Nicht mit ihr!
Steffi Jones (49) ist die erfolgreichste und bekannteste Fußballerin Deutschlands. Dennoch zog sie sich vor einigen Jahren von der großen Bühne zurück. In dem System, das der DFB (Deutscher Fußball- Bund) um ihren Herzenssport gebaut hat, wollte sie nicht länger mitspielen. Ihre Kritik am Verband war scharf und öffentlich. 2022 kommt sie zurück, in einer neuen Rolle. Denn woran sie nie aufgehört hat zu glauben, ist: Fußball hat die Kraft, Menschen stark zu machen. Ein Gespräch über die Gleichstellung von Frauen in einer Männerdomäne – und innere Freiheit.
Frau Jones, Sie gelten als erfolgreichste Fußballerin Deutschlands, auf jeden Fall sind Sie die bekannteste. Ihre Karriere begann allerdings unglamourös: als „Torpfosten“. Richtig, ich war vier Jahre alt, und mein älterer Bruder nahm mich mit zum Kicken – und brauchte jemanden, der für ihn das Tor markiert. Das war ich. (lacht) Es dauerte aber nicht lange, bis alle sahen, dass ich großes Talent hatte und besser spielen konnte als die Jungs.
Sie durften lange sogar in Jungenmannschaften spielen – nicht nur, weil es keine Teams für Mädchen gab, sondern weil Sie selbst dort noch immer besser waren als alle anderen. Was hat das mit Ihnen gemacht als kleines Mädchen?
Es hat mir wahnsinnig viel Selbstbewusstsein gegeben und mich sehr stark gemacht. Dieses Potenzial hat Fußball. Ich wurde in meiner Kindheit wegen meiner Hautfarbe früh diskriminiert und ausgegrenzt. Beim Fußball hatte ich plötzliche eine Stellung, ich wurde ernst genommen – weil ich etwas gut konnte. Ich habe gemerkt, dass ich das nutzen kann, um mich für andere einzusetzen. Zum Beispiel, wenn andere Mädchen ausgeschlossen wurden vom Spiel, einfach nur, weil sie Mädchen waren. Dann konnte ich einschreiten und fand auch Gehör.
Ist Fußball generell ein guter Sport für Mädchen, um ihnen Selbstbewusstsein zu geben?
Auf dem Platz können Mädchen genau das lernen, was ihnen in anderen Bereichen oft abgesprochen wird: Sie dürfen in Auseinandersetzungen reingehen, in den Zweikampf, auch körperlich werden, sie müssen lernen, sich durchzusetzen. Man lernt die ganz großen Emotionen kennen. Insofern ist das sicherlich ein guter Sport, um Mädchen zu stärken. Ich würde aber nicht so weit gehen, zu sagen, dass jetzt alle Mädchen in den Fußballverein gehen müssen. (lacht) Das Selbstbewusstsein, das man daraus ziehen kann, wenn man in etwas wirklich gut ist – das ist wichtig, und das kann man potenziell überall erfahren. Auch beim Ballett.
„Ich finde nicht, dass man den Frauen- mit dem Männerfußball vergleichen sollte, das wäre einfach nicht fair.“
Dass Sie außerordentlich begabt sind, war von Anfang an klar, Ihr Talent hat Sie bis an die Spitze in die Nationalmannschaft geführt. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Sie sich in einer Männerdomäne bewegen?
Vielleicht so mit zwölf. Damals kamen von Herrenmannschaften zum ersten Mal solche Sprüche wie: Ihr seid ja ganz gut, aber gegen uns Männer würdet ihr immer noch verlieren… Ich habe ganz schnell gelernt, mich davon zu distanzieren und mich aufs Sportliche zu konzentrieren.
Ist das nicht aber deprimierend – als Spitzenathletin ständig das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass man in seiner Sportart zweite Klasse spielt?
Ich sehe das nicht so und finde auch nicht, dass man den Frauen- mit dem Männerfußball vergleichen sollte, das wäre einfach nicht fair. Der Frauenfußball ist ja relativ jung, uns gibt es in der heutigen Form gerade einmal 50 Jahre. Davor war es Frauen sogar verboten, Fußball zu spielen. Richtig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gekommen sind wir erst Ende der 1980er-Jahre. Und was man nicht vergessen darf: Der Männerfußball bekommt noch immer so viel mehr Geld, Medienzeit, Aufmerksamkeit … Innerhalb seiner Möglichkeiten hat der Frauenfußball wahnsinnig viel erreicht und an Bedeutung gewonnen.
Was muss noch passieren?
Ich finde es vor allem wichtig, dass Profifußballerinnen endlich von ihrem Sport leben können – viele müssen ja nach wie vor nebenher arbeiten.

