Marina Zayats

vor 11 Tagen

8 Min. Lesedauer

Wie mich Krebs Dankbarkeit lehrte

Gastbeitrag I Marina Zayats ist Beraterin für CEO Branding und Co-Geschäftsführerin der Beratung "Schaffensgeist". 2020 erkrankte sie an Krebs – und erfuhr dies kurz nach ihrem 30. Geburtstag. Die Erfahrungen, die sie durch die Erkrankung machte, veränderten einige ihrer Perspektiven. Welche das sind und was wir alle daraus mitnehmen können, teilt sie in ihrem Gastbeitrag.

Wie mich Krebs Dankbarkeit lehrte
Wie mich Krebs Dankbarkeit lehrte

"Ihre Chancen stehen gut. Unser Ziel ist Heilung, aber versprechen kann ich nichts", sagte die Ärztin – April 2020. Ich habe gerade meinen 30. Geburtstag gefeiert, als sich meine Welt innerhalb weniger Wochen gleich zweimal radikal verändert: Erst der Lockdown – dann die Diagnose Krebs.

Eine Diagnose, die ich nicht so recht glauben konnte. Geschweige denn, dass die Krankheit schon weit fortgeschritten war. Damit begann der Start in ein neues "Projekt", das ich mir nicht freiwillig ausgesucht hatte. Obwohl ich sonst wie viele andere enttäuscht gewesen wäre über fehlende Reisen, Kundentreffen und Events, war der Lockdown eine sehr willkommene Erleichterung. Denn so konnte ich mich verstecken! Die Beraterin, die sonst ihren Kunden "Mut zur Sichtbarkeit" lehrte, wollte unsichtbar sein. Eine Ironie des Schicksals. Dementsprechend erzählte ich nur wenigen Menschen von der Diagnose, denn "Krebspatientin" passte so gar nicht in mein Selbstbild. Es fühlte sich an wie ein "Scheitern". Obwohl ich rational wusste, dass ich nichts dafür kann.

Komplett verstecken konnte und wollte ich mich jedoch nicht. Die Arbeit war neben meinem Freund, Familie und Freunden mein Anker. Ein Stück Normalität neben den Chemotherapien, Untersuchungen und der ewigen Warterei im Krankenhaus auf Ergebnisse. Die Erfahrungen, die ich während der nächsten Monate machte, veränderten einige meiner Perspektiven. Perspektiven, die heute treue Begleiter in meinem Leben sind und mich zufriedener machen. Ich möchte diese Erkenntnisse nun zum ersten Mal öffentlich teilen, weil man nicht erst Krebs oder einen anderen Schicksalsschlag erleben muss, um sie für sich zu nutzen.

Der Fokus auf Dankbarkeit verdrängte nach und nach sinnlose Fragen, auf die es eh keine Antworten gab, wie z.B.: "Warum ich"? Später musste ich lächeln, wenn die Frage doch aufkam und dachte mir: "Warum denn nicht ich?"

Perspektive 1: Du kannst nicht frustriert und dankbar zur gleichen Zeit sein!

Als ich die Diagnose bekam, hatte ich Angst, dass ich viele Dinge, die mir Freude machen, nicht mehr machen könnte. Also fing ich an, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen und Erlebnisse und Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin. Seien es Spaziergänge mit Freunden, leckere Mittagessen von meiner Mutter oder kleine Ausflüge, die mein Freund organisierte. Schnell merkte ich, dass es viel mehr Dinge gab, die ich nach wie vor machen konnte, als ich anfangs dachte. Je mehr ich schrieb, umso mehr merkte ich, wie mein Frust und mein Selbstmitleid schwand. Der Fokus auf Dankbarkeit verdrängte nach und nach sinnlose Fragen, auf die es eh keine Antworten gab, wie z.B.: "Warum ich"? Später musste ich lächeln, wenn die Frage doch aufkam und dachte mir: "Warum denn nicht ich?"

Perspektive 2: Lerne mit, statt gegen dein Energielevel zu arbeiten

Jede dritte Woche saß ich für vier Tage die Woche in der Tagesklinik zur "Cocktailparty". So taufte ich die Chemotherapie, denn ich weigerte mich dieses Wort in meinen Kalender einzutragen. Das Wort klang zu bedrohlich und die bunten Flüssigkeiten, die über Stunden langsam in mein Blutsystem flossen, haben diesen Namen irgendwie verdient. Meinen "Co-Patienten", die im gleichen Raum saßen, gefiel die Idee auch, dass wir uns regelmäßig zu "Cocktails" trafen.

In der Woche der Therapie konnte ich arbeiten und hatte Energie. Die darauf folgende Woche war wiederum anstrengend. Ich war zu Hause und hatte kaum Energie. Anfangs wusste ich das noch nicht und bin nach einem zweistündigen Online-Workshop fast vom Stuhl gerutscht, weil ich so erschöpft war. Die dritte Woche ging es dann wieder bergauf und ich konnte sogar Sport machen. Danach wiederholte sich das Spiel.

