Dr. Eva Gengler

„Sonst kann ChatGPT sogar den Gender Pay Gap verschärfen“

Dank KI fühlen sich viele besser auf unangenehme Gespräche wie Gehaltsverhandlungen vorbereitet. Schließlich lassen sich Argumente mit dem Chatbot beliebig oft üben. Wirtschaftsinformatikerin Dr. Eva Gengler warnt jedoch davor, sich allein auf KI zu verlassen, vor allem als Frau.

„Sonst kann ChatGPT sogar den Gender Pay Gap verschärfen“
Foto: Thomas Beutel

Meine erste intensive Beschäftigung mit diskriminierender KI war nicht ChatGPT, sondern ein System von Amazon. 2018 wurde bekannt, dass der Konzern ein experimentelles Recruiting-System gestoppt hatte, das systematisch Bewerbungen von Frauen benachteiligte.

Was war das Problem? KI beruht, vereinfacht gesprochen, auf Statistik, dem Erkennen von Mustern in Daten und Wahrscheinlichkeiten. Und bisher wurden im IT-Bereich weniger Frauen eingestellt als Männer. Das ist nicht der einzige Gap, den wir kennen: Es gibt den Gender Pay Gap, den Gender Credit Gap, den Gender Investment Gap, den Gender Health Gap, den Gender Data Gap und viele, viele mehr. Und all das ist relevant, wenn KI auf Statistik und Daten beruht.

Warum gerade Frauen KI-Empfehlungen kritisch hinterfragen sollten

2018 war Künstliche Intelligenz für viele entweder noch ein Fremdwort oder nur in Science-Fiction existent. Heute begegnet sie uns nahezu in jedem Arbeitskontext. Große Sprachmodelle (LLMs) finden ihre Wege in unzählige Entscheidungen, beruflich wie privat.

Eine 2025 veröffentlichte Studie deutscher Universitäten testete fünf Sprachmodelle im Kontext der Gehaltsberatung. Im Test erhielten weibliche Personas signifikant niedrigere Gehaltsempfehlungen als männliche. Ebenso People of Color und Menschen mit hispanischem Hintergrund waren betroffen.

Das beweist nicht, dass ChatGPT und Co. für Frauen grundsätzlich schlechter funktionieren. Es zeigt aber, dass der Einsatz von KI für die Vorbereitung oder gar Automatisierung von Entscheidungen problematisch sein kann.

Generative KI berechnet, welche Antwort auf Basis ihrer Trainingsdaten besonders wahrscheinlich, das heißt nicht unbedingt auch korrekt, ist. In einer Realität, in der Frauen seit langem systematisch weniger verdienen und seltener befördert werden, spiegelt „Wahrscheinlichkeit“ genau dieses Ungleichgewicht. Und es kommt als Antwort so überzeugend daher.

„Sei grundsätzlich skeptisch bei KI-Antworten. Hinterfrage, auf welcher Basis sie entstanden sind. Sonst kann ChatGPT sogar den Gender Pay Gap verschärfen.“

Dr. Eva Gengler

Was Frauen vor Gehaltsgesprächen beachten sollten

Heißt das nun, Frauen sollten ChatGPT und Co. grundsätzlich meiden? Aus meiner Sicht nicht. Aber wir sollten sie nicht unreflektiert nutzen. Im Kontext von Gehaltsempfehlungen kann das bedeuten:

1. Sei grundsätzlich skeptisch bei KI-generierten Antworten

Hinterfrage, auf welcher Basis sie entstanden sind. Lass Dir Quellen geben. Recherchiere selbst Gehaltsspannen über Tarifverträge, Branchenportale, Kolleg:innen, Berufsverbände. Nutze ein Modell, um diese Daten zu strukturieren und reflektieren.

2. Mach den Gegencheck

Stell dieselbe Frage mit einer männlichen, weiblichen und neutralen Persona. Lass Dir mehrere Verhandlungsempfehlungen nennen und frage nach, welche Annahmen dazu führen.

3. Gib Feedback bei problematischen Antworten

Teile Deine Erfahrung mit anderen und sprich darüber, warum diese Probleme auftreten. Trage dazu bei, dass die Vergangenheit nicht über unsere Zukunft verhandelt!

Portrait

Dr. Eva Gengler

Wirtschaftsinformatikerin

Dr. Eva Gengler ist Wirtschaftsinformatikerin und Co-Gründerin der Feminist AI-Community. Sie hat an der FAU Erlangen-Nürnberg aus einer feministischen, soziotechnischen Perspektive zu künstlicher Intelligenz promoviert, ist Autorin des Buchs „Feministische KI“, das 2026 im Dietz-Verlag erschienen ist, und engagiert sich für eine gerechtere Gestaltung von Technologie. Sie ist zudem Gewinnerin des diesjährigen STRIVE Awards.

Foto: Thomas Beutel