Christian Kreder

Sara Nuru: Role Model statt Topmodel

Lange spielte Mode die Hauptrolle im Leben von Sara Nuru (32). Bis sie merkte, dass sie mehr vom Leben will – und ihr eigenes Unternehmen aufzog. Heute importiert sie Kaffee aus ihrer Heimat Äthiopien. Wie sie ganz ohne Business- Background eine erfolgreiche Unternehmerin wurde, erzählt sie im Interview. 

Sara Nuru: Role Model statt Topmodel

Sara Nuru gründete 2016 zusammen mit ihrer Schwester Sali Nuru das Social Business nuruCoffee. Foto: Simon Koy

 

Frau Nuru, wenn Sie jemand fragt, was Sie beruflich machen – was ant­worten Sie? Mittlerweile sage ich stolz: Ich bin Unternehmerin und Gründerin des Social Business nuruCoffee und des gemeinnützigen Vereins nuruWomen. Erst dann ergänze ich, dass ich ab und zu als Model arbeite. Anfangs ist mir das schwergefallen, weil ich keine Erfahrung als Unternehmerin hatte. Aber je länger ich mit meiner Schwester Sali an nuruCoffee arbeite, desto selbstsicherer werde ich damit.

 

nuruCoffee und nuruWomen – was genau machen diese beiden Businesses, wie hängen sie zusammen? Wir importieren Kaffee von Kleinbäuer:innen aus Äthiopien und stellen dabei eine nachhaltige Herstellung und faire Bezahlung sicher. 50 Prozent der Gewinne reinvestieren wir in Frauenprojekte. Dafür haben wir 2018 den Verein nuruWomen gegründet, der Mikrokredite an Frauen vergibt, die keinen Zugang zum Kaffeehandel haben.

Als Model arbeiten Sie inzwischen nur noch zu aus­ gewählten Anlässen. Dabei waren Sie nach Ihrem Sieg bei „Germany’s Next Topmodel“ 2009 sehr erfolgreich und gut gebucht. 2013 dann der Bruch – Sie haben sich aus der Modewelt zurückgezogen. Kurz nach meinem Sieg, als es mit dem Modeln schon richtig gut lief, bin ich für die Stiftung „Menschen für Menschen“ als Jugend-Botschafterin nach Äthiopien gereist. Der Kontrast zwischen dem Leben der Menschen dort und meinem Alltag hat sehr viel in mir ausgelöst. Im Laufe der Zeit sind mir dann immer mehr Zweifel gekommen. An der Oberfläche konnte ich das gut überspielen, aber in mir hat es gebrodelt.

 

Gab es einen Schlüsselmoment, der Ihnen klarge­macht hat: Jetzt reicht es? Einmal sollte ich bei einer Aufzeichnung einen mit Blattgold verzierten Eisbecher essen. In diesem Moment kam ich mir so blöd vor und habe gedacht: Was mache ich hier eigentlich? Das ist überhaupt nicht das, was ich vermitteln möchte. Das war für mich der Auslöser, einen Schlussstrich zu ziehen.

Hatten Sie die Idee, nuruCoffee zu gründen, da schon im Kopf? So einfach war es nicht. Ich habe mich von meiner Agentur getrennt, bin von München nach Berlin gezogen. Danach habe ich mich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt, weil ich nicht länger nur funktionieren musste. Ich bin dann immer wieder nach Äthiopien gereist und hatte den Drang, etwas Neues zu starten. Zusammen mit meiner Schwester habe ich dann überlegt, wie man den Menschen vor Ort helfen kann, ohne dabei auf Spenden zu setzen.

Warum war es Ihnen wichtig, keine NGO aufzu­bauen – sondern ein Social Business? Wir wollten weg von der Barmherzigkeit klassischer Spendenorganisationen und der damit verbundenen Abhängigkeit. Wir wollen auf eigenen Beinen stehen.

 

Woher wussten Sie, wie man eine Firma aufbaut? Wir wussten es nicht. (lacht) Wir hatten keine Strategie, sondern haben uns nach und nach mehr Wissen angeeignet und viele Dinge auch erst entlang unserer Reise gelernt. Hätten wir vorher gewusst, wie viele Herausforderungen auf uns zukommen, hätten wir es vielleicht gar nicht gemacht.

Haben Sie sich Unterstützung geholt? Ich leite unser Business ja gemeinsam mit meiner Schwester – und am Anfang mussten Sali und ich herausfinden, wann wir Schwestern und wann wir Geschäftspartnerinnen sind. Das zu trennen haben wir bei einem Coach gelernt. Heute hilft er uns, trotz der wachsenden Verantwortung für unser Business unsere Mission nicht aus den Augen zu verlieren.

