Lili Vogelsang

Deine Mitarbeitenden sind einsam! 5 Dinge, die Führungskräfte tun können

Immer mehr Menschen fühlen sich allein, auch im Job. Woran das liegt und was hilft, damit das soziale Gefüge im Team nicht bricht, erklärt Kommunikationsberaterin Lili Vogelsang hier.

Deine Mitarbeitenden sind einsam! 5 Dinge, die Führungskräfte tun können
Foto: Constanze Ulreich

Ich bin 1993 geboren und dafür von Tag zu Tag dankbarer. Mein Berufseinstieg war arbeitsintensiv, aber eine aufregende, schöne Zeit. 16 Stunden im Büro bedeuteten damals auch: 16 Stunden unter Menschen. Alle 30 Minuten zu irgendeiner Kollegin an den Schreibtisch laufen und fragen: „Ähm, wie macht ihr das?" Und um 20:00 Uhr in die Runde rufen: „Wer will Sushi?“.

Ich will hier keine Hustle Culture verherrlichen, ich war selten so müde wie in dieser Zeit. Aber ich erinnere mich vor allem an Freundschaften, an Überforderung, die sich in gemeinsames Lachen entlädt, und ja, lasst uns ganz offen sein: an den aufregenden Office-Crush.

Für Young Professionals, die heute ins Berufsleben einsteigen, ist das anders: Remote-First, Homeoffice und AI haben sicher alle nicht zu vernachlässigende Vorteile, aber sie machen die Arbeitswelt vor allem eines: weniger kommunikativ und in der Konsequenz auch einsamer.

Dieser strukturelle Wandel der Arbeitswelt ist nur ein Puzzlestück in einer Welt, in der wir immer weniger mit anderen Menschen in Kontakt sind: Kopfhörer in der Bahn, Self-Checkout-Kassen, Uber Eats, WhatsApp-Nachrichten, anstatt einfach mal anzurufen. All diese Elemente sind der Nährboden für die nächste Pandemie, die bereits unter uns wütet: die Pandemie der Einsamkeit.

Eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: 46 Prozent der jungen Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Am stärksten ausgeprägt ist Einsamkeit zwischen 19 und 22 Jahren, also genau in der Phase des Berufseinstiegs. Die Auswirkungen kommen nicht nur bei den Individuen an, sondern sind längst ein Problem für Arbeitgeber und Teams. Wie groß das ist, scheint den meisten noch nicht klar.

Ich höre immer wieder:

„Die haben Angst zu telefonieren.“ 
„Die sind irgendwie nicht so sozial kompatibel.“ 
„Die haben Angst, ins Office zu kommen.“ 

Mit "die" ist natürlich die Gen Z gemeint. Und was oft mit einem leicht drolligen Unterton gesagt wird, schlägt sich längst in der Performance vieler Unternehmen nieder: Laut der Gallup-Studie „State of the Global Workplace“ erlebt weltweit jede fünfte erwerbstätige Person täglich Einsamkeit, wobei jüngere und remote arbeitende Menschen am stärksten betroffen sind. Die Kosten geringer Mitarbeiterbindung beziffert Gallup auf 8,9 Billionen Dollar, rund neun Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Und der tägliche Gebrauch von AI-Tools wird die Situation drastisch verschärfen. Nicht nur, weil wir öfter Chattie oder Claude fragen werden anstatt, wie ich damals, meine Mentorin Barbara. Sondern auch, weil zwischenmenschliche Fähigkeiten zum menschlichen USP werden. Bald kann jede:r tolle Slides mit Claude Design bauen. Die Frage ist aber: Wie gut präsentiert man sie den Kund:innen? Wie smooth kooperiert das Team in der Vorbereitung? Genau diese essenziellen Fähigkeiten verschwinden gerade still und leise.

Als Führungskraft hat man daher nicht nur eine menschliche Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden, sondern trägt auch aktiv zum Unternehmenserfolg bei, wenn man soziale Fähigkeiten und Freundschaften am Arbeitsplatz fördert. Doch wie geht das genau? Hier kommt ein kleiner Auszug aus meinem Werkzeugkasten.

„Remote, Homeoffice und AI haben nicht zu vernachlässigende Vorteile, aber sie machen die Arbeitswelt vor allem eines: weniger kommunikativ und einsamer.“

Lili Vogelsang

1. Schafft Wiederholung und nutzt den Mere-Exposure-Effekt für Euer Team 
 
Dieser beschreibt ein simples Phänomen: Wir mögen Menschen umso mehr, je öfter wir ihnen begegnen. Nicht, weil wir tiefe Gespräche führen, sondern weil bloße Regelmäßigkeit Sympathie erzeugt. Genau das passiert im Remote-Setup immer weniger.
 
