Wer ist hier der Boss?
Der Box-Champion und die Managerin: Dr. Wladimir Klitschko und seine CEO Tatjana Kiel führen gemeinsam ein erfolgreiches Business. Im Interview sprechen die beiden über Menschenkenntnis, Vertrauen, Erfolge und Niederlagen.
Kennengelernt haben sich Wladimir Klitschko (44) und Tatjana Kiel (41) vor über 20 Jahren in Hamburg. Damals ist Wladimir, zusammen mit seinem älteren Bruder Vitali, gerade dabei, im Boxsport Fuß zu fassen; Tatjana arbeitet in der Politik. Fünf Jahre später nimmt der mehrfache Champion sie in sein Vermarktungs- und Management-Team auf.
Schnell wird Kiel zu einer der engsten Vertrauten des Boxers – sie ist die Frau, an der man vorbei muss, wenn man zu Wladimir Klitschko will. Noch während seiner Zeit im Ring schmieden die beiden Pläne für das, was danach kommen soll. Wladimir hat die Vision, sein Wissen und seine Erfahrungen aus dem Profisport weiterzugeben; gemeinsam entwickeln die beiden die sogenannte „F.A.C.E“- Methode, mit deren Hilfe Menschen große Herausforderungen meistern können. 2016, kurz bevor sich Wladimir aus dem aktiven Boxsport zurückzieht, gründen sie das darauf aufbauende Unternehmen Klitschko Ventures. Ihr gemeinsames Buch „F.A.C.E. The Challenge. Entdecke die Willenskraft in dir“ wurde im vergangenen Jahr zum Bestseller.
Klitschko und Kiel sind bis heute enge Verbündete. Das gemeinsame Interview findet per Videocall statt; Tatjana Kiel wohnt in Hamburg, Wladimir Klitschko hält sich zu der Zeit unseres Gesprächs in Kiew auf. Selbst durch den Bildschirm spürt man, wie gut die beiden sich verstehen.
Wladimir, als Sie Tatjana eingestellt haben, waren Sie einer der erfolgreichsten und bekanntesten Boxer der Welt. Tatjana war eine Quereinsteigerin – sie kannte sich in Ihrem Sport nicht aus. Was an ihr hat Sie überzeugt?
Klitschko: Tatsächlich war ich mir anfangs nicht sicher, ob sie die Richtige ist – zumindest, was ihre Expertise betrifft, sie kam ja aus der Politik. Ob sie Vermarktung kann, war nicht klar. Ihr Türöffner war ihre ruhige, zurückhaltende Art. Sie war immer positiv, und ich habe gespürt, dass sie nicht wegen des Rampenlichts für uns arbeiten wollte. Ich habe dann in einem unserer ersten Gespräche gesagt: So will ich das haben! Rückblickend war das vielleicht etwas hart, aber mir war wichtig, ihr gegenüber klar zu sein. Normalerweise bin ich nur bei Männern so direkt. Ich habe wohl gefühlt, dass sie das aushält.
Kiel: Du hast noch etwas anderes zu mir gesagt. Nämlich: Das Wasser ist kalt, aber du wirst lernen, darin zu schwimmen. Du musst keine Angst haben. Und wenn es nicht geht, sagst du mir Bescheid. Das hat mich überzeugt.
Wladimir, könnte es sein, dass Sie nach Ihren Jahren im von Männern dominierten Boxsport gerne mit Frauen arbeiten? Bei Klitschko Ventures jedenfalls ist nur ein Mann beschäftigt, die restlichen sieben Teammitglieder sind weiblich. Klitschko: In Sachen Frauenquote habe ich jedenfalls kein Problem, das stimmt (lacht). Ich bin überall von Frauen umgeben, zu Hause, bei der Arbeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit Frauen anders arbeiten, eine größere Zugehörigkeit aufbauen kann. Sie sind weniger sprunghaft, wechseln nicht, sobald ihnen jemand anderes etwas anbietet. Und: Frauen bringen sich mehr ein, sie wollen zum Kern der Sache vordringen.
Kiel: Ich glaube, dass ich damals genau deshalb so gut reingepasst habe. Du und Vitali, ihr wart jahrelang permanent nur von Männern umgeben: beim Training, mit den Partnern, den Kollegen, überall. Du hast offensichtlich nach jemandem gesucht, der dir zuhört und Dinge in deinem Sinne umsetzt, der erkennt, was du wirklich willst. Das ist wichtig für jemanden, der mit seiner eigenen Person – und seinem eigenen Geld – für etwas steht.
Tatjana, wie haben Sie sich damals in der Boxwelt behauptet?
Kiel: Wenn ich daran zurückdenke, muss ich wirklich lachen. Ich fing an und bekam direkt die ganzen Aufgaben zugeschustert, die kein anderer übernehmen wollte. Wir hatten aber sofort einen guten Draht zueinander, denn ich habe gleich klargestellt, dass ich nichts vorgeben würde, hinter dem ich nicht zu 100% stehe. Mehr noch, was ich nicht selber bereit wäre zu tun. Egal ob bei einem Vertrag oder einem Promo-Auftritt.
