Michael Ehlers

Klingen wir bald alle gleich? Warum Rhetorik im KI-Zeitalter zur Machtfrage wird

Egal ob kurze E-Mail, Linkedin-Post oder Vorstandsvorlage: Seit ChatGPT und Co. lässt sich vieles formulieren. Zumindest scheint es im ersten Moment so. Um glaubwürdig zu bleiben, sollten Führungskräfte unbedingt vier Grundregeln beachten, findet Rhetoriktrainer Michael Ehlers.

Klingen wir bald alle gleich? Warum Rhetorik im KI-Zeitalter zur Machtfrage wird
Foto: ME&You Communication

„In diesem Artikel geht es nicht darum, wie KI Menschen gleich macht. Es geht darum, dass KI die Gleichmacherei sichtbar macht."

Wenn Ihnen bei diesem Satz leicht übel wird, sind Sie im richtigen Text. Inhaltlich stimmt er. Geschrieben hätte ich ihn nie. Erst wird erklärt, was nicht gemeint ist, dann kommt das Gegenteil hinterher, sauber gespiegelt, beide Hälften gleich lang. Wer viel mit Sprachmodellen arbeitet, kennt das Muster. Und wer es einmal gesehen hat, sieht es überall.

Und es ist auch überall: Originality.ai hat im Juli 2026 5.000 öffentliche LinkedIn-Beiträge ab hundert Wörtern geprüft. 81,2 Prozent wurden als wahrscheinlich maschinell geschrieben eingestuft. Pangram Labs kommt mit strengerem Verfahren auf über 41 Prozent vollständig generierter Langtexte.

Wer brillant formulieren konnte, hatte jahrzehntelang einen Vorsprung

Im Mai 2026 kündigte Laura Lorenzetti, bei LinkedIn zuständig für Global Editorial, drei Maßnahmen gegen KI-Schrott im Feed an. Pangram stufte ausgerechnet ihren Ankündigungspost als KI-generiert ein. Die Plattform beklagt den Einheitsbrei im Tonfall des Einheitsbreis. Eben.

Für Führungskräfte hat das eine unangenehm konkrete Folge: Formulieren lässt sich jetzt alles. In vier Sekunden, in drei Sprachen. Was davon von ihnen stammt, steht auf einem anderen Blatt, und genau das prüfen ihre Leute inzwischen zuerst. Sie lesen nicht mehr, was dasteht. Sie prüfen, ob am anderen Ende überhaupt jemand saß.

"Der Vorstandsbrief ohne jede Unebenheit erzeugt Abstand, der Fehler bekommt wieder Wert."

Michael Ehlers

Die makellose Beileidsmail wirkt kälter als die holprige

Damit kippt etwas, das jahrzehntelang stabil war. Wer brillant formulieren konnte, hatte einen Vorsprung, ein Statussignal wie ein gut sitzender Mantel. Dieser Vorsprung ist billig geworden. Teuer wird jetzt die Urheberschaft. Die makellose Beileidsmail wirkt kälter als die holprige. Der Vorstandsbrief ohne jede Unebenheit erzeugt Abstand. Der Fehler bekommt wieder Wert. Und das ist ein Satz, den ich vor drei Jahren nicht unterschrieben hätte.

Neu ist der Mechanismus nicht. In meinen Seminaren saßen 30 Jahre lang junge Führungskräfte, die klangen wie die direkte Führungskraft, bis in die Räusperer hinein. Junge Vortragende, die eine Kopie ihres Vorbilds waren, inklusive Pausen an den falschen Stellen. Damals war das Vorbild ein Mensch, den man irgendwann durchschaute. Heute ist es eine Software, die uns Arbeit abnimmt.

Was ich meinen Seminargästen seit ungefähr zwei Jahren mitgebe, sind daher vier Dinge:

1. Sprechen Sie den Text, bevor Sie ihn schreiben. Diktieren Sie ins Handy, roh, mit Umwegen und Versprechern. Danach darf die KI Grammatik korrigieren und sonst nichts. Ihr Rhythmus überlebt das.

2. Suchen Sie in jedem Entwurf nach „nicht ... sondern". Streichen. Die Aussage steht auch ohne die Verneinung davor.

3. Bauen Sie etwas ein, das kein Modell wissen kann. Einen Dienstagmorgen. Eine Zahl aus Ihrer Abteilung. Den Satz, den Ihre Chefin 2019 im Aufzug gesagt hat. Sprachmodelle erfinden „ein mittelständisches Unternehmen". Sie haben Namen.

4. Lesen Sie laut vor. Nicht überfliegen, wirklich sprechen. Wo Sie nirgends stolpern und nirgends Luft holen müssen, hat jemand anders die Übergänge geglättet.

Ich habe diesen Text zweimal laut gelesen und beim zweiten Mal drei Sätze gestrichen, die mir zu gut gefielen. Einer davon war der beste im ganzen Stück.

Portrait

Michael Ehlers

Rhetoriktrainer und Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen

Michael Ehlers ist Rhetoriktrainer und arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Vorständen, Unternehmen und Menschen aus dem Spitzensport. Außerdem ist er Lehrbeauftragter der Universität St. Gallen und Director des Center for Rhetoric im SMP St. Gallen Management Programm sowie mehrfacher Buchautor. 2018 erschien sein Bestseller „Rhetorik. Die Kunst der Rede im digitalen Zeitalter“ im Börsenmedien/books4success-Verlag.

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