Anne Hünninghaus

Steine des Anstoßes

Die globalisierte Wirtschaft funktioniert wie ein ­Domino-Spiel: Ein Chip fehlt, ein Frachter steckt fest und ganze Industrien­ geraten ins Wanken. Wer glaubt, das gehe nur die Märkte an, irrt: Die Effekte treffen uns alle. Besonders dann, wenn wir in Aktien investieren.

Steine des Anstoßes
FOTO: ISTOCK/NAEBLYS

Ein einziger Bagger mitten im Sand des Suezkanals. Vor ihm hatte sich die „Ever Given“ quergelegt, ein 400 Meter langer Container-Riese. Im April 2021 blockierte das Schiff tagelang die wichtigste Handelsroute der Welt. Milliardenwerte steckten auf hoher See fest, die globale Logistik kam ins Stocken.

Und dann, nach ­ 21 Stunden Zentimeterarbeit, gelang es dem 28-jährigen Baggerfahrer, den Megafrachter aus dem Schlamm zu befreien. Der globale Handel atmete auf: Gut 400 Transportschiffe mit Millionen von Waren machten sich endlich auf den Weg zu ihren Zielorten. Dort konnten andere Unternehmen sie weiterverarbeiten, sie konnten in den Verkauf gehen und Quartalszahlen stabilisieren.

Stephan A. Jansen zitiert den aus der Chaos-Forschung bekannten Schmetter- lingsflügelschlag: „Manchmal reicht ein kleiner Anstoß, um etwas Großes ins Rollen zu bringen“ | FOTO: PRIVAT

Für Anleger:innen war der Fall mehr als ein kurioses Medienereignis. Aktienkurse großer Reedereien und Logistiker reagierten spürbar auf die Blockade. Solche Domino- effekte schlagen mitunter direkt ins Portfolio durch. „Manchmal reicht ein kleiner Anstoß, der aus der Chaos-Forschung bekannte Schmetterlingsflügelschlag, um etwas Großes ins Rollen zu bringen“, sagt Stephan A. Jansen (54), Gründungspräsident der Zeppelin-Universität Friedrichshafen und heute Karlsruher Professor für Manage ment, Innovation und Finanzierung. Das Bild steht für die Logik unserer Zeit: In einer hoch entwickelten, stark arbeitsteiligen globalen Volkswirtschaft kann ein kleiner Schubs gegen das falsche Steinchen eine folgenschwere Kettenreaktion auslösen.

Wie bei der „Ever Given“ beginnt es häufig unscheinbar. Dann ist es kein Frachter, der feststeckt, sondern zum Beispiel ein Zulieferer, der ins Straucheln gerät. Und weil ein Zulieferer heute oft als Einziger bestimmte Komponenten liefern kann, rollt der Dominoeffekt wie bei den berühmten Spielsteinen beinahe unaufhaltbar in komplette Branchen hinein. Was am Anfang wie ein isoliertes Problem aussieht, wird zum systemischen Schock. „Dominoeffekte treten in stark gekoppelten Systemen auf“, sagt Managementexperte Jansen. „Je enger alles getaktet ist, desto eher kippt ein Fehler aus einem Teilsystem in das Gesamtsystem durch.“ In den 1970er-Jahren waren Dominoeffekte noch ein Thema für Wissenschaftler:innen, die sich mit Katastrophen beschäftigten. Heute befassen sich Volks- und Betriebswirt:innen mit dem Phänomen.

Sie wissen inzwischen: Sind die Verbindungen in einem System loser gekoppelt und gibt es Puffer, bleibt der Schaden begrenzt. „Lose Kopplungen wirken wie Stoßdämpfer“, sagt Jansen. „Dann bleibt ein Defekt in einem Bereich isoliert, statt alle anderen mitzureißen.“ Ob Luftfahrt, Medizin oder Katastrophenschutz: Viele Branchen investieren gezielt in Notfallübungen und solche Pufferstrukturen.

Wirtschaft und Politik dagegen optimieren oft nur im Hinblick auf die Kosten. So sind in den vergangenen Jahrzehnten verwundbare, fest gekoppelte Systeme entstanden, die extrem anfällig für Kettenreaktionen sind.

