Die makellose Beileidsmail wirkt kälter als die holprige
Damit kippt etwas, das jahrzehntelang stabil war. Wer brillant formulieren konnte, hatte einen Vorsprung, ein Statussignal wie ein gut sitzender Mantel. Dieser Vorsprung ist billig geworden. Teuer wird jetzt die Urheberschaft. Die makellose Beileidsmail wirkt kälter als die holprige. Der Vorstandsbrief ohne jede Unebenheit erzeugt Abstand. Der Fehler bekommt wieder Wert. Und das ist ein Satz, den ich vor drei Jahren nicht unterschrieben hätte.
Neu ist der Mechanismus nicht. In meinen Seminaren saßen 30 Jahre lang junge Führungskräfte, die klangen wie die direkte Führungskraft, bis in die Räusperer hinein. Junge Vortragende, die eine Kopie ihres Vorbilds waren, inklusive Pausen an den falschen Stellen. Damals war das Vorbild ein Mensch, den man irgendwann durchschaute. Heute ist es eine Software, die uns Arbeit abnimmt.
Was ich meinen Seminargästen seit ungefähr zwei Jahren mitgebe, sind daher vier Dinge:
1. Sprechen Sie den Text, bevor Sie ihn schreiben. Diktieren Sie ins Handy, roh, mit Umwegen und Versprechern. Danach darf die KI Grammatik korrigieren und sonst nichts. Ihr Rhythmus überlebt das.
2. Suchen Sie in jedem Entwurf nach „nicht ... sondern". Streichen. Die Aussage steht auch ohne die Verneinung davor.
3. Bauen Sie etwas ein, das kein Modell wissen kann. Einen Dienstagmorgen. Eine Zahl aus Ihrer Abteilung. Den Satz, den Ihre Chefin 2019 im Aufzug gesagt hat. Sprachmodelle erfinden „ein mittelständisches Unternehmen". Sie haben Namen.
4. Lesen Sie laut vor. Nicht überfliegen, wirklich sprechen. Wo Sie nirgends stolpern und nirgends Luft holen müssen, hat jemand anders die Übergänge geglättet.
Ich habe diesen Text zweimal laut gelesen und beim zweiten Mal drei Sätze gestrichen, die mir zu gut gefielen. Einer davon war der beste im ganzen Stück.