Heißt: feste Bürotage für ganze Teams statt individueller Wahlfreiheit, kleine Runden in stabiler Besetzung. Wiederholung ist zwar unspektakulär und auch mal unbequem, aber die Grundlage von allem. Schließlich nervt es auch irgendwie, jede Ostern nach Hause zu fahren, ist dann aber doch immer nett.
 
2. Soziale Fähigkeiten sind eine Kompetenz, also behandelt sie auch so
 
Wir erwarten nicht, dass jeder Excel oder N8N aus dem Stehgreif kann. Bei sozialen Fähigkeiten tun wir aber genau das. „Reden kann ja jeder” ist ein Trugschluss, den ich oft höre. Wir setzen voraus, dass jemand schwierige Gespräche führen, um Hilfe bitten oder Konflikte ansprechen kann, und wundern uns, wenn es nicht passiert. Wie groß der Wunsch nach Lösung hierfür ist, erlebe ich gerade am einigen Leib: Unsere App zum Training von sozialen Fähigkeiten erreicht in den ersten Monaten +30,000 Downloads. 
Soziale Kompetenz ist trainierbar, messbar und entwickelbar, wie andere Fähigkeiten auch. Also plant sie ein: als Budgetposten, als Trainingsangebot, als wiederkehrende Übungsmomente. 
 
3. Lebt Fragenstellen vor
 
Auch in Eurem Alltag als Führungskräfte gibt es Fragen, die ihr erst einer Kollegin stellen könnten, bevor ihr Claude zurate zieht. Das wirkt auf den ersten Blick ineffizient. Aber das Geschäftsmodell, Zeit konsequent gegen menschlichen Kontakt einzutauschen, hat uns überhaupt erst hierher gebracht.
 
Und es gibt einen zweiten Effekt: Wenn Führungskräfte sichtbar nicht alles wissen, sinkt für alle anderen die Hürde, auch mal zu fragen. Nichtwissen zu zeigen ist ein Privileg, das man nach unten weitergeben sollte.
 
4. Gestaltet Räume, in denen etwas passieren kann
 
Der Soziologe Ray Oldenburg nannte sie Third Places: Orte, die weder Zuhause noch Arbeitsplatz sind und an denen Begegnung ohne Anlass stattfindet. Im öffentlichen Raum verschwinden sie gerade, im Büro haben wir sie oft gleich mit wegoptimiert.
 
Ein Großraumbüro mit Kopfhörerpflicht ist kein sozialer Raum. Die gute alte Kaffeeküche schon, wenn sie groß genug ist, dass zwei Menschen sich dort begegnen, ohne dass es peinlich wird. Fragt Euch bei Eurer Bürofläche einmal ganz konkret: Wo kann hier ein Gespräch entstehen, das niemand geplant hat?
 
5. Stellt Fragen

Einsamkeit ist extrem schambehaftet. Niemand meldet sich in der Retro und sagt: Mir fehlt hier Anschluss. Also müsst ihr als Führungskräfte fragen, und zwar so, dass die Antwort nicht peinlich ist. Ein paar Vorschläge, die funktionieren:

• Welche Frage sollte ich Dir öfter stellen?
• Wenn eine Fee käme und sie würde unsere Arbeit ein bisschen sozialer und verbundener machen: Was würde sie ändern?
• Bei welchem Thema bist Du besser als Claude und wir sollten Dich alle dazu zurate ziehen?
• Mit wem im Team hattest Du in den letzten zwei Wochen am wenigsten zu tun?
• Was war zuletzt ein Moment hier, bei dem Du Dich wirklich als Teil von etwas gefühlt hast?

Ich weiß, es klingt ein bisschen verrückt, dass Teile von uns wieder lernen müssen „menschlich“  zu sein. Aber ist das in Zeiten von KI wirklich so verwunderlich? Wer das Thema jetzt versteht und ernst nimmt, macht damit nicht nur langfristig Mitarbeitende, sondern auch das Unternehmen glücklich.

Portrait

Lili Vogelsang

Gründerin und Kommunikationsberaterin

Lili Vogelsang ist CEO und Co-Gründerin von Fredie, einer Plattform, die Menschen dabei unterstützt, ihre sozialen Fähigkeiten zu trainieren und Einsamkeit zu überwinden. Sie ist außerdem Autorin des Spiegel-Bestsellers „Soul Talk: Die Kunst des klugen Fragens und spricht auf Social Media darüber, wie wir wieder besser miteinander ins Gespräch kommen. Vogelsang hat Politikwissenschaft und Soziologie in Frankreich und Amsterdam studiert und lebt heute in Berlin.

Foto: Constanze Ulreich