Unser Körper leistet so unfassbar viel für uns. Das habe ich während der Krankheit zum ersten Mal richtig begriffen. Auch wenn wir gesund sind, haben wir ein schwankendes Energielevel. Anstatt dagegen anzukämpfen, können wir lernen, es besser zu verstehen und zu nutzen. Es gibt mittlerweile so viele Möglichkeiten seinen Schlaf, seinen Blutzucker und Hormonhaushalt zu tracken und somit den Körper besser kennenzulernen. Wenn die Energie mal fehlt, gebe ich meinem Körper eine Auszeit und nutze meine Leistungspeaks umso mehr - weil ich viel dankbarer für sie bin und weiß: Auch das ändert sich wieder.

"There is no such thing as a 'self-made man'. We are made up of thousands of others."

Perspektive 3: "There is no such thing as a self-made man"

Folgendes Zitat mochte ich schon immer. Aber während der Krankheit bekam es eine völlig neue Dimension:

“There is no such thing as a 'self-made man'. We are made up of thousands of others. Everyone who has ever done a kind deed for us, or spoken one word of encouragement to us, has entered into the makeup of our character and of our thoughts, as well as our success.”

― George Matthew Adams

Kurz vor dem Start der Cocktail-Parties musste ich insbesondere Kunden informieren, mit denen ich jede Woche zusammenarbeitete. Es hätte sein können, dass ich mehrere Wochen gar nicht arbeitsfähig bin. Insbesondere die Reaktion eines langjährigen Kunden bewegte mich sehr. "Wir werden nichts pausieren. Zur Not arbeite ich mehr, um einen Teil deiner Aufgaben zu übernehmen. Hauptsache, du wirst gesund und bleibst uns lange erhalten."

Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin nicht angestellt, sondern selbständige Unternehmerin. Natürlich baue ich mit vielen Kunden über die Zeit eine tolle, manchmal sogar freundschaftliche Beziehung auf. Aber am Ende ist der Deal: Leistung gegen Honorar. Diese Geste verdeutlichte mir, wie sehr wir dankbar sein können für die Unterstützung, die wir auf unserem Weg erhalten. Seien es große Gesten, oder auch einfach ermutigende Worte.

Wunderkinder gibt es nicht - jeder hat ein Support-Netzwerk. Kenne deins und zeige den Menschen deine Wertschätzung! Und vor allem: Gib selbst diesen Support, wo du kannst! Um mich jeden Tag daran zu erinnern, schaue ich mir morgens nicht nur meine To-do-Liste an, sondern frage mich auch: Wem kann ich heute helfen oder Wertschätzung zeigen? Am Anfang meiner Krankheit verfiel ich schnell in eine Opferhaltung. In dem Moment, wo ich wieder anfing mehr für andere zu tun, verschwand das Gefühl der Hilflosigkeit!

Indem wir selbst Dankbarkeit trainieren und diese Dankbarkeit auch anderen zeigen, können wir manchmal einen viel größeren Wert im Leben von jemandem stiften, als wir manchmal denken!

Fazit:

Mittlerweile bin ich seit drei Jahren krebsfrei. Alleine das, ist schon ein großer Grund für Dankbarkeit. Älter werden ist ein Privileg! Auf die Erfahrung der Krankheit hätte ich gut und gerne verzichten können. Allerdings waren die Perspektiven, die sie mit sich brachte, sehr lehrreich. Ich bin sicher, sie dienen als gutes Training für weitere schwere Momente im Leben - und helfen mir, die schönen Momente noch mehr zu genießen! Heißt es, dass ich heute immer ausgeglichen und fröhlich bin? Natürlich nicht! Wir vergessen schnell und regen uns über Belangloses auf.

Deswegen ist es mir so wichtig, mit Werkzeugen wie einem Dankbarkeitstagebuch oder der täglichen Frage: "Wem kann ich heute helfen?" den Fokus stärker auf das Positive und wirklich Relevante in meinem Leben zu richten. Jeder kämpft einen Kampf, von dem Du nichts weißt. Niemand segelt immer unbeschwert durchs Leben. Und wenn doch, dann hat derjenige einfach noch nicht lange genug gelebt. Indem wir selbst Dankbarkeit trainieren und diese Dankbarkeit auch anderen zeigen, können wir manchmal einen viel größeren Wert im Leben von jemandem stiften, als wir manchmal denken!

Über die Autorin: Marina Zayats ist seit 2015 Beraterin für CEO Branding und Co-Geschäftsführerin der Beratung “Schaffensgeist - Beratung für digitale Souveränität”. Sie ist Autorin des Buches „Digital Personal Branding. Über den Mut, sichtbar zu sein.“ Sie hat bisher über 80 Vorstände befähigt, ihre Personal-Brand aufzubauen und sichtbar zu machen. Zudem begleitet sie mittelständische Unternehmen und Konzerne bei längerfristigen Change-Prozessen hin zur digitalen Souveränität. Ihr Wissen hat sie bisher in über 700 Workshops und Keynotes auf Konferenzen, in Podcasts und bei Firmenevents geteilt.

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