Kira Brück
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Heiter bis... Zuversichtlich

Die Nachrichtenlage: unübersichtlich. Der Klima­wandel: allgegenwärtig. Kriege und Krisen: gekommen,um zu bleiben. Die künstliche Intelligenz: eine Bedrohung für die Jobs. Die aktuelle Weltlage, sie macht mutlos. Wie kann man da noch zuversichtlich bleiben? Wir haben mit Menschen gesprochen, die existenzielle Lebenskrisen überstanden ­haben. Wie ist es ihnen gelungen, positiv zu bleiben? Und wie können sie heute­ wieder glücklich sein? Ein STRIVE-Dossier über Schicksalsschläge, radikale Akzeptanz und die Kraft einer positiven Haltung.

Heiter bis... Zuversichtlich
Was hilft, unsere wackelige Wirklichkeit zu ertragen? Bestimmt nicht, den Kopf in die dunkle Wolke zu stecken | ARTWORK: ISTOCK/NONNIE192

Ihr Leben, wie sie es bisher kannte, ist jetzt vorbei. Das weiß Juliane Sydow (44), Managerin und Mutter zweier kleiner Kinder, innerhalb von Minuten. Es ist der Juni vor fünf Jahren, als Einsatzkräfte ihr mitteilen, dass ihr Ehemann sich das Leben genommen hat. Niemand hatte etwas geahnt.

Eine Notfallseelsorgerin eilt herbei und sagt unverblümt: „Sie stehen an einem Scheide­ weg. Entweder fragen Sie sich bis in alle Ewigkeit nach dem Warum. Oder Sie akzeptieren, was passiert ist.“ „Ich habe mich für letzteren Weg entschieden, weil er für mich überlebensnotwendig ist“, sagt Juliane Sydow, General Director bei Axel Springer. Drei Monate pausiert sie im Job, erhält viel Unterstützung vom Arbeitgeber, vom Freundeskreis und von ihrer Familie.

Mikro-Engagement hilft Juliane Sydow, mit einer positiven Haltung durchs Leben zu gehen | FOTO: CORNELIA JESKE

DREI JAHRE SPÄTER stirbt ihre Mutter an einer Sepsis, von fit auf tot in fünf Tagen. „Innerhalb von drei Jahren sind Platz eins und zwei meiner Kurzwahlliste gestorben“, sagt Sydow. Wie schafft man es, da nicht bitter zu werden? Das wird sie seitdem immer wieder gefragt. „Einer der Gründe, warum ich hier noch stehe und ein fröhlicher Mensch bin, ist, dass ich radikale Akzeptanz als das Mittel der Wahl sehe. Wenn Du solche Schicksalsschläge nicht akzeptierst, dann lauern auf der anderen Seite die Fragen: Warum ich, warum er, warum mein Leben? Was wäre gewesen, wenn? Da wartet ein dunkles Loch, aber was will ich da?“, fragt Sydow. Radikale Akzeptanz. Vielleicht war es nie so wichtig wie heute, ohne Wenn und Aber zu akzeptieren, wie die Dinge stehen. Auch global betrachtet.

Leben in Zeiten der Polykrise
Denn wir leben heute in der komplexesten Zeit der Geschichte. Kriege und Konflikte, viele orchestriert von narzisstischen Männern, die in der Weltpolitik die Strippen ziehen. Haushaltsprobleme in der eigenen Regierung, der allgegenwärtige Klimawandel. Und jetzt kommt noch die KI aufs Tableau und bedroht sicher geglaubte Jobs. Wie da noch positiv bleiben? Expert:innen beobachten, dass die Menschen zunehmend in eine Problemtrance verfallen. Sie verfolgen nur noch schlechte Nachrichten, negative Gedanken bestimmen ihren Tag. Kein Wunder, dass viele das Gefühl beschleicht, dass ihnen alles entgleitet. Der Axa Health Report 2025 fand heraus, dass 54 Prozent der 18- bis 24-Jährigen angeben, psychisch erkrankt zu sein. Die Gen Z hat passend dazu die „Meditation Shower“ erfunden, die gerade bei Tiktok trendet: Man stellt sich unter die Dusche, schließt die Augen und stellt sich vor, dass alle Sorgen und Ängste weggespült werden. ABER AUCH DER nächstälteren Generation geht es nicht gut: Laut einer aktuellen Umfrage der Körber-Stiftunggaben 54 Prozent der Eltern von 12- bis 18-jährigen Kindern die weltpolitische Lage als eine der größten Belastungen im Alltag an. Und 37 Prozent der Frauen (über alle Altersgruppen hinweg!) leiden unter einer psychischen Erkrankung, wie auch der Axa Health Report veröffentlichte. Alles gerade nicht sonderlich positiv.