Konnten Sie immer vom Fußball leben?
Auch ich bin erst 2003 Profi geworden, nach der WM. Davor habe ich immer nebenher gearbeitet. Und auch später habe ich das meiste mit Werbung und Sponsorings eingenommen. In der Bundesliga habe ich etwa 3.000 Euro brutto im Monat verdient. In der Nationalmannschaft bekommt man mehr, zu meiner Zeit 100.000 Euro brutto im Jahr. Dazu kommen Werbeeinnahmen – die aber nur bei sehr erfolgreichen Spielerinnen ins Gewicht fallen. Um das zu schaffen, muss man sich voll auf den Sport konzentrieren können. Das geht nicht, wenn man nebenher arbeiten muss. Und verglichen mit den männlichen Kollegen ist selbst ein hohes Einkommen wie meins noch immer wenig.
2018 haben männliche Bundesligaspieler im Durchschnitt 1,4 Millionen Euro verdient, ohne Werbeverträge. Frauen etwa 37.000 Euro.
Das muss sich ändern. Die Vereine müssen besser wirtschaften – und natürlich braucht es die entsprechenden sportlichen Erfolge, um das zu rechtfertigen. Aber ganz klar ist: Man kann die Verantwortung dafür nicht den Spielerinnen überlassen. Da muss der DFB endlich in Bewegung kommen und sich engagieren.
Der DFB wird generell dafür kritisiert, nicht genug für die Gleichstellung von Frauen im Fußball zu tun. Auch Sie haben eine Geschichte mit dem Verband, für den Sie bis 2018 tätig waren. Im vergangenen April wurden Sie in einem Interview deutlich: Sie sagten, wir zitieren, dass es als Frau in einer Männerdomäne wie dieser „wirklich schwer“ sei und dass Sie diesen Kampf nicht führen wollen. Und dass Sie eine Rückkehr zum DFB ausschließen, „solange dieselben Männer dort sitzen“.
Heute würde ich das sogar noch ein bisschen anders formulieren. Es sind gar nicht unbedingt nur die Männer, sondern auch Frauen, die es schwer machen, dort gut zu arbeiten. Im DFB, und das ist sein größtes Problem, kämpft keiner wirklich für die Sache, für den Fußball. Sondern jeder für sich selbst und seine eigene Position. Man darf dabei nicht vergessen, dass der DFB ein gemeinnütziger Verein ist, in dem es eigentlich anders laufen sollte.
„Oft wird nicht für andere eingestanden, die man eigentlich schätzt. Da muss ich schon sagen: Im Frauenfußball geht es moralischer zu.“
Was ist passiert, dass eine Spitzen-Personalie wie Sie so deutliche Worte gegenüber ihrem eigenen Verband findet – der in Deutschland stellvertretend für die gesamte Sportart steht?
Ich möchte keine Namen nennen, nicht persönlich werden oder nachtreten. Aber sagen wir es so: Ich lebe andere Werte. Mit geht es nie um mich selbst, sondern ich möchte andere groß machen. Das konnte ich dort nicht verwirklichen. Man sieht ja, wie sehr das Image des DFB in den vergangenen Monaten gelitten und wie sehr er an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, es geht nur noch um Machtspiele und Machterhalt. Es herrscht viel zu viel Angst, niemand sagt, was er oder sie wirklich denkt. Oft wird nicht für andere eingestanden, die man eigentlich schätzt. Da muss ich schon sagen: Im Frauenfußball geht es moralischer zu.
Hat der DFB ein Frauenproblem? Von 17 Präsidiumsmitgliedern sind 16 Männer.
Das stimmt, und es wäre schön, wenn sich das ändert. In den unteren Ebenen hat der DFB aber gar nicht so wenig Frauen, im Gegenteil. Und da wird leider auch nicht anders gearbeitet. Ich würde nicht sagen, dass der DFB in erster Linie ein Frauenproblem hat – er hat ein Kulturproblem.
Sie haben in Interviews erzählt, dass Ihre Arbeit beim DFB sich angefühlt habe wie ein Kampf gegen Windmühlen. Dass man Sie vor allem als Trainerin von Anfang an habe scheitern sehen wollen.
Ich habe es so empfunden. Ich hatte immer das Gefühl, dass man nicht wollte, dass ich erfolgreich bin. Man hat mir unterstellt, zu unerfahren zu sein. Auch schon davor, in meiner Rolle als Direktorin, da hat man immer gefragt: Sie ist doch ehemalige Spielerin, kann sie das?
Eine Frage, die bei Oliver Bierhoff oder Philipp Lahm nicht gestellt wurde, als sie vom Spielfeld in Management-Positionen wechselten.
