Auch Gina Rühl fragte sich nach ihrem Unfall wieder und wieder: Warum ausgerechnet ich? Irgendwann aber machte es Klick und sie erkannte: „Alles passiert aus irgendeinem Grund. Dieser Gedanke ist beruhigend. Heute habe ich vor nichts mehr Angst“, sagt Rühl. „Eine Krise als Chance zu sehen klingt zwar furchtbar abgedroschen, tatsächlich ist aber etwas dran“, sagt Stefanie Stahl. „Vielleicht gibt es in der Situation irgendwo einen Punkt, an dem man anpacken und den eigenen Handlungsspielraum zurückgewinnen kann“, sagt die Psychologin.
DEN NEUANFANG gemeinsam mit anderen zu gestalten und nicht mit sich allein auszumachen, das ist der vierte Schritt zurück ins Leben. Wer in den Selbsthilfegruppen von Kliniken, Kommunen oder Wohlfahrtsverbänden nicht fündig wird oder wen der Austausch sogar emotional herunterzieht – das ist laut Stahl manchmal bei schweren Krankheiten der Fall –, die oder der findet heute Leidensgenoss:innen im Internet. Trosthelden.de etwa vermittelt passende Trauerfreundschaften für mehr Austausch und Verständnis. Gina Rühl hatte lange nach jemandem mit einem ähnlich speziellen Amputationsfall gesucht, aber ohne Erfolg. Also fing sie an, ihre Geschichte auf Instagram zu erzählen.
Auch Julia Panknin machte sich Social Media zunutze. „Aus einem Impuls heraus habe ich einen Linkedin-Post über meine Situation geschrieben und damit in ein Wespennest gestochen“, erzählt Panknin. Hunderte Frauen reagierten und berichteten von ihren Erfahrungen. „Wir hatten offensichtlich alle ein großes Bedürfnis, endlich offen über das Thema Burnout bei Müttern zu sprechen.“ Panknin, die da bereits entschieden hatte, nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren, gründete die Plattform Mamibrennt.com, auf der sich berufstätige Mütter nun austauschen und Webinare zu Themen wie Stress und Burnout-Prävention buchen können.
AM ENDE FAND Gina Rühl zwar auch auf Social Media niemanden mit einer ähnlichen Amputation wie ihrer. „Aber ich habe gemerkt, dass es mir guttut, über mein Leben und die Alltagsprobleme zu sprechen“, sagt sie. „Gleichzeitig sehe ich durch die vielen positiven Nachrichten, dass mein Content anderen hilft, sich nicht allein zu fühlen.“ Auf ihrem Kanal teilt sie jetzt, wie ihr künstlicher Arm funktioniert, wie sie einarmig Schuhe bindet, Flaschen öffnet oder Hatern mit ihrer Prothese den Stinkefinger zeigt. Mittlerweile hat die 26-Jährige mehr als 750.000 Follower und lebt von ihren Einkünften als Influencerin. Gina Rühl ist sich sicher: „Ohne meinen Unfall wäre das wahrscheinlich alles nicht passiert.“