„Wenn Du abends allein im Bett liegst, wie sehr glaubst du noch daran, Zufriedenheit in Deiner Position zu finden?“ frage ich meine Klientin, die nicht nur 200 Mitarbeitende verantwortet, sondern auch smart und ehrgeizig ist. Ihre Antwort: betretenes Schweigen.
Das neue Bekenntnis in Führungsetagen: Ich kann nicht mehr
Wir haben Führung zum Superheld:innenjob gemacht und wundern uns über Burnout. Wundern uns darüber, dass kaum jemand den hohen Anforderungen gerecht wird, die heute an Führung gestellt werden. Dass immer mehr Führungskräfte nicht mehr können, ist nicht nur ein Gefühl, sondern belegbar: 62 Prozent fühlen sich erschöpft, bei den 30- bis 39-Jährigen sogar über 70 Prozent.
Die Gründe: Sie tragen viel Verantwortung, sollen Erwartungen von vielen Seiten gerecht werden und trotz Unsicherheit Sicherheit ausstrahlen.
Ich kann meine Klientin gut verstehen. Ich habe meinen Job 2020 gekündigt. Head of Organizational Development, auf dem Papier alles, was ich wollte: Sichtbarkeit, Einfluss, Gestaltungsspielraum. Zwei Jahre später war ich erschöpft, frustriert und kaum noch ich selbst.
Was hinter „Regretting Leadership“ steckt
Heute nenne ich das Phänomen „Regretting Leadership“: Führung, die sich nicht nach Verantwortung oder Sinn anfühlt, sondern nach Zumutung. Nicht, weil wir unfähig sind, sondern weil Unterstützung fehlt und wir zwischen widersprüchlichen Erwartungen stehen, Konflikte ausbaden müssen und trotzdem motiviert bleiben sollen.
Wenn aus viel zu viel wird
Führung heißt: viele Hüte gleichzeitig tragen. Unternehmensziele erreichen, Prozesse gestalten, Mitarbeitende fordern und fördern und obendrauf ein Arbeitsklima schaffen, in dem Menschen gut zusammenarbeiten können. It’s a lot.
Hinzu kommen Dauerkrisen, rasante technologische Veränderungen und auf Seite der Mitarbeitenden eine veränderte Einstellung zur Arbeit. Die Realität überfordert nicht nur einzelne Führungskräfte, ganze Unternehmen stehen unter Druck. Laut Leadership-Professorin Heike Bruch sind mehr als drei Viertel der Unternehmen kollektiv überfordert.