„ Einer der Gründe, warum ich hier noch stehe, ist, dass ich radikale Akzeptanz als das Mittel der Wahl sehe.“

Juliane Sydow

Hat in den letzten fünfeinhalb Jahren fast selbst die Hoffnung verloren: Pastor Julian Sengelmann | FOTO: THOMAS LEIDIG

Apokalypsen-Hopping
Wenn die Menschen mutlos werden, nicht mehr positiv denken, dann kriegt das der evangelische Pastor­Julian Sengelmann (43) aus Hamburg unmittelbar mit, nicht nur bei der Seelsorge. Was in den letzten fünfeinhalb Jahren gesamtgesellschaftlich passiert ist, nennt er Apokalypsen-Hopping. „Von Corona über Krieg in Europa, Energieknappheit und Inflation bis hin zu Angst um den Wohlstand in Deutschland. Wir sind von einer existenziellen Erschütterung in die nächste gestolpert. Eine Bearbeitung danach gab es nicht“, konstatiert Sengelmann. Alles griff indifferent und wenig trennscharf ineinander über. Dabei brauche der Mensch dringend den Moment der Reflexion. Zum Durchatmen sei der Sonntag schließlich gedacht gewesen.

Aber in Zeiten von entgrenzter Arbeit bleibt vielen Menschen nicht mal der als Pause. „Für diesen ständigen Erregungszustand, welche Hiobsbotschaft als Nächstes über den Ticker läuft, sind wir Menschen einfach nicht gemacht“, meint Sengelmann. Er selbst hätte in diesen letzten fünfeineinhalb Jahren fast die Hoff-nung verloren. In seiner Familie spielten sich mit zwei Suiziden, mehreren Schlaganfällen, zwei Herzinfarkten und dem Tod eines jungen Angehörigen viele Tragödien parallel ab. Also begab sich Julian Sengelmann auf die Suche, wie er Hoffnung üben kann, anstatt zu verzweifeln. Daraus wurde das Buch „Ankerpunkte“, das im Oktober erschien. Im Pandemiejahr 2020 wusste er nicht mehr, was er im Weihnachtsgottesdienst predigen sollte, so deprimiert saß seine Gemeinde in den Wochen zuvor vor ihm. Dann fiel ihm ein, was das Wort Evangelium bedeutet: frohe Botschaft, gute Nachricht.

Also recherchierte Sengelmann die 25 besten Nachrichten des Jahres, las sie im Weihnachtsgottesdienst vor und endete mit: Donald Trump wurde von Twitter gesperrt. „Die Leute sind ausgerastet, es gab minutenlang Standing Ovations“, erinnert sich Sengelmann und ergänzt: „Wenn wir bewusst auf die guten Dinge achten, denken wir automatisch zuversichtlicher.“ Er rät, dass wir einander mehr erzählen sollen, was heute toll war, anstatt sich ausführlich über die Widrigkeiten des Alltags zu beschweren. Und auch die Kinder bewusst danach fragen, was heute richtig gut lief. „Die Art, wie wir Fragen stellen, verändert, wie wir auf unser Leben gucken“, weiß der Pastor.

„Wenn wir bewusst auf die guten Dinge achten, denken wir automatisch zuversichtlicher.“

Julian Sengelmann

Tamara Schenk erlitt mit Anfang 30 einen schweren Schlaganfall. Zwei Jahre dauerte es, bis sie ohne ständige Betreuung ihren Alltag bewältigen konnte. Was bleibt? Die Dankbarkeit, dass ihr ein zweites Leben geschenkt wurde | FOTO: PRIVAT

Wem es schwerfalle, das Gute im eigenen Leben zu sehen, könne mit diesem kleinen Ritual positiven Gedanken auf die Sprünge helfen: „Man nehme ein leeres Einmachglas, setze sich jeden Sonntag um 12 Uhr an den Küchentisch und schreibe drei Dinge auf, die diese Woche schön waren“, rät Sengelmann. Wer sich an Silvester all diese Momente noch einmal durchliest, könne das vergangene Jahre gar nicht verteufeln.

