Philipp Depiereux

"In Deutschland ist alles besser als in den USA. Außer dem Mindset"

Philipp Depiereux ging nach Kalifornien, auf der Suche nach Aufbruch, Tempo, dem viel beschworenen Silicon-Valley-Spirit und mit dem klaren Wunsch, der deutschen Bedenkenträger-Mentalität zu entkommen. Doch mit der Distanz wuchs eine neue Perspektive bei dem Unternehmer und Autor auf sein Heimatland Deutschland. In seinem Gastbeitrag erklärt er, was in den USA tatsächlich besser läuft, wo Deutschland positiv überrascht und warum am Ende vieles hierzulande doch besser ist als er erscheint.

"In Deutschland ist alles besser als in den USA. Außer dem Mindset"

Die Infrastruktur des Glücks

In den USA lernt man schnell: Freiheit ist hier oft das Recht, im Stau zu stehen oder horrende Summen für eine Krankenversicherung zu zahlen, die im Zweifel doch nicht alles abdeckt. Sportaktivitäten, Zoobesuche oder Restaurantbesuche sind für Familien unerschwinglich teuer. Und: Die politische Polarisierung in den USA ist körperlich greifbar; das Vertrauen in demokratische Institutionen bröckelt an vielen Stellen. Freiheit fühlt sich hier oft nach jeder gegen jeden an.

In Deutschland dagegen haben wir etwas, das ich erst aus der Distanz richtig zu schätzen gelernt habe: eine demokratische Stabilität, die in Zeiten von Trump, Orban & Co. vergleichsweise verlässlich wirkt. Wir streiten uns zwar gern über Details, aber wir haben einen sozialen und politischen Konsens, der uns als Gesellschaft trägt. Und wir haben eine gesundheitliche und soziale Absicherung, die in den USA purer Luxus wäre. Hinzu kommt eine mehr oder weniger kostenlose Ausbildung. Wir leben in einer Infrastruktur des Glücks, die wir oft als selbstverständlich hinnehmen, während sie anderswo in Gefahr gerät oder nie existiert hat.

"In Deutschland ist alles besser als in den USA. Außer dem Mindset"

Philipp Depiereux

Das Mindset: Unsere teuerste Steuer

Aber – und hier kommt das große Aber: Trotz dieser stabilen demokratischen Basis stehen wir uns wirtschaftlich selbst im Weg. Unser größtes Problem ist nicht der Mangel an Technologie oder Kapital, sondern unsere kollektive Verlustaversion. Wir sind so sehr damit beschäftigt, das zu bewahren, was wir haben, dass wir vergessen, das zu gestalten, was wir brauchen.

In unseren mittelständischen Werkshallen schlummert ein Schatz: jahrzehntelange Dokumentation, präzise Prozesse und Goldstandards in der Fertigung. Während im Silicon Valley vieles auf Sand gebaut ist („Fake it until you make it!“), haben wir das solide Fundament. Doch wir nutzen dieses Fundament nicht als Sprungbrett, sondern als Anker, der uns bremst.

In den USA ist Scheitern eine wertvolle Iteration. In Deutschland ist ein Fehler oft ein Stigma, das man so schnell nicht wieder loswird. Diese Angst vor dem Fehltritt ist die teuerste Steuer unserer Wirtschaft. Während man in den USA einfach mal macht, diskutieren wir in Deutschland über Risiken und entwickeln in unzähligen Abstimmungsrunden den drei-Jahres-Plan, bevor wir den ersten Prototyp gebaut haben.

Mut zur KI: Die Superkraft richtig nutzen

Besonders deutlich wird das gerade beim Thema Künstliche Intelligenz. KI ist keine Zukunftsmusik, sie ist das neue Betriebssystem unserer Wirtschaft. In den USA wird KI einfach ausprobiert. Man nimmt den „Schwarm von Praktikanten“, wie wir es in meinem neuen Buch „Mut zur KI“ nennen, und lässt ihn einfach mal machen. In Deutschland diskutieren wir oft über Datenschutz, bevor wir die erste Zeile Code geschrieben haben. Dabei ist KI eine Beschleunigungskraft, die Innovation demokratisiert. Sie ermöglicht es uns, unsere Stärken, Präzision und Verlässlichkeit, mit neuer Geschwindigkeit zu skalieren.

Doch dafür brauchen wir Haltung. Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. In Europa haben wir mit dem AI Act einen wertebasierten Rahmen gesetzt, um den uns viele in den USA beneiden. Wir müssen jetzt beweisen, dass Verantwortung und Tempo keine Gegensätze sind.

Wenn wir es schaffen, unsere deutsche Gründlichkeit mit einer Prise amerikanischem Pioniergeist zu kreuzen, werden wir unschlagbar. Wir müssen verstehen, dass Tempo kein Talent ist, sondern eine Entscheidung. Wer bremst, tut es heute meist nicht aus Mangel an Mitteln, sondern aus Mangel an Mut.

Runter von der Tribüne!

Mein Blick von außen hat mich eines gelehrt: Wir Europäer:innen dürfen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Wir haben die klugen Köpfe und die finanziellen Mittel. Was uns fehlt, ist die Haltung des Machens und Mut. Wir brauchen keine Zuschauer:innen mehr auf der Tribüne, die jeden Spielzug kritisieren. Wir brauchen Spieler:innen auf dem Feld.

KI ersetzt nicht unser Denken, sie verstärkt es. Aber sie verstärkt es nur zugunsten derer, die bereit sind, ins Handeln zu kommen.

Ich habe mich neu in Deutschland verliebt, weil ich das Potenzial sehe. Wir haben alles, um Weltmutführer zu werden. Wir müssen nur endlich anfangen, das Boot nicht nur neu zu polieren, sondern auch die Segel in den Wind zu setzen.

Einfach mal machen, endlich das feiern, was wir haben und positiv denken. Dann wirds gut.

Portrait

Philipp Depiereux

Entrepreneur

Philipp Depiereux ist Mutmacher, Unternehmer und Vordenker für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel. Als Gründer des Digitalpioniers etventure hat er die digitale Transformation in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Heute unterstützt er als Gründer und CEO der Scaled Innovation Group Startups und Corporates bei der Skalierung digitaler Geschäftsmodelle. Bei Unternehmen wie Tchibo oder Knauf ist er als Digitalbeirat tätig. Philipp Depiereux begleitet Unternehmer:innen, Familienunternehmen und Organisationen auf dem Weg in eine mutigere Zukunft - mit Haltung, Tempo und klarem Kompass. Sein Ziel: eine Wirtschaft, die Verantwortung nicht delegiert, sondern übernimmt. Im März 2026 ist sein neues Buch erschienen: „Mut zur KI: Wie wir mit neuem Mindset Unternehmen erfolgreich in die Dekade der KI führen“.