 

„Ihr wollt mir die Welt erklären? Bitte! Ich will dieses Business wirklich verstehen.“

 

Warum eigentlich ausgerechnet Kaffee? Wir haben nach den größten Exportgütern Äthiopiens geschaut – und auf Platz eins steht nun mal Kaffee. Als wir dann vor Ort sahen, dass hinter dem romantischen Begriff „handverlesener Kaffee“ eine schweißtreibende, schlecht bezahlte Fleißarbeit steckt, wollten wir ein Bewusstsein schaffen. Mir war außerdem wichtig, dass unser Business nichts mit Textilien zu tun hat. Ich wollte so weit weg wie möglich von der Modewelt.

Allerdings ist Kaffee auch ein sehr spezielles Busi­ness. Wie kamen Sie an das nötige Wissen? Indem wir einfach gefragt haben – andere Gründer:innen und Unternehmer:innen. Wir sind offen auf sie zugegangen, haben Fragen gestellt. In Hamburg bei den Händler:innen, aber auch in Äthiopien bei den Landwirt:innen und Produzent:innen. Wir brauchten die Infos und Kontakte! Das mag naiv gewirkt haben, vielleicht wurden wir nicht immer ernst genommen. Aber das war mir egal. Ihr wollt mir die Welt erklären? Bitte! Ich wollte das Business wirklich verstehen.

 

Wann hielten Sie die erste Packung in der Hand? Nach drei Jahren. Da wir eigenfinanziert sind, hatten wir aber auch keinen Zeitdruck. Das hat uns viel Freiheit gegeben. Gleichzeitig sind wir aber auch sehr naiv und blauäugig an die Sache rangegangen. Meinen Businessplan von damals würde ich heute zum Beispiel niemandem mehr zeigen!

Wovon haben Sie in dieser Zeit gelebt? Sali hat am Anfang noch studiert, und ich habe eine Agentur gegründet, weil ich weiterhin Anfragen für Modeljobs erhalten habe. Ich habe dann noch ausgewählte Aufträge angenommen. Davon konnten wir leben und gleichzeitig nuruCoffee aufbauen.

 

„Meinen Businessplan von damals würde ich heute niemandem mehr zeigen!“

Warum haben Sie keine Investor:innen gesucht? Hätten wir das gemacht, wären wir vielleicht schneller gewesen, weil wir mehr Druck gehabt hätten. Aber wir wollten ideell keine Abstriche machen – und das hätten wir sonst vielleicht gemusst. Wir mussten uns so also nicht auf Umsätze konzentrieren, sondern konnten uns auf unsere Vision ausrichten: so viel wie möglich zurückzugeben.

Warum haben Sie den Aufbau denn ganz alleine durchgezogen? Sie hätten ja auch eine Partnerschaft eingehen können ... Das wollte ich auf keinen Fall. Es war mir wichtig, etwas Eigenes aufzubauen. Ich wollte nicht nur das Gesicht von nuruCoffee sein – nur das Gesicht sein, das war ich lange genug.

Wenn man so werteorientiert arbeitet, jeder Euro Gutes tun könnte – ist es Ihnen schwergefallen, zu entscheiden, wie viel Sie und Ihre Schwester an nuruCoffee verdienen dürfen? Wir haben sehr lange gedacht, dass wir verzichten müssten. Aber wir haben gelernt, dass wir auch uns ordentlich entlohnen müssen. Sali bezieht ihr Gehalt als Geschäftsführerin von nuruCoffee. Ich persönlich tue mich damit aber weiterhin schwer, weil ich durch meine Agentur und meine Modelaufträge andere Einnahmequellen habe. Da investiere ich als Unternehmerin lieber in mein Business.

 

Wie baut man ein Team auf, das die eigene Leiden­schaft teilt? Wir sind noch mitten im Teamaufbau, seit der Pandemie sind wir auf acht Leute angewachsen – und das remote. Wie schwierig das sein kann, habe ich unterschätzt. Denn eine Idee in ein Business umzusetzen ist etwas ganz anderes, als dieses Business weiter aufzubauen. Da struggle ich immer wieder ziemlich. Das kann meine Schwester viel besser als ich.

