"Ich bin eine Frau, die die Zukunft mitgestaltet."
Wie steht es um das deutsche Gesundheitssystem? Das kann keine so scharfsinnig analysieren wie Herzchirurgin Dr. Dilek Gürsoy (48). Im STRIVE-Coverinterview gibt die Frau, die als erste in Europa ein Kunstherz implantiert hat, Einblicke in eine frauenfeindliche Medizin. Sie erzählt, wie sie zur Unternehmerin wurde und warum sie ihre eigene Privatklinik gründen musste, um so arbeiten zu können, wie sie es für einzig richtig hält: mit viel Wertschätzung gegenüber ihren Patient:innen und Mitarbeitenden.
Deshalb kommen die Leute zu Ihnen?
Ja. Mache ich etwas Extravagantes? Nein. Aber ich biete den Leuten einen Kaffee an. Ich nehme mir Zeit und höre ihnen zu. Wir diskutieren auch Behandlungsmethoden, ich beziehe die Patient:innen mit ein. Mich interessiert, welche Ideen, Wünsche und Bedürfnisse sie haben. Das hat natürlich auch einen psychologischen Effekt, als Herzchirurgin mit den Patient:innen in Ruhe zu sprechen.
Und dazu haben Ihre Kolleg:innen keine Zeit?
So ist es, und das ist auch gar nicht meinen Kolleg:innen geschuldet. Es ist das System, dass die Ärzt:innen dazu zwingt, schnell zum nächsten Krankenzimmer zu eilen. Sie haben keine Zeit, weder in Kliniken noch in Praxen. Auf der einen Seite funktioniert dieses System perfekt, nämlich auf der technischen Ebene. Bei Problemen mit dem Herzen kriegt man einen Termin fürs EKG, danach Ultraschall und Blutabnahme. Aber am Ende fehlt den meisten Patient:innen dieser intensivere, holistische Blick auf sie als Mensch, nicht als kranke Person. Zu mir kommen Leute, die schon überall waren und trotzdem keine Hilfe gefunden haben – das ist doch makaber.
Was müsste sich ändern, damit das besser wird?
Ein Thema ist sicherlich die Regulierung der Sitze durch den Staat – wobei hier das ganze finanzielle Risiko bei den Ärzt:innen liegt. Es läuft so: Wer eine Praxis eröffnen möchte, muss einen bestehenden Sitz kaufen. Diese sind für die Allgemeinmedizin viel günstiger als etwa für kardiologische Praxen. Kardiolog:innen müssen ein bis zwei Millionen bezahlen, Allgemeinmediziner:innen vielleicht 20.000 Euro. Das ist doch ein Witz. Da frage ich mich schon: Warum kann sich ein Arzt oder eine Ärztin nicht einfach eine Genehmigung einholen und eine Praxis eröffnen? Aufgrund dieses Systems haben wir zu wenig Angebot an Fachpraxen bei einer zu hohen Nachfrage.
Sie könnten heute angestellte Chefärztin sein, haben sich aber für eine Privatpraxis und eine eigene Klinik entschieden. Was waren Ihre Beweggründe?
Da muss ich etwas ausholen. Ich habe ganz herkömmlich Medizin studiert und dann an einem der größten Herz-Zentren Deutschlands als Assistenzärztin angefangen. Mit der Zeit reifte ich – als Person, als Frau, als Chirurgin. Mit 35 Jahren kam ich an einen Punkt, an dem ich endlich selbstbewusst war. Ich war gut auf meinem speziellen Gebiet der Kunstherztherapie und -forschung, und das wusste ich auch. In dem Moment wird man zum Problem. Oder besser: Gute Frauen und insbesondere Chirurginnen werden zum Problem.
Warum?