Ganz genau.
„Nach meinem Ausscheiden hat sich niemand bei mir gemeldet, auch nicht von den alten Vertrauten. Das hat mich schon sehr traurig gemacht.“
Waren diese Vorbehalte gegen Sie persönlicher Natur – oder waren sie strukturell?
Ich habe mich das natürlich oft gefragt: Passiert das jetzt, weil ich eine Frau bin? Oder weil ich Schwarz bin? Es gab und gibt zum Beispiel von jeder Nationaltrainerin zum Auftakt ein Foto mit dem Verbandschef. Von mir gibt es dieses Bild nicht, ich bin allein darauf zu sehen. Ich weiß nicht, ob das rassistisch oder sexistisch motiviert war. Aber ich weiß, dass sich beim DFB niemand hinter einen stellt, wenn es Gegenwind gibt. Auch nach meinem Ausscheiden hat sich niemand bei mir gemeldet, auch nicht von den alten Vertrauten. Das hat mich schon sehr traurig gemacht.
Kommenden März wählt der DFB einen neuen Chef oder eine neue Chefin. Im Gespräch waren auch einige prominente Frauen, etwa die ehemalige Nationaltrainerin Silvia Neid. Was glauben Sie: Wird das nächste DFB-Oberhaupt eine Frau?
Ich wünsche mir, dass es eine Frau wird, einfach weil das eine starke Signalwirkung hätte. Ich glaube aber nicht wirklich daran, die Chancen stehen nicht gut.
Die DFL, die Deutsche Fußball Liga, macht es vor. Sie hat mit der Managerin Donata Hopfen seit Anfang Januar eine Frau an der Spitze.
Ich finde das toll und glaube, dass sie viel verändern wird. Darauf freue ich mich.
Nach Ihrem Rückzug 2018 sind Sie erst einmal ganz aus dem Profi-Fußball ausgestiegen. Jetzt kehren Sie zurück, für ein Projekt bei der FIFA.
Ich freue mich wahnsinnig darauf, ich werde als Performance Coach arbeiten und mich um die weltweite Nachwuchsförderung kümmern. Das ist genau mein Ding, da habe ich viel zu geben. Natürlich habe ich im Vorfeld überlegt, ob ich das will: zu einem Verband zurückkehren, wieder in einer solchen Struktur sein. Auch die FIFA kann man ja durchaus kritisch sehen.
Wie gehen Sie mit solchen Zweifeln um?
Ich habe gelernt, mich von gewissen Dingen zu distanzieren, mich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren. Darauf, was ich direkt bewirken kann. Und: Ich habe von Anfang an klargemacht, wen sie sich da holen. Dass ich für bestimmte Dinge stehe und davon keinen Abstand nehmen werde. Zur WM in Katar etwa habe ich mich von Anfang an kritisch geäußert.
So etwas möchte ich weiterhin dürfen.
Sind Sie froh, den DFB hinter sich gelassen zu haben – oder vermissen Sie es, Teil des ganz großen deutschen Fußballs zu sein?
Einerseits, andererseits. Ich finde es schade, dass ich mich nicht mehr einbringen kann. Aber ich bin nicht wehmütig. Heute habe ich keine Funktion mehr inne, in der ich mich nicht frei äußern kann. Ich kann endlich inhaltlich sprechen, sagen, was ich möchte und was ich wirklich denke. Glauben Sie mir: Das ist eine große Befreiung.
Über die Person:
Steffi Jones wurde 1972 in Frankfurt am Main geboren. Ihre Fußballkarriere begann in der männlichen Jugendmannschaft des SV Bonames in Frankfurt. Später spielte sie 16 Jahre lang Bundesliga, von 1993 bis 2007 in der Nationalmannschaft. Jones ist Weltmeisterin und dreifache Europameisterin. Nach dem Ende ihrer aktiven Karriere wurde sie Präsidentin des Organisationskomitees der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2011, später Direktorin beim DFB und 2016 Bundestrainerin der Frauennationalmannschaft. 2018 stellte der DFB sie von dieser Position frei, als offiziellen Grund gab der Verband fehlende sportliche Erfolge an. Jones zog sich aus dem Profisport zurück, baute sich als Leiterin der Organisationsentwicklung bei 5Minds, der IT-Firma ihrer Frau, ein zweites Standbein auf. 2022 kehrt sie zurück: Für 5Minds geht sie zur FIFA, wird als Performance Coach für die weltweite Nachwuchsförderung zuständig sein. Außerdem würde sich Jones gerne als Botschafterin der Stadt Gelsenkirchen für die EM 2024 einsetzen. Hier lebt sie gemeinsam mit ihrer Frau.
