Marie Welling

Im Krisenmodus

Ein schwerer Unfall, eine lebensgefährliche Krankheit, der Tod des Partners oder der Partnerin: Schicksalsschläge können das Leben komplett auf den Kopf stellen. Wer so etwas erlebt, fällt oft in ein tiefes emotionales Loch. Doch Menschen können sich aus existenziellen Krisen herauskämpfen und dabei sogar ungeahnte Chancen entdecken.

Im Krisenmodus
Gina Rühl hat sich lange gefragt: Warum ausgerechnet ich? Dann hat sie erkannt, dass jede Krise ihren Sinn hat | Foto: Privat

Manchmal sind es nur Sekunden, doch sie verändern alles. Eben noch war Gina Rühl (heute 26) hinter ihren damaligen Freund auf dessen Motorrad gestiegen; die beiden wollten gemeinsam eine Runde drehen, an diesem Sonntag im September 2019, so wie immer. Und dann, in einer Linkskurve, rutscht plötzlich das Motorrad weg, Rühl wird vom Sitz gerissen, prallt gegen einen Baum. Sie hört noch die Geräusche des Helikopters, der sie ins Krankenhaus fliegt, dann wird es schwarz um sie herum.

Nach einer zehnstündigen Notoperation und zwei Tagen im Koma wacht Gina Rühl auf der Intensivstation wieder auf. Ihr Becken und ein Unterschenkel sind zertrümmert. Ihr linker Arm ist noch dran, aber innerlich abgerissen. Als ihre Hand nach und nach abstirbt, wird klar: Der Arm muss amputiert werden, sonst droht eine tödliche Blutvergiftung.

Rühl ist gerade einmal 20 Jahre alt, als die Ärzt:innen ihr das sagen. Als sie nach drei Monaten im Krankenhaus nach Hause kommt, ist sie überfordert. Alltägliche Dinge sind einarmig unglaublich herausfordernd: wie sich die Hose zuzumachen. Außerdem hat Rühl Angst: dass sie mit ihrem Armstumpf nicht mehr schön genug sein könnte. Dass sie ihren Freund für immer an den Unfall erinnern wird. Oder dass es die Menschen um sie herum überfordert, sie mit nur einem Arm zu sehen.

Die Psychologin Stefanie Stahl wurde durch ihr Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ bekannt. Sie ist sich sicher, dass Krisen tatsächlich Chancen sein können | Foto: Susanne Wysocki

OB SCHWERE UNFÄLLE wie der von Gina Rühl, eine Krebsdiagnose oder der Tod des Partners oder der Partnerin: Einschneidende, existenzielle Krisen lassen viele Menschen in ein tiefes Loch stürzen. Wie schön wäre es da, wenn es einen großen, roten Reset-Knopf für den eigenen Kopf gäbe. Einfach drücken und schon wird aus Verzweiflung Lebensmut, aus Verzagtheit Optimismus, wird einfach alles wieder gut.

Ganz so einfach funktioniert das leider nicht, sagt die Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl (62). „Bei Schicksalsschlägen geht es darum, wie man den Rest des eigenen Lebens von da an gestalten kann“, stellt Stefanie Stahl klar. „Man beginnt nach einer schweren Krise nicht bei null, sondern muss versuchen, die negative Erfahrung und die damit verbundenen Gefühle dauerhaft ins eigene Leben zu integrieren“, sagt die Expertin. Kein einmaliger Reset also, eher eine Rückkehr ins Leben mit neuem Gepäck. Aber auch die braucht einen Startpunkt.

DIE ERSTE BLOCKADE, die Betroffene zu überwinden haben: Sie müssen die Situation akzeptieren; und das ist so viel leichter gesagt als getan. Zu sehen, wie ihre Hand langsam dabei war abzusterben, hat Gina Rühl paradoxerweise dabei geholfen, mit der Situation besser umzugehen. „Da war für mich schnell klar: Der Arm muss ab“, sagt sie nüchtern. „Das war zwar schlimm zu sehen, im Nachhinein bin ich darüber aber sehr froh.

Für meinen Kopf war es gut zu wissen: Hier gibt’s nichts mehr zu retten.“ Zurück im Alltag war es schwieriger. Das ließ erst nach, als sie ein Jahr nach ihrem Unfall ihre Armprothese bekam. Die habe ihr neues Selbstbewusstsein gegeben, sagt Rühl. „Da habe ich verstanden, dass sich am Ende des Tages nichts an meinem Charakter ändert und es egal ist, ob ich einen Arm weniger habe oder nicht.“

„Der Burnout hat mir die Möglichkeit gegeben, endlich zu entscheiden, wie ich leben möchte."