Wie haben Sie Wladimir von sich überzeugt?
Kiel: Darum ging es mir ehrlich gesagt nie. Ich wollte einfach einen guten Job machen. Dazu gehörte, Wladimir gut verstehen zu wollen, um in seinem Sinne agieren zu können. Ich habe ihn zum Beispiel einfach gefragt: Was tust du gerne – und was nicht? Und warum nicht? Dasselbe galt für Vitali. Irgendwann wusste ich, wen ich am besten für was anfrage und wann. Wir haben gut miteinander funktioniert, und das hat sich schnell herumgesprochen. Irgendwann haben wir deshalb wohl auch angefangen, über die Positionierung der Persönlichkeiten und der Marke Klitschko zu philosophieren. Was mir wichtig war: Ich habe immer darauf geguckt, was Wladimir wirklich entspricht. Er wollte zum Beispiel früh andere Dinge als Vitali, hat sich viel früher mit der Frage beschäftigt, was nach dem Boxen kommt, was er sich abseits des Rings aufbauen kann.
"Sie zur Chefin unserer Firma zu machen, war für mich ein No-Brainer." - Wladimir Klitschko
Wladimir, an welchem Punkt wussten Sie, dass Sie Tatjana auch nach Ihrer aktiven Karriere als Boxer in einer Key-Position an Ihrer Seite haben wollen?
Klitschko: Sie zur Chefin unserer Firma zu machen, war für mich ein No-Brainer. Ich kannte sie da ja schon sehr gut und wusste, dass sie mich versteht und weiß, was ich will. Ich musste ihr nicht viel erklären. Wichtig war auch, dass ich sie schon in Krisen erlebt hatte. Wie ein Mensch sich verhält, wenn es mal nicht gut läuft, sagt ja viel über ihn oder sie aus.
Tatjana, was genau ist Ihre Rolle, sind Ihre Aufgaben als CEO von Klitschko Ventures?
Kiel: Wladimir ist gut darin, Visionen zu entwickeln. Und ich bin gut darin, sie umzusetzen. Wenn er eine Idee schildert, weiß ich sofort, was er meint. Ich weiß, worauf er Wert legt, was er sich vorstellt, was seine Ziele sind und wie weit er gehen will. Letztendlich bin ich für die Skalierung der Methode verantwortlich. Unsere Zusammenarbeit funktioniert nicht top-down, sondern ist ein ständiger Austausch.
Wie häufig widersprechen Sie Wladimir?
Kiel: Widersprechen trifft es nicht wirklich …
Klitschko: … nein, widersprechen klingt zu negativ. Tatjana hat das schon gut beschrieben. Wir sprechen viel miteinander. Eine Vision zu haben, ist wichtig, aber es ist nicht genug. Sie muss umgesetzt werden, und das kann Tatjana gut. Ich würde mich hoffnungslos in Details verlieren. Wir haben auf diesem Weg viele Weggefährten gefunden und auch wieder verloren. Ich weiß heute: Ohne Team ist selbst die beste Vision nichts wert.
Wladimir sagte vorhin, dass man vor allem in schwierigen Momenten erkennen kann, wie ein Mensch wirklich ist. Gilt das auch für Sie beide als Team? Wird in Krisen deutlich, ob man als Team funktioniert?
Kiel: Ich empfinde es so. Wir sind besonders stark, wenn es mal nicht rund läuft.
Was lernt man nur aus Niederlagen?
Kiel: Für Wladimir war es immer selbstverständlich, nach einem Misserfolg die Verantwortung auf sich zu nehmen. Er sagt immer: Erfolg hat viele Eltern, Misserfolg hat keine. Ich musste ihm beibringen, dass er nicht alleine ist, dass er auch die Niederlagen mit mir teilen kann. Dass er mir etwas von seiner Verantwortung abgeben darf.
Und was lernt man aus Erfolgen?
Kiel: Was wir definitiv erst lernen mussten, war, Erfolge als solche zu feiern (lacht). Da sind wir noch sehr vom Profisport geprägt. Nach einem Sieg schalten wir automatisch in den Arbeitsmodus, das Adrenalin wird sofort umgeleitet: Okay, gewonnen, was kommt als Nächstes? Wenn wir etwas feiern, dann nur zusammen mit dem Team.
Klitschko: Das stimmt, wir gehen auch an unser Business wie Sportler heran. Wenn ich früher einen Kampf gewonnen habe, habe ich nie vergessen, mir aufzuschreiben, was nicht gut gelaufen ist. Man ist zufrieden, schaut aber schon auf den nächsten Kampf. Generell wundere ich mich immer, wenn Siege allzu ausufernd gefeiert werden. Zum Beispiel Präsidenten nach der Wahl: Was gibt es da zu feiern? Jetzt geht die Arbeit doch erst richtig los. Bedanke dich für das Vertrauen und mach deinen Job. Deine Zeit ist limitiert, du musst jetzt loslegen.
