Katharina Wolff

„Ich habe früh gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen"

Was braucht es, um wirklich selbstbewusst zu werden? Das wollten wir von Palina Rojinski (40) wissen. Kaum jemand strahlt so viel unerschütterliche Selbstsicherheit aus wie die Entertainerin und Schauspielerin, die einst an der Seite von Joko und Klaas bei MTV Home ihren Durchbruch schaffte. Im STRIVE-Coverinterview erklärt sie, warum sie Selbstbewusstsein erst lernen musste, wieso sie in der Schule gemobbt und vom Leistungssport geprägt wurde – und warum sie es heute überhaupt nicht mehr allen recht machen will.

„Ich habe früh gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen"
Beschreibt sich selbst am liebsten als Entertainerin: STRIVE-Coverwoman Palina Rojinski | Fotos: Immo Fuchs

Was bedeutet Selbstbewusstsein für Dich, Palina?

Sich so anzunehmen, wie man ist, und okay damit zu sein. Früher war Selbstbewusstsein häufig sehr negativ behaftet. Dickköpfigkeit oder Egozentrik wurden damit gleichgesetzt. Gerade bei Frauen hieß es oft: Oh, da ist aber jemand ganz schön selbstbewusst.


Was nicht als Kompliment gemeint war.

Nein, während es bei Männern gefühlt immer schon super war, wenn sie selbstbewusst auftreten. Da haben wir als Gesellschaft in den letzten 15 Jahren eine große Wandlung durchgemacht, das finde ich total schön.

Du wirkst auf viele wahnsinnig selbstbewusst. War das schon immer so?

Nein. Ich habe lange gebraucht, um selbstbewusst zu werden. Meine Kindheit war sehr abwechslungsreich, um es vorsichtig zu sagen: Ich bin mit sechs Jahren aus der Sowjetunion nach Berlin gekommen. Wir haben zehnmal den Wohnort gewechselt. Noch dazu habe ich Leistungssport gemacht. Dadurch musste ich sehr oft ins kalte Wasser springen. Das hat mich definitiv geprägt.

Inwiefern?

Ich habe früh gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen. Die ersten Jahre in Deutschland waren hart. Ich sprach am Anfang die Sprache nicht, wurde in der Schule und beim Sport gemobbt. Ein paar Freundinnen hatte ich zwar, doch es hat gedauert, bis ich angenommen wurde. Ich war halt immer die Fremde.


Welche Rolle haben Deine Eltern in Bezug auf Dein Selbstbewusstsein gespielt?

Sie haben mir ganz viel Liebe und Durchhaltevermögen mitgegeben. Meine Eltern sind eher emotionale als rationale Menschen. Trotzdem gab es bei uns am Abend jetzt keine Affirmationen nach dem Motto: Du bist geliebt, Du bist geschützt und die Tollste und Schönste. Das machen manche heutzutage ja, und das will ich auch gar nicht abtun.

Wie haben Dich Deine Eltern stattdessen gestärkt?

Bei mir waren das eher Real-Life-Affirmationen. Sie haben mir durch ihr Verhalten gezeigt, dass ich mir vertrauen kann und muss, um weiterzukommen. Und sie haben mir oft gesagt, dass sie mich ganz doll lieben.


Deinen Durchbruch hattest Du 2009 beim Musiksender MTV. Wie selbstbewusst warst Du, als Du Deine erste Show bekamst?

Ich war ganz schlimm aufgeregt, als ich anfing. Auf einmal arbeitete ich mit Menschen wie Joko und Klaas zusammen. Die kannte ich damals ja auch nur aus dem Fernsehen. Außerdem kamen die ganze Zeit irgendwelche Weltstars vorbei. Von Shakira bis Usher hatten wir ja wirklich alle zu Gast. Dabei hatte ich null Moderationserfahrung – und war total schüchtern! Ich bin generell ein schüchterner Mensch.

Spaß beim Shooting: Palina Rojinski wurde für STRIVE im Side Design Hotel Hamburg fotografiert

Das überrascht mich. Wenn man Dich erlebt, kannst Du unheimlich gut mit Menschen, wirkst locker, kleidest Dich laut und auffällig.
Total, ich liebe es, mich schön anzuziehen und Dinge im Fernsehen zu machen! Doch zu Beginn hatte ich ständig Stressflecken. Ich habe gezittert und mich bei den Moderationen versprochen. Oft dachte ich: Was zum Teufel ist eigentlich mit meinem Gehirn los (lacht)?


Wie hast Du es geschafft, selbstbewusster zu werden?
Um selbstbewusst zu sein, muss man etwas mit Hingabe tun. Und oft auch einfach üben. In den Weihnachtsferien nach meinen ersten TV-Shows hatten wir eine längere Pause. Da habe ich mir fast jeden Tag Moderationen ausgedacht und vor dem Laptop geübt. Aus dem Leistungssport wusste ich ja, wie trainieren geht und dass man nur besser wird, wenn man übt. Das ist im Entertainment auch so. Nur sieht man da meistens nur das perfekte Endergebnis. Das finde ich auch bei Social Media gefährlich.