Sengelmann beobachtet, dass wir aktuell in einer überoptimierten Produktionsgesellschaft leben. Aus Angst vor Kontrollverlust tracken gesunde Menschen ihre Schritte, ihren Schlaf, ihre Blutzuckerwerte. Da geht aber noch eine andere Angst um: „Die vor KI und damit einhergehend einem drohenden Jobverlust. Viele fragen sich, ob sie bei all dem noch mitgehen können“, sagt Sengelmann. Er rät, eine neue Perspektive auf die Angst zu finden: „Sie ist erst mal nur ein Gefühl, ohne das unsere Spezies gar nicht mehr existieren würde, denn sie macht uns vorsichtig.“ In den allermeisten Fällen werde man Probleme aber nicht lösen, indem man sich sorge. „Angst verhindert den Tod nicht, sie verhindert das Leben.“ Julian Sengelmann rät, unter Menschen zu gehen, anstatt Abend für Abend auf dem Handy zu scrollen. Die vorgegaukelte Gemeinschaft in digitalen Communitys hält er für schwierig. Auch weil der Mensch sich unweigerlich mit den geschönten Darstellungen vergleicht. Studien zeigen, dass wenige Minuten auf X genügen, um Traurigkeit, Wut oder Angst zu verstärken.

Die Welle der Angst nicht über sich ergehen lassen
An das Piepen in ihren Ohren ­hatte sich Tamara Schenk (35) längst gewöhnt. „Stress? Den haben alle anderen doch auch.“ Mit diesem Gedanken wischte sie ihre Symptome beiseite. Und führte ein Leben auf der Überholspur: wenig Schlaf, Junkfood, kein Sport. Ihr Credo: Im Zweifel immer machen, auch wenn sie müde oder krank ist. Man weiß ja nie, wen man an dem Abend oder bei der Veranstaltung trifft. 2017 gründet sie Koa, ein HR-Festival für Frauen, 2021 holt Schenk einen Partner dazu, gemeinsam wollen sie die Firma richtig groß machen. Dieser vielversprechende Neustart endet, als Tamara Schenk im Dezember 2021 bei einem Abendessen in Kapstadt jäh aus dem Berufsleben gerissen wird. Von einem schweren Schlaganfall. Eine Odyssee an Therapien beginnt, Schenk muss alles neu erlernen: reden, gehen, essen, die Hände bewegen. Knapp zwei Jahre braucht es, bis sie ohne ständige Betreuung sein kann. Bis heute ist sie beeinträchtigt, spürt ihre rechte Körperhälfte nicht, wird schnell müde und benötigt im Alltag Assistenz. Eine große Verbesserung kann sie nicht mehr erwarten. „Ich rege mich aber nicht die ganze Zeit darüber auf, sondern bin dankbar, dass ich überhaupt noch lebe“, sagt Tamara Schenk. Kurz nach ihrem Schlaganfall entschied sie: Ich kann jetzt traurig sein. Oder aber die Ärmel hochkrempeln und alles tun, was in meiner Macht steht, um wieder die Person zu werden, die ich kannte. „Natürlich war ich auch mal verzweifelt und habe geweint, aber der Kampfgeist war stärker. Wieso ich?

Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Selbstmitleid hat noch niemanden gesund gemacht. Man muss sich immer wieder fragen: Was kann ich konkret tun, damit es mir besser geht?“, meint Schenk. Wenn sie heute Freundinnen auf Instagram beim Ausgehen sieht, wäre Tamara Schenk schon gerne dabei. Sie sagt: „Meine Gesundheit muss ich aber an erste Stelle setzen. Ich habe ein Leben geführt. Jetzt habe ich ein zweites Leben geschenkt bekommen. Beide Leben sind schön, auch in ihrer Unterschiedlichkeit.“ Auf die aktuelle Weltlage bezogen findet Schenk, dass wir das große Ganze wenig beeinflussen können: „Was wir aber tun können, ist, jeden Tag die beste Version unserer selbst sein. Jeden Tag ein bisschen an sich arbeiten, etwas Neues lernen, eine kleine Stufe nehmen. Unaufhaltsam, anstatt diese große Welle an Angst über sich ergehen zu lassen und dann starr nichts zu tun.“ Wenn man es schafft, in diesen Modus zu wechseln, kann man auch wieder positiv denken, ist sich Tamara Schenk sicher.

