
Zunächst einmal, indem ich die Konfliktgespräche überhaupt führe. Es hat nichts mit Freundlichkeit zu tun, schwierigen Gesprächen auszuweichen. Wenn man beispielsweise unzufrieden mit der Performance von Mitarbeitenden ist, ist es kein Zeichen von Freundlichkeit, das unausgesprochen zu lassen und unter den Teppich zu kehren.

Warum nicht?
Weil sich die Mitarbeitenden dann nicht weiterentwickeln können. Sie arbeiten ahnungslos weiter in eine Richtung, die vielleicht nicht passt, bis sie irgendwann gefeuert werden, ohne vorher richtiges Feedback zu bekommen. Nur wenn ich ehrlich und transparent bin, wissen Mitarbeitende, woran sie sind. Im Gespräch ist dann natürlich ein freundlicher Ton entscheidend. Ich kann jemanden nach ein paar Monaten gehen lassen und trotzdem respektvoll gegenüber dem Menschen bleiben.

Du bist jetzt 33 Jahre alt. Hattest Du diese Klarheit als Führungskraft schon immer?

Nein, gerade in den ersten Jahren war ich als Geschäftsführerin noch zu konfliktscheu. Auch weil es für mich irgendwie nicht zur Startup-Kultur passte, Konflikte offen anzusprechen. Seitdem habe ich einen Post-it an meinem Computer: Clear is kind, also: Klarheit ist freundlich.

Tatsächlich wirkt die Startup-Welt auf viele nach außen erst einmal freundlicher als Konzerne. Ist sie es wirklich?
Oberflächlich ja. Die meisten Startup-Leute sind nahbar, tauschen sich aus und die Hierarchien sind flach. Doch man muss aufpassen, dass keine Fake-Harmonie entsteht, in der unterschwellige Konflikte verschwiegen werden. Da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen. Zu Beginn bei Selfapy war ich da selbst kein Vorbild.

Du hast mal gesagt, der Endgegner jeder Freundlichkeit ist das Smartphone. Warum?

Weil wir, wenn wir die ganze Zeit ins Handy starren, unsere Mitmenschen nicht mehr wahrnehmen. Respekt heißt aus dem Lateinischen übersetzt „Ich sehe Dich“. Wie soll ich jemanden wirklich sehen, wenn ich gleichzeitig aufs Handy schaue? Durch das Smartphone geht viel an Zwischenmenschlichkeit verloren. Studien zeigen, dass sich die Gesprächsqualität alleine dadurch reduziert, dass ein Handy auf dem Tisch liegt. Es raubt unsere Aufmerksamkeit und kognitive Energie.

Social Media gilt als besonders unfreundlich. ­ Warum ist das so?
Die Anonymität bringt leider oft die schlechtesten Seiten in uns hervor. Ich selbst bekomme auf Instagram sogar zu Reels über Freundlichkeit vereinzelt Hasskommentare. Das ist erschreckend!

Wie gehst Du damit um?
Ich probiere mir vorzustellen, was das für ein Mensch sein muss und wie unzufrieden er sein muss, dass er nachts vorm Computer sitzt und Hassbotschaften unter freundliche Botschaften schreibt. Oft schaffe ich es dadurch, ein bisschen Empathie für den Menschen zu entwickeln. Gleichzeitig bin ich auch freundlich zu mir selbst, indem ich die Person blockiere oder den Kommentar lösche.

Nora Blum weiß: Der Endgegner jeder Freundschaft ist das Smartphone. Wir müssen wieder lernen, auch ohne ein Gerät am Tisch zu sitzen; oder durch einen Raum zu tanzen, so wie hier im Hotel Luc, Berlin

Inwiefern bist Du dadurch freundlich zu Dir selbst?
Ich möchte, dass mein Profil ein freundliches Umfeld ist. Diese Grenze schütze ich, indem ich Hasskommentare lösche. Wenn ein Kommentar kritisch ist, würde ich ihn nicht entfernen. Jeder darf meinen Content doof finden. Aber sobald etwas unter die Gürtellinie geht, lösche ich es konsequent. Zum Glück ist das wirklich die absolute Ausnahme: Die allermeisten Menschen reagieren sehr positiv und mitgroßer Zustimmung auf Botschaften, die mehr Freundlichkeit fordern.

Die Welt wieder freundlicher zu machen, wird auch Aufgabe der neuen Generation sein. Du bist gerade Mutter geworden. Wie wichtig ist es Dir, Freundlichkeit als Wert weiterzugeben?
Sehr wichtig. Wir müssen unseren Kindern beibringen, dass wir die Krisen nicht im Ego-Modus, sondern nur gemeinschaftlich lösen werden und dass Konflikte kritisch und gleichzeitig respektvoll geführt werden können. Außerdem ist es wichtig, ein Gespür für seine eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu entwickeln. Es ist niemandem geholfen, wenn wir die ganze Zeit nur den Bedürfnissen anderer hinterherlaufen undirgendwann in den Burnout rutschen.

Du sagtest zu Beginn, dass sich viele eine Trendumkehr wünschten. Was ist Deine Prognose: Wie weit sind wir davon noch entfernt?
Ich glaube, dass wir gerade am Peak der Unfreundlichkeit stehen. Wenn es einen Trend gibt, kommt irgendwann der Gegentrend. Und ich habe das Gefühl, dass dieser Punkt langsam erreicht ist.

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Nora Blum

Psychologin und Gründerin der Online-Therapie­plattform Selfapy

Nora Blum (33) ist Psychologin und Gründerin der Online-Therapie­plattform Selfapy. Seit ihrem Exit 2023 setzt sie sich mit den Themen Freundlichkeit und Stressbewältigung auseinander. Im März erschien ihr „Spiegel“-Bestseller „Radikale Freundlichkeit“ im Kailash-Verlag. Daneben unterstützt sie Einzelpersonen und Unternehmen mit Coachings, Vorträgen und Workshops bei einem stressfreieren und freundlicheren Leben. Nora Blum lebt in Berlin und ist kurz nach dem STRIVE-Cover­ shooting Mutter einer Tochter geworden. FOTOS: IMMO FUCHS