Elena Mertel

Regretting Leadership: Wenn die Führungsrolle zur Zumutung wird

Viele Führungskräfte spüren es täglich: Die Erwartungen explodieren, die Ressourcen bleiben gleich. Der Druck, alles perfekt zu erfüllen, existiert jedoch oft nur in unserem Kopf, sagt Elena Mertel. In ihrem STRIVE-Gastbeitrag plädiert die Leadership-Coach für realistischere Ansprüche und ein dringend überfälliges Update unserer Vorstellung von Führung.

Regretting Leadership: Wenn die Führungsrolle zur Zumutung wird
Foto: Katja Feldmeier

„Wenn Du abends allein im Bett liegst, wie sehr glaubst du noch daran, Zufriedenheit in Deiner Position zu finden?“ frage ich meine Klientin, die nicht nur 200 Mitarbeitende verantwortet, sondern auch smart und ehrgeizig ist. Ihre Antwort: betretenes Schweigen.

Das neue Bekenntnis in Führungsetagen: Ich kann nicht mehr 

Wir haben Führung zum Superheld:innenjob gemacht und wundern uns über Burnout. Wundern uns darüber, dass kaum jemand den hohen Anforderungen gerecht wird, die heute an Führung gestellt werden. Dass immer mehr Führungskräfte nicht mehr können, ist nicht nur ein Gefühl, sondern belegbar: 62 Prozent fühlen sich erschöpft, bei den 30- bis 39-Jährigen sogar über 70 Prozent.

Die Gründe: Sie tragen viel Verantwortung, sollen Erwartungen von vielen Seiten gerecht werden und trotz Unsicherheit Sicherheit ausstrahlen.

Ich kann meine Klientin gut verstehen. Ich habe meinen Job 2020 gekündigt. Head of Organizational Development, auf dem Papier alles, was ich wollte: Sichtbarkeit, Einfluss, Gestaltungsspielraum. Zwei Jahre später war ich erschöpft, frustriert und kaum noch ich selbst.

Was hinter „Regretting Leadership“ steckt

Heute nenne ich das Phänomen „Regretting Leadership“: Führung, die sich nicht nach Verantwortung oder Sinn anfühlt, sondern nach Zumutung. Nicht, weil wir unfähig sind, sondern weil Unterstützung fehlt und wir zwischen widersprüchlichen Erwartungen stehen, Konflikte ausbaden müssen und trotzdem motiviert bleiben sollen.

Wenn aus viel zu viel wird 

Führung heißt: viele Hüte gleichzeitig tragen. Unternehmensziele erreichen, Prozesse gestalten, Mitarbeitende fordern und fördern und obendrauf ein Arbeitsklima schaffen, in dem Menschen gut zusammenarbeiten können. It’s a lot.

Hinzu kommen Dauerkrisen, rasante technologische Veränderungen und auf Seite der Mitarbeitenden eine veränderte Einstellung zur Arbeit. Die Realität überfordert nicht nur einzelne Führungskräfte, ganze Unternehmen stehen unter Druck. Laut Leadership-Professorin Heike Bruch sind mehr als drei Viertel der Unternehmen kollektiv überfordert.

„Wir haben Führung zum Superheld:innenjob gemacht und wundern uns jetzt über Burnout. Vielleicht liegt das Problem nicht bei den Führungskräften, sondern bei unseren überzogenen Erwartungen.“

Elena Mertel

Vier Schritte für leichteres Leadership 

Auch in angespannten Zeiten gilt: Veränderung beginnt im Kleinen. Realistische Ansprüche lautet deshalb das Zauberwort der Stunde. Keine Führungskraft der Welt kann, muss den Innovationsstau der vergangenen Dekade allein lösen – und doch fühlen sich viele genau diesem Druck ausgeliefert.

Woher kommt der Stress? Häufig existiert er vor allem in unserem Kopf. Wir glauben, alles gleichzeitig erfüllen zu müssen. Was uns jetzt helfen kann, ist ein radikales Umdenken in unserer Art zu führen, und zwar in vier klaren Schritten:

1) Zielkonflikte bewusst machen

Führung heißt oft, zwischen Unternehmenszielen und den Bedürfnissen der Mitarbeitenden zu balancieren. Nicht alles lässt sich gleichzeitig erfüllen. Und vielleicht noch wichtiger: Du kannst nicht Coach und Entscheider:in zugleich sein. Mach Dir diese Zielkonflikte bewusst und kommuniziere offen mit Deinem Team, wo Entscheidungen außerhalb Deiner Kontrolle liegen.

2) Ungewissheitstoleranz entwickeln

Wer meint, er/sie könne durch die Anwesenheit in noch mehr Meetings, Kontrolle bewahren, steuert wohl automatisch auf die völlige Erschöpfung zu. Besser: Innehalten, Prioritäten setzen, Unsicherheiten bewusst benennen statt sie unter den Teppich zu kehren (was sowieso immer beim Gegenüber ankommt).

3) “Not responsible“-Liste anlegen

„Warum bleibt eigentlich immer alles an mir hängen?“. Vielleicht weil Du zu Überverantwortung neigst. Identifiziere Aufgaben, für die Du nicht verantwortlich sein musst und überlasse sie anderen. Sie werden sie möglicherweise anders lösen als Du, aber anders ist nicht immer schlechter.

4) Auf Freude optimieren

Von da, wo du gerade stehst, mag es absurd klingen, aber was wäre, wenn Du ab sofort auf Freude optimierst, auf Leichtigkeit? Nicht weil Dir die Dinge plötzlich egal sind, sondern weil mit intrinsischer Motivation oftmals viel mehr geht.

Es geht nicht immer darum, das vermeintlich Beste in unserer Arbeit zu geben. Weil dabei oft jemand oder etwas auf der Strecke bleibt. Wichtig ist, dass wir unseren eigenen Weg einschlagen, das große Besserwissen gelegentlich ausblenden, Kontur zeigen und uns selbst sicher sind, dass wir genug geben. Dazu gehört auch gelegentlich den Leck-mich-Finger in die richtige Richtung zu strecken und zu wissen, dass wir manchmal gar nichts müssen und trotzdem okay sind.

Portrait

Elena Mertel

Leadership-Coach & Change-Expertin

Elena Mertel ist Leadership-Coach und Change-Expertin. Sie arbeitet mit Menschen, die führen und dabei nicht auf Autopilot schalten wollen. Nach über 15 Jahren in Kommunikation und Change hat sie gelernt: Führung wird leichter, wenn man sich selbst zuerst gut kennt. Vor ihrer Selbstständigkeit war sie als Head of Organizational Development bei der Hirschen Group tätig und arbeitete zuvor u.a. für Sony Music, TLGG und das ZDF. Mertel hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Foto: Katja Feldmeier