„Geduld aufbringen zu können verändert alles. Ziele können nicht immer direkt erreicht werden, es braucht mitunter Monate, Jahre, Jahrzehnte.“

Ann-Katrin Berger

Die Fußballerin Ann-Katrin Berger bekam mit 27 Jahren die Diagnose Schilddrüsen- krebs. Ihre mentale Stärke kann sie auf dem Platz perfekt einsetzen, darum liebt sie den Teamsport

Für was lohnt es sich, weiterzumachen?
Ann-Katrin Berger
(35) hat nicht nur als Nationaltorhüterin des DFB -Teams der Damen im vergangenen Sommer bei der Fußball-Europameisterschaft in der Schweiz große mentale Stärke bewiesen. Mit 27 Jahren wird bei ihr Schilddrüsenkrebs diagnostiziert, wenige Wochen nach der Therapie steht sie wieder auf dem Fußballplatz. Doch der Krebs kommt zurück. „Ich habe versucht, mich an etwas festzuhalten, was für mich großen Wert hat: der Fußball, meine Familie, mein Leben generell. An schlechten Tagen habe ich mir das vor Augen gehalten“, sagt Ann-Katrin Berger. Man müsse etwas für sich finden, für das es sich lohnt, weiterzumachen. Und Geduld.

Zu Beginn ihrer Karriere standen alle Zeichen gegen sie. Berger startete als Stürmerin, wechselte mit 16 Jahren ins Tor und debütierte mit erst 30 Jahren in der A-Nationalmannschaft. „Geduld aufbringen zu können verändert alles. Ziele können nicht immer direkt erreicht werden, es braucht mitunter Monate, Jahre, Jahrzehnte“, weiß Ann-Katrin Berger. Und man müsse realistisch mit sich selbst sein. Deshalb liebt Berger den Teamsport so sehr: Es sind immer Menschen da, die einen in Relation setzen, die motivieren, mit denen man nach dem Spiel reflektieren kann. „Gerade wenn im eigenen Leben Probleme auftreten, ist eine gesunde Balance zwischen Hilfe geben und Hilfe annehmen ganz wichtig“, sagt sie. Wie Berger, die 2025 Fußballerin des Jahres geworden ist und gerade ihr Buch „Das Spiel meines Lebens“ veröffentlicht hat, in die Zukunft schaut? „Positiv. Ich achte sehr darauf, was gerade wirklich wichtig ist. Bei mir sind das die Gesundheit und die Menschen um mich herum.“

Was bei akuter Mutlosigkeit hilft: Mikro-Engagement
Die Witwe Juliane Sydow ist heute alleinerziehende Mutter und Führungskraft von 60 Mitarbeitenden. „Ich definiere mich nicht ausschließlich darüber, was mir passiert ist. Ich bin nicht nur die Frau, deren Mann gestorben ist. Ich bin auch berufstätig, ich bin Freundin, Chormitglied, Nachbarin. Ich sehe das große Ganze meines Lebens und versuche nicht, die Lupe nur auf dieses Schicksal zu halten“, sagt Sydow. Ihre Kinder sind heute neun und sechs Jahre alt. Damals, nach dem Suizid ihres Mannes, weinte sie jeden Morgen vor Erschöpfung, wenn sie ihre Kinder in der Kita abgegeben hatte. Anderthalb Jahre lang. „Da habe ich jeden verdammten Tag eine andere Freundin angerufen, die mir dann einen Pep Talk gegeben hat. Du kannst eben nicht fünf Mal die gleiche anrufen“, findet Sydow. Ihr Rezept für ein positives Mindset: ein gutes soziales Netz, das man eben auch ein Leben lang pflegen muss.

„In Beziehungen zu investieren lohnt sich genau dann, wenn man sie braucht. In Akutphasen können Freundinnen und Freunde ein paar Wochen lang dein Gehirn, deine Hände und dein Herz ersetzen.“ Was Juliane Sydow im Privaten erlebt hat, kann sie auch auf die aktuell schlechte gesellschaftliche Stimmung übertragen. „Seit der Corona­-Pandemie ist die Stimmung bei allen gedrückt. Es gab einfach ­ keine Verschnaufpause, die schlechten Nachrichten geben sich die Klinke in die Hand.“ Sydows Rat: Eruieren, bis wohin der persönliche Wirkungskreis geht. Und sich engagieren, wenn auch nur im ganz Kleinen. „Ich habe für mich beschlossen, dass ich an der Makro-Weltlage nichts ändere, ich kann Selenskyj mit Putin und Trump.nicht helfen. Ich kann aber Mikro-Engagement betreiben und etwas in meinem Stadtviertel bewirken“, sagt Sydow. Sie leitet den Förderverein der Schule ihrer Kinder und hat den Chor „Die grölenden Girls“ in Berlin gegründet. „Für mich ist das ein gutes Mittel, um mich nicht wie ein hilfloser, ausgelieferter, kleiner Mensch zu fühlen. In der Aktivität kann ich meine positiven Gedanken besser steuern als in der Passivität."

