Kerstin Weng: Die „Vogue“-Chefin über guten Stil und Haltung
Das legendäre Modemagazin „Vogue“ steht für Haltung und guten Stil. Die deutsche Ausgabe wird seit vergangenem Jahr von einer progressiven Chefin geführt: Kerstin Weng (40). Ein Gespräch über Umgangsformen, Frauenkörper und eine neue Haltung in der Mode.
Fotos: Markus Burke
Frau Weng, ist Mode eine Form der Höflichkeit?
Sie kann es sein. Indem ich mich ausgewählt kleide – in welchem Stil auch immer –, zeige ich meinem Gegenüber: Es ist mir nicht egal, wie ich dir begegne. Das hat viel mit Respekt zu tun. Es gilt genauso umgekehrt: Höflichkeit ist für mich auch, dafür zu sorgen, dass sich andere nicht anhand ihres Outfits bewertet fühlen.
Gibt es heute noch ein Regelwerk, was man wohin anziehen muss?
Das hat sich weitgehend aufgelöst. Natürlich gibt es einen allgemeinen Konsens dafür, was als chic und was als casual empfunden wird – und daraus folgend, was zu gewissen Anlässen passend oder unpassend ist. Zum Beispiel sportlich wirkende Kleidung in einem eleganten Kontext. Doch legere Mode gewinnt an Akzeptanz, es ist gerade viel im Umbruch.
Inwiefern?
Es stellt sich ja die Frage, von wem dieser Rahmen diktiert werden kann. Wer kann sich anmaßen, jemandem vorzuschreiben, was für alle als schön gelten soll? Deutungshoheiten sind nicht mehr zeitgemäß.
Der knallige Lippenstift, der pinkfarbene Overall, die Statement-Ohrringe: Geht das heute wirklich überall, auch im Businesskontext?
Es geht sicher nicht überall, doch es geht immer öfter. Das ist nicht zuletzt modemutigen Frauen zu verdanken, die sich in männlich dominierten Berufsfeldern nichts mehr verbieten lassen wollen und sich aus dem ewigen Schubladen- und Klischeedenken befreien.
An welchen Dresscode halten Sie sich selbst immer, ausnahmslos?
When in doubt, dress up.
Kerstin Weng ist Expertin in Sachen Stil und Etikette. Für „Vogue“ absolviert sie unzählige Termine, trifft Anzeigenkund:innen, besucht Galas, Partys, Modeschauen. Dabei ist sie als Head of Editorial Content der deutschen Ausgabe des berühmtesten Modemagazins der Welt immer auch ein Aushängeschild. Das alte Image der kühldistanzierten Modefrau möchte sie aufbrechen, erzählt Weng im Interview. Sie sei nicht der Typ dafür. Wie bewegt sie sich auf dem internationalen Modeparkett?

Wie gehen Sie damit um, dass viele Menschen, die Sie kennenlernen, schon vorher ein festes Bild von Ihnen im Kopf haben?
Ich möchte vor allem ich selbst sein. Wenn du ein Schild mit „Head of Editorial Content Vogue“ auf deiner Brust trägst, dann passiert es immer noch, dass manche Leute eingeschüchtert reagieren. Das kommt aus einer anderen Zeit, in der Modemagazine elitärer wahrgenommen wurden. Ich steuere gegen, indem ich grundsätzlich allen freundlich begegne. Freundlichkeit ist die wichtigste Regel für einen guten Umgang.
Gelingt Ihnen das auch während der Modewochen, wenn Sie in verschiedenen Ländern unterwegs sind, zahlreiche Schauen besuchen und jeden Abend Einladungen wahrnehmen?
Das kann ermüdend sein, die Tage sind lang, für Pausen bleibt keine Zeit. Aber gerade dann ist es wichtig, Haltung zu bewahren. Ich setze keine Scheuklappen auf, sondern versuche, meine Antennen auf Empfang zu haben, den Leuten gegenüber aufgeschlossen zu bleiben. In unserer schnelllebigen Zeit ist Aufmerksamkeit eine wichtige Währung geworden. Sie zeigt Wertschätzung dem anderen gegenüber.
Welche Themen sind beim Small Talk ein No-Go?
