Christine Steinleitner

Linkedin, es reicht! Die neue Reichweiten-Show nervt

Linkedin ist für viele ein wichtiges Tool, um beruflich sichtbar zu sein. Doch: Immer mehr Nutzer:innen sind frustriert und beobachten veränderte Spielregeln, wie Executive Coach Christine Steinleitner. Was sie stört und warum, erklärt sie hier.

Linkedin, es reicht! Die neue Reichweiten-Show nervt
Foto: Mathias Müller

Ich zähle zu den größeren Personal Brands auf LinkedIn und erreiche mit meinen Inhalten jedes Jahr Millionen Menschen. Mein Unternehmen RelateME. ist über diese Plattform gewachsen und erfolgreich geworden. Seit vier Jahren bin ich täglich aktiv und veröffentliche drei- bis viermal pro Woche Inhalte. Ohne Pausen.

Obwohl LinkedIn für mein Business nach wie vor enorm wichtig ist, merke ich auch bei mir eine gewisse Müdigkeit und Frustration. Gar nicht zwingend deswegen, weil mein Ego ein paar Likes weniger bekommt. Eher, weil ich beobachte, wie sich die Spielregeln verändern.

Hauptsache, wir bleiben noch drei Sekunden länger auf dem Beitrag


Mein Eindruck ist, dass LinkedIn immer stärker Mechanismen übernimmt, die ich bisher eher von Instagram kannte. Aufmerksamkeit entsteht zunehmend durch Zuspitzung, Clickbait und maximal emotionale Überschriften. Aus einer kleinen Alltagssituation wird eine Lebenskrise. Aus einer Meinungsverschiedenheit ein Trauma. Aus einem Kaffee mit der Führungskraft eine "Lektion fürs Leben". Hauptsache, wir bleiben noch drei Sekunden länger auf dem Beitrag.

Natürlich probiere auch ich Formate aus. Was mich aber zunehmend beschäftigt, ist die Art, wie Content heute produziert wird. Vieles wirkt auf mich inszeniert und erstaunlich unauthentisch. Manche Posts lesen sich inzwischen wie aus dem Storytelling-Baukasten: erst Tränen, dann Drama, dann die überraschende Wendung und zum Schluss drei vermeintliche „Learnings“. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob ich gerade LinkedIn lese oder das Drehbuch einer Netflix-Miniserie.

Je größer die Emotion, desto größer oft die Reichweite

Es scheint, als würde jede Emotion bis zum Anschlag ausgereizt. Wut funktioniert. Schock funktioniert. Mitleid funktioniert. Je größer die Emotion, desto größer oft die Reichweite. Und das nutzen Content Creator:innen auf Linkedin schamlos aus.

Wer den Feed aufmerksam beobachtet, gewinnt außerdem schnell den Eindruck, dass stark inszenierte Bilder, visuelle (weibliche) Reize und extreme Aussagen überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit erhalten. Genau das war für mich immer der Unterschied zu anderen Plattformen.

Ich mochte LinkedIn, weil dort Kompetenz wichtiger schien als Selbstdarstellung. Weil Argumente mehr zählten als Algorithmen. Weil Expertise Aufmerksamkeit erzeugte – und nicht umgekehrt. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass wir uns immer weiter in Richtung einer Aufmerksamkeitsökonomie bewegen, in der alles lauter, emotionaler und extremer sein muss als gestern.

„Je größer die Emotion, desto größer oft die Reichweite. Und das nutzen Content Creator:innen auf Linkedin schamlos aus.“

Christine Steinleitner

Algorithmen belohnen nur das, worauf wir reagieren

Was mich dabei am meisten überrascht, ist allerdings gar nicht der Algorithmus. Es sind WIR.

Die Menschen mögen diese Inhalte. Sie teilen sie, kommentieren sie und konsumieren sie oft völlig unkritisch. Je emotionaler die Geschichte, desto seltener scheint sie hinterfragt zu werden. Das macht mir ehrlich gesagt mehr Sorgen als jede Reichweitenkurve. Denn Algorithmen belohnen am Ende nur das, worauf wir reagieren. Manchmal bin ich richtig erschrocken, wie einfach es zu sein scheint und welch simplen Content die Leute offensichtlich bevorzugen.

Ich höre inzwischen von vielen erfolgreichen Linkedin-Nutzer:innen und Unternehmer:innen dieselbe Frustration. Sie investieren Stunden in hochwertige Inhalte und stellen sich am Ende nicht mehr die Frage: Was möchte ich sagen? Sondern: Was muss ich schreiben, damit der Algorithmus mich mag?

Und genau an diesem Punkt läuft etwas schief. Meine Konsequenz ist nicht, weniger zu posten. Ich werde weiterhin Inhalte veröffentlichen. Aber ich werde mich nicht verbiegen. Ich mache mich unabhängiger – durch meinen Newsletter, Keynotes, Workshops, Medien und schreibe Bücher. Denn eine Plattform sollte niemals darüber entscheiden, ob gute Gedanken sichtbar werden.

Portrait

Christine Steinleitner

Executive Coach und Gründerin von RelateMe

Christine Steinleitner ist Gründerin von RelateMe, einer Boutique-Agentur für Leadership und Beziehungskompetenz. Mit ihren Kund:innen arbeitet sie u.a. zu den Themen gesunde Grenzen, toxische Beziehungen oder Narzissmus. Außerdem ist sie Executive Coach, Dozentin und Autorin des Buchs „Das Geheimnis moderner Führung – Future Skill Beziehungskompetenz“. Steinleitner arbeitet in Zürich und München.

Foto: Mathias Müller