Ich weiß es nicht. Ich bin auch international chirurgisch tätig und hatte in letzter Zeit Kontakt mit Kolleg:innen aus Belgien und den skandinavischen Ländern. Die sagen alle: Das ist ein deutsches Problem. In einer tradierten Branche wie der Chirurgie ist es so, dass ein Chefarzt oder eine Chefärztin nach einer gewissen Zeit seine oder ihre Macht ausspielt. Es ist fatal, dass es keine Kontrollinstanz gibt. Keine:r fragt, wie die Chefärzt:innen zwischenmenschlich sind, wie sie ihr Team führen. Nicht nur die operativen, medizinischen Ergebnisse müssen stimmen, sondern auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden.
Auf was würde es Ihnen da ankommen?
Fragen wie: Wie viele Leute hast Du ausgebildet? Wie viele Frauen waren dabei? Wie hast Du sie gefördert? Und nicht nur den Chefarzt oder die Chefärztin fragen, sondern auch die entsprechenden Personen, wie sie behandelt und bezahlt wurden.
Haben Sie einen solchen Umgang mit Macht selbst erlebt?
Mehrfach habe ich am eigenen Leib erfahren, dass die Leute ihre Macht ausnutzen und andere als Marionette benutzen. Sie sagen: Deine Karriere hängt von meiner Entscheidung ab! Es gibt in Deutschland 78 herzchirurgische Kliniken, von denen 77 einen männlichen Chefarzt haben. Bei fast der Hälfte habe ich versucht, eine leitende Position in der Kunstherzabteilung zu bekommen. Entweder habe ich eine Absage bekommen – oder gar keine Antwort.

Sie haben eine langjährige nationale wie internationale Expertise auf dem Gebiet der operativen Herzinsuffizienz-Therapie, also Kunstherztherapie und -forschung. Eigentlich müssten sich die Kliniken um Sie reißen.
Ja, das dachte ich auch. Aber es war mir leider nicht vergönnt.
Mit welchen Begründungen wurde Ihnen abgesagt?
Der eine meinte, ich sei überqualifiziert. Der andere äußerte Bedenken, ich könnte im Team nicht so gut ankommen, weil ich zu bekannt bin – und das würde Unruhe stiften. Der Nächste meinte, ich sei in der Türkei besser aufgehoben als hier. Nach den Gesprächen war ich verzweifelt und wütend.
Wie geht es Ihnen heute damit?
Ich habe das alles überwunden. Man muss solche schmerzhafte Phasen bewusst durchleben. Ich weiß, dass ich von einem der Besten ausgebildet wurde. Ich bin aktiv in der Forschung. Viele internationale Firmen, die mit Kunstherzen forschen, wollen, dass ich auch an ihren Tiermodellen operiere. Ich bin eine Frau, die die Zukunft mitgestaltet. Aber das interessiert die Kolleg:innen nicht, sie ignorieren es einfach.
50 Prozent der Medizinstudierenden sind heute weiblich – sie kommen in der Chefetage aber nicht an. Was raten Sie einer jungen Frau, die Chirurgin werden möchte?
Wir können den jungen Frauen viel erzählen: Gib Dich und Deinen Beruf nicht auf! Aber es geht doch nicht, dass wir immer meinen, den Frauen etwas raten zu müssen. Die Gegenseite muss sich ändern: Die Kliniken, die gute Mediziner:innen haben wollen, müssten sich ein bisschen bewegen. Es gilt, die Strukturen im System so anzupassen, dass gute Ärzt:innen nicht um die ihnen zustehenden Positionen kämpfen müssen und dabei auf Männer der eigenen Riege angewiesen sind.
Wie soll das gehen?
Dafür braucht es helle, visionäre, smarte Leute, sowohl in der Politik als auch in der Medizin. Leute, die mehr gesehen haben als nur die vier Wände einer Klinik, Praxis oder fachspezifische Kongresse. Wir brauchen Leader, die etwas riskieren, etwas selbst aufgebaut, etwas durchgemacht haben. Wenn beispielsweise ein Chefarzt von „seiner Klinik“ spricht, dann frage ich mich: Wie, Deine Klinik?! Du bist auch nur ein Angestellter.