Partnerschaft. Darüber kann man mit Menschen sprechen, die man kennt. Wetter ist einfallslos, Tratsch über Kolleginnen und Kollegen unterste Schublade. Wie hat sich die Modebranche in den vergangenen Jahren verändert? Sie war lange ein Elfenbeinturm. Diese elitäre Einstellung „You can’t sit with us“ ist veraltet. Dafür kann man heute berechtigterweise angegriffen werden. Wir leben in einer Zeit, in der man auf Instagram oder Tiktok innerhalb kurzer Zeit ganz nach oben kommen kann, klassische Medien braucht man dafür nicht. Der Zugang zu unserer Branche ist mit dieser Entwicklung ein anderer geworden, nämlich viel demokratischer, auch einladender. Da hat sich viel verändert, und ich finde, dass man das auch unseren Inhalten ansehen sollte.
HOW TO BEHAVE? 4 TIPPS FÜR EINEN GUTEN UMGANG VON
DER STIL-EXPERTIN KERSTIN WENG
1 . Das Outfit für alle Fälle
Blazer, Jeans, Loafer.
2. Der richtige Modus
Das Wichtigste im Umgang mit anderen Menschen ist immer: Freundlichkeit. Auch wenn ich noch so kaputt oder genervt bin. Wegschauen, nicht Hallo sagen? Für mich ist das undenkbar. Freundlichkeit öffnet Türen und hilft weiter. Wenn ich jemanden treffe und seinen oder ihren Namen vergessen habe – dann frage ich eben noch einmal nett nach.
3. Der richtige Kanal
Eine Businessanfrage über Instagram? Finde ich okay, schließlich habe ich mein Konto dort nicht als Privatperson, sondern als Mitarbeiterin von „Vogue“. Der höflichste Weg, im beruflichen Kontext mit jemandem in Kontakt zu treten, ist aber noch immer die E-Mail – vor allem, wenn man sich noch nicht persönlich kennt.
4. Die Zeit anderer Leute
…müssen wir mit Respekt behandeln. Wenn man sich das vor Augen hält, kann man nicht viel falsch machen. Über welchen Kanal und in welcher Form wir miteinander kommunizieren, können wir miteinander ausmachen. Sprachnachrichten zum Beispiel können nerven – oder sehr viel Zeit einsparen, wenn es für beide Seiten die beste Kommunikationsform ist.

Mussten Sie das Magazin verändern, damit es relevant bleibt?
Ich habe gewissen Inhalten, die schon immer in „Vogue“ verankert waren, mehr Raum gegeben. Die Gesellschaft verändert sich gerade stark, damit auch der Zeitgeist. Mein Team und ich greifen diese Veränderungen in „Vogue“ auf. Relevanz bedeutet für uns, den Puls der Zeit einzufangen.
Woher kommt Ihr Gespür für Nähe und Distanz?
Ich bin ein Kind der Arbeiterklasse, meine Mutter war Schneiderin, mein Vater machte eine Banklehre. Wenn du selbst in deinem privaten Umfeld nicht zu einem elitären Zirkel gehörst, dann trägst du das auch in das Arbeitsumfeld hinein. Ich komme also als Blattmacherin erst gar nicht auf die Idee, irgendwelche Zäune hochzuziehen oder elitäre Kreise zu etablieren.
„Ob Chef:innen gute Leute halten können – das ist auch eine Frage der Umgangsformen.“
Ende des vergangenen Jahres haben Sie zum ersten Mal in der Geschichte Ihres Magazins eine Politikerin auf den Titel geholt, die Ministerin Aminata Touré. Worin bemisst sich Ihr Erfolg? In Relevanz oder muss er sich auch in Verkaufszahlen widerspiegeln? Die Auflage der deutschen „Vogue“ hat sich in den letzten Jahren fast halbiert.
Meine Arbeit macht mir auch deshalb so viel Spaß, weil wir uns sehr stark mit Inhalten beschäftigen dürfen, das ist ein Privileg. Natürlich würde ich mich über eine Auflage, die senkrecht nach oben geht, nicht beschweren. „Vogue“ hatte aber noch nie den Anspruch, den Mass-Market um jeden Preis zu bedienen. Uns geht es vor allem darum, die Brücke zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und der Gegenwartskultur zu bilden. Wenn in erster Linie eine möglichst hohe Auflage meine Maßgabe wäre, müsste ich die „everybody’s darlings“ aus Hollywood aufs Cover nehmen. Relevanz verträgt sich aber nicht mit Beliebigkeit. Nur mit relevanten Inhalten, die einen Impact haben, bleibt man im Gedächtnis.
