Prof. Dr. Carsten Schermuly

"Wer über schwache Teamleistung klagt, stellt seine eigene Führung infrage"

Leistung ist in Deutschland nicht mehr en vogue, behaupten etliche öffentliche Stimmen. Doch bloße Appelle und die Einteilung in High- und Low-Performer lösen das Problem nicht, sagt Wirtschaftspsychologe Carsten Schmermuly. Hier erklärt er, warum und wieso sich Führungskräfte, die in ihren Teams Leistung vermissen, auch an die eigene Nase fassen müssen. 

"Wer über schwache Teamleistung klagt, stellt seine eigene Führung infrage"
Foto: Ivgenia Möbus

In Politik und Wirtschaft wird häufig behauptet, Deutschland leide unter einer schwachen Leistungskultur. Diskutiert werden Teilzeit, hohe Fehlzeiten, zu viel Homeoffice oder eine angeblich wenig motivierte junge Generation. All diese Erklärungen folgen demselben Muster und Ritual: Wirtschaftliche Probleme werden personalisiert und einzelnen Gruppen zugeschrieben.

In der Psychologie sprechen wir vom fundamentalen Attributionsfehler. Situative Faktoren und Rahmenbedingungen werden unterschätzt, individuelle Eigenschaften überschätzt. Personen sind sichtbarer als Strukturen. Die Krise bekommt mit der personalen Ursachenzuordnung ein Gesicht. Für Unternehmen und Führungskräfte kann diese Sicht jedoch zum Bumerang werden, wenn sie mehr Leistungskultur einfordern. 

„Wenn Führungskräfte die schwache Leistung ihrer Teams beklagen, kritisieren sie indirekt ihre eigene Führung. Performance-Appelle und die Einteilung in High- und Low-Performer können dann zum Bumerang werden.“

Prof. Dr. Carsten Schermuly

Warum Appelle an die Leistungskultur meist ins Leere laufen

Kultur ist stabil. Werte und Normen entstehen über Jahre und verändern sich nur langsam. Wer als erfahrener CEO oder Politiker bzw. Politikern mangelnde Leistung beklagt, kritisiert damit indirekt auch die eigene Führung. Kultur wird maßgeblich von Führung geprägt. Wer lange Verantwortung trug, hatte Einfluss auf genau jene Kultur, die nun bemängelt wird.

Parallel dazu erleben Performance-Management-Systeme eine Renaissance, obwohl sie aus guten Gründen in Verruf geraten sind und im 20. Jahrhundert begraben wurden. Sie schaffen Bürokratie durch neue Stabsstellen, Regeln und Kontrollmechanismen, etwa zur rechtssicheren Vergabe von Zulagen.

High oder Low Performer? Warum diese Einteilung unklug ist

Individuelle Boni führen dazu, dass Mitarbeitende vor allem das tun, wofür sie belohnt werden. Teamarbeit, Einarbeitung neuer Kolleginnen und Kollegen oder gegenseitige Unterstützung bleiben auf der Strecke, weil sie sich individuell nicht auszahlen. Leistung für die Gemeinschaft unterbleibt. Die Einteilung in Performer und Nicht-Performer schwächt weiterhin Kooperation und Wissensaustausch, obwohl genau das für die Lösung komplexer Aufgaben in Krisenzeiten entscheidend ist.

Zudem untergraben extrinsische Anreize die intrinsische Motivation. Arbeit wird stärker für die Belohnungen erledigt als aus Interesse oder Sinn. Da Leistung oft schwer objektiv zu bewerten ist, messen viele Systeme eher die Sympathie der Führungskraft für die Mitarbeitenden als deren tatsächlichen Beitrag.

Mitarbeitende konzentrieren sich dann auf Gefälligkeiten und Schmeicheleien statt auf Wertschöpfung. Die Führungskräfte haben zumindest das Gefühl, dass sie gemocht werden. Die Fixierung auf angeblich fehlende Leistungskultur kostet außerdem Zeit.

Statt diffuse Appelle zu formulieren, sollten Organisationen, die in der Organisationspsychologie empirisch gut belegten Hebel nutzen: 

  • gute Führung 
  • klare Ziele 
  • eindeutige Rollen 
  • psychologisches Empowerment. 

Letzteres entsteht, wenn Menschen Sinn, Selbstbestimmung, Einfluss und Kompetenz erleben. Auch Arbeitszufriedenheit wirkt leistungsförderlich. Sie und Leistung verstärken sich gegenseitig in einer positiven Dynamik. Es entsteht eine produktive Aufwärtsspirale.

Aktuell scheint ein weiterer Punkt zentral: Mitarbeitende brauchen mehr echte Arbeitszeit für ihre eigentlichen Aufgaben. Mehr Zeit für Arbeit während der Arbeitszeit. Weniger Meetings und weniger Bürokratie erhöhen Produktivität. Voraussetzung dafür ist Vertrauen statt einem Performance-Management-System.

Portrait

Prof. Dr. Carsten Schermuly

Wirtschaftspsychologe

Prof. Dr. Carsten Schermuly ist Diplompsychologe und an der SRH University of Applied Sciences in Berlin Professor für Wirtschaftspsychologie sowie Direktor des Instituts für New Work und Coaching. 2025 erschien sein Buch „Psychologie der Macht: Wie sie uns und unser Zusammenleben prägt“ im Haufe-Verlag.

Foto: Ivgenia Möbus