„ Der Dominoeffekt ist real: Wenn die Stahlproduktion wankt, geraten ganze Branchen ins Straucheln.“

Marie Jaroni

Besonders genau schaut beim Thema Geld offenbar die Generation Z hin. „Es herrscht das Klischee vor, dass junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt vor allem nach sinnstiftender Arbeit streben“, sagt Dr. Julian Stahl (36) vom Karriere-Netzwerk Xing. Umfragen zeigten jedoch, dass gerade bei Jüngeren harte Faktoren wie das Gehalt entscheiden. „Der Glaubenssatz, dass man mit Fleiß allein Wohlstand erlangt, wird von ihnen angezweifelt; und das meiner Meinung nach zu Recht.“

Jugendforscher Simon ­Schnetzer (46) führt das auf die multiplen Krisen der vergangenen Jahre zurück. Jahrelang sei es so gewesen, dass Spaß an der eigenen Tätigkeit und eine gewisse Erfüllung durch den Beruf für viele an erster Stelle standen. „Aber genährt zunächst durch die Corona-Pandemie, später dann auch durch die starke Inflation ab 2022, haben junge Menschen immer stärker das Gefühl, es reicht nicht“, erklärt der Leiter der Trendstudie „Jugend in Deutschland“ im Interview mit der Tagesschau. Ähnliche Entwicklungen habe es nach der globalen Finanzkrise 2008 gegeben. „Wenn es nicht reicht, dann ist Geld zunächst das Wichtigste, um Sicherheit zu haben“, konstatiert der Wissenschaftler.
Anastasia Barner (26) kann das gut nachvollziehen. Die Berlinerin gilt als eine der prominentesten Stimmen der Generation Z, jener Jahrgänge also, die zwischen 1997 und 2010 geboren sind. „Meine Mutter zahlte als Babyboomerin 60 D-Mark für ihr WG-Zimmer. Heute zahlst Du in vielen Städten mindestens 600 Euro“, erklärt die Gründerin der Mentoring-Plattform FeMentor. „Das Leben wird einfach immer teurer.“

Hinzu kommt: Die Gen Z habe nicht nur hohe Ansprüche an sich selbst, sondern auch an ihren Lebensstandard. „Jeden Monat gibt es auf Social Media einen neuen Trend. Da will man natürlich dabei sein. Und ganz ehrlich: Der Clean-Girl-Lifestyle mit Pilates, Superfoods und nachhaltiger Mode ist einfach extrem expensive“, meint Anastasia Barner. 

Entsprechend extrem expensive sind auch die Gehaltswünsche der jüngsten Generation, die in den Arbeitsmarkt drängt: Mehr als die Hälfte der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren in Deutschland wünscht sich ein Netto-Monatsgehalt von mehr als 5.000 Euro. Das geht aus der repräsentativen Studie „Jugend ungeschminkt“ von Psychologin Ines Imdahl (58) hervor. Knapp ein Viertel strebt demnach 9.000 Euro oder mehr an. Junge Männer stellen sich mit rund 8.200 Euro im Schnitt sogar noch etwas mehr vor als junge Frauen, die für eine 40-Stunden-Woche „nur“ knapp 6.400 Euro anpeilen.

Marie Jaroni schildert, was passiert, wenn ihr Arbeitgeber auf seinem Stahl sitzen bleibt: Nicht nur 27.000 Beschäftigte sind dann betroffen, sondern viele weitere in angrenzenden Branchen | THYSSENKRUPP STEEL

KAUM EIN BEISPIEL ZEIGT die Mechanik so deutlich wie ein Vorfall bei Volkswagen im Jahr 2016: Ein Zulieferer für Außenspiegelsensoren fiel aus, winzige Mikrochips fehlten, und plötzlich standen Hundert-tausende Autos auf Halde. Es fehlte der Platz, daher musste der Berliner Flughafen zeitweise als gigantisches Zwischenlager angemietet werden. In der Not prüfte VW sogar, ob sich Ersatz-Chips aus Miele-Waschmaschinen ausbauen ließen, die man dann im großen Stil einkaufte.

