Franziska Jentzsch

„Die leistungsstärksten Frauen, mit denen ich arbeite, denken ans Aussteigen“

Franziska Jentzsch hat Hunderte Frauen in exponierten Führungsrollen begleitet. Ihre Beobachtung: Immer mehr von ihnen überlegen, sich zurückzuziehen. Warum sie das für ein strukturelles Warnsignal hält, erklärt die Transformationsexpertin und Leadership-Coach hier.

„Die leistungsstärksten Frauen, mit denen ich arbeite, denken ans Aussteigen“
Foto: Irnis Kubat

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen in Geschäftsleitungen, Vorständen und Schlüsselrollen. Sie sind hochkompetent, leistungsbereit, entscheidungsstark. Seit einigen Monaten allerdings führe ich immer häufiger ein Gespräch: Die leistungsstärksten Frauen denken ans Aussteigen. Nicht impulsiv oder weil sie im klassischen Sinn erschöpft wären, sondern weil sie an der Tragfähigkeit der Rahmenbedingungen zweifeln, unter denen sie arbeiten. Was sich verändert hat, ist nicht ihr Anspruch. Diese Frauen zweifeln auch nicht an ihrer Verantwortung. Sie fragen sich eher: Wie lange trägt dieses System noch?

Das Problem ist nicht Überforderung, sondern die Systemlogik

Unsere Organisationen bauen historisch auf einem Machtmodell auf, das permanente Verfügbarkeit voraussetzt:

- lineare Erwerbsbiografien
- klare Zuständigkeiten im Hintergrund
- ein stabiles Versorgungsumfeld.

Das Problem: Dieses Modell existiert für viele längst nicht mehr. Trotzdem führen wir, als wäre es noch intakt. Dabei tragen viele Frauen in Schlüsselrollen der deutschen Wirtschaft strategische Verantwortung, operative Ergebnisverantwortung, Führungsverantwortung für Teams – und außerhalb der Arbeit noch eine zweite, oft unsichtbare Organisationswelt.

Hier übernehmen sie zuweilen die Rolle der „Chief Family Officer“: Hetzen zwischen letztem Teams-Call oder Meeting im Office zur Kita, um die Kinder zu holen, organisieren Geburtstagsfeiern, Geschenke, machen auf dem Rückweg vom Büro noch schnell den Wocheneinkauf oder tragen zum Buffet des Schulfests bei. Und wehe, der Kuchen oder die Muffins sind nicht selbstgebacken. Dann geht der Walk of Shame in der Kita oder Schule direkt weiter und sie werden im schlimmsten Fall noch als Rabenmutter bezeichnet.

Das Problem ist also nicht fehlende Leistungsbereitschaft oder Überforderung. Deutschland mangelt es nicht an ambitionierten Frauen. Was fehlt, ist strukturelle Entlastung.

„Viele Führungssysteme sind noch immer implizit männlich codiert. Deshalb beginnen immer mehr Frauen existenziell zu rechnen: Wie hoch ist der Preis dieser Rolle? Und ist er langfristig tragbar?”

Franziska Jentzsch

Wenn Stabilität fehlt, wird Führung zur Dauerbelastung

Wir sprechen viel über Frauenförderung, aber zu wenig über Systemarchitektur. Viele Führungssysteme sind noch immer implizit männlich codiert – in Erwartungshaltungen, Konfliktlogik und Präsenzkultur. Wer darin dauerhaft wirkt, investiert zusätzliche Energie. Diese Energie taucht in keiner Bilanz auf, aber sie wirkt. Deshalb beginnen immer mehr leistungsstarke Frauen existenziell zu rechnen: Wie hoch ist der Preis dieser Rolle? Und ist er langfristig tragbar?

Wenn diese Rechnung negativ ausfällt, ist das kein individuelles Scheitern. Es ist ein Konstruktionsfehler im System. Gleichzeitig unterschätzen viele Organisationen, was dann passiert: Der Rückzug einer erfahrenen Führungskraft ist kein HR-Thema. Mit jeder Führungskraft, die geht, verlieren Unternehmen jedoch nicht nur Kompetenz. Sie verlieren Erfahrungswissen, kulturelle Kontinuität, Stabilität und strategische Tiefe.

Was sich ändern muss, damit wir nicht wieder weniger Frauen in Führung sehen

Wenn wir wollen, dass Frauen langfristig in Schlüsselrollen bleiben, müssen wir Führung neu bauen und nicht mehr nur immer wieder neu besetzen. Führungsmandate brauchen realistische Prioritäten und echte Delegationsfähigkeit. Verantwortung muss stärker verteilt werden, etwa durch Modelle wie Co-Leadership.

Und vor allem braucht es eine modernere Machtkultur. Führung darf nicht länger an Dauerhärte und permanente Verfügbarkeit und Präsenz gekoppelt sein. Zukunftsfähige Organisationen integrieren unterschiedliche Führungsstile strategisch.

Tun wir dies nicht, verlieren wir langfristig nicht nur Talent, sondern vor allem Stabilität. Die aus meiner Sicht entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir noch mehr Leistung mobilisieren, sondern wie wir endlich Bedingungen schaffen, unter denen starke Menschen bleiben wollen. Und zwar nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung.

Machtstrukturen verändern sich nicht durch einzelne Karrieren. Sie verändern sich nur dann, wenn Systeme so gebaut sind, dass Verantwortung langfristig tragbar wird.

Portrait

Franziska Jentzsch

Geschäftsführerin

Franziska Jentzsch ist Wirtschaftspsychologin, Organisationsentwicklerin und CEO der Transformationsberatung XPERTZ GmbH. Schwerpunktmäßig begleitet sie Geschäftsführungen und HR-Leitungen zu den Themen Transformation und Change-Management sowie Leadership Development. Zuvor war sie in verschiedenen Rollen u.a. für LichtBlick, Lidl, cbs Corporate Business Solutions und die Otto-Gruppe tätig.

Foto: Irnis Kubat