Die Menschheit braucht Krisen
Zeitsprung: Als ab dem Jahr 1347 etwa die Hälfte der Bevölkerung in Europa starb, dachte man, dies sei jetzt wirklich der Weltuntergang. Dabei war es die Pest, der Schwarze Tod. Diese verheerendste Pandemie brachte aber auch Erneuerung und Innovation auf den Weg.

Weil es jetzt weniger Arbeitskräfte gab, konnte über bessere Arbeitsbedingungen verhandelt werden. Frauen hatten auf einmal die Möglichkeit, in Berufen zu arbeiten, die vorher Männern vorbehalten waren. Medizin und Wissenschaft erlebten einen nie gekannten Aufschwung. Die Welt, das sehen wir an der Pest aus dem Mittelalter, war schon ein paar Mal aus den Fugen geraten. Die Menschheitsgeschichte zeigt uns aber auch, dass Krisen manchmal sein müssen, damit Neues entstehen kann. Man erinnere sich daran, dass es vor der Corona-Pandemie bei den allermeisten Unternehmen undenkbar war, dass Mitarbeitende von zu Hause aus auf Server zugreifen konnten. Auf einmal war es alternativlos. Diese Kraft haben nur Krisen. Nutzen wir diese. Und bleiben dabei heiter bis zuversichtlich.

„Menschen brauchen eine Unsicherheitstoleranz“

Judith Mangelsdorf

Judith Mangelsdorf (41) ist Psychologin und Professorin für Positive Psychologie an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport. Hier erklärt sie, wie wir in schweren Zeiten positiv bleiben.

Warum haben viele gerade das Gefühl, in einer sehr schlechten Zeit zu leben, Frau Mangelsdorf?
Weil unser Gehirn auf negative Nachrichten anspringt. Das haben wir von unseren Vorfahren: Wer die Geräusche eines sich annähernden Säbelzahntigers nicht ernst genommen hat, konnte seine Gene wahrscheinlich nicht weitergeben. Wir haben also einen Negativity-Bias, eine Wahrnehmungspräferenz für negative Informationen. Das schlägt sich in der Medienberichterstattung nieder, Nachrichten von Unglücken oder Verbrechen bringen eine höhere Zuschauer- und Leserschaft. In den sozialen Medien nimmt dieser Effekt noch mal Fahrt auf.

Ist die Welt derzeit also gar kein so
schlechter Ort?
Dass wir in einer sehr schwierigen Zeit leben, ist eine Wahrnehmung, die viele Menschen teilen. Aber Studien, Daten und Fakten zeigen, dass die Realität so eindeutig nicht ist. Die Forschung des Harvard Professors Steven Pinker hat gezeigt, wenn man sich die letzten Jahrhunderte anschaut, ist die Welt in vielerlei Hinsicht friedfertiger geworden, es sterben weniger Menschen durch die Hand eines anderen, es gibt weniger Kindersterblichkeit.

Aber darüber wird kaum berichtet.
Weil wir durch die negativen Nachrichten mit einer verzerrten Wirklichkeit konfrontiert sind. Auch die Taktung hat stark zugenommen, durch Social Media sind wir rund um die Uhr über die Unglücke auf der Welt informiert, die nicht in unserer eigenen Erfahrungswelt beheimatet sind. Das ist eine vollkommen andere Realität als die unserer Vorfahren.

Wie bleibt man da positiv?
Die Fähigkeit, im Hier und Jetzt präsent zu bleiben, ist entscheidend. Ängste beziehen sich fast immer auf die Zukunft. Trauer auf die Vergangenheit. In der Resilienzforschung gibt es das Grundsatzverständnis dass im Hier und Jetzt meistens alles in Ordnung ist. Durch das hohe Maß an Handy-Konsum haben wir aber die Fähigkeit verloren, wirklich mit voller Aufmerksamkeit bei dem zu bleiben, wobei wir gerade sind. Das führt zu einem höheren Stresspegel, die Menschen sind dadurch heute stärker belastet, selbst wenn die objektiven Belastungen im Leben der Einzelnen nur bedingt zugenommen haben.

