Julia Kiener

Krebs mit 32: Diese 6 Karriere-Lügen glaube ich nicht mehr

Innerhalb von fünf Jahren hat Julia Kiener zweimal gegründet. Und eine Krebserkrankung überstanden. Wie die Krankheit ihren Blick auf Karriere verändert hat und auf welche Glaubenssätze sie seither nicht mehr hört, verrät sie hier.

Krebs mit 32: Diese 6 Karriere-Lügen glaube ich nicht mehr
Foto: Marcus Luecke

Seitdem ich 2023 mit 32 die Diagnose Krebs bekommen habe, bin ich konsequenter und klarer in meinen Entscheidungen geworden und habe so einige Glaubenssätze über Bord geworfen. Denn mein Schicksalsschlag hat mir dabei geholfen, Überzeugungen, die ich vorher nie hinterfragt hätte, mal genauer anzuschauen. Diese sechs Karriere-Mythen glaube ich nicht mehr.

1. „Weniger arbeiten macht Dich automatisch glücklicher und gesünder.“

Wie oft habe ich die Frage bekommen, ob ich beruflich nun dauerhaft kürzertrete und weniger arbeite? Für mich ist allerdings nicht die Stundenzahl der Indikator dafür, wie kräftezehrend ein Job ist, sondern das Umfeld. Im falschen Job laugt Dich auch eine Vier-Tage-Woche aus. Fokussierte Arbeit im Flow unter für einen selbst passenden Bedingungen fühlt sich dagegen kaum wie Arbeit an.

2. „Mit einem bis ins kleinste Detail durchdachten Plan kann nichts schiefgehen.“

Seien wir ehrlich: Kontrolle ist ein kompletter Mythos. Wir können alles noch so akribisch planen, wir haben nicht alles unter Kontrolle. Das zu akzeptieren, kann im Job extrem helfen. Viele Probleme sind nur so groß wie unsere Fähigkeit, schnell zu adaptieren.

3. „Eine Festanstellung ist sicherer als die Selbstständigkeit.“

Festanstellung ist nicht gleich Sicherheit. Erstens ist unsere wirtschaftliche Lage komplett volatil und Jobs, die vor drei Jahren noch eine sichere Bank waren, sind heute keine mehr. Eine Festanstellung ist daher eher die Illusion von Sicherheit. Du möchtest Dich selbstständig machen? Do it!

„Wir sind bereit, wenn wir anfangen, nicht andersrum“

Julia Kiener

4. „Ich habe noch genug Zeit.“

Früher dachte ich bei vielem: Das kann ich auch später noch angehen, ich habe ja noch Zeit. Dabei habe ich Dinge, die mich gestört haben, einfach ausgesessen. Heute weiß ich, dass „später“ nichts ist, worauf ich mich verlassen kann. Ich ärgere mich deshalb weniger und ändere mehr. Wenn mich etwas stört, ist das kein Grund zu warten, sondern das Signal, jetzt etwas zu tun.

5. „Jetzt musst Du besonders auf Dich aufpassen und kürzertreten.“

Kaum war ich aus dem Krankenhaus entlassen, kamen die gut gemeinten Ratschläge: langsamer machen, vorsichtiger leben, schonen. Mein Motto ist eher: Der Blitz schlägt ja wohl hoffentlich nicht zweimal ein. Und wenn doch? Deswegen mein Leben auf Sparflamme stellen und abwarten? Nein. Vorsicht ist keine Versicherung, sie ist nur eine kleinere Version vom Leben. Ich mache seitdem nicht weniger, sondern konsequenter nur noch das, wofür ich meine Energie wirklich hergeben will.

6. „Ich fange an, wenn ich bereit bin.“

Wir sind bereit, wenn wir anfangen, nicht andersrum. Hätte ich auf „bereit“ gewartet, würde es das Unternehmen, das ich gerade aufbaue, vermutlich gar nicht geben, da sowohl meine Mitgründerin als auch ich als Branchenfremde alles on-the-go lernen. Kurzum: Ich war nie bereit, ich habe einfach angefangen und wurde es dabei.

Meine Erkrankung war für mich ein Brandbeschleuniger. Ich hätte lieber anders herausgefunden, was ich heute weiß. Und ich bin trotzdem dankbar, dass ich meine Learnings so heute weitergeben kann.

Portrait

Julia Kiener

Gründerin und Krebs-Überlebende

Julia Kiener ist CEO und Co-Gründerin der Skincare-Marke belong.cosmetics. Das Unternehmen aus Hamburg entwickelt Hautpflege für hochsensible Haut, die auch für die meisten Krebs-Patient:innen geeignet ist. Zuvor hat sie die Kommunikationsagentur Pommes al dente mitaufgebaut. Sie lebt in Hamburg.

Foto: Marcus Luecke