Was kurios klingt, machte ein strukturelles Problem deutlich: Die gesamte Produktion hing an einem einzigen, kleinen Bauteil. „Lieferketten sind wie Fahrradketten: Reißt ein Glied, steht alles still“, sagt Management- forscher Stephan A. Jansen. Ein fehlender Chip für Spiegel legte also den Branchenprimus lahm und machte die Abhängigkeit einer auf Effizienz getrimmten Industrie sichtbar. Inmitten einer solchen Krisenkette befindet sich gerade auch Thyssen-krupp Steel. Das traditionsreiche Unternehmen prägt das Ruhrgebiet, die aktuellen Probleme bekommen nicht nur die Stahlwerker:innen zu spüren, sondern auch Häfen, Logistiker und Maschinenbauer. Das ist Marie Jaroni (40), Vertriebs- und Transformationsvorständin bei Thyssen­ krupp Steel, sehr bewusst. „Der Dominoeffekt ist real: Wenn die Stahlproduktion wankt, geraten ganze Branchen ins Straucheln.“

Die derzeitige Situation schildert sie so: „Drei Jahre Rezession hinterlassen deutliche Spuren: Die Kauflaune der Deutschen bleibt eingetrübt. Es werden weniger Autos oder Wasch- maschinen gekauft, entsprechend weniger Stahl liefern wir an Hersteller, Weiterverarbeiter und Zulieferer aus.“ Hinzu kommen ein massiver, steigen der Importdruck durch anwachsende globale Überkapazitäten und die von US-Präsident Donald Trump (79) auferlegten Zölle. Und was passiert, wenn Thyssenkrupp Steel nun auf seinem Stahl sitzen bleibt? Dann sind nicht nur die 27.000 Beschäftigten betroffen. „Insgesamt kommen auf jeden Arbeitsplatz im Stahl sechs weitere in angrenzenden Branchen: vom Putz- über den Handwerkerbetrieb bis zum IT-Spezialisten. Die haben womöglich kaum Reserven, um Auftragsverluste abzufedern“, erklärt Jaroni.

„Wenn ein Konzern Husten hat, dann hat der kleine Zulieferer eine schwere Grippe.“

Patrik-Ludwig Hantzsch

Für den Ökonomen Patrik-Ludwig Hantzsch ist das Erfolgsmodell Deutschland am Ende. Es müssen dringend neue Ideen her, weil all das, was unsere Volkswirtschaft lange Zeit gestützt hat, weggebrochen ist | PRIVAT

„Wenn ein Konzern Husten hat, dann hat der kleine Zulieferer eine schwere Grippe“, sagt Patrik-­ Ludwig Hantzsch (41), Chefökonom bei der Auskunftei Creditreform. „Die Mechanik ist gnadenlos.“ Als Erstes kommen Werksschließungen und Massenentlassungen.

Dann kürzen die großen Zulieferer ihre Produktion; „Tier- 1“ genannt, das sind diejenigen, die das fertige Produkt montieren. Bloß bleiben dann auch die Dutzenden Zulieferer auf den vorgelagerten Stufen Tier-2 und Tier-3 auf ihrer Ware sitzen. „Ganz unten sind kleine Betriebe, die Vorräte halten müssen, ohne zu wissen, ob sie jemals ausgeliefert werden“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch.

EXPERT:INNEN BEFÜRCHTEN auch wegen solcher negativer Dominoeffekte für das Jahr 2025 einen Rekordwert an Firmenpleiten. Im vergangenen Jahr haben nach Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln rund 22.400 Unternehmen in Deutschland Insolvenz angemeldet, ein Anstieg von mehr als 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Hantzsch zufolge gibt es für diese Lage mehrere Gründe: den Strukturwandel, sogenannte Zombieunternehmen, die durch staatliche Mittel während der Corona-Pandemie am Leben gehalten wurden, obwohl ihr Geschäftsmodell nicht funktioniert.

Vor allem aber verschärfte Standortprobleme: „Billige Energie aus Russland, Absatzmärkte in China, militärische Sicherheit aus den USA. All das, was unsere Volkswirtschaft lange Zeit gestützt hat, ist nun weggebrochen.“ Das Erfolgsmodell Deutschland, konstatiert der Ökonom, sei am Ende. Es müssen dringend neue Ideen her.

DOCH ES GIBT AUCH POSITIVE Domino­ effekte. Das erlebt gerade der DAX-Konzern Heidelberg Materials. Schon seit Längerem setzt der Baustoffriese vermehrt auf CO2-arme Materialien und profitiert von der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen. Ein kräftiger Schub kommt zudem aus der Politik: 500 Milliarden Euro Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität dürften zahlreiche Türen für Bauprojekte öffnen. Heidelberg Materials liefert, die Kettenreaktion ist gestartet: Staatliche Mittel fließen, nachhaltige Baustoffe sind gefragt, und das Unternehmen steht im Zentrum des Booms.