Der neue WHO-Bericht sagt, dass
die Menschen immer einsamer sind.
Richtig, jede sechste Person erlebt Einsamkeit, sie ist das größte Gesundheitsrisiko. Die gesundheitlichen Folgen sind statistisch schlimmer als zu rauchen, keinen Sport zu treiben und sich ungesund zu ernähren zusammengenommen. Um positiv und psychisch gesund zu bleiben, stehen soziale Kontakte an erster Stelle. Wer mit anderen verbunden ist, erhält in Krisenzeiten Unterstützung. Und: Bewegung an der frischen Luft ist eines der stärksten Antidepressiva.

Was steht einem positiven Blick
aufs Leben im Weg?
Die Fähigkeit, Angst auszuhalten. Für viele Menschen wird sie zunehmend unerträglich. Daher auch der Longevity-Trend, bei dem viel kontrolliert wird, um die Unsicherheit zu überwinden. Alle haben Angst davor, alt zu werden. Anstatt sich dieser Angst zu stellen, wird sie weggedrückt. Menschen brauchen eine Unsicherheitstoleranz. Eine der großen Quellen von Unglück ist, dass wir krampfhaft versuchen, die Sachen, vor denen wir Angst haben, zu vermeiden.‘

Was ist zu tun, wenn man von
einer Nachricht getriggert wird?
Es ist wichtig zu wissen, dass eine Emotion wie Angst zwischen Sekunden und wenigen Minuten dauert. Fühlen Sie bewusst die Emotion und atmen Sie, aber lassen Sie das Denken los. Wenn sie diesen Raum bekommt, löst sie sich nach wenigen Minuten wieder auf. Wenn wir aufhören, die Gedanken zu denken,die die Angst vergrößern, aber bereit sind, sie zu fühlen, können sich Gefühle lösen.

Haben Sie ein Beispiel?
Was würde es bedeuten, wenn durch die Klimakrise hier Naturkatastrophen auftreten? Wenn Sie diesenGedanken weiter folgen, landen Sie in einer Abwärtsspirale. Klar müssen wir uns Gedanken über Klimaschutz machen. Aber wenn wir innerlich eskalieren, dann wird die Angst so groß, dass man in die Handlungsunfähigkeit rutscht. Aber wir müssen handlungsfähig bleiben, wenn wir uns für eine gute Entwicklung einsetzen wollen.

01 FREUNDSCHAFTEN ERHALTEN
Pflegen Sie die sozialen Kontakte in Ihrem Leben, denn Einsamkeit ist das größte psychische Gesundheitsrisiko.

02 TRIGGER-KONTROLLE
Machen Sie sich bewusst, wann Sie Nachrichten oder Social Media konsumieren und mit welcher Intention. Und prüfen Sie, ob es Ihnen nach einer halben Stunde scrollen besser oder schlechter geht.

03 VERGLEICHE HINTERFRAGEN
In den sozialen Medien werden unerreichbare Lebensziele gesetzt. Im Vergleich mit anderen kann man da nur verlieren. Versuchen Sie stattdessen, sich selbst als Bezugsgröße zu nehmen. Etwa, wie Sie vor zehn Jahren gelebt haben. Was hat sich positiv verändert? Nehmen Sie eine akzeptierende und empathische Haltung gegenüber sich selbst ein.

04 DANKBARKEIT
Das Gute im Leben mit einem Dankbarkeitstagebuch bewusst fest­ halten. Das ist eine kognitive Restrukturierungsmaßnahme, die versucht, dem Negativity-Bias entgegenzuwirken. Sie zwingt wahrzunehmen, was auch an Gutem da ist. So polt sie Ihr Gehirn auf positive Reize.

05 GEFÜHLE FÜHLEN
Angst oder Sorgen einen Moment lang aushalten, ohne die Gefühle größer zu machen. Überlegen Sie im nächsten Schritt, wie und wo Sie sich einsetzen können, um Dinge zum Positiven zu verändern.

06 MIKROZIELE SETZEN
Häufig erscheinen Ziele so groß, dass wir nicht in die Handlungsfähigkeit kommen. Deshalb: Die großen Ziele in kleine, handhabbare Ziele runterbrechen. Beispielsweise sich am Wochenende zu einer Baumpflanzaktion anmelden. Das sorgt für eine Aufwärtsspirale, wir werden immer wirksamer in der Welt.