STRIVE-Redaktion

Zeugen Jehovas-Aussteigerin: Wer bin ich, wenn mir niemand sagt, wer ich sein soll?

Bis sie 24 Jahre alt ist, gehört Mia Pejic der Zeugen Jehovas an. Sie erlebt Gewalt, wird systematisch kleingehalten und hat keine Chance auf hochwertige Bildung. Wie sie sich aus der Glaubensgemeinschaft befreien konnte und wie es dazu kam, dass sie heute Frauen hilft, selbstbewusst zu kommunizieren, erzählt sie im Interview.

Zeugen Jehovas-Aussteigerin: Wer bin ich, wenn mir niemand sagt, wer ich sein soll?

STRIVE: Du bist bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen. Wann hast Du gemerkt, dass Du dieses Leben so nicht mehr weiterführen kannst?

Mia Pejic: Es war kein einzelner Moment. Es war eher wie ein Pullover, der mit jedem Jahr ein Stück enger wird. Lange merkt man gar nicht, dass einem die Luft fehlt, weil man nie etwas anderes kennengelernt hat. Der Wendepunkt kam, als ich anfing, mir Fragen zu stellen, die niemand beantworten durfte.

Was waren das für Fragen?

Pejic:
Warum darf ich bestimmte Dinge nicht hinterfragen? Warum werde ich nur geliebt, wenn ich alles richtig mache? Ich habe irgendwann verstanden, dass es hier nicht um Glauben geht, sondern um Anpassung. In diesem Moment wusste ich: Ich würde mein ganzes bisheriges Leben verlieren, wenn ich gehe – aber mich selbst verlieren, wenn ich bleibe.

Tatsächlich hast Du damals von einem Tag auf den anderen Dein soziales Umfeld verloren. Was war das Schwierigste bei Deinem privaten und beruflichen Neuanfang?

Pejic:
Viele denken, das Schwierigste sei die Einsamkeit gewesen. Für mich war es etwas anderes. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn Menschen, die Dich Dein ganzes Leben geliebt haben, plötzlich an Dir vorbeilaufen, als würden sie Dich nicht kennen. Du hast nichts falsch gemacht, nur glaubst du nicht mehr an dasselbe wie sie. Das Schwerste war, herauszufinden, wer ich eigentlich bin, wenn plötzlich niemand mehr übrig ist, der mir sagt, wer ich sein soll. Mir wurde nicht beigebracht, sichtbar zu werden oder groß zu träumen. Und plötzlich fange ich an, Videos aufzunehmen, meine Meinung zu sagen, ein Unternehmen zu gründen. Rückblickend war das kein beruflicher Neuanfang. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich überhaupt herausfinden durfte, wer Mia eigentlich ist.

Inwiefern prägt Dich die Glaubensgemeinschaft bis heute?

Pejic:
Mehr, als viele Menschen wahrscheinlich vermuten würden. Wer in einem geschlossenen System aufwächst, nimmt bestimmte Denkweisen lange mit. Fast wie eine zweite Sprache. Ich musste erst lernen, dass Zweifel keine Sünde sind. Dass ich Menschen enttäuschen darf, ohne Angst haben zu müssen, dafür Liebe zu verlieren. Bis heute merke ich manchmal, wie alte Programme auftauchen. Dass ich erst lernen musste, dass ein Geburtstag keine Rebellion ist. Der Unterschied ist heute: Ich erkenne diese Stimmen. Früher habe ich geglaubt, sie wären meine eigene Wahrheit. Heute weiß ich, dass es gelernte Muster sind und genau deshalb können sie verändert werden.

„Es ist ein seltsames Gefühl, wenn Menschen, die Dich Dein ganzes Leben geliebt haben, plötzlich an Dir vorbeilaufen, als würden sie Dich nicht kennen. Du hast nichts falsch gemacht, nur glaubst du nicht mehr an dasselbe wie sie. Das Schwerste war, herauszufinden, wer ich eigentlich bin, wenn plötzlich niemand mehr übrig ist, der mir sagt, wer ich sein soll.“

Mia Pejic

Inzwischen unterstützt Du Frauen dabei, selbstbewusster zu kommunizieren. Wie kam es dazu?

Pejic:
Ich glaube, wir geben oft genau das weiter, wonach wir selbst unser ganzes Leben gesucht haben. Bei mir war das eine Stimme – nicht im wörtlichen Sinn, sondern die Erlaubnis, sie überhaupt zu benutzen. Als ich anfing, Videos aufzunehmen, hatte ich keine Angst vor der Kamera. Ich hatte Angst davor, sichtbar zu werden. Denn wenn Du gelernt hast, dass Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft ist, fühlt sich Ablehnung nicht wie Kritik an. Sie fühlt sich wie Lebensgefahr an. Es gibt Momente, die werde ich nie vergessen. Wenn eine Frau nach Jahren zum ersten Mal laut ausspricht, was sie wirklich denkt. Wenn sie sagt: Ich habe heute zum ersten Mal das Gefühl, dass ich mich nicht mehr verstecken muss. Denn manchmal führt uns das größte Schweigen unseres Lebens genau zu der Stimme, mit der wir später andere Menschen befreien.