Wie meinst Du das genau?
Man sieht überall nur das fertige Video aus dem perfekten Winkel, mit dem perfekten Licht und perfekten Filter, aber nichts von den Enttäuschungen und den misslungenen Versuchen dahinter. Dabei braucht man Übung und Enttäuschungen, um sicherer zu werden. Mir hat Reflexion auf jeden Fall sehr viel für mein Selbstbewusstsein geholfen.

„Die Hauptsache ist, dass man selbst mit seiner Leistung zufrieden ist. Ich bin ja auch nicht von jedem Fan.“

Palina Rojinski

Selbstbewusstsein hat oft auch mit dem eigenen Körper zu tun. Du hast mal gesagt, dass Du in der „Eigenliebe“ für Deinen Körper angekommen bist. Wie hast Du das gemacht?

Auch das passiert nicht mit einem Klick. Durch meinen Sport, die rhythmische Sportgymnastik, musste ich gefühlt immer abnehmen. Mit fünf Jahren wurde ich auf meine erste Diät gesetzt, weil ich sonst aus dem Verein geflogen wäre. Mit acht Jahren hatte ich zum ersten Mal ein Buch, in dem getrackt wurde, wie viel ich wiege. Ich wurde von meinen Trainer:innen immer für mein Gewicht gebasht. Das war normal. In der Turnhalle haben wir uns im Spiegel jeden Tag unsere vermeintlichen Fehler angeschaut. An manche Tricks, mit denen wir schlanker aussehen wollten, erinnere ich mich heute noch.


Verrätst Du uns einen?

Immer wenn uns die Trainer:innen von vorne angeguckt haben, haben wir unseren Po nach hinten geschoben, damit man zwischen den Oberschenkeln eine Lücke sah und die Beine dünner wirkten. Wenn wir seitlich vor ihnen standen, haben wir die Hüfte nach vorne gedrückt, um die Oberschenkel schmaler aussehen zu lassen. Das waren Automatismen, die ich total verinnerlicht habe. Und dann kamen in der Pubertät ja noch meine Rundungen, die ich kaschieren wollte.

Früher ging es in Palina Rojinskis Leben viel darum, dünn zu sein. In der Pubertät wollte sie ihre Rundungen kaschieren

Gerade in der Pubertät können negative Bewertungen fatale Konsequenzen für das Selbstbewusstsein haben. Wer in der Öffentlichkeit steht, ist dem oft sein Leben lag ausgesetzt. Woher nimmst Du den Mut, Dich nicht einschüchtern zu lassen? 
Durch meinen Kleidungsstil bin ich schon immer aus der Norm gefallen. Ich liebe Mode! Ich liebe ausgefallene Sachen. Nicht für den Blick von außen, sondern für mich, weil ich es schön finde und dann richtig gute Laune kriege. Ich hatte schon immer so eine Brigitte-Bardot-Memorial-Frisur. Ich mochte früh die Sixties, gemixt mit Hip-Hop-Style. Damit bin ich auch mit 14 Jahren auf der Straße aufgefallen. Viele Menschen haben mich wirklich schräg angeguckt. Ich denke, in diesen Momenten habe ich rückblickend wahrscheinlich die ersten Erfahrungen gesammelt, einfach ich zu sein und die Kommentare mit Humor zu sehen.

Wie wichtig ist es Dir, dass die Öffentlichkeit Dich richtig einschätzt?
Für eine konstruktive Kritik bin ich immer zu haben. Dadurch kann ich ja nur lernen. Gerade im Film und bei neuen Shows ist es wichtig, im Team zu arbeiten und sich die Fehler anzuschauen. Aber blöde Kommentare, beispielsweise in Social Media, überlese ich entweder oder denke mir, dass es eben viele Meinungen gibt. Ich will gar nicht mehr jedem „maiglöckchen24“ gefallen. Man kann es eh nicht allen recht machen. Die Hauptsache ist, dass man selbst mit seiner Leistung zufrieden ist. Ich bin ja auch nicht von jedem Fan.


Für die Marke Triumph zeigst Du Dich aktuell zum ersten Mal öffentlich in Unterwäsche. Braucht es dafür eine Extra-Portion Selbstbewusstsein?

Ich war superaufgeregt im Vorfeld der Kampagne. Um ein Fotoshooting in Unterwäsche zu machen, musste ich schon über meinen Schatten springen. Wobei das ja jetzt auch kein typisches sexy Unterwäsche-Shooting war, sondern ein absolutes Wohlfühlprojekt. Ich habe die Teile mit einem Team von tollen Designer:innen entworfen.


