Ich zähle zu den größeren Personal Brands auf LinkedIn und erreiche mit meinen Inhalten jedes Jahr Millionen Menschen. Mein Unternehmen RelateME. ist über diese Plattform gewachsen und erfolgreich geworden. Seit vier Jahren bin ich täglich aktiv und veröffentliche drei- bis viermal pro Woche Inhalte. Ohne Pausen.
Obwohl LinkedIn für mein Business nach wie vor enorm wichtig ist, merke ich auch bei mir eine gewisse Müdigkeit und Frustration. Gar nicht zwingend deswegen, weil mein Ego ein paar Likes weniger bekommt. Eher, weil ich beobachte, wie sich die Spielregeln verändern.
Hauptsache, wir bleiben noch drei Sekunden länger auf dem Beitrag
Mein Eindruck ist, dass LinkedIn immer stärker Mechanismen übernimmt, die ich bisher eher von Instagram kannte. Aufmerksamkeit entsteht zunehmend durch Zuspitzung, Clickbait und maximal emotionale Überschriften. Aus einer kleinen Alltagssituation wird eine Lebenskrise. Aus einer Meinungsverschiedenheit ein Trauma. Aus einem Kaffee mit der Führungskraft eine "Lektion fürs Leben". Hauptsache, wir bleiben noch drei Sekunden länger auf dem Beitrag.
Natürlich probiere auch ich Formate aus. Was mich aber zunehmend beschäftigt, ist die Art, wie Content heute produziert wird. Vieles wirkt auf mich inszeniert und erstaunlich unauthentisch. Manche Posts lesen sich inzwischen wie aus dem Storytelling-Baukasten: erst Tränen, dann Drama, dann die überraschende Wendung und zum Schluss drei vermeintliche „Learnings“. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob ich gerade LinkedIn lese oder das Drehbuch einer Netflix-Miniserie.
Je größer die Emotion, desto größer oft die Reichweite
Es scheint, als würde jede Emotion bis zum Anschlag ausgereizt. Wut funktioniert. Schock funktioniert. Mitleid funktioniert. Je größer die Emotion, desto größer oft die Reichweite. Und das nutzen Content Creator:innen auf Linkedin schamlos aus.
Wer den Feed aufmerksam beobachtet, gewinnt außerdem schnell den Eindruck, dass stark inszenierte Bilder, visuelle (weibliche) Reize und extreme Aussagen überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit erhalten. Genau das war für mich immer der Unterschied zu anderen Plattformen.
Ich mochte LinkedIn, weil dort Kompetenz wichtiger schien als Selbstdarstellung. Weil Argumente mehr zählten als Algorithmen. Weil Expertise Aufmerksamkeit erzeugte – und nicht umgekehrt. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass wir uns immer weiter in Richtung einer Aufmerksamkeitsökonomie bewegen, in der alles lauter, emotionaler und extremer sein muss als gestern.