Was sind die häufigsten Blockaden, die Frauen hindern, selbstbewusst ihre beruflichen Ziele zu verfolgen?

Pejic:
Ich glaube nicht, dass Frauen zu wenig Selbstbewusstsein haben. Ich glaube, dass viele von klein auf gelernt haben, ihr Leben durch die Augen anderer zu betrachten. Irgendwann wird diese innere Prüfung so selbstverständlich, dass sie kaum noch merken, wie viel Energie sie jeden Tag kostet. Genau darin liegt die eigentliche Tragik: Während wir versuchen, niemanden zu enttäuschen, enttäuschen wir uns selbst, jeden Tag ein kleines Stück mehr. Ich erlebe immer wieder Frauen, die außergewöhnlich talentiert sind und trotzdem glauben, sie müssten erst noch warten, bevor sie sichtbar werden dürfen. Niemand hat ihnen beigebracht, dass sie anfangen können und auf dem Weg lernen.

Was hilft gegen die Angst, zu viel zu sein oder nicht gemocht zu werden?

Pejic:
Die meisten Menschen missverstehen Positionierung. Sie glauben, es bedeute, den perfekten Satz zu finden. In Wirklichkeit beginnt Positionierung in dem Moment, in dem ein Mensch bereit ist, sichtbar zu machen, wofür er wirklich steht. Eine starke Marke entsteht nie dadurch, dass möglichst viele sagen: Mit der habe ich kein Problem. Sie entsteht dadurch, dass die richtigen Menschen das Gefühl haben: Genau das habe ich mein ganzes Leben gesucht. Klarheit ist wichtiger als Beliebtheit. Frauen schwächen ihre Persönlichkeit aus Angst vor Ablehnung und verlieren genau dadurch ihre stärkste Anziehungskraft.

Welche Glaubenssätze hast Du selbst lange mit Dir getragen? Und wie hast Du sie abgelegt?

Pejic:
Stell Dir vor, Du bist sechs Jahre alt und glaubst, dass die Welt jederzeit enden könnte. Für die meisten klingt das wie ein Hollywoodfilm. Für mich ist das meine Kindheit. Viele Jahre später sitze ich vor einem Businessplan und möchte eine Entscheidung treffen. Doch statt nach der besten Lösung zu suchen, wandert mein Blick nach oben. Wer sagt mir jetzt, was richtig ist? Und da wird mir etwas bewusst: Ich suche nicht nach einer Antwort. Ich suche nach Erlaubnis. Ich glaube, viele denken, man verlässt eine Sekte, indem man die Tür hinter sich schließt. Für mich beginnt der eigentliche Ausstieg erst Jahre später. Jedes Mal, wenn ich eine Entscheidung treffe, ohne auf Erlaubnis zu warten. Freiheit fühlt sich für mich an wie der Moment, in dem die eigene Stimme zum ersten Mal lauter wird als die Stimmen der Vergangenheit.

Was rätst Du als ersten realistischen Schritt, wenn man das Gefühl hat, im falschen System festzustecken?

Pejic:
Ich würde mir eine einzige Frage stellen: Wenn heute niemand enttäuscht wäre, niemand wütend werden würde und niemand mich dafür verurteilen könnte: Würde ich mein Leben genauso weiterleben wollen? Diese Frage verändert alles. Du musst danach nicht sofort alles verändern. Aber fang an, Deine Welt größer zu machen. Lies Bücher, die Du bisher nicht gelesen hättest. Höre Menschen zu, vor denen man Dich gewarnt hat. Jedes geschlossene System lebt davon, dass Du glaubst, es gäbe nur eine einzige Wahrheit. Der gefährlichste Käfig ist nicht der, dessen Tür verschlossen ist. Der gefährlichste Käfig ist der, bei dem Du irgendwann aufhörst zu merken, dass er die ganze Zeit offen stand.

Portrait

Mia Pejic

Gründerin und Zeugen-Jehovas-Aussteigerin

Mia Pejic ist Content Creatorin, Kommunikationsexpertin und Gründerin von MyMiaPage. Mit ihren Programmen und Trainings begleitet sie Frauen dabei, ihre Stimme zu finden und sichtbar zu werden. 2023 erschien ihr Buch „Anstatt zu sagen – Dein Guide für gelungene Kommunikation“ im mvg-Verlag. Sie ist im Umfeld der Zeugen Jehovas aufgewachsen und mit 24 Jahren ausgestiegen. Heute erzählt sie ihre Geschichte offen auf Social Media und gibt ihre Erfahrungen weiter.