 

Sie sagten, Sie wollen so viel wie möglich zurück­ geben. Warum setzen Sie mit nuruWomen dabei auf Mikrokredite? Wir haben früh gemerkt, dass Frauen diejenigen sind, die entlang der Wertschöpfungskette die meiste Arbeit leisten und am wenigsten davon profitieren. Deshalb möchten wir ihnen eine Starthilfe geben, damit sie sich eine Existenz aufbauen können, zum Beispiel durch Tierzucht.

 

„Ich wollte nicht nur das Gesicht von nuruCoffee sein – nur das Gesicht, das war ich lange genug.“

 

Wie messen Sie den Erfolg der Projekte? Zusammen mit unseren Partner:innen vor Ort begleiten wir die Frauen über Jahre. Mittlerweile haben wir 416 Frauen in die Selbstständigkeit begleitet. Vor der Pandemie waren wir mindestens einmal im Jahr in Äthiopien, um sie zu besuchen. Neben der Geschwindigkeit, in der sie den Kredit zurückzahlen, achten wir darauf, welchen Effekt ihre Selbstständigkeit auf ihr Familienleben oder auf die Nachbarschaft hat.

 

Ihr Social Business auf der einen, Ihre Modeljobs für große Firmen auf der anderen Seite – wie ba­lancieren Sie diesen Kontrast aus? Mein Social Business hat längst auch Einfluss darauf, wie ich bei Aufträgen entscheide. Ich kann ja nicht bei nuruCoffee für fairen Kaffee einstehen, aber als Model ganz andere Werte vertreten. Deshalb wäge ich ab, was hinter den Aufträgen steckt. Geht es also zum Beispiel nur um das Produkt oder wird ein Mehrwert vermittelt? Dabei setze ich mich mitunter auch tiefer mit den Auftraggebern auseinander.

Können Sie ein Beispiel nennen? Es gab eine Anfrage eines großen Modekonzerns, für den ich eine nachhaltige Kollektion präsentieren sollte. Für das Model in mir war das ein Ritterschlag. Die Unternehmerin in mir war aber skeptisch, ob das wirklich zu mir passt. Schließlich bin ich auf eigene Kosten in eins der Produktionsländer gereist und habe mit den Arbeiter:innen vor Ort gesprochen, um eine Entscheidung zu treffen.

Und, haben Sie den Job am Ende gemacht? Ja, weil es um eine nachhaltige Kollektion ging und der Kunde mich sehr ernst genommen, all meine Fragen gut beantwortet hat. Gleichzeitig war es eine sehr große Marke – mit der Kampagne habe ich also viele Leute erreicht. Sich im kleinen Kämmerlein für Nachhaltigkeit und faire Produktion einzusetzen ist nicht genug. Dafür braucht es die große Industrie.

 

6 Tipps von Sara Nuru: So wird Ihr Business zum Erfolg!

 

1. Klare Ziele setzen Ich würde mir heute viel weniger Zeit lassen beim Aufbau von nuruCoffee. Klare Ziele definieren, schnell erste Ergebnisse erzielen – das hilft beim Durchstarten.

2. Eine gute Strategie haben Meinen Businessplan von damals würde ich heute niemandem mehr zeigen. Wir sind total intuitiv vorgegangen. Auf geröstete Kaffeebohnen muss man eine Steuer zahlen, und zwar keine geringe. Haben wir zufällig erfahren. Heute würde ich viel strukturierter vorgehen.

3. Fragen, Fragen, Fragen! Am Anfang haben wir uns von vielen Leuten aus der Branche Rat geholt und uns von ihnen aufschlauen lassen. Wir sind zum Beispiel einfach zu einer Kaffeemesse gegangen und haben uns an einen erfahrenen Unternehmer geheftet. Wir haben uns nicht abwimmeln lassen, einfach direkte Fragen gestellt. Damit haben wir offene Türen eingerannt, man hat uns bereitwillig geholfen. Ob das naiv war? Egal!

4. Die richtigen Leute finden Ich habe mein Business mit meiner Schwester aufgebaut. Wir ergänzen uns extrem gut. Und: Wir vertrauen uns zu 100 Prozent.

5. Durchhalten! Es hat drei Jahre gedauert, bis wir endlich die erste Packung nuruCoffee in der Hand gehalten haben. Ans Aufgeben haben wir tatsächlich nie gedacht, weil wir immer eine klare Vision vor Augen hatten.

6. Finde Deine Mission! Mit nuruCoffee unterstützen wir Frauen in unserer Heimat Äthiopien auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Zu wissen, dass jeder verdiente Euro Gutes tut, ist ein wahnsinnig großer Ansporn.

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