Nicht nur bei Werbejobs schlüpfst Du in verschiedene Rollen: Du bist Moderatorin, Schauspielerin, DJane. In welcher Rolle fühlst Du Dich am selbstbewusstesten? 

Das hängt von der Tagesform ab. Ich schätze alle drei Berufe: Ich mag es, Schauspielerin zu sein. Ich mag es, aufzulegen, und ich mag es, im Fernsehen Sachen zu machen. Eine klassische Moderatorin bin ich ja sowieso nicht. Ich sehe mich eher als Entertainerin. 


Was wir in Deutschland ja wenig haben und deswegen oft auch nicht so wertschätzen, finde ich. Wir neigen dazu, alle immer in möglichst klare Schubladen zu packen. Stört Dich das?

Nein. Ich weiß, was ich mache, und damit ist für mich alles in Ordnung. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich oder meinen Beruf zu erklären.

Palina Rojinski findet es wichtig, wohlwollend mit sich selbst zu bleiben

Dein Astro-Format „Astrolinski“ haben anfangs viele belächelt. Du hast es trotzdem weitergemacht. Was gibt Dir die Kraft und Sicherheit, Deinen eigenen Weg zu gehen und Dich nicht von anderen verunsichern zu lassen?
Ich habe gelernt, dass nicht jede:r die gleichen Dinge toll findet. Manche Leute mögen es, sich wegzuschießen und Eskapismus zu betreiben. Andere brauchen viel Sport, um klarzukommen. Ich atme eben gerne und mache Meditationen oder höre ganz laut Musik und tanze eine Runde. Das alles hilft mir, mit meinem Stress klarzukommen. Ich habe ein krasses Pensum, bin seit mehr als 15 Jahren im Geschäft. Eine Zeit lang war ich kurz vor dem Burnout.

Erzählst Du uns mehr über diese Zeit?
Ich war damals so gestresst, dass ich mich permanent am Kopf gekratzt habe, sodass ich Haarausfall bekam. Das ist lange her, aber solche Phasen gab es auch. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass jede:r für sich einen Weg finden muss, wie man belastbar bleibt, ohne überlastet zu werden.


Vieles davon lernt man durch Erfahrung. Welche Rolle spielt Dein Alter für Dein Selbstbewusstsein?
Ich liebe mein Alter. Die Erfahrungen und Learnings, die ich gemacht habe, machen mich zu der, die ich bin. Klar waren es schmerzhafte Momente, in denen man gelernt hat: Nicht jede:r meint es gut mit dir, es gibt tatsächlich Leute, die eine eigene Agenda mit dir haben. Und dass es genauso wichtig ist, wie man mit sich selbst spricht. Dass man also nicht sagt: Oh, ich bin so dumm, das habe ich schon wieder nicht hingekriegt. Sondern eher wohlwollend: Okay, das war doch schon mal nicht so schlecht. Was hat gefehlt, dass ich das noch besser machen kann?


Wer oder was hilft Dir ad hoc, selbstbewusster zu sein? Wen rufst Du an, wenn Du einen Boost für Dein Selbstbewusstsein brauchst?
Liebe, Motivation, Trost, Annahme, Zuhören, das sind Säulen, die man braucht, wenn man mal ein bisschen down ist. Mein nahes Umfeld und ich sind da immer füreinander da.


Gibt es heute noch Momente, in denen Du richtig eklatante Selbstzweifel hast, die von außen unsichtbar sind?
Na klar, solche Momente gibt es immer wieder. Wenn ich mich morgens nicht fit fühle und daran denke, dass ich am Set oder im Studio zwölf Stunden performen muss, dann zweifele ich bis heute manchmal an mir. Doch am Ende des Tages habe ich mit meinen 40 Jahren gelernt, dass ich mich auf mich verlassen kann (schmunzelt).

Foto: Christian Rohrbacher

Zur Person

Palina Rojinski wird 1985 in Sankt Petersburg geboren. Nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Sowjetunion zieht sie 1991 als Sechsjährige mit ihren Eltern nach Berlin. In ihrer Kindheit betreibt Rojinski rhythmische Sportgymnastik als Leistungssport, wird zweimal Deutsche Meisterin bei den Juniorinnen. Als sie 14 Jahre alt ist, hört sie aufgrund einer Knieverletzung mit dem Sport auf. Sie macht Abitur und beginnt, Literatur und Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin zu studieren, bevor 2009 ihre TV-Karriere beginnt: Zunächst als Moderatorin bei MTV mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, später auf ProSieben. Für die Sendung „Got to Dance“ gewinnt sie 2013 den Deutschen Fernsehpreis. Es folgen weitere Auszeichnungen für Kinofilme wie „Traumfrauen“, „Willkommen bei den Hartmanns“ und „Nightlife“. Parallel arbeitet Palina Rojinski als DJane und dreht momentan eine neue Serie fürs ZDF, in der sie die Hauptrolle spielt. Rojinski lebt in Berlin.