Ist die Medizin in Deutschland frauenfeindlich?
Leider ja. Auf zwei Ebenen. Einmal geht es um die Gendermedizin. Ich sage jetzt nicht, dass alle Frauen nur noch von Frauen therapiert werden sollen. Aber Frauen sind eben anders strukturiert, nicht nur in ihren Stresssituationen oder in Bezug auf die Hormone – das ist jetzt auch bewiesen und kommt langsam in der Medizin und in den Medien an. Wir müssen es noch viel mehr kommunizieren, damit das den Frauen klar wird. Am liebsten hätte ich mehr spezialisierte Praxen nur für Frauen, einige gibt es ja schon. Ich behandle auch viele Menschen mit Migrationshintergrund, Arabischstämmige und Türkischstämmige. Genetisch sind sie eine andere Ethnie, auch das muss berücksichtigt werden.

Und auf der zweiten Ebene?
Da geht es um die Aufstiegschancen. Das habe ich nicht nur bei meinen Bewerbungen zu spüren bekommen, sondern auch in meiner Gründungsphase, als ich mich bei den Banken vorgestellt habe. Im Nachhinein frage ich mich, warum sie mir so viele Hürden gestellt haben. Ich glaube heute, das war den Leuten bei der Bank zu hoch: eine Frau, die eine Privatklinik für Herzchirurgie gründen will! Wäre ich ein älterer Herr mit Krawatte gewesen, hätte man das sicherlich eher ermöglicht, denke ich. Ich hingegen saß da mit Jeans und Turnschuhen. Ich glaube, dass so großes Denken für eine Frau für viele Menschen nicht in Ordnung ist, so einen Case hatten die Bankberater:innen noch nie gesehen. Hätte ich ein Nagelstudio aufmachen wollen, sähe das bestimmt anders aus.
Sie spielen auf ihr Unternehmen GANÎ an, das Sie Anfang 2024 gegründet haben. Wie kam die Idee dazu auf?
2018 hatte ich die ersten Gedanken dazu, da stand für mich fest, dass ich eine kunstherzchirurgische Boutique-Klinik mit einer kleinen Anzahl an OP-Sälen aufbauen möchte. Dann denkt man erst mal groß und weiß nicht, wo man anfangen soll. 2022 wurde es konkreter: Da habe ich mir einen Businessplan erstellen lassen, mich belesen und mit Kolleg:innen ausgetauscht. Im Studium wird man nicht dazu ausgebildet, wie man als Arzt oder Ärztin weiter kommen kann, als einfach nur in der Praxis oder der Klinik zu arbeiten. Es gibt keine unternehmerischen Fortbildungen oder das Basiswissen einer Firmengründung, das fehlt aus meiner Sicht total. Jedenfalls war es sehr aufregend, mal hatte ich ein Gebäude gefunden, was sich dann als nicht geeignet herausstellte, dann haben es mir die Banken einfach schwer gemacht.
An dem Sprichwort „Aller Anfang ist schwer“ ist leider etwas dran.
Trotzdem habe ich Anfang letzten Jahres den Entschluss gefasst, die GANÎ Clinic zu gründen, erst mal nur auf dem Papier. Als UG, weil das günstiger ist. Wobei mir natürlich vorher kein Mensch gesagt hat, dass es diese Art von Firmengründung gibt – ich hätte das fast mit einer GmbH gemacht. Dann habe ich viel Werbung in den sozialen Medien und privat gemacht. Im Juni bekam ich eine E-Mail. Eine von Tausenden, die mir Kooperationen oder eine Zusammenarbeit vorschlagen. Ich lese sie natürlich alle, aber aus vielen wird dann nichts. Diese E-Mail aber kam aus dem Krankenhaus in Warstein, NRW.

Und daraus wurde etwas?