Tatjana, wie ist Wladimir Klitschko eigentlich als Chef?
Kiel: Die Dinge müssen auch ohne ihn laufen, zum Beispiel, wenn er länger im Ausland ist. Er sagt dann immer: Das wirst du schon hinbekommen. Dadurch kann ich immer wieder über mich selbst hinauswachsen.
Klitschko: Ich gebe sehr gerne Verantwortung ab, denn ich mag es, wenn die Dinge ohne mich funktionieren. Mir ist wichtig, dass Tatjana jemand ist, die diese Verantwortung gerne annimmt, das ist ja nicht selbstverständlich. Ich vertraue ihr blind.
Wie entsteht dieses Vertrauen bei Ihnen?
Klitschko: Eine gute Frage. Ich wurde auch schon oft enttäuscht, aber ich lasse mich davon nicht stoppen. Ich habe verstanden, dass man die Enttäuschung mit einkalkuliert. Ohne Vertrauen würden mein Leben und mein Unternehmen nicht funktionieren, dann könnte ich ja nie etwas Neues anfangen.
Haben Sie eine gute Menschenkenntnis?
Klitschko: Menschenkenntnis ist für mich Bauchgefühl, und meinem Bauchgefühl vertraue ich stark. Ich spüre, ob jemand seinen Job liebt oder nicht. Und dann fällt es mir leicht, mich dieser Person zu öffnen. Ich glaube nicht, dass man Zuneigung vortäuschen kann.
Kiel: Man muss dazu aber auch sagen, dass Wladimir sehr klar ist, in dem, was er möchte und in dem, wie er kommuniziert. Er sagt, was er erwartet – und welche Konsequenzen es hat, wenn es nicht funktioniert. So, wie er das mit mir am Anfang gemacht hat. Wenn man sich auf diese offene Kommunikation einigen kann, dann kommt das Vertrauen.

Streiten Sie beide sich auch mal?
Kiel: Nein. Wir diskutieren viel, und dadurch entstehen Meinungen. Streit würde ich das nicht nennen.
Klitschko: Bei uns gibt es keinen Streit, wir sind ja kein Ehepaar. Uns eint, dass wir nach Entwicklung streben, für die Firma und für uns persönlich. Ich arbeite immer daran, dass Tatjana besser und stärker wird, denn dadurch werde auch ich besser und stärker. Sie zieht mich mit. Tatjana ist meine Verbündete, sie steht immer zu mir und unserem Unternehmen. Kiel: Für die Sache streite ich mich aber schon manchmal. Da werde ich zur Kriegerin (lacht).
"Im Sport ist das oberste Ziel, Fehler zu vermeiden. Das haben wir sehr verinnerlicht." - Tatjana Kiel
Wie gehen Sie mit Fehlern um? Vor allem, wenn der oder die andere Fehler macht?
Kiel: Im Sport ist das oberste Ziel, Fehler zu vermeiden. Das haben wir sehr verinnerlicht. Wenn doch mal etwas schiefgeht, zoomen wir sofort ran und gucken, was wir besser machen können. Das Glorifizieren von Fehlern halte ich für falsch.
Wladimir, was wiegt schwerer: der eigene Fehler oder die Fehler der anderen?
Klitschko: Am Ende des Tages kommt es darauf nicht an. Das Ergebnis zählt. Als Sportler mache ich die Fehler vielleicht ein klein wenig lieber selbst, als sie bei anderen zu sehen, das verkrafte ich besser. Wichtig ist, dass du die Ausdauer hast, aus den Fehlern zu lernen.
Tatjana, was haben Sie von Wladimir gelernt?
Kiel: Mein Gefühl loszulassen und Freiheiten zu geben. Vertrauen in unsere Leute zu haben. Während der Pandemie, als wir alle plötzlich von zu Hause aus arbeiten mussten – dabei zu vertrauen und nicht zu kontrollieren. Da habe ich mir viel von ihm abgeschaut. Darauf zu vertrauen, dass alles gut wird.
Und Wladimir, was schätzen Sie an Tatjana besonders?
Klitschko: Da würde ich gerne noch mal eine Parallele zum Sport ziehen. Als aktiver Boxer habe ich mich immer auf die schwierigste Version meines Herausforderers vorbereitet. Man darf bei keinem Kampf davon ausgehen, dass es leicht wird. Im Grunde musst du perfekt auf etwas vorbereitet sein, auf das du gar nicht vorbereitet sein kannst – weil du nicht weißt, was passiert. Tatjana kann das, als Geschäftsfrau. Sie ist in den vergangenen 15 Jahren nie stehen geblieben, sondern hat sich immer weiterentwickelt. Das spornt mich an.“