Als Frau, die ein Magazin macht, das vor allem von Frauen gelesen wird: Wie groß ist die Verantwortung, die Sie tragen, in Bezug auf die Wahrnehmung von Körperbildern?
Die Verantwortung ist groß, aber ich empfinde das eher als Möglichkeit. Früher waren Sprüche wie „Die ist zu dick oder zu alt für ein Covermodel!“ gang und gäbe. Das geht inzwischen zum Glück nicht mehr. Wir zeigen alle Körperformen und jedes Alter, damit es zur Gewohnheit wird, dass jeder Körper ein schöner Körper ist. Da haben die Medien generell – und wir als ästhetisches Leitmedium – eine Vorbildfunktion. Das umzusetzen, finde ich wichtig, wenn man Modejournalismus machen will, der nicht wirkt wie aus dem Jahr 1992.
Sie haben gesagt, dass die Modewelt demokratischer geworden sei. Hat sich in Sachen Körperbilder wirklich etwas getan? Die Top-Kollektionen der großen Designer und Modehäuser gibt es noch immer bis maximal Größe 42.
Die Demokratie und Diversität in Bezug auf Körperformen steht immer noch am Anfang. Fatal zu sehen: Sie war schon mal prominenter auf den Laufstegen vertreten als in der vergangenen Saison. Dass es noch immer viel zu wenig High Fashion für alle Größen gibt, ist eine frustrierende Tatsache.
Die Kardashians nehmen radikal ab – und schon entsteht ein neuer Körpertrend. Hat „Vogue“ noch den nötigen Einfluss, um gegenzusteuern?
Wir sind gedruckt kein Massenmedium, aber die Zahl der Menschen, die uns digital folgen, ist sehr hoch. Als das Thema mit den Kardashians auftauchte, gab es sehr schnell einen Artikel einer amerikanischen Kollegin, die sich gegen diese Entwicklung positionierte – und den sofort alle internationalen Ausgaben auf ihren lokalen Seiten veröffentlicht haben. Wir sagten klar: Das ist gefährlich, das machen wir nicht mit! Ich möchte nicht kleinreden, dass wir als Modemagazin Teil des Problems sind. Aber wir nutzen die Tatsache, dass wir Gehör finden. Und wir beginnen, diese Probleme von innen heraus anzugehen.
Lassen Sie uns noch einmal auf das Thema Nahbarkeit zurückkommen. Eine Chefin, die sich abschottet: Ist das nicht mehr zeitgemäß?
Richtig. Ich wollte noch nie eine Vorgesetzte sein, die nur mit einem Vorlauf von sechs Wochen für fünf Minuten persönlich zu sprechen ist und Wert auf ein Vorzimmer legt, wo ihr regelmäßig ein Glas Wasser nachgeschenkt wird. Diese Zeiten sind vorbei. Respekt speist sich heute aus anderen Dingen. Und: Ein Team kann viel produktiver sein, wenn es nicht mit solchen formellen Kleinigkeiten aufgehalten wird.
Inwiefern?
Alle haben mehr zu tun. Alle arbeiten in einer schnelleren Frequenz, müssen flexibler sein. Da funktioniert es nicht mehr, starre Korsetts zu schnüren. Ich spüre auch deutlich, dass die alte Etikette der neuen Generation von Redakteur:innen, die jetzt in die Verlage kommt, nicht mehr entspricht. Sie stellt andere Ansprüche, als das früher üblich war.
Der eisige Wind, der dem Klischee nach früher durch Moderedaktionen wehte, ist also passé? Absolut. Junge Menschen wollen sich bei der Arbeit wohlfühlen. Sie hinterfragen sich kritisch: Wie möchte ich arbeiten? Fühle ich mich in der Teamdynamik wohl? Ermöglicht sie es, so zu arbeiten, wie es von mir erwartet wird? Sie legen viel mehr Wert darauf, wie mit ihnen umgegangen wird. Insofern könnte man sagen: Ob ein Chef oder eine Chefin gute Leute halten kann, ist heute auch eine Frage der Umgangsformen.