Viele Dominoeffekte sind nur schwer vorherzusehen, weil ­ Logistik- und Produktionssysteme extrem klein­teilig und vernetzt sind. Dann ist die Frage: Wann und wo kommt das alles bei wem an seine Grenzen? Es gibt aber auch Dominoeffekte, die sich ankündigen. „Schwache Signale für kommende Dominoeffekte zeigen sich lange, bevor sie Mainstream werden“, sagt Managementforscher Stephan A. Jansen. Sein Beispiel in Zeiten vor dem digitalen Arbeiten ist die Absatzstatistik von Architekturtinte. Sie sei ein Frühindikator für die Baukonjunktur. Wollten Expert:innen wissen, ob ein Bauboom bevorsteht, fragten sie bei den Herstellern der Zeichenutensilien nach deren Auftragslage. Heute sind es digitale Daten, Konsumtrends, technologische Mini-Innovationen, die Aufschluss darüber geben. Wer diese Zeichen liest, erkennt die Lawinen, bevor sie ihn überrollen. Daher sieht Stephan A. Jansen das stark kritisierte Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz weniger als Reporting der Vergangenheit, sondern eher als strategisches Informationsinstrument für Vorsorge. DA DOMINOEFFEKTE UNMITTELBAR auf den Kapitalmarkt durchschlagen, ist das Thema auch für Anleger:innen relevant. Steigende In- solvenzzahlen, wie Statistiker:innen sie aktuell registrieren, sind Frühindikatoren dafür, dass sich die Renditen vieler Branchen abschwächen dürften. Investor:innen mahnt das einmal mehr zur möglichst breiten

­ Diversifikation, damit der Dominoeffekt nicht auch noch das eigene Vermögen kippen lässt. Die Kunst liegt darin, Systeme robuster und resilienter zu bauen. Fehler zulassen, Puffer vorsehen, regionale Rückversicherung schaffen. „Die große Globalisierungsphase ist vorbei, Nahversorgung wird wieder wichtiger“, meint Jansen. Das findet auch Marie Jaroni von Thyssenkrupp Steel. Sie wünscht sich, dass die Politik mehr dafür tut, die deutsche Stahlindustrie am Laufen zu halten. „Diese Wertschöpfung müssen wir im Land halten, denn klar ist auch: Die Abhängigkeit von außereuropäischen Grundstoffen macht uns als Volkswirtschaft verwundbar“, sagt Jaroni. Sollte sich nämlich geopolitisch der Wind drehen oder eine wichtige Handelsroute gesperrt sein, kann der Umstand, dass ein wichtiger Grundstoff unserer Industrie nur von außerhalb Europas kommt, einen verheerenden Dominoeffekt auslösen

DIE VIER DIMENSIONEN VON DOMINOEFFEKTEN:

01 KONJUNKTURELLE EFFEKTE
In der Corona-Pandemie boomte die Fahrradbranche: Erst herrschte Knappheit, Händler orderten panisch zu viel. Dann waren die Lager voll und der Markt gesättigt. Überhitzung und Abkühlung in Rekordzeit.

02 STRUKTURELLE EFFEKTE
Kippen zentrale Unternehmen, reißt es ganze Ökosysteme mit. Mit einem Kaufhaus verschwinden Kund:innenströme. Cafés verlieren Umsatz, Ein- Euro-Läden ziehen ein. Insolvenzen verändern Stadtbilder.

03 INFRA­ STRUKTU­ RELLE EFFEKTEWenn kritische Knoten blockiert sind, steht alles still, Beispiel Frachtschiff. Verletzlich sind auch digitale Netze: Ein defektes Unterseekabel kann Banken, Schulen und Behörden ausbremsen, ein globaler Stillstand durch ein unsichtbares Detail.

04 REGULATORISCHE EFFEKTE
Politik kann Dominoeffekte in beide Richtungen anstoßen. Bürokratische Vorgaben schaffen neue Pflichten, oft schneller, als Unternehmen reagieren können. Umgekehrt kann Regulierung aber auch positive Kettenreaktionen auslösen.