Franziska Laurien Siebeck

Vier von fünf Führungskräften trainieren gerade die falschen Kompetenzen

Unternehmen schmeißen ihre Leute mit Tools zu und wundern sich, dass nichts passiert. Warum die entscheidende Lücke nicht in der Technologie liegt, sondern in drei sehr menschlichen Kompetenzen, schreibt Leadership-Expertin Franziska Laurien Siebeck.

Vier von fünf Führungskräften trainieren gerade die falschen Kompetenzen
Foto: Caro Simon

Diesen Moment habe ich in vielen Unternehmen erlebt, die wir beraten. Ein Rollout-Meeting. Auf der Folie steht, wie viele Lizenzen verteilt und wie viele Menschen geschult wurden. Die Zahlen steigen. Die Stimmung im Raum steigt nicht mit. Und wenn ich frage, was sich für die Menschen im Team konkret verändert hat, wird es still.

Nicht, weil dort inkompetente Menschen sitzen. Sondern weil niemand die richtigen Fragen gestellt hat.

Diese Stille ist teuer. Laut MIT bringen 95 Prozent der KI-Pilotprojekte keinen messbaren Ertrag. Wir haben die Technologie eingekauft. Die Fähigkeit, mit ihr zu arbeiten, haben wir vergessen.

Die Kompetenzlücke, die niemand misst

Eine Zahl lässt mich nicht los: Laut Gallup vertrauen 21 Prozent der Beschäftigten ihrer Führungskraft uneingeschränkt. 2022 waren es 41 Prozent.

Die Hälfte. In drei Jahren.

Und von denen, die KI nutzen, fühlen sich ebenfalls nur 21 Prozent von ihrer Führungskraft unterstützt. Vier von fünf gehen durch die größte Umstellung ihrer Arbeitswelt seit Jahrzehnten und erleben niemanden, der sie hält. 

Das ist die falsche Kompetenzwette. Und was mich ehrlich ärgert: Es wird darüber unfassbar viel geredet und erschreckend wenig umgesetzt.

KI ist ein Business Partner, kein Heiliger Gral

Ich arbeite täglich mit diesen Systemen. Genau deshalb halte ich es für gefährlich, wie über sie gesprochen wird. KI ist zur Erlösungsfantasie geworden. Dabei nimmt sie uns Arbeit ab, aber keine Entscheidung, und liefert Optionen, aber keine Haltung. 

Ein wachsender Teil dessen, was wir Management genannt haben, wandert gerade in die Maschine. Was bleibt, ist das Urteil, die Entscheidung und die Beziehung zu den Menschen, die sie tragen müssen. 

„KI nimmt uns Arbeit ab, aber keine Entscheidung, und liefert Optionen, aber keine Haltung.“

Franziska Laurien Siebeck

Kompetenz 1: Urteilskraft statt Plausibilität

Diese Systeme klingen kompetent, und unser Gehirn verwechselt Flüssigkeit mit Wahrheit. Kritisches Denken braucht Zeit, und die haben wir wegoptimiert.

Kompetenz 2: Certainty in Uncertainty 

Was diese Zeit verlangt, ist keine Gewissheit, sondern Klarheit. Gewissheit heißt: Ich weiß, was kommt. Die hat niemand, auch die nicht, die auf den Bühnen so tun. Klarheit heißt: Ich weiß, wofür ich stehe und wie wir entscheiden, solange wir es nicht wissen.

Zukunft lässt sich gestalten, gerade jetzt. Optimismus ist dabei keine Naivität, sondern eine Führungsentscheidung. Sicherheit gibst Du Deinem Team nicht, indem Du sie vortäuschst, sondern indem Du zeigst, dass Du auch ohne alle Informationen handlungsfähig bleibst.

Kompetenz 3: Relational Intelligence

Am Ende ist alles Beziehung. Leadership ist Beziehungsarbeit, Kulturen und Teams sind Beziehungskonstrukte, eine Familie ist ein System aus Haltung, Werten und Dynamiken. Die wichtigste Beziehung darin ist die zu Dir selbst – und die einzige, auf die Du wirklich Einfluss hast. Sie ist der Spiegel unserer Beziehungen im Außen: Wer die eigene Reaktion unter Druck nicht kennt, gibt sie weiter.

Im Alltag heißt das: Vertrauen herstellen. Dynamiken verstehen. Räume schaffen, in denen Sicherheit entsteht. Das klingt weich und entscheidet knallhart darüber, ob Dir jemand sagt, was wirklich los ist.

Die Qualität unserer Beziehungen bestimmt die Qualität unseres Lebens und damit auch den künftigen Erfolg von Führung und Business. An keine Maschine delegierbar.

Die gute Nachricht: Das ist erlernbar!

All das ist trainierbar. Auf die Agenda gehört Human Intelligence: Urteilskraft, Identitätsarbeit, Entscheiden unter Unsicherheit, Beziehungskompetenz, Werte und Haltung. Nicht als weiches Rahmenprogramm neben dem KI-Rollout, sondern als dessen Erfolgsfaktor.

Bleibt eine alte Frage in neuer Dringlichkeit: Wollen Menschen mit Dir durch Unsicherheit gehen?

Technologie ist der Business Partner. Die Verbindung ist das Geschäft.

Portrait

Franziska Laurien Siebeck

Leadership-Expertin, Gründerin und Managing Director von Laurien Consulting

Laurien Consulting ist eine internationale Boutique-Beratung und Akademie für Relational Intelligence, Strategic Well-Being und Human Intelligent Leadership mit Standorten in Deutschland und Australien. Franziska Laurien Siebeck stellt mit ihrem Team Führungskräfte und Organisationen für das KI-Zeitalter auf, vom Mittelstand bis zum DAX-Konzern. Wirtschaftspsychologin, systemische Coachin, internationale Keynote Speakerin, zuvor in einer internationalen Managementberatung an Transformationsprojekten für über 400.000 Mitarbeitende beteiligt.

Foto: Caro Simon