Seit vielen Jahren begleite ich Frauen in Geschäftsleitungen, Vorständen und Schlüsselrollen. Sie sind hochkompetent, leistungsbereit, entscheidungsstark. Seit einigen Monaten allerdings führe ich immer häufiger ein Gespräch: Die leistungsstärksten Frauen denken ans Aussteigen. Nicht impulsiv oder weil sie im klassischen Sinn erschöpft wären, sondern weil sie an der Tragfähigkeit der Rahmenbedingungen zweifeln, unter denen sie arbeiten. Was sich verändert hat, ist nicht ihr Anspruch. Diese Frauen zweifeln auch nicht an ihrer Verantwortung. Sie fragen sich eher: Wie lange trägt dieses System noch?
Das Problem ist nicht Überforderung, sondern die Systemlogik
Unsere Organisationen bauen historisch auf einem Machtmodell auf, das permanente Verfügbarkeit voraussetzt:
- lineare Erwerbsbiografien
- klare Zuständigkeiten im Hintergrund
- ein stabiles Versorgungsumfeld.
Das Problem: Dieses Modell existiert für viele längst nicht mehr. Trotzdem führen wir, als wäre es noch intakt. Dabei tragen viele Frauen in Schlüsselrollen der deutschen Wirtschaft strategische Verantwortung, operative Ergebnisverantwortung, Führungsverantwortung für Teams – und außerhalb der Arbeit noch eine zweite, oft unsichtbare Organisationswelt.
Hier übernehmen sie zuweilen die Rolle der „Chief Family Officer“: Hetzen zwischen letztem Teams-Call oder Meeting im Office zur Kita, um die Kinder zu holen, organisieren Geburtstagsfeiern, Geschenke, machen auf dem Rückweg vom Büro noch schnell den Wocheneinkauf oder tragen zum Buffet des Schulfests bei. Und wehe, der Kuchen oder die Muffins sind nicht selbstgebacken. Dann geht der Walk of Shame in der Kita oder Schule direkt weiter und sie werden im schlimmsten Fall noch als Rabenmutter bezeichnet.
Das Problem ist also nicht fehlende Leistungsbereitschaft oder Überforderung. Deutschland mangelt es nicht an ambitionierten Frauen. Was fehlt, ist strukturelle Entlastung.