Oh ja! In dem Krankenhaus gibt es Eigentümer:innen mit einer anderen Denke. Sie arbeiten eher wie ein Startup. Es gefiel mir, wie sie die Krankenhausstruktur verändern wollten. Wir gingen mittagessen, dann war schnell alles klar. Seit dem 1. August bin ich mit GANÎ in einer Kooperation. Jetzt haben meine Patient:innen auch die Möglichkeit, als gesetzlich Versicherte behandelt zu werden, es hat sich also ein Türchen für alle geöffnet. In der Anfangsphase bin ich drei Tage die Woche in Warstein und zwei Tage in meiner Privatpraxis in Mönchengladbach.
Liegt die Zukunft in der Privatklinik?
Nein, das denke ich eigentlich nicht. In meinem Fall ist es so, dass ich nur so starten konnte, weil ich in Deutschland in keinen Krankenhausbedarfsplan mit meiner privaten Klinik komme, was auch okay ist, so ist die Gesetzeslage. Aber der liebe Gott hat für mich jetzt den Weg der Kooperation geöffnet.
Was würde das gesamte System besser machen?
Eine bessere und gerechtere Verteilung der Positionen von unabhängigen Gremien aus unterschiedlichen Branchen, eine objektive Kontrollinstanz der Spitzenpositionen bezüglich Umgang, Wertschätzung, Ausbildung, Bezahlung und Förderung der Mitarbeitenden. Den spezialisierten privaten Einrichtungen und Kliniken die Möglichkeit für alle geben – auch gesetzlich Versicherte. Nahbare Spitzenmedizin für alle!
Lässt sich die Uhr dahingehend zurückdrehen, dass Ärzt:innen wieder mehr Zeit für ihre Patient:innen haben und ihnen einen Kaffee anbieten?
Mein Plan ist, die GANÎ Clinic zu einem Präzedenzfall zu machen: klein, fein, hoch spezialisierte nahbare Medizin. Ich wünsche mir Nachahmer:innen. Da liegt ein weiter Weg vor mir, das weiß ich. Und das wird auch nicht morgen oder übermorgen passieren. Aber wenn man sieht, dass ich es geschafft habe, dann strahlt das vielleicht auch auf andere ab. Ich bin mir sicher, dass am Ende von mir abgeguckt wird. Also ja, ich denke, dass es möglich sein wird, die Uhr zurückzudrehen – wenn es das System zulässt.
„Wir Frauen müssen auch mal Erfolge zeigen, wir müssen aus dieser Opferrolle raus."
Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter:innen nach Deutschland. Hat Ihr türkischer Background Sie in Ihrer Karriere limitiert?
Ich hatte als Gastarbeiterkind im Studium keine Nachteile. Ich bin ja in Neuss geboren und der deutschen Sprache mächtig. Heute hilft es mir für meine Sichtbarkeit, Eltern mit Migrationsgeschichte zu haben. Und ganz ehrlich: Diese Möglichkeit nutze ich.

Als eine von wenigen Ärztinnen in Deutschland betreiben Sie einen followerstarken Instagram-Account. Warum?
Ich mache das nicht, um reicher zu werden oder noch bekannter. Ich möchte erzählen, was wir mit spezieller Medizin alles machen können. Letztens habe ich Patient:innenfälle anonym geschildert. Die Resonanz war unglaublich: Auf Linkedin haben den Post über eine halbe Million Menschen gesehen. Ich bin der Meinung, dass Mediziner:innen versuchen sollten, die Zeit aufzubringen, ihre Geschichten zu erzählen. Nicht nur untereinander und bei Kongressen, sondern den Menschen da draußen. Es ist doch spannend, wie Medizin sein kann – und wie hart wir für sie arbeiten.
Was bedeutet es für Sie, ein Vorbild zu sein?
Sehr viel. Natürlich ist es okay, die Geschichten zu erzählen, wie schwer es als Frau sein kann. Aber wir müssen auch mal Erfolge zeigen, wir müssen aus dieser Opferrolle raus. Deshalb werde ich nicht müde zu sagen, dass meine Klinik, so Gott will, eine große Erfolgsgeschichte sein wird.
