Was bei akuter Mutlosigkeit hilft: Mikro-Engagement
Die Witwe Juliane Sydow ist heute alleinerziehende Mutter und Führungskraft von 60 Mitarbeitenden. „Ich definiere mich nicht ausschließlich darüber, was mir passiert ist. Ich bin nicht nur die Frau, deren Mann gestorben ist. Ich bin auch berufstätig, ich bin Freundin, Chormitglied, Nachbarin. Ich sehe das große Ganze meines Lebens und versuche nicht, die Lupe nur auf dieses Schicksal zu halten“, sagt Sydow. Ihre Kinder sind heute neun und sechs Jahre alt. Damals, nach dem Suizid ihres Mannes, weinte sie jeden Morgen vor Erschöpfung, wenn sie ihre Kinder in der Kita abgegeben hatte. Anderthalb Jahre lang. „Da habe ich jeden verdammten Tag eine andere Freundin angerufen, die mir dann einen Pep Talk gegeben hat. Du kannst eben nicht fünf Mal die gleiche anrufen“, findet Sydow. Ihr Rezept für ein positives Mindset: ein gutes soziales Netz, das man eben auch ein Leben lang pflegen muss.
„In Beziehungen zu investieren lohnt sich genau dann, wenn man sie braucht. In Akutphasen können Freundinnen und Freunde ein paar Wochen lang dein Gehirn, deine Hände und dein Herz ersetzen.“ Was Juliane Sydow im Privaten erlebt hat, kann sie auch auf die aktuell schlechte gesellschaftliche Stimmung übertragen. „Seit der Corona-Pandemie ist die Stimmung bei allen gedrückt. Es gab einfach keine Verschnaufpause, die schlechten Nachrichten geben sich die Klinke in die Hand.“ Sydows Rat: Eruieren, bis wohin der persönliche Wirkungskreis geht. Und sich engagieren, wenn auch nur im ganz Kleinen. „Ich habe für mich beschlossen, dass ich an der Makro-Weltlage nichts ändere, ich kann Selenskyj mit Putin und Trump.nicht helfen. Ich kann aber Mikro-Engagement betreiben und etwas in meinem Stadtviertel bewirken“, sagt Sydow. Sie leitet den Förderverein der Schule ihrer Kinder und hat den Chor „Die grölenden Girls“ in Berlin gegründet. „Für mich ist das ein gutes Mittel, um mich nicht wie ein hilfloser, ausgelieferter, kleiner Mensch zu fühlen. In der Aktivität kann ich meine positiven Gedanken besser steuern als in der Passivität."
Die Menschheit braucht Krisen
Zeitsprung: Als ab dem Jahr 1347 etwa die Hälfte der Bevölkerung in Europa starb, dachte man, dies sei jetzt wirklich der Weltuntergang. Dabei war es die Pest, der Schwarze Tod. Diese verheerendste Pandemie brachte aber auch Erneuerung und Innovation auf den Weg.
Weil es jetzt weniger Arbeitskräfte gab, konnte über bessere Arbeitsbedingungen verhandelt werden. Frauen hatten auf einmal die Möglichkeit, in Berufen zu arbeiten, die vorher Männern vorbehalten waren. Medizin und Wissenschaft erlebten einen nie gekannten Aufschwung. Die Welt, das sehen wir an der Pest aus dem Mittelalter, war schon ein paar Mal aus den Fugen geraten. Die Menschheitsgeschichte zeigt uns aber auch, dass Krisen manchmal sein müssen, damit Neues entstehen kann. Man erinnere sich daran, dass es vor der Corona-Pandemie bei den allermeisten Unternehmen undenkbar war, dass Mitarbeitende von zu Hause aus auf Server zugreifen konnten. Auf einmal war es alternativlos. Diese Kraft haben nur Krisen. Nutzen wir diese. Und bleiben dabei heiter bis zuversichtlich.