Julia Panknin

Julia Panknin engagiert sich im Bereich Parental-Burnout-Prävention, nachdem sie selbst erkrankt war | Foto: Esther Michel

DIE ZWEITE BLOCKADE sind Schuldgefühle. Man denkt, man sei an der Situation schuld, auch wenn das häufig gar nicht stimmt. „Das ist für viele Betroffene sehr schlimm und kann zermürben“, sagt Psychologin Stahl. In manchen Fällen empfinden die Betroffenen auch Scham, so wie bei Julia Panknin (39), früher Strategiechefin eines Schweizer Medienhauses. Während der Corona-Pandemie war ihr Job anstrengend und herausfordernd, gleichzeitig hatte sie ein Kleinkind zu Hause, das zwei Jahre lang keine einzige Nacht durchschlief. Irgendwann zog ihr Körper die Notbremse. Sie hatte Panikattacken, konnte nicht mehr schlafen, von den chronischen Rücken- und Schulterschmerzen ganz zu schweigen.

Im Jahr 2022 wurde bei ihr ein Burnout diagnostiziert. Panknin schämte sich für ihr vermeintliches Scheitern.„Diese Scham loszulassen hat etwas gedauert. Es hat mir aber geholfen, das Ganze in etwas Positives zu verwandeln.“ Denn obwohl der Burnout für Panknin die schwierigste Zeit ihres Lebens war, ist sie heute dankbar für die Erkrankung.

DAS IST DIE DRITTE BLOCKADE, die Menschen in Krisen überwinden können. Sie können lernen, das Gute in der Katastrophe zu erkennen. „Der Burnout hat mir die Möglichkeit gegeben, endlich bewusst zu entscheiden, wie ich leben und für was ich meine Energie einsetzen möchte“, sagt Panknin. Psychologin Stahl spricht von Sinnsuche. „Was Schicksalsschläge meist schwer erträglich macht, ist das Gefühl der völligen Sinnlosigkeit“, sagt Stahl. „Wenn man aber versucht, der Krise einen Sinn zu geben, kommt man aus diesem Ohnmachtsgefühl heraus.“

Auch Gina Rühl fragte sich nach ihrem Unfall wieder und wieder: Warum ausgerechnet ich? Irgendwann aber machte es Klick und sie erkannte: „Alles passiert aus irgendeinem Grund. Dieser Gedanke ist beruhigend. Heute habe ich vor nichts mehr Angst“, sagt Rühl. „Eine Krise als Chance zu sehen klingt zwar furchtbar abgedroschen, tatsächlich ist aber etwas dran“, sagt Stefanie Stahl. „Vielleicht gibt es in der Situation irgendwo einen Punkt, an dem man anpacken und den eigenen Handlungsspielraum zurückgewinnen kann“, sagt die Psychologin.

DEN NEUANFANG gemeinsam mit anderen zu gestalten und nicht mit sich allein auszumachen, das ist der vierte Schritt zurück ins Leben. Wer in den Selbsthilfegruppen von Kliniken, Kommunen oder Wohlfahrtsverbänden nicht fündig wird oder wen der Austausch sogar emotional herunterzieht – das ist laut Stahl manchmal bei schweren Krankheiten der Fall –, die oder der findet heute Leidensgenoss:innen im Internet. Trosthelden.de etwa vermittelt passende Trauerfreundschaften für mehr Austausch und Verständnis. Gina Rühl hatte lange nach jemandem mit einem ähnlich speziellen Amputationsfall gesucht, aber ohne Erfolg. Also fing sie an, ihre Geschichte auf Instagram zu erzählen.

Auch Julia Panknin machte sich Social Media zunutze. „Aus einem Impuls heraus habe ich einen Linkedin-Post über meine Situation geschrieben und damit in ein Wespennest gestochen“, erzählt Panknin. Hunderte Frauen reagierten und berichteten von ihren Erfahrungen. „Wir hatten offensichtlich alle ein großes Bedürfnis, endlich offen über das Thema Burnout bei Müttern zu sprechen.“ Panknin, die da bereits entschieden hatte, nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren, gründete die Plattform Mamibrennt.com, auf der sich berufstätige Mütter nun austauschen und Webinare zu Themen wie Stress und Burnout-Prävention buchen können.

AM ENDE FAND Gina Rühl zwar auch auf Social Media niemanden mit einer ähnlichen Amputation wie ihrer. „Aber ich habe gemerkt, dass es mir guttut, über mein Leben und die Alltagsprobleme zu sprechen“, sagt sie. „Gleichzeitig sehe ich durch die vielen positiven Nachrichten, dass mein Content anderen hilft, sich nicht allein zu fühlen.“ Auf ihrem Kanal teilt sie jetzt, wie ihr künstlicher Arm funktioniert, wie sie einarmig Schuhe bindet, Flaschen öffnet oder Hatern mit ihrer Prothese den Stinkefinger zeigt. Mittlerweile hat die 26-Jährige mehr als 750.000 Follower und lebt von ihren Einkünften als Influencerin. Gina Rühl ist sich sicher: „Ohne meinen Unfall wäre das wahrscheinlich alles nicht passiert.“