Julius Bachmann

vor 4 Tagen

11 Min. Lesedauer

Wie teilt man den Mental Load in der Partnerschaft?

Beziehungen sind nicht gerecht. Sie sind ein Geben und Nehmen. Das musste unser Autor Julius Bachmann auch erst lernen. Mit uns teilt er seine drei größten Learnings, um wirklich gleichberechtigt in einer Beziehung zu leben.

Wie teilt man den Mental Load in der Partnerschaft?
Foto: Luise Blumstengel

Stelle Dir eine Partnerschaft vor, in der die Arbeit nie endet. Beide haben zu viel zu tun. Die Rollen sind nicht ganz klar. Der Arbeitsumfang ändert sich ständig. Jede Woche bringt neue Herausforderungen, die nicht in den Rollenbeschreibungen stehen — sofern diese jemals niedergeschrieben wurden. Beide Partner sind emotional stark investiert; Scheitern ist keine Option.  

Spreche ich von Co-Foundern oder von Co-Eltern?

In den letzten Jahren habe ich viele Firmen-Duos begleitet und war erstaunt zu realisieren, wie sehr sich die Dynamik in ihren beruflichen Beziehungen derjenigen von Paaren im Privaten ähnelt. Besonders am Konzept des „Mental Load“ kann man eine deutliche Parallele erkennen. 

 

„Mental Load“ beschreibt die unsichtbare Arbeit, die im Kopf stattfindet: Planen, Organisieren, Sorgen. Es geht darum, an alles zu denken, was im Alltag erledigt werden muss. Oft muss diese Last eine Person allein tragen. 

 

Während sich die Diskussion über Mental Load in Partnerschaften häufig auf unsere Produktivität fokussiert, geht es doch um weit mehr als nur um To-Do-Listen. Es geht um das Gefühl, nicht allein zu sein. Die Verantwortung nicht nur auf den eigenen Schultern zu spüren, sondern jemanden an der Seite zu haben, der oder die mitdenkt. Sich auch den Kopf zerbricht. Geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid.

 

Mental Load ist oft das Resultat einer unbewussten Machtungleichheit in Beziehungen. Ein Partner (traditionell der Mann) wartet ein Stückchen länger, bevor er oder sie aktiv die Verantwortung für ein Problem übernimmt. Selbst in modernen, gleichberechtigten Familien spielen auf diese Art oft noch traditionelle Rollenmuster eine Rolle, ob wir wollen oder nicht. Wir wurden so sozialisiert. Auch ich musste bei mir selbst einige dieser unbewussten patriarchalen Vorurteile und Verhaltensweisen erkennen – eine überraschende und schockierende Erkenntnis. 

Wie also können wir es in unseren Partnerschaften, sei es zuhause oder bei der Arbeit, besser machen? 

1. Aggressive Care:

"Aggressive Care" bedeutet kleine, aber energische Gesten der Liebe. Diese Gesten zeigen ohne große Worte: "Du und Dein Wohlergehen sind mir wichtig." Dabei ist es unwichtig, wie groß diese Gesten sind. Eine kleine Dankesnotiz oder der Partnerin eine Stunde Zeit für ein bisschen Sport schaffen sind im Alltag wichtiger als ein Wochenende im Spa Hotel. Beziehungen gedeihen, wenn beide Partner darauf vertrauen können, dass ihr Wohlergehen im Mittelpunkt steht und sich das Geben und Nehmen langfristig ausgleicht. 


2. Der Wochen-Check-In:

Diese Routine ermöglicht es, gemeinsam Prioritäten zu setzen und die kommende Woche zu planen. Dabei werden Termine koordiniert und Ziele abgesteckt. So können beide Partner schon im Vornherein Engstellen erkennen und entzerren: Mittwochs Meetings bis 18 Uhr, Kinder nachmittags noch beim Musikunterricht und die Einladung mit Freunden abends? Das wird nicht klappen - muss dieses letzte Meeting wirklich sein? Am Donnerstag und Freitag keine Kita? Wer übernimmt welchen Tag? Mit ausreichend Vorlauf können solche Situationen entschärft werden. Denn im Stress des Alltags würde die Beziehung sonst wieder in ihre „alten Muster“ verfallen.   

 

| Foto: Luise Blumstengel


3. Der 50/50 Check-In:

Partnerschaften sind ein ständiges Geben und Nehmen, aber nie kurzfristig ausgeglichen. Um in die Balance zu kommen, benötigt jede Partnerschaft ein Barometer: wie viel Kapazität habe ich heute, in die Verantwortung zu gehen? Der tägliche Check-In hilft dabei, die Energielevel zu überprüfen und die gemeinsamen Aufgaben entsprechend (neu) zu verteilen. Dabei geht es nicht darum, immer genau die Hälfte der Arbeit zu übernehmen, sondern darum, jeden Tag aufs Neue gemeinsam zu entscheiden, wie die Aufgaben am besten bewältigt werden können. 

 

4. Eine Warnung:

Ein großer Teil der Dynamik, die zu Mental Load führt, ist unterbewusst. Im Klartext: es gibt immer noch eine Machtungleichheit, die wir aus den Generationen vor uns mitbringen. Sie hat sich über Jahrzehnte in Beziehungen eingeschlichen — bei Männern wie Frauen — und führt selbst Partner mit den besten Absichten in teils ungewöhnliche Situationen. 

 

Ein Beispiel:

Ein Vater verzieht sich nach dem Abendessen in’s Home Office, um doch nochmal ein paar Emails zu checken. Wenn die Waschmaschine piept, öffnet er zwar die Tür, räumt die Wäsche dann aber nicht auf. Unterbewusst nimmt er an, das würde die Frau übernehmen. Die jongliert allerdings gerade zwei Kinder auf dem Weg in’s Bett.

 

Erkennst Du Dich oder Deinen Mann in der Situation wieder? Das ist gar nicht schlimm, solange beide dran arbeiten wollen.

  

 

Männer (wie ich) dürfen sich im Paar-Kontext gern mal an die eigene Nase fassen. Denn darauf zu warten, dass ein Partner oder eine Partnerin Hilfe einfordert, ist ein Eingeständnis, dass wir selbst nicht in die Initiative gehen. Wir bleiben lieber zurückgelehnt und arbeiten nur nach Aufforderung.

 

Beziehungen sind also von Natur aus nicht gerecht und unser Mental Load ist ein Symptom dafür, dass das Machtverhältnis einer Partnerschaft - meist unbewusst - nicht ausgeglichen ist. Doch wo ein Wille, auch ein Weg. Denn wir tragen alle die Verantwortung dafür, unsere Partnerschaften zu gleichberechtigten Beziehungen zu machen – ob zuhause oder am Arbeitsplatz.

 

 

Über den Autor:

Julius Bachmann ist leidenschaftlicher Unternehmer, Musiker und Executive Coach. Julius hat sich zur Mission gemacht, das Unternehmertum menschlicher zu gestalten. Mit seiner Erfahrung als ehemaliger Investor, Gründer und CFO hilft er Unternehmer/innen in ganz Europa dabei, komplexe Herausforderungen in Leben und Business zu meistern. Als Musiker und Speaker ist er zu Themen rund um Kreativität und Unternehmertum gefragt. Julius schreibt den Newsletter Chaos & Clarity und veröffentlicht in 2024 das Album "Hope". Er lebt mit seiner Frau, zwei Kindern und neun Gitarren in Berlin.

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